Auf den Lehrer kommt es an

Auf den Lehrer kommt es an

Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach

von Karl Müller

Eine vom Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Vodafone-Stiftung Deutschland durchgeführte Umfrage*, die zahlreiche Fragestellungen der aktuellen Bildungsdebatten aufgreift, hat interessante Ergebnisse zutage gefördert. Vor allem: Nicht nur die Lehrer, sondern auch die Schüler und die Eltern haben die Erfahrung gemacht und sind davon überzeugt, dass es auf den Lehrer ankommt – wenn es darum geht, gut zu lernen und zu einer Persönlichkeit zu werden, die als verantwortungsbewusster Bürger die Demokratie mit Leben füllt.

Das Allensbacher Institut hat im März 2013 nach einem repräsentativen Querschnitt 507 Lehrer an allgemeinbildenden Schulen, 614 Schüler ab Klasse 5 (Sekundarstufe I und II) sowie 1804 bevölkerungsrepräsentativ ausgewählte Personen ab 16 Jahren, darunter 543 Eltern von Schulkindern, befragt.
Ein Schwerpunkt der Befragung waren die Meinungen über Zusammenhänge zwischen Elternhaus, sozialer Herkunft und Schul­erfolg. Die grosse Mehrheit der Befragten, sowohl bei den Lehrern als auch bei den Eltern, sieht einen entscheidenden Zusammenhang zwischen den Einstellungen im Elternhaus und der Schulkarriere der Kinder konkret und vorrangig: einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem schulischen Misserfolg eines Kindes und einem mangelnden Interesse von Eltern, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen; einen Zusammenhang mit Erziehungsmängeln, die dazu geführt haben, dass Kinder nicht gelernt haben, gründlich zu arbeiten; sowie einen Zusammenhang mit einer mangelnden Vorbildfunktion der Eltern. Die Befragten fordern aber auch mit grosser Mehrheit weitere Anstrengungen, solche Kinder speziell zu fördern. Und: Mehr als 80% der Lehrer sagen: «Die soziale Herkunft sollte bei der Schulempfehlung eines Lehrers keine Rolle spielen. Jeder Schüler hat die gleichen Chancen verdient, nur die Leistungen sollten entscheidend sein.»
Neben den Antworten zum Zusammenhang zwischen Elternhaus, sozialer Schicht und Schulkarriere enthält die Studie aber auch davon unabhängige Fragestellungen, die von grosser Bedeutung dafür sind, was Lehrer, Eltern und Schüler als wichtig für den Schul­erfolg betrachten. Kernpunkt bei den unterschiedlichen Fragestellungen ist immer wieder die Aussage, dass es auf den Lehrer ankommt.
Die Frage, wovon es abhänge, ob ein Kind in der Schule gut ist, beantworteten 75% der befragten Lehrer (Rang 3 mit knapp höheren Werten bei «ob sich das Kind in der Schule wohlfühlt» und «Begabung des Kindes») und 84% der Eltern (Rang 1), es hänge davon ab, wie gut die Lehrer sind. Auch für die Motivation zum Lernen wird dem Lehrer der grösste Einfluss eingeräumt. 66% der Schüler gehen gerne zur Schule, wenn ihr Lehrer einen guten, verständlichen Unterricht macht, und 63%, wenn er ein gutes Fachwissen hat. In eine ähnliche Richtung gehen auch die Vorstellungen der Schüler von einer «idealen Schule». An der Spitze stehen Lehrer, die Freude an der Arbeit haben, und Lehrer, die sich ausreichend Zeit für die Schüler nehmen. In dieselbe Richtung gehen die Vorstellungen von Eltern und Lehrern von «idealen Schulen». Ganz vorne in der Bewertung stehen auch hier die Lehrer. 94 (bzw. 85)% der Lehrer und 92 (bzw. 83)% der Eltern wünschen sich engagierte und gut ausgebildete Lehrer.
Von einer Veränderung von Schulstrukturen verspricht sich hingegen nur eine Minderheit der Eltern und Lehrer (weniger als ein Drittel der Befragten) verbesserte Chancen für die Schüler. Die Abschaffung des gegliederten Schulsystems, die Abschaffung des Sitzenbleibens und die Abschaffung der Noten stehen dabei ganz unten auf der Rangliste.
Die Mehrheit der Lehrer, Eltern und auch der Schüler finden, dass schlechte Schüler die Möglichkeit haben sollten, ein Schuljahr zu wiederholen. Für eine Abschaffung der Noten plädieren nur 7% der Lehrer und 9% der Eltern. Noten, so sagen 79% der Lehrer und 77% der Eltern, sind wichtig, um Eltern und Schülern einen Eindruck zu geben, wie es um die Leistung der Schüler steht. Eltern und Lehrer bevorzugen mehrheitlich ein gegliedertes Schulsystem.
Gefragt wurde auch, wie Eltern und Lehrer den gemeinsamen Unterricht stark leistungsheterogener Schülergruppen in  weiterführenden Schulen beurteilen. Die Mehrheit der Befragten hält nicht viel von solchen Klassen. 63% der Lehrer und 65% der Eltern finden es besser, wenn gute Schüler gemeinsam mit ähnlich guten Schülern unterrichtet werden. Profitieren denn leistungsschwächere Schüler davon, wenn sie mit guten Schülern gemeinsam unterrichtet werden? Nur eine Minderheit der Eltern (38%) findet das so, interessanterweise aber eine Mehrheit der Lehrer (56%). Sehr wahrscheinlich erhoffen sich die Lehrer, dass gute Schüler leistungsschwächere mitziehen könnten.
Alarmierend sind die Ergebnisse über den Niveauverlust an deutschen Schulen. 62% der befragten Gymnasiallehrer finden, dass der Anteil der Gymnasialschüler, die nicht für diese Schulart geeignet sind, zugenommen hat. 42% der Lehrer an allen Schularten sagen, dass sie ihre Anforderungen absenken mussten. Die Lehrer wurden auch gefragt, was sie von der Abschaffung der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung durch die Klassenlehrer halten. 52% der Lehrer finden, dass die Lehrer über die Wahl der weiterführenden Schule die Letztentscheidung haben sollten, nur 24% wollen diese Entscheidung den Eltern überlassen.
Sehr skeptisch sind Eltern, Lehrer und Schüler gegenüber dem «freien Lernen» und dem «offenen Unterricht» – vielerorts spricht man heute auch vom selbstgesteuerten, selbstorganisierten oder selbstverantwortlichen Lernen. Nur 20% der befragten Lehrer halten dieses Konzept für die meisten Schüler für geeignet, 58% sind hingegen der Meinung, es überfordere die meisten Schüler. 67% der Lehrer meinen, die Schüler lernen mehr, wenn der Lehrer entscheidet, wann und wie welche Themen behandelt werden. Nur 10% der Lehrer finden, es sei gut, wenn die Schüler weitgehend selbst darüber entscheiden. Auch 61% der Schüler finden, dass der Lehrer den Schulstoff beibringen soll, und nur 17% der Schüler finden, Schüler sollten sich so selbständig wie möglich den Schulstoff erarbeiten.
Noch ein Letztes: Entgegen zahlreichen Medienschlagzeilen fühlt sich die Mehrheit der deutschen Schüler wohl an ihren Schulen: 61% der befragten Schüler fühlen sich in ihrer Klasse wohl, 64% schätzen ihre Klassenlehrer menschlich, 52% bestätigen ihren Klassenlehrern gutes Fachwissen, und knapp 50% attestieren ihren Klassenlehrern einen guten Fachunterricht. Kritik an den Lehrern gibt es nur wenig, und an der Spitze steht dabei, der Klassenlehrer würde zuviel Hausaufgaben aufgeben. Ernsthafte Kritikpunkte wie «Ungerecht bei der Notenvergabe» oder «Kann nicht mit Kindern umgehen» finden nur bei weniger als 15% der befragten Schüler Zustimmung. Nicht nur die Mehrheit der Eltern und Lehrer, sondern auch die Mehrheit der Schüler ist davon überzeugt, dass jeder Schüler mit Fleiss und gezielter Förderung ein guter Schüler werden kann.    •

*    «Hindernis Herkunft. Eine Umfrage unter Schülern, Lehrern und Eltern zum Bildungsalltag in Deutschland», www.vodafone-stiftung.de/pages/presse/pressemitteilungen/subpages/lehrer_sehen_grosze_chancenungleichheit_an_deutschen_schulen/index.html 

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