«Es ist besser, man hält sich an Thaten als an Worte»

«Es ist besser, man hält sich an Thaten als an Worte»

Ein Besuch im Schulze-Delitzsch-Haus bei Leipzig

von Klaudia und Dr. Tankred Schaer

Einige Kilometer nördlich von Leipzig liegt die Stadt Delitzsch. Dort werden wir vom Vorstandsvorsitzenden der Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft, Verbandspräsident a. D. Dietmar Berger, und dem Kurator Dr. Enrico Hochmuth empfangen. Wir treffen uns im Schulze-Delitzsch-Haus, einem Museum zu Ehren von Hermann Schulze-­Delitzsch. Hier in der Kreuzgasse 10 gründete Hermann Schulze-Delitzsch 1849 die Schuhmacher-Assoziation – eine der ersten Genossenschaften Deutschlands. Es ist damit eine Geburtsstätte des deutschen Genossenschaftswesens.

Als wir das Museum betreten, bleibt unser Blick an farbigen Würfeln hängen, auf denen Namen und Logos von heute existierenden Genossenschaften abgebildet sind. Uns fällt sofort der Winzerverein Hagnau eG ins Auge, der ganz in der Nähe unseres Wohnortes am Bodensee liegt und ausgezeichnete Weine herstellt. Wir finden auch das Zeichen der Volksbank Delitzsch, einer Genossenschaftsbank, die aus der ältesten Kreditgenossenschaft Deutschlands hervorging. Das Museum möchte damit den Besuchern deutlichmachen, dass die Genossenschaftsidee heute noch lebendig ist – schliesslich gibt es in Deutschland rund 21 Millionen Menschen, die Mitglied in einer Genossenschaft sind.
Hermann Schulze-Delitzsch hatte schon zu Lebzeiten eine grosse Bedeutung und deutschlandweite Ausstrahlung mit seinen Ideen zum Aufbau von Genossenschaften. Will man den Politiker und Juristen würdigen, ist ein Blick auf die Lebensumstände des 19. Jahrhunderts hilfreich. Schulze-Delitzsch wurde im Jahr 1808 geboren, in einer Zeit also, in der tiefgreifende Umwälzungen in Wirtschaft und Politik bevorstanden. Vater und Grossvater waren Richter gewesen, und auch Hermann Schulze begann nach seinem Schulbesuch im angesehenen Nikolai-Gymnasium ein Jurastudium. Wie sein Vater wurde er Patrimonialrichter. Diese Richter werden nicht von Amts wegen, sondern durch den Gutsherren eingesetzt. Sie waren aber dann in der Ausübung ihres Amtes weitgehend unabhängig. 1848 wurde in Preussen das Amt des Patrimonialrichters abgeschafft. Wichtig ist: Als Richter, der in erster Instanz sowohl in Zivil- als auch in Strafprozessen verantwortlich war, gewann Schulze Einblick in die Lebenssituation der Bevölkerung in Delitzsch. Die Erfahrungen, die er in diesen Jahren machte, legten den Grundstein für seine späteren gesellschaftspolitischen Aktivitäten.

Die Notwendigkeit sozialer und politischer Reformen

Im Schulze-Delitzsch-Haus hat man die Geschichte Schulze-Delitzschs liebevoll in verschiedenen Räumen dargestellt. Man wird chronologisch anhand einer Zeitachse, die im oberen Deckenbereich in schöner Handschrift notiert ist, durch die Räume geleitet. Auch die politischen Hintergründe der damaligen Zeit werden beleuchtet. In den verschiedenen Räumen kann man Dokumente, Bilder und Zitate lesen. Je länger man dort verweilt, um so deutlicher werden die sozialen und ­politischen Rahmenbedingungen der Genossenschaftsgründungen.
Im Vormärz lagen revolutionäre Ideen in der Luft und wurden im Bildungsbürgertum diskutiert. Die Notwendigkeit sozialer und politischer Reformen war mit den Händen greifbar. Die Gesellschaft vibrierte geradezu in Erwartung von Veränderungen. Gleichzeitig waren die konservativen Kräfte in Deutschland darauf bedacht, den neuen liberalen, nationalen und sozialen Bewegungen nicht zu viel Raum zu geben.
Versetzt man sich in die damalige Zeit zurück, so müssen wir uns eine Bevölkerung in grosser Not vorstellen. Im Jahre 1844 findet in Schlesien der von Gerhart Hauptmann literarisch verarbeitete Aufstand der Weber statt. Der Winter 1846/47 wird als «Hungerwinter» bezeichnet. Schulze-Delitzsch muss miterleben, wie in seinem Wohnort selbst hochqualifizierte Handwerker verarmen, weil sie der Konkurrenz aus der Industrie nicht gewachsen sind. Schulze-Delitzsch gründet unverzüglich ein Hilfskomitee zur Unterstützung der Hungernden. Er sammelt Geld, von dem Brot gekauft und an die notleidende Bevölkerung verteilt wird. Das führt dazu, dass in Delitzsch keine Revolte ausbricht. Die Magazine und Läden werden nicht geplündert, es muss kein Militär eingesetzt werden, um die Ordnung wiederherzustellen.
Seine Hilfeleistung war zunächst lediglich eine Minderung der ärgsten Not – es war eine rein wohltätige Aktion. Wenn man in das Museum kommt, sind Getreidesäcke ausgestellt, es wird gezeigt, wie man Brot backte, das dann den Hungernden gegeben wurde. Schulze reichte das aber nicht aus. Er wollte, dass die Menschen eigenständig ihre Geschicke in die Hand nahmen. Er wollte, dass sich Assoziationen von Menschen bildeten, die selbständig in der Lage waren, sich zu helfen.

Gründungen von Genossenschaften

Durch die zunehmende Industrialisierung konnten sich in Delitzsch und anderen Orten ganze Berufszweige nicht mehr halten, zum Beispiel Leineweber, Beutler, Loh- und Weissgerber, da ihre Betriebe zu klein waren. Für Schulze-Delitzsch war es nun sehr wichtig, in Not geratene mittelständische Betriebe zu stärken, die Bildung zu fördern und die Menschen an politischen Prozessen zu beteiligen – politische Verantwortung zu übernehmen. Interessant in diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass unter der Leitung von Schulze-Delitzsch 1846 die «Liedertafel für Männergesang» gegründet wurde und dass er Mitbegründer des Turnvereins der Stadt im Jahr 1845 war. 1848 hatte sich schon die erste Sparkasse in Delitzsch gegründet und 1850 im Nachbarort Eilenburg die erste Konsumgenossenschaft.
1849 gründete Schulze-Delitzsch die ersten beiden Einkaufsgenossenschaften für Tischler und Schuhmacher. Auch die Gründung der Kranken- und Sterbekasse erfolgte durch Schulze-Delitzsch im Jahr 1849. Schon im März 1850 gründete Schulze-Delitzsch dann den ersten Vorschussverein, eine Darlehenskasse, die den kleinen Gewerbetreibenden Kreditmöglichkeiten eröffnete. Aus diesen Vorschussvereinen ging dann die bis heute erfolgreich arbeitende Volksbank hervor.
Der Gedanke der Genossenschaftsbildung lag damals in der Luft. Natürlich war Schulze nicht der Erfinder der genossenschaftlichen Idee an sich – dass man sich gegenseitig half, auch in genossenschaftlichen Zusammenschlüssen, das gab es auch schon früher. Es war das Verdienst von Schulze-Delitzsch, dass er seine Reformvorstellungen in ein Gesetz goss, dass er ein Muster schuf, das sich dann in Windeseile in ganz Deutschland ausbreitete. Schulze-Delitzsch reiste in alle Teile des Landes, nahm teil an Gründungen von Genossenschaften und erwirkte schon 1859 die verbandsmässige Organisation der Genossenschaften mit dem Namen «Deutscher Nationalverein». Sehr schnell gab er eine Zeitung heraus, die Anleitung gab zur Gründung von Genossenschaften und Interessierten wertvolle Aufklärung ermöglichte.

Eigenverantwortliche Selbsthilfe im Mittelpunkt

Auch ohne Internet breitete sich die Idee von Schulze nach 1857 rasch in ganz Deutschland aus. Schon 1858 wurden beispielsweise die ersten gewerblichen Kreditgenossenschaften in Baden gegründet. Es ist äusserst interessant zu beobachten, dass die Idee der Kreditgenossenschaft überall von einzelnen Persönlichkeiten aufgenommen wurde. Es fanden dann gut besuchte Gründungsversammlungen statt, und innerhalb kurzer Zeit konnte mit der Arbeit begonnen werden. So ging die Gründung der ersten badischen Kredit-Genossenschaft auf den Fabrikanten und Kunsthändler Georg Friedrich Holtzmann zurück. Im November 1857 fanden sich 90 Personen zur Bildung eines vorbereitenden Komitees zusammen. Schon drei Monate später konnte sich der «Vorschuss­verein Carlsruhe» förmlich konstituieren. Der erste Bankschalter befand sich in der Gemischtwarenhandlung des zum Kassierer gewählten Kaufmanns Friedrich Herlan. Die eigentliche Tätigkeit konnte beginnen, nachdem ein Glasermeister 1000 Gulden der Genossenschaft übergeben und ein Schuhmacher einen Kredit beantragt hatte.
Der Grundsatz der eigenverantwortlichen Selbsthilfe stand für Schulze-Delitzsch im Mittelpunkt. Die Genossenschaften sollten nach den Prinzipien Selbstverwaltung, Selbsthilfe und Selbstverantwortung aufgebaut werden – staatliche Unterstützung lehnte Schulze-Delitzsch ab, weil er befürchtete, dass die Genossenschaft dann leicht in die Abhängigkeit vom Staat geraten könnte. Das dynamische Prinzip des Wettbewerbs, die Marktwirtschaft, war für ihn die Voraussetzung wirtschaftlichen Handelns. Die Genossenschaften sollten eine Unternehmensform neben anderen sein. Die spätere Forderung des Sozialisten Lassalle, dem Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, nach staatseigenen Betrieben stand Schulze-Delitzsch ablehnend gegenüber. Im Museum wird die scharfe Auseinandersetzung zwischen den beiden Zeitgenossen deutlich herausgearbeitet.
Als liberaler Politiker war Schulze-Delitzsch ein entschiedener Verfechter der demokratischen Rechte des Volkes und der Volksvertreter. Gleichzeitig trat er für die nationale Einigung Deutschlands ein. Er war ausserdem überzeugt, dass eine freie demokratische Gesellschaft und eine eigenverantwortliche freie Wirtschaftsordnung sich gegenseitig bedingen.

Genossenschaften fördern das demokratische Bewusstsein

Diese Haltung brachte Schulze-Delitzsch die Gegnerschaft der sich langsam entwickelnden sozialdemokratischen und sozialistischen Bewegung ein. Deren Vertreter warfen ihm vor, dass er die eigentliche Arbeiterfrage überhaupt nicht erkannt habe. Genossenschaften nach Schulzes Muster nützten nur dem gewerblichen Mittelstand, nicht aber der Arbeiterschaft. Ferdinand Lassalle, sozialpolitischer Gegenspieler und Mitbegründer der ersten Arbeiterpartei Deutschlands, forderte die Errichtung von Produktiv-Genossenschaften, die dann aber nicht auf Basis der Selbsthilfe, sondern mit staatlicher Unterstützung und Kontrolle betrieben werden sollten. So scherte in Preussen die Arbeiterschaft im Jahre 1863 aus der bürgerlich-demokratischen Bewegung aus und wendete sich gegen das sozialpolitische Konzept der Fortschrittspartei von Schulze-Delitzsch.
Andererseits stand Schulze-Delitzsch mit diesen Ideen auch in Opposition zur ­Position des damaligen Reichskanzlers Bismarck. Ihm waren die Genossenschaften ein Dorn im Auge, weil sie demokratisch organisiert waren und bewiesen, dass sich die Bürger ohne Staat selbst helfen können. Genossenschaften förderten das demokratische Bewusstsein der Bürger. Bismarck passte es nicht, dass die Genossenschaften auch wirtschaftlich immer mehr an Einfluss gewannen.
Schulze-Delitzschs Genossenschaftsidee war Teil seiner Gesamtauffassung von einer freien Gesellschaftsordnung, in der die sozial Schwächeren durch organisierte Selbsthilfe im Wettbewerb bestehen konnten. Staatlich unterstützte Genossenschaften lehnte er ab, da er eine politische Abhängigkeit vom Staat und der jeweils regierenden politischen Partei befürchtete. Bei Schulze-Delitzsch blieben die Genossenschaftler selbständig und eigenverantwortlich.     •

Die Rettung des Schulze-Delitzsch-Hauses zur Wende

ks./ts. Zur Wende war das Schulze-Delitzsch-Haus sehr baufällig. Es sollte abgerissen werden. Dass es heute noch steht, verdanken wir engagierten Delitzscher Bürgern, die für eine Sanierung plädierten. Der Deutsche Genossenschafts- und Raiff­eisenverband und der Freistaat Sachsen haben damals Geld bereitgestellt, so dass das Haus saniert werden konnte. Im Oktober 1992 wurde das Museum eröffnet und bis 1997 von der Stadt betrieben. Plötzlich sollte Geld eingespart werden, und das Museum stand vor dem Aus. Massgeblich durch Dietmar Berger ist es dann gelungen, den Förderverein Hermann Schulze-Delitzsch und Gedenkstätte des deutschen Genossenschaftswesens e. V. (heute Schulze-Delitzsch-Gesellschaft) zu initiieren, damals gegen den Widerstand Bonner Verbände. Es wurden mit grossem Einsatz Genossenschaften und Bürger in Deutschland und Österreich angesprochen, die durch Mitgliedsbeiträge und Spenden den Museumsbetrieb finanzieren. So konnte 1998 das Museum nahtlos weitergeführt werden. Auch heute würde sich die Schulze-Delitzsch-Gesellschaft über neue Fördermitglieder freuen.
Seit 1998 hat das Museum – das einzige Schulze-Delitzsch-Haus in Europa – seine Arbeit vielfältig erweitert. Die Aufgabe des Vereins ist es, Schülern, Lehrlingen, allen Interessierten, Wissenschaftlern und Genossenschaftern über den Genossenschaftspionier Dr. Hermann Schulze-Delitzsch zu informieren.
Es wurde eine Schriftenreihe herausgebracht, die sich mit Schulze-Delitzsch, aber auch mit wichtigen Genossenschaftsgründungen von Friedrich-Wilhelm Raiffeisen beschäftigt sowie mit den Grundlagen des Genossenschaftswesens. Jährlich am 29. August findet das Museumsgespräch statt und seit 1993 im November das Delitzscher Gespräch mit Politik, Wirtschaft, Verbänden und Genossenschaften. Auch eine kleine Spezialbibliothek konnte beständig wachsen. Zum 200. Geburtstag von Schulze-Delitzsch initiierte der Förderverein eine Sonderbriefmarke und gab eine hochwertige Festschrift heraus. Nach diesen Erfolgen flossen wieder Fördermittel, und das Museum konnte neugestaltet werden. Aus der «Gedenkstätte des deutschen Genossenschaftswesens» wurde das «Deutsche Genossenschaftsmuseum». Mit dieser Namensnennung wird auch die thematische Öffnung des Museums zu allen genossenschaftlichen Fragen hin deutlich.
Seit 2011 kann das Museum zwei Kuratoren beschäftigen, Dr. Enrico Hochmuth und Susanne Blandau, was vielfältige Aktivitäten ermöglicht.

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