«Wir sind ein bedrohtes Land»

«Wir sind ein bedrohtes Land»

Fragmentarische Eindrücke einer Iran-Reise

ev. Wieder einmal werden unverfroren Kriegsplanungen erwogen – diesmal gegen Iran: ein Volk mit einer reichen, alten Kultur, mit eindrücklicher Tradition und Geschichte, das – im Unterschied zu allen westlichen Kolonialmächten und heutigen Wortführern von «Demokratie» und «Freiheit» – noch keinen Angriffskrieg geführt hat. Und die Menschen sind sich ihrer Kultur durchaus bewusst, sie wird gepflegt und geschätzt. Wer zum Beispiel in der Rosenstadt Shiraz das Mausoleum des hochgeachteten persischen Dichters Hafez (14. Jh., bekannt durch den schon von Goethe hochgeschätzten «West-östlichen Diwan») besucht, trifft dort auf unzählige – und vor allem junge – Menschen, selbst ganze Kindergartenklassen werden bereits mit dem Kulturgut vertraut gemacht. Der Teppichhändler, der am Tag unseres Besuches in Isfahan gerade die Ankunft seiner Freundin aus der Schweiz erwartet, weist im Gespräch über die beiden Länder mit spürbarem Stolz auf die 6000jährige Geschichte seines Landes hin.
Sehr gepflegt wird ganz offensichtlich auch der familiäre Zusammenhalt – immer wieder und überall trifft man auf Familien, die gemeinsame Ausflüge unternehmen, überall – nicht nur in den Anlagen der Moscheen von Isfahan – gemeinsam picknicken und stets im Gespräch miteinander sind – genauso wie die zahlreichen Gruppen von jungen Leuten, denen man häufig begegnet.
Auffallend auch die grosse Offenheit – überall kommt man ohne weiteres ins Gespräch, oft geht die Initiative auch von den jungen Iranerinnen oder Iranern selber aus. Ebenso fällt auf, dass unter der akademischen Jugend ein grosser Teil Frauen sind – tatsächlich stellen die Frauen 60% der Universitätsabsolventen, wie uns der damalige Schweizer Botschafter in Teheran bestätigte. Stets trifft man auf Gruppen von jungen Frauen und Männern, die sich selbstverständlich, freundschaftlich und ernsthaft ihren Aufgaben widmen oder sich unterhalten. Einige vertreten ihre religiöse Auffassung überzeugt, aber äusserst freundlich und unbefangen gegenüber den westlichen Touristen – in Iran können jüdische, christliche und andere Religionsgemeinschaften ihren Glauben ungehindert leben.
Andere Gesprächspartner sind wohl regimekritisch, aber sehr differenziert. Bei aller Kritik sind sie Iraner und sind sich trotz unterschiedlicher Auffassungen in einem einig: Iran, ihr Volk, hat genau die gleichen Rechte wie alle anderen Länder auch. Sie wollen keine Bomben, sie sind ein friedliches Volk – aber in der Atomfrage haben sie genauso Anspruch auf Nutzung der Kernenergie wie der Rest der Welt auch. In diesem Punkt waren auch die Kritiker der Regierung mit deren ­Politik einig.
Die von westlichen Medien fleissig kolportierte Vorstellung, alle jungen Iraner hätten kein grösseres Ziel, als den westlichen Lebensstil zu übernehmen, wird von den jungen Leuten ebenfalls Lügen gestraft. Wohl sind sie – wie alle jungen Leute rund um den Globus – mit Handy und Internet wohl vertraut. Der Student, den wir mit einem Militärangehörigen beim Mausoleum von Hafez antreffen, weist uns Besucher spontan auf die traditionelle iranische Musik hin, die er liebe und seinen Gesprächspartnern begeistert empfiehlt. Die Menschen sind ihrer Kultur, ihrer Geschichte, ihrem Land verbunden – und auch diejenigen, die sich kritisch über die Regierung äussern, haben den Amerikanern nicht vergessen, dass sie es waren, die schon einmal Regime-Change gegen einen demokratisch gewählten Premierminister, damals ­Mohammad Mossadegh, betrieben hatten, um ihre nackten Interessen durchzusetzen.
So fasste denn auch ein Student seine Stellungnahme in den Worten zusammen: «Wir sind ein bedrohtes Land. Wir greifen niemanden an; wir werden angegriffen und wollen uns verteidigen.»

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