Der letzte Zeuge

Der letzte Zeuge

Er ging durch viele Höllen – und ist immer aufrecht geblieben. Ein Besuch bei Erwin Jöris zu seinem 100. Geburtstag

von Stefan Martens

Ein Mehrparteienhaus in einem Vorort von Köln. Der Neffe öffnet die Tür. Auch der Neffe hat die 70 schon längst überschritten. Erwin Jöris erhebt sich aus seinem Sessel. 100 Jahre ist er geworden. Er grüsst mit kräftigem Händedruck. Man spürt den Kampfesgeist dieses immer noch grossen Mannes. Seit über 50 Jahren schon lebt er in Köln, doch die «Berliner Schnauze» hat er nie aufgegeben. An den Wänden im Wohnzimmer Erinnerungen in Bildern: Jöris als junger Mann, die Bundesverdienstkreuz-Urkunde, Freunde und seine Frau Gerda. «Sie ist vor vier Jahren gestorben», sagt er, «plötzlich, hier lag sie auf dem Boden.»
Erwin Jöris ist Zeuge eines kriegerischen und leidvollen Jahrhunderts. Mit seiner Geschichte als doppelt Verfolgter unter den Diktaturen Hitlers und Stalins wohl auch der letzte Zeuge.
Berlin 1918/19, kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges. Revolutionstage. Spartakisten kämpfen gegen Regierungstruppen. Erwin Jöris ist gerade sieben Jahre alt. Sein Vater ist Mitglied der USPD, einer linken Abspaltung der SPD. Im Hause Jöris finden heimliche Treffen statt. Der kleine Erwin lauscht diesen Gesprächen. «Wir Kinder bekamen natürlich mit, wenn bei uns fremde Leute ein- und ausgingen. Meine Brüder wollten lieber schlafen, ich aber blieb wach und spitzte die Ohren.» Jöris erinnert sich an die Stimmung: «Man musste aufpassen, dass jederzeit etwas passieren konnte, zum Beispiel eine Schiesserei. Auf der Strasse habe ich blutüberströmte Körper gesehen. Männer waren standrechtlich erschossen worden. Ich erinnere mich an die grosse Wut, die ich hatte, wie mit Menschen umgegangen wurde.»
Mit 15 tritt Jöris dem Kommunistischen Jugendverband bei und wird bald schon dessen Leiter im Bezirk Berlin-Lichtenberg. Zu dieser Zeit gewinnt die NSDAP an Einfluss. Jöris erlebt die zahlreichen Schlachten auf den Strassen und in den Sälen zwischen braunen SA-Truppen und jungen Kommunisten. Er mischt kräftig mit, ist beseelt von der Idee einer gerechten Gesellschaft.
Der gelernte Tischler erzählt, wie sein Weltbild erste Risse bekam: 1931 beginnt eine «unheimliche Zusammenarbeit» zwischen KPD und NSDAP in Preussen. Beide Parteien initiieren einen Volksentscheid mit dem Ziel, den Landtag aufzulösen und die sozialdemokratische Regierung Preussens zu stürzen. Auf einer Versammlung seiner Partei protestiert Jöris vergebens. «Das würde heute keiner glauben, wenn man es nicht selbst erlebt hat: Kommunisten rasten zusammen mit den Braunen durch preussische Städte. Wir erlebten eine gemeinsame Aktion zwischen Hitler, Hugenberg und Thälmann.» Im November 1932 organisieren Nazis und Kommunisten gemeinsam einen Streik der Berliner Verkehrsarbeiter: «Das muss man sich mal vorstellen: Ulbricht und Goebbels schlossen eine Einheitsfront.» Jöris erlebt, wie viele seiner Genossen zur NSDAP überlaufen.

Im KZ Sonnenburg

1933 – Hitler übernimmt die Macht. Reichstagsbrand. Die Kommunisten sind als erstes dran. Erwin Jöris wird von SA-Leuten festgenommen und in ein Sturmlokal eingeliefert: «Schon am Eingang bekam ich das Kotzen. Ehemalige Genossen empfingen mich mit höhnischem Gebrüll.»
Jöris kommt zunächst ins Spandauer Gefängnis, dann ins KZ Sonnenburg, doch sein Kampfesmut ist ungebrochen: «Auf dem Weg dorthin sangen wir die Internationale.» In Sonnenburg lernt er Persönlichkeiten wie Erich Mühsam und Carl von Ossietzky kennen. «Einmal sah ich von Ossietzky einige Tage nicht. Dann habe ich ihn fast nicht wiedererkannt: Sein Gesicht war von der Folter grün und blau.» Jöris und seine Mitgefangenen müssen mit ansehen, wie Insassen gezwungen werden, ihr eigenes Grab zu schaufeln. «Es wurde ein Sarg mitten auf den Hof gestellt. Uns wurde befohlen, um den Sarg zu marschieren und ein Wanderlied zu singen.»
Nach drei Monaten kommt Jöris frei. Er muss schriftlich erklären, sich nicht mehr an «staatsfeindlichen Aktionen» zu beteiligen. «Wir haben den Wisch unterschrieben, man musste sich ja nach der Freilassung nicht dran halten.»

Hotel Lux

Die Partei schleust Jöris über Prag nach Moskau, er soll eine Kaderausbildung erhalten und auf die Kominternschule gehen. In Moskau wird er ins berühmte «Hotel Lux» eingewiesen, wo viele prominente Kommunisten residieren. Der Tischler Jöris allerdings kommt in einer einfachen Gemeinschaftskammer im Hinterhof des Hotels unter. Es folgt ein Kadergespräch vor einer Kommission. Jöris berichtet alles, auch von seiner Unterschrift auf dem Nazi-Papier. Ein Mitglied der Kommission blafft ihn an: das sei Kapitulation vor dem Faschismus gewesen. «Dieser Mann war Herbert Wehner, neben ihm sass Wilhelm Pieck.» Wenn Erwin Jöris das erzählt, hebt sich seine Stimme und auf seiner Stirn bilden sich Zornesfalten. An Pieck gewandt, blafft Jöris zurück: «Du hast zusammen mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gekämpft. Die wurden ermordet und du lebst …». Jöris, der Widerspenstige. Er kann seinen Mund nicht halten. «Ich wollte mir nicht vorwerfen lassen, kapituliert zu haben.»

Russischer Alltag

In den Kader wird Jöris nicht aufgenommen, statt dessen soll er sich zunächst bewähren und erhält Arbeit in einer Maschinenfabrik in Swerdlowsk im Ural. Hier lernt er den russischen Alltag kennen und sieht hier, was eigentlich nicht für seine Augen bestimmt ist. «Schau dich doch mal in den Arbeitersiedlungen um», raunt ihm ein Russe zu. Jöris sieht Brotläden, die von Soldaten bewacht werden: «Wenn die Arbeiter mal Schwarzbrot hatten, waren sie die glücklichsten Menschen. Oft habe ich gesehen, dass Arbeiter am Werks­tor standen und nicht nach Hause durften. Statt dessen wurden sie auf Lastwagen geladen, um ‹freiwillig› auf Kolchosen zu arbeiten. Aber die roten Bonzen lebten wie die Fürsten.» Jöris besucht russische Familien. «Wenn dort etwas Wodka getrunken wurde, fingen die Russen an zu plaudern. Da habe ich mehr erfahren als in der Kominternschule und alles, was nicht im Parteiblatt stand.»
Im Juni 1937 wird Jöris von der Kontrollkommission der Komintern nach Moskau zurückgerufen. Doch auch hier biedert er sich nicht an, vielmehr stellt er Fragen und beschwert sich über die Zustände. Er gerät in den Strudel der Grossen Säuberung, die nicht nur die KPdSU heimsucht. Auch deutsche und andere ausländische Kommunisten im sowjetischen Exil werden erfasst. Ungezählte werden erschossen.
Wegen «trotzkistischer Umtriebe» wird Jöris vom sowjetischen Geheimdienst NKWD festgenommen und in der Lubjanka inhaftiert, dem berüchtigten Gefängnis in Moskau. Selbst dort legt er sich mit seinen Schergen an: «Wer heute nicht in Deutschland im Konzentrationslager sitzt, der sitzt bei Ihnen in der Lubjanka.» Dort, wo die meisten Gefangenen auf ihre Hinrichtung warten …
Erwin Jöris trinkt einen Schluck Kaffee. Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen? Diese Frage stellte sich ihm nie. Er erzählt ohne Klage, ohne Bitterkeit. Er konnte nie anders, als sich all dem zu widersetzen, was Willkür und Ungerechtigkeit bedeutet.
«Diese Massenzelle in der Lubjanka war für mich der wahre Parteitag. Da sassen Leute aus der Regierung, aus der Gewerkschaft, Wissenschaftler, Pfaffen. Und wenn Sie mit denen monatelang zusammensitzen, dann lernen Sie den Kommunismus kennen.»
Als Jöris sich weigert, die sowjetische Staatsbürgerschaft zu beantragen, wird er aus der Sowjetunion nach Deutschland abgeschoben und von der Gestapo in Untersuchungshaft genommen.
Nach der Entlassung arbeitet er in der elterlichen Kohlenhandlung. Aus der illegalen Arbeit der KPD zieht er sich zurück. Seine Erfahrungen in der Sowjetunion haben ihn der Partei entfremdet.
1940. Auch Erwin Jöris bleibt nicht davon verschont, zur Wehrmacht eingezogen zu werden. Erst beteiligt er sich beim Frankreich-Feldzug, dann kommt er an der Ostfront zum Einsatz, in der Ukraine – gegen die Sowjetunion, die er doch immer verteidigen wollte. Auf dem Rückzug der Wehrmacht, den er als Kraftfahrer einer Sanitätseinheit mitmacht, gerät er 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. In den letzten Tagen vor der Kapitulation wird er durch Granatsplitter verletzt. Immerhin darf er wegen dieser Kriegsverletzung bereits im April 1946 aus dem Gefangenenlager Mojaisk bei Moskau nach Berlin heimkehren. Hier arbeitet er wieder in der väterlichen Kohlenhandlung. Der Partei hat er endgültig den Rücken gekehrt. In die SED will er erst gar nicht eintreten.

Im Gulag

Der Krieg ist vorbei, mit seiner Frau Gerda will er sich in Lichtenberg, seinem alten Berliner Bezirk, ein Leben zu zweit aufbauen – freilich ohne jedes politische Engagement. Doch er wird durch einen früheren Genossen denunziert, mit dem er sich auf offener Strasse gestritten hat. «Wir sassen in der Lubjanka, während ihr mit den Faschisten poussiert habt», brüllt Jöris ihn an. Wegen angeblicher Spionage, Verunglimpfung von Führern der Partei und Verrats des Proletariats wird der einst glühende Kommunist zu 25 Jahren Arbeitslager im sowjetischen Workuta verurteilt. «Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren», habe der Untersuchungsrichter ihm gesagt. «Deine Schnauze auch», gibt Jöris unverfroren zurück.1
Nach kurzer U-Haft in Berlin-Hohenschönhausen sieht Erwin Jöris die Sowjet­union wieder – im Gefangenen-Waggon erreichte er in einem Sammeltransport den Gulag Workuta im nördlichen Polarkreis, beschimpft als «Faschistenschwein», eingeteilt für die harte Arbeit in den Kohlenschächten, oft 10 Stunden täglich unter Tage. Das Leben im Lager ist unerträglich. «Viele sagten mir: ‹Entweder bin ich nächstes Jahr frei, oder ich bin eine Leiche.› Zur Aufmunterung sagte ich immer: ‹Nächstes Jahr bist du nicht frei und nicht tot, du hast dich nur mehr an diese Lage gewöhnt. Ihr tut denen nur einen Gefallen, wenn ihr herumjammert›.»
Nach drei Jahren aber werden Erleichterungen im Lager spürbar, die Lagerführung hält sich mit Strafen zurück – eine Folge der Annäherung zwischen der Sowjetunion und der jungen Bundesrepublik. «Eines Tages sagte der Friseur zu mir: Wir haben Anweisung, allen Deutschen hier im Lager die Haare nicht mehr kurz zu schneiden.» Im Dezember 1955 dann, kurz nach dem legendären Moskaubesuch Konrad Adenauers, wird Erwin Jöris freigelassen und kann nach Deutschland zurückkehren.

Späte Genugtuung

Seine Frau hat auf ihn gewartet. Sie verlassen Ost-Berlin und finden schliesslich in Köln eine neue Heimat und Jöris eine Arbeit in einem Kühlhaus. «Anfangs wurde ich verdächtigt, ein Kriegsverbrecher zu sein, weil ich so spät aus der Kriegsgefangenschaft kam. Auf einer Betriebsversammlung habe ich die Sache aber dann richtiggestellt und ab da hatte ich die Leute hinter mir. 22 Jahre habe ich dort gearbeitet.»
Jahrzehnte später, 1995 mit 83 Jahren, erfährt Erwin Jöris späte Genugtuung: Er wird vom Obersten Kriegsgericht Russlands rehabilitiert, das Urteil gegen ihn aufgehoben.
Die Lebensgeschichte Erwin Jöris’ wurde in zwei Büchern und einem Film gewürdigt. Er ist oft an Schulen gegangen und hat an vielen Veranstaltungen teilgenommen, auch um jungen Menschen eigenes Urteilen über Irrtümer und Schwächen der Geschichte zu ermöglichen. «Ich bin nie mit erhobenem Zeigefinger aufgetreten und habe auf andere gezeigt. Nein, erzählen, was man selbst falsch gemacht hat – das zieht.»
Wenn Erwin Jöris aus seinem Leben erzählt, spricht ein Mann, der seine innere Freiheit unter allen Umständen bewahrt und dabei in finsteren Zeiten noch anderen Mut gemacht hat. Er verschwendet keinen Gedanken daran, wie er das alles überstanden hat. «Ich habe mir Verbündete gesucht und mir nie meinen Mund verbieten lassen. Ich wollte überleben.» Hass gegenüber seinen Peinigern empfindet er nicht: «Hass kenn’ ich nicht. Ich betrachte das als Dummheit, was die gemacht haben. Warum soll ich die hassen? Die mussten ihre Norm erfüllen, sonst wären sie selbst weggebracht worden.»
Was spricht aus den Worten dieses Hundertjährigen, fragt sich der Besucher.
Ein Kind, ein junger Mensch, der in seiner Familie und Umgebung eigene Gedanken, eine eigene Haltung und analytisches Denken gegenüber politischen Vorgängen entwickelt, ist offenbar besser gerüstet für die Stürme der Welt.    •

Erwin Jöris. Ein Leben als Verfolgter unter Hitler und Stalin – Erinnerungen, Selbstverlag 2004

1    «Das Leben von Erwin Jöris» in: Andreas Petersen. Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren. Ein Jahrhundertdiktat. Wiesbaden 2012

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