US-Truppenabzug aus dem afghanischen Süden mit harter Realität konfrontiert

US-Truppenabzug aus dem afghanischen Süden mit harter Realität konfrontiert

Stützpunkt Hajji Rahmuddin II, Afghanistan

von Matthew Rosenberg

Als die letzten amerikanischen Besatzungssoldaten vergangene Woche aus diesem einsamen Aussenposten im Süden Afghanistans abzogen, verliessen sie den Ort auf die gleiche Weise, in der frühere Einheiten angekommen waren: bereit zum Kampf.

Sie verliessen diesen von Gewalt gezeichneten Flecken Land ausserhalb Kandahars, der wichtigsten Stadt des Südens, gerade als Talibankämpfer wieder aus ihren Winterquartieren in Pakistan infiltrierten. Es blieb, wie Hauptfeldweibel Jason Pitman, 35, sich ausdrückte, «keine Zeit, sich darüber aufzuregen».
Die Amerikaner wussten, dass sie in ihren letzten Stunden nach dem Abbau der Überwachungs- und Frühwarnsysteme äusserst angreifbar sein würden. Die Taliban wussten es auch, und Geheimdienstberichte wiesen darauf hin, dass sie mit sympathisierenden Dorfbewohnern zusammenarbeiteten, um die abziehenden Soldaten anzugreifen. Zwei Tage davor machten die Kämpfer einen Probelauf gegen den Aussenposten, indem sie kurz nachdem die ersten Antennen abgebaut worden waren, den seltenen Schritt eines wenn auch kurzen direkten Feuergefechts unternahmen.
Am gleichen Tag, an dem Präsident Obama ankündigte, dass etwa die Hälfte der noch in Afghanistan verbliebenen Truppen dieses Jahr abziehen würde und dass von nun an afghanische Streitkräfte beginnen würden, die Führung des Krieges zu übernehmen, bildete der Abzug im kleineren Massstab von Hajji Rahmuddin II einen nicht gefeierten Meilenstein.
Aber er zeigte eine harte Realität des Prozesses: dass ein Teil des Rückzuges unter Feuer stattfinden würde, in Gebieten, die eine Hochburg der Taliban sind und wo die Idee eines afghanisch geführten Sicherheitsdienstes eine abstrakte Vorstellung bleibt und zudem die Hauptkampfzeit in wenigen Wochen erst beginnt. Einige der am härtesten erkämpften Gewinne des Krieges gehen wahrscheinlich verloren.
In den Jahren, in denen die von der Administration Obama aufgestockten Zehntausende von US-Soldaten und ihre afghanischen Verbündeten in Traubenanbaugebiete, Granatapfelplantagen und Schlafmohnfelder des südlichen Afghanistans eindrangen, sind ein paar Inseln relativer Ruhe geräumt worden.
Aber obwohl diese Ecke Afghanistans – der Zhare-Distrikt – ebenfalls ein Zentrum der Truppenaufstockung war, ist es hier bei weitem nicht ruhig. Und sie ist kein Einzelfall: Viele Gebiete im Süden und Osten, in denen Truppenabzüge im Gange sind, haben trotz jahrelangen Anstrengungen der USA im besten Fall nur spärliche Gewinne an Sicherheit erlebt.
 Die Taliban hier haben sich entschieden, ihren Kampf auf dem Gebiet voranzutreiben, wo Mullah Omar und seine Anhänger sich zuerst gegen die lokalen Warlords erhoben, dort wo die Bewegung entstand. Selbst viele Afghanen zögern, die stundenlange Reise von Kandahar in die Lehmziegeldörfer des Distriktes zu unternehmen, von denen viele nach drei Sommern intensiver Kampfhandlungen halbverlassen dastehen.
«Meine Söhne leben in der Stadt Kandahar, und sie kommen nicht gerne hierher zurück», sagte Abdul Malik, ein älterer Einwohner von Tieranon, einem Dorf in Zentral-Zhare. Sobald man in den Dörfern ist, sagte er, «kann alles passieren».
Trotzdem beschleunigt sich der amerikanische Rückzug, und US-Kommandanten haben begonnen, selbst die am meisten umkämpften Gebiete den afghanischen Streitkräften zu überlassen.
Noch immer gibt es Gebiete, «welche die Taliban als Zufluchtsorte vorfinden, und wir sind noch immer überzeugt, dass vor Ort ein informelles Netzwerk oder eine Unterstützungsstruktur besteht, worauf sie sich verlassen können», sagte Major Thomas W. Casey, der führende Offizier des Dritten Bataillons, 41. Infanterie, die in der östlichen und zentralen Hälfte von Zhare operiert.
Daher sind die Amerikaner fast täglich zusammen mit afghanischen Einheiten auf Patrouille und führen regelmässig grössere Operationen durch. Letzte Woche setzten sie eine Waffe ein, die eine Reihe von Sprengsätzen abschiesst, um Strassen von Minen zu räumen, indem diese auf einer Länge von etwa 550 Metern zerschlagen werden oder Bäume umgelegt werden, die Kundschaftern oder Kämpfern der Taliban Schutz bieten könnten.
Am Donnerstag zerstörten sie einen Hügel, den die Taliban als Kampfstellung genutzt hatten, und reduzierten ihn mit drei gewaltigen Explosionen zu Staub und Dreck. Zahlenmässig waren die Amerikaner den anwesenden Afghanen bei diesem Einsatz dreifach überlegen.
Es gibt einige Dinge, welche die Amerikaner allein tun müssen, weil die Afghanen sie nicht tun können und in absehbarer Zeit auch nicht dazu in der Lage sein werden, sagen Kommandanten. Ein Beispiel ist die Nutzung von hochtechnisierter Überwachung – Prallluftschiffe [Englisch: blimps, zeppelinförmige gasgefüllte, ballonartige Luftschiffe, die mit Kameras usw. bestückt werden], Drohnen, auf jeder Basis auf Türmen montierte Kameras – die Kämpfer entdecken helfen, bevor sie angreifen, und Luftschläge gegen sie dirigieren. Allein im letzten Monat wurden zahlreiche solcher Angriffe lanciert.
Mittlerweile schicken die Afghanen eigene Patrouillen durch und führen eine zunehmende Anzahl kleiner, unabhängiger Operationen. Ihre Kampffähigkeit nähert sich dem Zustand, den sie haben sollte, aber Amerikaner und selbst einige Afghanen sagen, dass die entscheidenden rückwärtigen Einheiten der Armee – die Logistik- und Nachschubeinheiten, die dafür sorgen, dass Munition, Brennstoff, Lebensmittel und Wasser dort sind, wo sie sein müssen – jämmerlich unvollständig seien.
Der hier stationierten afghanischen Brigade zum Beispiel ging vergangene Woche beinahe das Benzin aus. Es reichte gerade noch für ein paar Stunden, als der Nachschub durchkam, nachdem einige Offiziere der Koalition hinter den Kulissen die Befehlskette empor gestupst hatten.
Aber wenn hier weniger amerikanische Truppen sind – die Truppenstärke in Zhare und dem benachbarten Distrikt Maiwand ist von einer Brigade von rund 4500 auf zwei Bataillone von insgesamt 1500 Soldaten reduziert worden – werden afghanische Truppen die Lücken füllen müssen.
«Es gibt in Zhare keinen weissen Raum – weisser Raum meint das Gebiet, das niemand besitzt oder kontrolliert», sagte Major Casey. Wenn ein Gebiet nicht von US- oder afghanischen Truppen besetzt ist, «dann ist es von den Taliban besetzt. Dann ist es roter Raum».
Solange die Afghanen nicht halten können, was die Amerikaner aufgeben, sagte er, «wird mehr Raum rot».
Das ist bei den Dörfern rund um den Stützpunkt Hajji Rahmuddin II der Fall. Noch im September beherbergte der Aussenposten 120 amerikanische Soldaten nebst ein paar Dutzend afghanischen Truppenangehörigen. Bis zum Januar war die dortige amerikanische Streitkraft auf einen einzigen unterbesetzten Zug reduziert worden. Zwischen der Besetzung der vier Wachtürme, dem Durchführen von Patrouillen, dem Abbaubeginn der Basis und der Sorge um grundlegende menschliche Bedürfnisse – Essen, Baden und Schlafen – war der Zug völlig überbeansprucht.
Vor zwei Wochen schafften sie es, einige Minuten pro Tag mehr zu finden, nachdem die Duschen abtransportiert und nicht ersetzt worden waren. Die heissen Mahlzeiten fielen als nächstes weg und Essenszeit war immer dann, wenn man es schaffte, einige Rationen zu schnappen. Die Soldaten hier bringen es immer noch fertig, darüber zu scherzen. Dann wurden die Funkantennen abgebaut. Der kurze Angriff der Taliban folgte; nach diesem wurde eine einzige Ballonkamera für das Tag-und-Nacht-Wachehalten im Umkreis des Aussenpostens abgestellt, schilderte Major Casey.
Die afghanische Truppe auf der Basis, nun auf 16 Soldaten reduziert, beobachtete das argwöhnisch und sagte den Amerikanern, dass sie bleiben müssten. Am Morgen des amerikanischen Abzuges sagte der afghanische Kommandant, Leutnant Muhammed Mohsen, in einem Interview, er glaube, dass sie zurückkämen. Wenn nicht, sagte er grimmig, würden die Dorfeinwohner sie bald zurück haben wollen.
«Wir werden die Freiheit haben zu tun, was wir wollen», meinte Leutnant Mohsen. Diejenigen Dorfbewohner, die Frieden wünschten, würden ihn bekommen. Bei denjenigen, die nicht wollten, «können wir vielleicht ihre Häuser zerstören».
Mittlerweile hatten die Amerikaner ihre hoch aufragende Überwachungskamera heruntergeholt, einer der einzigen grossen Vorteile für die Verteidiger. Mit diesem Zeitpunkt wurde Sicherheit «eine riesige Sorge», wie Major Casey sagte. «Wir haben mehr oder weniger alle unsere Anlagen darauf konzentriert, darauf aufzupassen.»
Sie mussten ein paar Stunden länger aufpassen, als vorgesehen. Leutnant Mohsen hatte nur drei Soldaten auf der Basis zurückgelassen, nicht einmal genug, um auf jedem der fünf Türme, die er nun kontrollierte, einen Mann aufzustellen. Die Amerikaner sassen zwei Stunden über ihren geplanten Abreisezeitpunkt hinaus fest und warteten auf die Rückkehr von ihm und dem Rest seiner Männer.
Zu guter Letzt schafften es die Amerikaner, den Aussenposten zu räumen, nachdem sie nur gerade ein Feuergefecht hatten durchstehen müssen – eine Erleichterung nach Tagen der Vorbereitung auf eine grosse Attacke.
Allerdings sagten Major Casey und andere Kommandanten, sie erwarteten, dass die Taliban von dem, was sie gerade gesehen hätten, gelernt haben.
Der Zug, der von Hajji Rahmuddin II abzog, wird auch regelmässig zurückkommen, um mit den afghanischen Truppen, die hier stationiert sind, zu arbeiten. Die Amerikaner würden ausserdem auch weiterhin aus der Luft überwachen.
«Das letzte, was wir wollen», so Major Casey, «ist, dass die Taliban einen Stützpunkt erfolgreich übernehmen, nachdem wir gegangen sind. Das ist fast so schlimm, wie wenn sie sich darauf vorbereiten können, uns während unseres Abzuges anzugreifen.»    •

Quelle: © The International Herald Tribune vom 16./17.2.2013.
(Übersetzung Zeit-Fragen)

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