Das Schweizerische Rote Kreuz in Kirgistan: Gesundheitsentwicklung im Dorf gelingt

Das Schweizerische Rote Kreuz in Kirgistan: Gesundheitsentwicklung im Dorf gelingt

Vorgängig in einem speziellen Training nicht dominantes Verhalten reflektiert

von Gabriela Neuhaus

zf. Gleichwertig zuhören und entgegennehmen will gelernt sein. Wenn sogar das Schweizer Rot-Kreuz-Team mit Tobias Schüth vor Inangriffnahme der dörflichen Gesundheitsentwicklung in Kirgistan grossen Gewinn aus einem solchen Nachdenken gezogen hat, dann müssten auch Entwicklungshelfer anderer Länder das beachten. Die Schweizer sind immerhin aus der eigenen Gemeinde zu Hause ein gleichwertiges Begegnen schon gewohnt. Die Kirgisen greifen das gerne auf.

Egal ob Lehrerin, Schreiner oder Hausfrau – Tausende von Bürgerinnen und Bürgern in Kirgistan engagieren sich im Rahmen von Freiwilligenarbeit für die Verbesserung von Gesundheit und Wohlergehen in ihren Dörfern. Die Mitglieder der lokalen Gesundheitskomitees haben dabei, als Partner des professionellen Gesundheitspersonals, eine tragende Rolle auf dem Land: Sie klären die aktuellen Bedürfnisse ab, machen Hausbesuche, organisieren Informationsveranstaltungen, initiieren Gemüsegärten oder Kampagnen gegen den Alkoholismus.
Zehn Jahre nach der Gründung der ersten Gesundheitskomitees im Rahmen des Community Action for Health Projekts (CAH), haben die Freiwilligenorganisationen schon viel zur Gesundheitsförderung auf dem Land beigetragen. Zum Beispiel, indem sie regelmässig Blutdruckkontrollen anbieten oder dafür sorgen, dass marode Wasserleitungen instandgesetzt werden. Eine besonders erfolgreiche Kampagne, die auch international für Aufsehen gesorgt hat, war die Abgabe von Salz-Kontrollsets an die Dorfläden.
Seit die Händler und sogar die Kunden mit einer einfachen Methode prüfen können, ob im Salz auch drin ist, was auf der Verpackung steht, geht in Kirgistan kaum mehr unjodiertes Salz über den Ladentisch. Als Folge davon sind die noch in den 1990er Jahren häufigen Kropferkrankungen stark zurückgegangen.
Für Tobias Schüth, der das CAH-Projekt im Auftrag des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) entwickelt und aufgebaut hat, ist der bisher wichtigste Erfolg jedoch, dass sich die Haltung der Menschen verändert hat: «Sie haben begriffen, dass die Verantwortung für ihr Wohlergehen nicht beim Gesundheitsministerium liegt, sondern dass sie sie selber tragen.»

Investitionen in Infrastruktur

Der Aufbau einer Basis-Gesundheitsversorgung war zwar von Anfang an im kirgisischen Gesundheits-Reformprogramm vorgesehen. In einer ersten Phase hatte aber die dringend notwendige Instandstellung der Spitäler für die Regierung oberste Priorität. So beschränkte sich die Deza, die sich seit 1999 für die Umsetzung der Gesundheitsreform im Oblast Narin engagiert, im ersten Jahr auf Spitalrenovierungen und -restrukturierungen, die eine Senkung der Betriebskosten zum Ziel hatten. Das mit der Ausführung beauftragte SRK drängte jedoch schnell darauf, auch die Gesundheitsförderung in den Dörfern voranzutreiben. Beim kirgisischen Gesundheitsministerium stiess dieses Ansinnen vorerst auf Skepsis. Erst als die Deza versicherte, dass die Spitalrenovationen trotzdem im bisherigen Rahmen weitergeführt würden, erhielten Tobias Schüth und sein Team grünes Licht für die Arbeit in den Dörfern.
Mit der Respektierung des Anliegens, die Erneuerung der Spitäler weiterzuführen, habe die Deza bei den kirgisischen Partnern Vertrauen geschaffen und damit dem neuen Projekt zahlreiche Türen geöffnet, sagt Schüth.

Bedürfnisse der direkt Betroffenen als Leitfaden

Mit dem Engagement auf dem Land wagte man Neues: Basierend auf der Überzeugung, dass die Gesundheit der Bevölkerung nur in Zusammenarbeit mit den direkt Betroffenen verbessert werden kann, wurde die Dorfbevölkerung dazu eingeladen, ihre Anliegen den lokalen Ärzten und dem Pflegepersonal  zu unterbreiten. «Die Ärzte und Krankenschwestern leben ja in den Dörfern – aber es war das erste Mal, dass sie rausgegangen sind und die Leute befragt haben, anstatt ihnen zu predigen, was sie tun sollen», sagt Tobias Schüth. Diese Begegnung auf einer ganz anderen Ebene sei wichtig gewesen, für alles weitere. Die Leute bedankten sich nach den Treffen bei den Ärzten dafür, dass sie ihnen zugehört hatten. Und das Gesundheitspersonal zeigte sich beeindruckt, wie viel die Leute bereits über das Thema wussten. Voraussetzung für das Gelingen solcher Begegnungen, betont Tobias Schüth, sei das respektvolle Verhalten sowohl der Ärzte, der Pflegenden als auch der Projektmitarbeiter gegenüber den Leuten im Dorf: «Das haben wir vorgängig in einem speziellen Training zu nicht dominantem Verhalten intensiv geübt. Denn oft funktioniert Partnerschaft nicht, weil keiner in solche Reflexionen investiert. Das ist aber ebenso wichtig, wie über Anämie (Blutarmut) oder Blutdruck zu lernen.»

Flexibilität des Gebers als Voraussetzung

Die Treffen in den Dörfern gaben einerseits den Anstoss für die Bildung der Gesundheitskomitees, andererseits hatten die Projektverantwortlichen nun Informationen aus erster  Hand über die drängendsten Gesundheitsprobleme auf dem Land. Davon ausgehend entwickelten sie in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten eine breite Palette von Aktionen und Projekten. Möglich war dies, weil die Deza auf einengende Budgetleitlinien verzichtete und dem Projektteam weitgehend freie Hand liess: «Wir sagten, dass wir ein Modell für ländliche Gesundheitsförderung entwickeln wollten. Dazu brauchten wir Geld für Treffen und Trainings – mehr wuss­ten wir nicht», erinnert sich Tobias Schüth. Die Flexibilität des Gebers sei die Voraussetzung gewesen, für die Erarbeitung eines Modells, das auf die kirgisischen Verhältnisse zugeschnitten ist.
Die Aktionen, die im Rahmen des CAH-Projekts entwickelt wurden, basieren denn auch auf einer breit ausgelegten Interpretation von Gesundheitsförderung. Wie bereits bei den Spitälern wurde auch in den Dörfern viel in Infrastruktur investiert: Zahlreiche Gesundheitsposten und Badehäuser aus der Sowjetzeit wurden wieder auf Vordermann gebracht, Wasserleitungen instandgestellt. «Man kann den Leuten nicht predigen, sauberes Wasser zu trinken, wenn die Leitungen marode sind. Also investiert man in die Restaurierung der Wasserversorgung», illustriert Tobias Schüth das Vorgehen.

Vom Pilotprojekt zum erfolgreichen Gesundheitsprogramm

Bei den Treffen in den Dörfern stellte sich heraus, dass Anämie zu den drängendsten Gesundheitsproblemen gehörte. Deshalb testete das CAH-Projekt im Rahmen einer Studie die Wirksamkeit von Sprinkles – einem Pulver mit den Mikronährstoffen Eisen, Vitaminen, Zink und Folsäure –, das der Babynahrung beigegeben wird. In den Testgebieten konnte die Blutarmut mit der neuen Methode um bis zu 40 Prozent gesenkt werden. Ermutigt durch diesen Erfolg, hat Kirgistan 2011 als weltweit erstes Land ein nationales Sprinkles-Programm lanciert.
Doch auch das CAH-Projekt als Ganzes ist eine Erfolgsgeschichte: Die anfängliche Skepsis des kirgischen Gesundheitsministeriums war schnell verflogen. Auf die ersten 15 Dörfer folgten alsbald weitere.
Seit 2005 sind die Gesundheitskomitees Teil des offiziellen Reformprogramms für die Förderung der ländlichen Gesundheitsinfrastruktur. Nebst der Deza, engagierten sich in der Folge weitere Geber für die landesweite Ausbreitung.
Das kirgisische Gesundheitsministerium seinerseits stellt in den Provinzen sowohl Geld als auch Personal zur Verfügung, um die Gesundheitskomitees zu unterstützen. Diese haben vielerorts über die Mitarbeit bei CAH-Projekten hinaus ihre eigenen Initiativen entwickelt und arbeiten heute mit verschiedenen Partnern, namentlich auch mit den lokalen Regierungen, zusammen. «Die Menschen haben gelernt, sich Gehör zu verschaffen, mit Behörden umzugehen, Ressourcen zu finden», sagt Tobias Schüth. Und fügt an: «So entsteht Demokratie von unten. Beinahe ungewollt hat unser Gesundheitsförderungsprojekt einen Beitrag dazu geleistet.»    •

Links:
www.cah.kg 
www.deza.admin.ch/zentralasien

Quelle: Eine Welt. Das Deza-Magazin für Entwicklung und Zusammenarbeit. Nr. 4 / Dezember 2012. S. 11–14
www.deza.admin.ch

Transformation in Kirgistan

Bis Anfang der 1990er Jahre gab es in Kirgistan eine gut funktionierende medizinische Versorgung, die für alle zugänglich und unentgeltlich war. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fehlten die Mittel, um dieses System weiter aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig verschlech- terte sich der Gesundheitszustand der Bevölkerung infolge wachsender Armut und dem Zerfall von Infrastrukturbauten im Bereich Wasserversorgung oder Abfallbewirtschaftung. Trotz knapper Ressourcen engagierte sich die Regierung stark für den Aufbau eines neuen Gesundheitssystems: Mit Unterstützung von WHO, Weltbank und USAID lancierte sie 1996 ein Hausarztsystem, das heute gut funktioniert. Die Gesundheitsreform scheint auf gutem Weg. Allerdings leiden vor allem ländliche Regionen unter akutem Ärztemangel – viele emigrieren ins Ausland, wo sie ein Mehrfaches verdienen.

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