Vierter Dresdner-Friedenspreis für Stanislaw Petrow

Vierter Dresdner-Friedenspreis für Stanislaw Petrow

von Anton Friedrich

Sonntagmorgen, 6.46 Uhr, Berlin Hauptbahnhof am EC 171 nach Budapest über Dresden und Prag. Ich wäre gerne zu den Ungarn gefahren, denen wir bei der Wiedervereinigung Deutschlands so viel zu danken haben. Aber heute geht es nach Dresden, auch das «Elb-Florenz» genannt. Um 11 Uhr wird in der Semperoper der Vierte Internationale Friedenspreis, der Dresden-Preis 2013, zur Konflikt- und Gewaltprävention an Stanislaw Petrow verliehen.
Für mich ist der Besuch in Dresden eine kleine emotionale Herausforderung. Als gebürtiger Hamburger wäre ich noch so gerne schon vor der Wende mit dem Boot von Hamburg nach Dresden geschippert, unserer Partnerstadt am oberen Ende der Elbe. Meine Eltern sprachen oft und gerne von ihrer Zeit in Dresden, meist allerdings mit feuchten Augen. Mein Vater wurde schwerverletzt mit der letzten JU 52 aus Stalingrad rausgeflogen und landete im Lazarett in Dresden. Erst zwei Jahre vorher hatte meine Mutter einen unverletzten jungen Mann geheiratet und nun eilte sie nach Dresden, um ihm nach seiner Verletzung zur Seite zu stehen. Also auf nach Dresden in die Semperoper.
Die Semperoper wurde 1945 stark zerstört und erst 1985 feierlich wiedereröffnet (die Frauenkirche erst 2000). Zur Verleihung des Friedenspreises ist die Oper ausverkauft. Die Menschen sind gekommen, um Stanislaw Petrow zu ehren, der 1983 durch seine Zivilcourage, seine Intuition und sein Engagement für den Weltfrieden, den Ausbruch des dritten Weltkrieges verhindert hat.
Petrow ist nach Gorbatschow, Barenboim und Nachtwey der vierte Preisträger des mit 25 000 Euro dotierten internationalen Friedenspreises von Dresden. Die Laudatio hielt Claus Kleber, mehrfach geehrter Reporter des ZDF, zuletzt für seinen Dreiteiler: «Die Bombe». Die Moderation hatte Bundesinnenminister a.D. Gerhart Baum, der als 12jähriger den Bombenangriff auf Dresden miterlebte. James Nachtwey wurde 2012 für seine Bildreportage des Feuersturms geehrt. Das musikalische Rahmenprogramm stammte von sechs russischen Musikern, die seit fünf Jahren in Berlin mit einem gekonnten Mix aus Salsa, Klezmer, Jazz, Tango und echter russischer Folklore für Furore sorgen. In der Semperoper spielten sie für Stanislaw Petrow auf. Phantastisch.
Oberstleutnant Stanislaw Petrow war am 25.9.1983 der diensthabende Kommandeur einer geheimen Einheit der Sowjetunion, die 80 km von Moskau entfernt der Überwachung amerikanischer Atomraketen diente. 140 Soldaten beobachteten rund um die Uhr auf ihren Bildschirmen, dass sich nichts auf den amerikanischen Abschussrampen bewegte und sie nie einen Alarm auslösen müss­ten.
Zur Erinnerung: 1983 war Reagan Präsident der USA und Andropow erster Sekretär des ZK der UdSSR. Reagan betrachtete die Sowjetunion als «Reich des Bösen» und Andropow war sich sicher, dass die Amerikaner den atomaren Erstschlag vorbereiteten. Kalter Krieg. In der BRD wurden Cruise Missiles und Pershing II stationiert und dagegen protestiert. In die DDR kamen die ersten SS 20. Die USA bauten mit dem SDI ein weltweites Abwehrsystem gegen die UdSSR auf. Im Kino liefen «Wargames» und «The Day After», in denen der Atomkrieg und seine Folgen dargestellt wurden. Aber es war nicht Kino. 1983 standen wir real direkt vor dem dritten Weltkrieg. Einer der grössten Ost-West-Konflikte nach der Kuba- und Berlin-Krise wurde 10 Jahre totgeschwiegen.
Oberstleutnant Stanislaw Petrow wurde in dieser Nacht insgesamt fünf Mal innerhalb weniger Minuten der Abschuss amerikanischer Atomraketen mit Ziel UdSSR gemeldet. Die Sputniks hatten 15 Sekunden nach dem vermeintlichen Abschuss fünf Mal «Start» an die Überwachungsstelle bei Moskau gesendet. Und die Wahrscheinlichkeitsanzeige, ob der Angriff echt ist, stand auf höchst. Dazu Petrow: «Sie verstehen, höchst, höher geht nicht.» Aber Petrow bewahrte einen kühlen Kopf. Er liess alle verfügbaren Kontrollsysteme überprüfen. Er kannte als Ingenieur und Systemanalytiker die Technik der Warnsysteme in- und auswendig. Aber es wird kein technischer Fehler gefunden, alles läuft normal. Ausser dass soeben ein Atomkrieg begonnen zu haben scheint. «Ich war mir nicht sicher», so Petrow, «auf der einen Seite funktionierte das System reibungslos, deshalb musste die ballistische Meldung stimmen. Andererseits fehlte die visuelle Bestätigung.» Obwohl die Bedrohung also 50 zu 50 steht, greift er zum Telefon und meldet dem Generalstab einen Fehlalarm. Dann meldet er den zweiten und dritten Fehlalarm. Oberstleutnant Stanislaw Petrow: «Ich wollte nicht schuld sein am dritten Weltkrieg.» Er entscheidet nicht als Techniker, nicht als Offizier der Sowjetarmee, sondern einzig als Mensch. Er hätte die Entscheidung nach «oben» zum Generalstab abschieben können, aber er nimmt seine Verantwortung für das Überleben der Menschheit sehr couragiert wahr.
Nun starren alle auf die Radarschirme. Würde dort doch eine Rakete auftauchen oder fünf oder noch mehr? Nach einer halben Stunde bewahrheitet sich der Fehl­alarm. Keine Raketen im Anflug auf die UdSSR. Oberstleutnant Stanislaw Petrow bedankt sich bei den Kollegen. Es ist vorbei. Der dritte Weltkrieg wurde von Petrow verhindert. Die Ursache des Fehlalarms wird erst später gefunden: eine kosmische Irritation von Sonne und Erde, ein Lichtblitz und Nebel, den der Sputnik falsch gedeutet hat. Petrow wird dennoch dafür gerügt, dass er in dieser Nacht während 30 Minuten das Protokoll nicht gründlich genug geführt hat. Er scheidet 1984 als 45jähriger aus der Sowjetarmee aus. Erst 1993 wird er rehabilitiert. Der General, der ihn 1983 getadelt hatte, berichtet nach dem Zusammenbruch der UdSSR von der streng geheimen Raketenüberwachungsstation und dem von Petrow gemeldeten Fehl­alarm. Daraufhin bekommt Oberstleutnant Stanislaw Petrow Post aus aller Welt, alle mit ähnlichem Text: «Danke, dass Sie 1983 die Welt gerettet haben.» Dazu wiederholt Petrow bis heute immer wieder zwei Sätze: »Ich bin kein Held. Ich habe nur meine Arbeit getan.»
Es war ein wunderbarer Anlass, nach Dresden zu fahren. Und es hat mich sehr bewegt, mit wieviel Aufrichtigkeit und Mut Oberstleutnant Stanislaw Petrow seinen Weg gegangen ist. Minutenlange Standing ovations für ihn in der Semperoper zu Dresden. Und es bleibt unsere Aufgabe, uns für eine atomwaffenfreie Welt mit Herz und Hand zu engagieren. Spätestens seit 2007 liegen dazu konkrete Vorschläge auf dem Tisch. Die atomare Rüstung, dieser Irrsinn, muss beendet werden. Wir können uns nicht auf einen Oberstleutnant Stanislaw Petrow verlassen, der es schon richten wird. Und wir wissen nicht, wer heute dann die Verantwortung übernimmt.    •

«Die Situation war schon das ganze Jahr [1983] über angespannt. Der damalige Präsident Ronald Reagan hatte uns als «Reich des Bösen» beschimpft. Dann stationierten die Amerikaner in Westeu­ropa Pershing-II-Raketen, die auf Moskau zielten, im Gegenzug haben wir unsere Raketen in den ‹Volksdemokratien› Osteuropas aufgebaut.» (S. Petrow in «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vom 19.2.2013)

17. Februar 2013 – Wir und die Welt sind noch am Leben!

Der bekannte norwegische Autor und Jurist Fredrik S. Heffermehl («The Nobel Peace Prize: What Nobel Really Wanted») hat in einem Schreiben an die Mitglieder des vom norwegischen Parlament eingesetzten Nobel-Komitees den früheren sow­jetischen Offizier Stanislaw Petrow für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen:
17. Februar 2013 – Wir und die Welt sind noch am Leben! Ich habe heute an der Feier in der vollbesetzten Dresdner Semperoper (1300 Personen) teilgenommen, an welcher der sowjetische Atomexperte Stanislaw Petrow mit dem Dresdner Friedenspreis für 2013 ausgezeichnet wurde. Petrow arbeitete in der Nacht vom 26. September 1983 als Ersatz für den Leiter einer Raketenalarmzentrale, als alle Sirenen und Warnleuchten plötzlich angaben, dass die USA den nuklearen Krieg in Gang gesetzt und atomare Raketen in Richtung Sowjetunion abgeschossen hatten. Petrow behielt einen kühlen Kopf und benachrichtigte den hohen Befehlshaber, dass es ein Fehlalarm war. Es gab mehrere Male Fehlalarme, aber kaum jemals waren wir so nahe an der totalen Vernichtung des Lebens auf der Erde. Wie wurden wir gerettet? Dies ist eine Geschichte, aus der wir viel lernen können. Es war unser Glück, dass Petrow Entwickler und Ingenieur war und viel mit dem Warnsystem gearbeitet hatte; das Handbuch zur Satellitenüberwachung von Raketenangriffen hatte er selbst geschrieben. So konnte er seine Beurteilung derjenigen der Maschinen gegenüberstellen. Wir müssen alle froh sein, dass Petrow als Ersatz für den Offizier eingesetzt war, der eigentlich in dieser Nacht den Befehl gehabt hätte. Dieses Geschehen ist nicht nur Geschichte, sondern immer noch hochaktuell.
Diejenigen, die glauben, dass Atombomben mit dem Ende des Kalten Krieges auf mysteriöse Weise verschwunden seien, träumen. Realität ist, dass mit der Zukunft der Menschheit immer noch «russisches Roulett» gespielt wird. Dies kommt besonders in dem Faktum zum Ausdruck, dass die Zeremonie in Dresden stattfindet – in der Stadt, die am 13. und 14. Februar 1945 zerstört wurde. Heute kann die ganze Welt verbrannt und zerstört werden. (Dem entgegen zu arbeiten ist für mich nun an Berlin, wo Friedensbewegung und Diplomaten in der Middle Powers Initiative zu einer Einigung über die Abschaffung aller Atomwaffen zu gelangen versuchen.)
Von den Organisatoren wurde mir berichtet, dass sie Petrow gefragt hatten, was er im Leben noch erleben wollte. Er habe geantwortet: Norwegen zu besuchen! Idealerweise sollte er nach Norwegen kommen, sagte ich in einer Rede beim Abendessen nach der Zeremonie, um den Friedensnobelpreis zu erhalten – und vorzugsweise zusammen mit zwei anderen: mit Lee Butler oder Whistle­blower Daniel Ellsberg aus den USA und mit Mordechai Vanunu aus Israel. Es wäre ein Trio, das uns die Verwundbarkeit des Lebens auf diesem Planeten bewusstmachen könnte.
Ich schlage vor, dass eines der Mitglieder des Nobelpreiskomitees diesen Vorschlag als gültigen Vorschlag für 2013 in seiner ersten Sitzung registriert.
Mit freundlichen Grüssen
Fredrik S. Heffermehl, Oslo,
Rechtsanwalt und Autor

«Hätten wir einen Massenstart in den Vereinigten Staaten festgestellt, hätten wir unsere Raketen losgeschickt, das wäre ganz schnell gegangen. Man musste ja nichts weiter tun, als die Kreiselkompasse der Raketen anzuwerfen und die Zielkoordinaten zu bestätigen. Die amerikanischen Raketen wären auf uns niedergegangen, und unsere wären nur noch wenige Minuten von Amerika entfernt gewesen. Es ist unvorstellbar, was mit unserem Planeten passiert wäre. Ein Leben wäre wohl nicht mehr möglich gewesen.» (S. Petrow in «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vom 19.2.2013)

«Für uns war klar: Wenn die Amerikaner uns zuerst angreifen, würden sie länger zu leben haben als wir, aber eben nur 20 bis 30 Minuten. So war das damals.» (S. Petrow in «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vom 19.2.2013)

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