«2013 wird ein schwaches Jahr»

«2013 wird ein schwaches Jahr»

Es sei klug, dass die Schweiz der Währungsunion nicht beigetreten ist, sagt Starökonom Joseph Stiglitz. Die Eurokrise sei noch lange nicht ausgestanden

Interview Renske Heddema, Davos, wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Es ist Mittwoch, und Joseph Stiglitz (69) hat einen Jetlag. Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften 2001 ist gerade aus New York angereist, wo er an der Columbia University lehrt. Eigentlich sollte Joseph Stiglitz im Bus nach Davos noch ein wenig schlafen. Aber kaum fährt der Car los, beginnt Stiglitz eine eifrige Diskussion mit Thomas Friedman, dem Kolumnisten der «New York Times», der hinter ihm sitzt. Friedman zählt genau wie Stiglitz zum sogenannten harten Kern des Weltwirtschaftsforums WEF in Davos. Während der Bus verschlafene Dörfer mit schneebedeckten Dächern passiert, dreht sich das Gespräch um Inflation, Zinssätze und die grosse Rezession. Mit der Grossen Rezession bezeichnen Ökonomen in Anlehnung an die Grosse Depression in den Dreissigerjahren das jetzige Zeitalter. Die Morgensonne scheint in den Bus, an Schlafen ist nicht mehr zu denken. Joseph Stiglitz ist bereit für ein Interview.

Renske Heddema: Herr Stiglitz, wie schätzen Sie die derzeitige Stimmung der euro­päischen Minister und Regierungschefs ein?

Joseph Stiglitz: Ich hoffe, dass Sie mit Ihrem Optimismus recht behalten werden. Denn man muss eines sehen: Die fundamentalen Probleme der Euro-Zone sind ganz klar noch nicht gelöst. Man kann nationale Finanz­systeme nicht am Leben erhalten, wenn sie am Tropf der Europäischen Zentralbank hängen bleiben.

Der Euro-Kurs ist aber in den vergangenen Tagen sprunghaft angestiegen.

Das könnte genausogut ein Zeichen für einen bevorstehenden Zusammenbruch der Währung sein, wie dass es auf Vertrauen in das gesamte System hinweist. Die Krise deckte einen grundlegenden Fehler im Prinzip dieser zentralen Währung auf: Es gibt keine zentrale Bankunion. Geld und Menschen können sich in der Euro-Zone frei bewegen. Es gibt kein gemeinsames Leihsystem, keine gemeinsame Kreditvergabe oder Versicherung. Im besten Fall können die Leiter der Euro-Zone die Fehler in ein oder zwei Jahren beheben. Sie sollen aber zugeben, dass die Einführung des Euros zu schnell gekommen ist, und an einem wirklich neuen, gemeinsamen Bankensystem arbeiten.

Wie soll man das erreichen?

Die südlichen Länder sollten nicht separat behandelt werden. Eine Form von Schuldenerlass ist unvermeidlich. Die Euro-Zone ist so konzipiert, dass sie die Effizienz erhöht. Aber derzeit geschieht genau das Gegenteil. Nehmen wir das Beispiel eines jungen Irländers: Er kann sich entscheiden, ob er in seinem Land leben will, das durch die schlechte ­Politik der EU, die massenhaft Steuergelder in die Banken gepumpt hat, hochverschuldet ist. Oder er kann in ein anderes Land ziehen, das keine Schulden angesammelt hat. In anderen Worten, man entzieht Arbeitsproduktivität und Geld, wo es am meisten benötigt wird, und fördert auf diese Weise eine ineffiziente Verteilung der Finanzen. Ganz zu schweigen vom störenden Einfluss von Steuer­oasen in der Euro-Zone, wie beispielsweise Luxemburg.

Die Antwort der Euro-Zone ist bis jetzt eine extrem strenge Haushaltsdisziplin gewesen. Sie haben das einen suizidalen Pakt genannt. Wieso?

Diese exzessive Austeritätspolitik ist eine Falle, es ist keine Strategie, die zu Wachstum führt. Für die südlichen Länder gibt es keinen Ausweg, sie können ihre Schulden nie begleichen. Es sollte deshalb ein zentrales Kreditsystem ins Leben gerufen werden. Eurobonds wären eine gute Lösung.

In den Staaten im Norden Europas ist zunehmender Unmut festzustellen. Es gibt zahlreiche Leute, die kein Verständnis dafür haben, dass die EU den Krisenstaaten im Süden so stark hilft. Verstehen Sie das?

Ich kann sehr gut verstehen, dass die Leute sagen: Dieses Europa wird nicht funktionieren. Aber wenn die EU eine richtige Union sein will, so gibt es keinen anderen Weg. In den Vereinigten Staaten schreiben die Staaten im Süden auch kontinuierlich negative Haushaltsabschlüsse. Wir subventionieren sie in der Hoffnung, dass dies eines Tages nicht mehr der Fall sein muss. Aber natürlich kann die EU auch einen Schritt zurück machen. Dann wird es ein Freihandelsabkommen wie jenes zwischen den USA und Kanada. Die Euro-Zone ist ein halb fertiggebautes Haus: Man sollte es entweder fertigstellen oder abbrechen.

Ist es klug, dass die Schweiz nicht der EU beigetreten ist?

Sicher war es klug, nicht der Währungsunion beizutreten. Denn diese war von Anfang an fehlerhaft. Was die Personenfreizügigkeit oder den Handel anbelangt, befindet sich die Schweiz mit den bilateralen Verträgen in einer ähnlichen Situation wie die Staaten der EU, und das ist auch gut so.

Was halten Sie vom Steuerwettbewerb, mit dem die Kantone versuchen, Firmen aus der EU anzulocken?

Ich halte das für einen falschen Anreiz. Wenn die Kantone Firmen steuerlich begünstigen wollen, dann hat dies zur Folge, dass die Lasten für die privaten Steuerzahler höher werden. Den Kantonen steht weniger Geld für Investitionen zur Verfügung, was wiederum zur Folge hat, dass weniger Geld für Wachstum vorhanden ist und somit eine Ungleichheit entsteht.

Themenwechsel: Was ist Ihre Prognose für das Jahr 2013 für die EU?

Bei der jetzigen, nicht funktionierenden ­Finanzpolitik wird 2013 ein weiteres schwaches Jahr werden. Spanien befindet sich wie Griechenland in der Rezession. Nicht nur in diesen Staaten, überall in Europa werden die Wähler genug bekommen von der Sparpolitik ihrer Regierungen. Darauf werden die ­Finanzmärkte dann wieder negativ reagieren. Die Euro-Krise kann jeden Moment wieder ausbrechen.

Gibt es eine Chance, dass der Euro als Währung zusammenbricht?

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Euro-Zone in ihrer heutigen Form in etwa fünf Jahren noch existiert. Es entsteht entweder ein kleinerer Kern von Ländern mit einer stärkeren Währung, oder aber das ganze Bankensystem wird an die politische und wirtschaftliche Einheit, die die EU schon ist, angepasst. Glücklicherweise sehen die meisten Europäer das auch so und sind dran, die Fehler in diesem Patchwork zu korrigieren. Meine grösste Sorge ist nur, ob die Korrekturen auch schnell genug kommen.

Sie haben die erste Amtszeit von Präsident Obama oft kritisiert. In welchem Lichte sehen Sie Obamas zweite Amtsperiode?

Obama scheint langfristige Probleme wie die Einwanderung und die Waffengesetzgebung besser anzugehen. Und es ist vor allem eine Verbesserung, dass wir einen Finanzminister bekommen, der nicht wie Timothy Geithner eine Marionette der Wall Street ist. Die USA sollten sich jetzt ernsthaft um die Umstrukturierung ihrer Wirtschaft kümmern; das heisst neue Ausbildungsplätze für neue Sektoren schaffen. Der Klimawandel eröffnet ein ganz neues Beschäftigungsfeld, darauf sollte Obama sich konzentrieren. Ich weiss aber nicht, ob der Präsident den politischen Raum für die öffentlichen Investitionen, die dafür nötig sind, erhält. Die Republikaner scheinen den zwecklosen und unproduktiven Kampf ums Haushaltsdefizit zu bevorzugen.    •

Quelle: Zentralschweiz am Sonntag vom 27.1.2013  

Zur Person: Nobelpreisträger Joseph Stiglitz (1943) ist einer der meistzitierten Makroökonomen der Welt. Er war Chefökonom bei der Weltbank, zählte zu den Beratern der US-Präsidenten Bill Clinton und Barack Obama und schrieb Dutzende von Berichten für Regierungen und Organisationen. Stiglitz übt immer wieder scharfe Kritik am Verlauf der Globalisierung und der Gestaltung der Euro-Zone. In seinem letzten Buch, «Der Preis der Ungleichheit» (2012), kritisiert er die Rolle des Bankensektors, der in seinen Augen die amerikanische Gesellschaft untergräbt. Stiglitz gehört gemäss «Time-Magazine» zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt.

«Die Zentralbank hatte das Staats­anleihenprogramm 2010 ins Leben gerufen, als die Renditen der Staatsanleihen jener Länder, die von der Schuldenkrise besonders hart betroffen waren, immer mehr in die Höhe kletterten.»

Quelle: Neue Zürcher Zeitung vom 22.2.2013

«Dass das Euro-System mit dem Programm und ganz besonders mit den Griechenland-Bonds satte Gewinne gemacht hat, steht seit Donnerstag fest. Die EZB gab bekannt, sie allein habe im vergangenen Jahr mit griechischen Titeln gut eine halbe Milliarde Euro Gewinn gemacht – mit dem gesamten Staatsanleihenprogramm entstand ihr ein Plus von über einer Milliarde Euro.»

Quelle: Neue Zürcher Zeitung vom 22.2.2013

«… – dürfte sich der Gewinn für das gesamte Euro-System auf mehrere Milliarden Euro belaufen.»

Quelle: Neue Zürcher Zeitung vom 22.2.2013

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