Was eine Berufsschullehrerin von der Volksschule erwartet

Was eine Berufsschullehrerin von der Volksschule erwartet

von Gabi Lang

In die Berufsschule kommen Schüler aus den verschiedensten Schulen im ganzen Kanton, die denselben Beruf erlernen. Für alle gewerblichen Berufe sind 3 Lektionen Allgemeinbildung pro Woche im Berufsschulunterricht vorgeschrieben, in denen wir Deutsch, Staatskunde, Recht und alles, was ein junger Bürger wissen sollte, vermitteln.
Jeder Schüler ist eine individuelle Persönlichkeit, und ich kann daher von seinem persönlichen Wissens- und Kenntnisstand nicht direkt auf seinen früheren Lehrer bzw. seine Schule oder die dort verwendeten Unterrichtsmethoden schliessen.
Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass ich mir denke, den Oberstufenlehrer dieser oder jener Schülerin würde ich gern kennenlernen: Sabrina war zum Beispiel die einzige in einer Klasse von meist relativ guten Sekundarschülern, die die Namen Henry Dunant und Henri Guisan kannte und etwas mit ihnen anzufangen wusste. Geschichte war ihr Lieblingsfach, und sie schwärmte von ihrem Geschichtslehrer.
Trotz aller individuellen Eigenheiten von Schülern und Lehrern kann ich in der Entwicklung der letzten 10 Jahre einige allgemeine Beobachtungen feststellen, die mit denen vieler Kollegen übereinstimmen. Wir reden täglich im Lehrerzimmer darüber. Die 15- bis 16jährigen, die heute nach der obligatorischen Volksschule eine Lehre beginnen, kommen anders ausgestattet an die Berufsschule als noch vor 10 Jahren, und dies kann ganz klar auf veränderte Unterrichtsinhalte und -methoden zurückgeführt werden.

Nach 9 Schuljahren eklatante Wissenslücken

Es ist ein eklatanter Wissensabbau zu konstatieren. Dieser betrifft vermutlich alle Fächer mehr oder weniger. Deutlich sichtbar ist er in den Fächern Deutsch, Mathematik, Geschichte, Geographie, Französisch. Ein kleines Schlaglicht zur Geographie: Als Einstieg ins Thema Staatsaufbau der Schweiz legte ich mehreren Klassen im 1. Lehrjahr eine Schweizer Karte mit den eingezeichneten Kantonsgrenzen vor. Sie sollten die einzelnen Kantone benennen. Keine einfache Aufgabe, wie ich aus Erfahrung weiss. Dieses Jahr machte ich dabei mehrere interessante Erfahrungen: Eine ganze Reihe von Schülern konnte nur mit Mühe bzw. Hilfe der Banknachbarn den eigenen Wohnkanton ausfindig machen. Auch die Nachbarkantone bereiteten schon grosse Schwierigkeiten. Nur ganz wenige konnten alle Kantone richtig benennen und berichteten stolz, dass sie das schon in der Primarschule gelernt hatten.
Eine Schülerin machte sich über das Arbeitsblatt lustig, als ich es verteilte: «Das ist ja Kindergarten! So etwas haben wir in der Primarschule gemacht!» Als ich verkündete, jetzt werde ich ihr zusehen, wie sie das Kindergartenblatt löse, stellte sich heraus, dass sie keinen einzigen Kanton zuordnen konnte. Vielen Jugendlichen ist es ungeheuer peinlich, so wenig zu wissen, und dann macht man eben die Aufgabe herunter …
Meiner Erfahrung nach ist es den meisten Jugendlichen aber bewusst, dass sie einen grossen Rückstand haben, jedoch führen sie es verständlicherweise auf ihre eigene Unzulänglichkeit zurück und nicht auf den mangelhaften Unterricht: «Ich kann eben keine Mathi!»
Bei der erwähnten Aufgabe konnte ich auch gut beobachten, dass sehr viele Schüler, als sie die Aufgabe nicht sofort lösen konnten, sehr schnell beim Nachbarn schauten oder andere Quellen suchten. Viele sind sich nicht mehr gewohnt, sich anzustrengen und zu überlegen, ob in ihrem eigenen Kopf auch noch Brauchbares zu finden ist. Man kann ja alles im Internet finden! Wozu noch überflüssiges Wissen anhäufen? Hier setzt das Konzept des kompetenzorientierten Unterrichts an, das in der Berufsschullehrerausbildung seit Jahren propagiert wird: Schüler sollen nichts mehr im Kopf haben müssen, sondern nur noch wissen, wo sie nachschauen können, am besten bei Google oder mit der passenden App.
Im Fach Geschichte scheint nicht mehr viel gelehrt zu werden. Bei meiner Befragung einer Klasse, was sie denn im Geschichtsunterricht gelernt hätten, kam von mehreren ganz spontan die Antwort: in der Primarschule die Pfahlbauer und in der Oberstufe Hitler! Dazwischen hatte es offensichtlich nicht viel gegeben.

Mangelhafte Deutschkenntnisse

Im Fach Deutsch ist das Niveau bedenklich gesunken. Die Ursachen sind eindeutig: Es wird zuwenig geübt, zuwenig systematisch gelernt und genau gearbeitet, zuwenig korrigiert von den Lehrern, zuwenig Freude am Lesen und an der Sprache vermittelt. All dies ist notwendig, um die Muttersprache zu beherrschen. Einen vollständigen Satz zu bilden ist für viele Lehrlinge schwierig, sie sind gewohnt, alles in Stichworten auszudrücken, und manche kennen nicht einmal die grammatikalischen Grundbegriffe, zum Beispiel den Unterschied zwischen Verb und Nomen.
Noch vor 10 Jahren war es unüblich, in der gewerblichen Berufsschule ein Diktat zu schreiben, denn das Kapitel Rechtschreibung war in der Volksschule abgeschlossen. Heute müssen wir wieder damit anfangen, weil der Stand absolut ungenügend ist.
Die überflüssigen und verwirrenden Rechtschreibreformen, die laut Expertenaussagen vor allem dem Duden-Verlag zugute gekommen sind, der eine erkleckliche Anzahl von Neuauflagen in grosser Auflage verkaufen konnte, haben die Rechtschreibung nicht erleichtert. Zeitgleich mit der überflüssigen Debatte über relativ unwesentliche Details sind die Grundsätze einer soliden Rechtschreibung in der Primarstufe untergegangen. Den Primarlehrern wird in der Ausbildung vermittelt, das Korrigieren von Fehlern schwäche das Kind und seine Freude am Schreiben. Die Folge ist, dass die Fehler automatisiert werden und der Jugendliche mit dem zutreffenden Gefühl die Volksschule verlässt, dass er sehr schlecht in der Rechtschreibung ist.Und er fühlt sich nicht gut dabei. Freude am Schreiben ist daraus jedenfalls nicht entstanden.
Wenn ich in der Berufsschule den Schülern erkläre, dass wir heute im ersten Lehrjahr Diktate schreiben, weil sie es in der Primar- und Oberstufe nicht genügend gemacht haben, verstehen sie es sofort. Sie empfinden ihren Mangel selbst.
Eine einzige Schülerin in einer Klasse wehrte sich vehement gegen das Schreiben eines Diktats mit der Begründung, das sei den Lehrern verboten, das habe ihr früherer Lehrer gesagt! Sie hatte eine bekannte Reformschule besucht. Ihr Lehrbetrieb hatte sie kurz zuvor für eine Legasthenie-Abklärung beim Schulpsychologen angemeldet, weil ihre Arbeitsberichte kaum lesbar waren und von Fehlern nur so wimmelten. Zum Glück erklärte der Schulpsychologe sie nach einer Abklärung nicht zur Legasthenikerin, sondern schlug vor, sie solle vermehrt Deutsch üben.
In jeder Klasse eröffnen mir nach und nach mehrere Schüler, sie seien Legastheniker. Die meisten schämen sich dafür. In der Mehrzahl gehören sie eher zu den leistungsschwächeren der Klasse in Deutsch. Einige, die intensiven Stützunterricht im Rahmen der Legasthenie-Therapie hatten, haben sich aber durch gezieltes Üben sehr verbessert, so dass ihre Rechtschreibung heute nicht mehr auffällig ist. Trotzdem bleibt an ihnen die Diagnose Legasthenie kleben, wahrscheinlich lebenslang, und sie leiden darunter. Meiner Erfahrung nach wird die Legasthenie viel zu häufig diagnostiziert in Fällen, wo es schlicht an der notwendigen Übung und Konzentration im Unterricht fehlt.
Bei anderen Schülern konnte ich feststellen, dass ihre Rechtschreibung sich schlagartig verbesserte, wenn sie wussten, dass sie benotet wird. Durch den Mangel an Übung und Korrektur fehlt es an einer Automatisierung der korrekten Orthographie, so dass sie mühsam und anstrengend erscheint. Wenn Kinder in der Primarschule wieder in Ruhe und systematisch angeleitet werden und sie üben dürfen und müssen, wird die Anzahl der Legastheniker wieder ganz schnell auf die wenigen zurückgehen, die es noch vor 20 Jahren waren.

Fehlende Basis in der Mathematik

Mathematik: Kopfrechnen ist schwierig, ebenso Prozentrechnen, Dreisatz, Bruchrechnen. Auch einfache Schätzungen sind für viele ein Problem. Man merkt, dass alles einmal oberflächlich in der Volksschule durchgenommen wurde, aber nicht so verstanden und geübt, dass die Grundlagen lebenslang sitzen. Schüler haben jedoch Freude daran, die gleiche Art von Aufgaben mit wachsendem Schwierigkeitsgrad mehrfach zu üben, weil sie sich dadurch Sicherheit im Stoff erwerben und realistische Erfolge erleben. Dieser Erfolg wird ihnen nicht mehr vergönnt durch ein unsystematisches Springen im Lernstoff, einen Mangel an Übungsaufgaben und fehlende Lernkontrollen durch den Lehrer. Dies nennt sich dann abwechslungsreicher Unterricht.

Individualisierung, Handlungsorientierung, selbstgesteuertes Lernen statt Vermittlung durch den Lehrer

Diese Kernbegriffe bekommt heute jeder Lehrer in seiner Ausbildung als wesentlich vermittelt. Die Auswirkungen in der Praxis sind verheerend. In der Berufsschule treffen wir auf viele Schüler, die es nicht mehr gewohnt sind, dem Lehrer und ihren Mitschülern zuzuhören. Ein ruhiges, konzentriertes Miteinanderlernen im Klassenverband kennen sie nicht mehr. Schon von der Primarstufe an müssen sie «selbstgesteuert» allein oder in Gruppen Aufgaben erfüllen, die zum Teil viel zu hochgesteckt sind und für die ihnen die Grundlagen fehlen, weil sie vom Lehrer nicht vermittelt worden sind. Drittklässler müssen Referate verfassen und im Internet recherchieren zu Themen, die sie überhaupt noch nicht verstehen. Mit Hilfe der Copy-Paste-Taste produzieren sie Vorträge, die sie effektvoll mit Powerpoint präsentieren, deren Inhalt sie aber selbst nicht verstehen.
Selbstentdeckendes oder selbstgesteuertes Lernen ohne Anleitung des Lehrers mag für leistungsstarke Schüler auch zum Erfolg führen, denn sie holen sich die Hilfe des Lehrers dort, wo sie sie benötigen. Die eher Schwächeren bleiben dabei aber auf der Strecke. Und auch die guten Schüler werden um das wichtige Erlebnis gebracht, dass sie in der Klassengemeinschaft helfen können, damit alle mitkommen.

Mangelhafte Arbeitshaltung

Was viele Lehrmeister auch beklagen, ist eine mangelhafte Arbeitshaltung ihrer Lehrlinge. In der Berufsschule ist das auch zu beobachten: Es soll alles Spass machen, und es muss ganz schnell gehen. Sorgfalt, Gründlichkeit, Geduld und Ausdauer, ein gesunder Ehrgeiz und Einsatzbereitschaft – diese Fähigkeiten sind bei manchen zu schwach ausgebildet. Ein heutiger Jugendlicher hängt im Durchschnitt 5–6 Stunden täglich am Computer oder am Handy und ist stark von diesen Medien geprägt. Gerade deshalb müssen wir in der Schule erst recht Gegensteuer geben. Die Pädagogischen Hochschulen sind offensichtlich nicht willens, eine Kehrtwende zu vollziehen.

Zurück zu einer vernünftigen Pädagogik

Viel zu lange hat man den Fachleuten in den Institutionen der Lehrerbildung vertraut, dass sie die Schulen positiv weiterentwickeln werden. Die Entwicklung der Volksschule darf ihnen nicht weiter überlassen werden, sondern muss wieder Sache des Volkes werden. Die sogenannte Kompetenzorientierung und Methoden wie übertriebenes selbstgesteuertes Lernen und Individualisierung auf Kosten der Klassengemeinschaft sind falsche Methoden, EU-weit propagiert, die die Schulen auf Irrwege geführt haben und unsere Jugend verdummen oder zu Fällen für den Psychiater machen.
Wir brauchen eine Kehrtwende zu einer vernünftigen Pädagogik, mittels derer der Lehrer mit seinen Schülern gemeinsam und zielgerichtet mit einem logischen Aufbau arbeiten darf. Das Wissen ist seit langem vorhanden.    •

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