«Wir müssen alles daran setzen, die Produktion aus einheimischer erneuerbarer Energie zu steigern»

«Wir müssen alles daran setzen, die Produktion aus einheimischer erneuerbarer Energie zu steigern»

Interview mit Thomas Egger, Geschäftsführer der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB)

Zeit-Fragen: Ist die Wasser-Energiewirtschaft im Berggebiet in allen Kantonen gleich organisiert?

Thomas Egger: Die gesetzlichen Bestimmungen zur Energiewirtschaft liegen in kantonaler Kompetenz. Entsprechend gibt es zu Recht auch unterschiedliche Lösungsansätze in den Kantonen. Das beginnt schon nur bei der Frage, wer über die Nutzungsrechte an den Wasserläufen verfügt. Im Kanton Bern liegt dies beispielsweise in kantonaler Hoheit. Damit kommen auch die Einnahmen aus dem Wasserzins – die Entschädigung für die Nutzung der Ressource Wasser – dem Kanton zugute. In Graubünden und im Wallis verfügen demgegenüber die Gemeinden über die Nutzungsrechte. Die Einnahmen aus dem Wasserzins stellen für die entsprechenden, oft strukturschwachen Gemeinden eine wichtige Einnahmequelle dar.

Welche handlungsberechtigten Organisationen gehören nach Ihrer Einschätzung an den Tisch, um so komplexe Fragen wie das Aufstocken von Kapazitäten zu klären?

Die Politik hat in der Schweiz den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Das bedeutet, dass wir rund 40% unserer Stromproduktion ersetzen müssen. Durch die Steigerung der Energieeffizienz können zu einem Teil Einsparungen vorgenommen werden. Doch vor allem müssen wir alles daran setzen, die Produktion aus einheimischer erneuerbarer Energie zu steigern. Dazu können die Berggebiete mit ihrem Potential an Wasserkraft, aber auch anderen erneuerbaren Energiequellen sehr viel beitragen. Die Energiewende ist damit auch eine Chance für die Berggebiete.
Wichtigste Partner für den Ausbau der Energieproduktion sind in erster Linie die Kantone, Gemeinden und die Energiewirtschaft selber. Die Umweltverbände müssen auf geeignete Weise möglichst früh in den Prozess einbezogen werden. In den Dialog einbezogen werden sollte aber zum Beispiel auch der gerade im Berggebiet sehr wichtige Tourismus. Dies wird allzu oft vergessen. Denn eine Veränderung des Landschaftsbildes kann auch zu erheblichen Einbussen im Tourismus führen. Windturbinen auf jeder Krete wie in Spanien sind wahrlich kein schönes Landschaftsbild und würden die Attraktivität unserer Berglandschaft schmälern. Doch wo die Landschaft schon vom Menschen überformt ist wie zum Beispiel bei den Stauseen, könnten Windturbinen gut aufgestellt werden. Zudem gehört auf jedes Hausdach, auf jede Lawinenverbauung und warum nicht auch auf jeden Skilift wie in Tenna (GR) eine Solaranlage.

Die Studierenden der höheren Bildungsanstalten fühlen sich durch die Polemik von FDP und SVP gegen die Umweltverbände sehr unangenehm berührt. Wie könnte man den Dialog verbessern?

Bei Ausbauprojekten für die Energieproduktion geht es letztlich immer auch um eine Interessensabwägung. Was wird höher gewichtet: die Energieversorgung oder der Umweltschutz? Ausbauprojekte liegen sehr oft in Schutzgebieten. Das verwundert nicht weiter, wenn man weiss, dass rund 20% der Landesfläche der Schweiz als Landschaften von nationalem Interesse (BLN) gelten. Innerhalb der Bauzonen wird man zudem sehr rasch mit Fragen des Ortsbild- und Denkmalschutzes konfrontiert, wenn man etwa auf Hausdächern Solaranlagen installieren will. Nötig ist also eine Interessensabwägung. Bei dieser Interessensabwägung wurde in der Vergangenheit sehr oft der Umweltschutz höher gewichtet als andere Interessen. Eine Rolle spielt dabei unter anderem die Eidgenössische Kommission für Natur- und Heimatschutz (ENHK). Sie muss bei Projekten in BLN-Gebieten obligatorisch angehört werden und vertritt dabei logischerweise die Sichtweise des Landschaftsschutzes. Doch welche eidgenössische Kommission vertritt die Interessen der Energiewirtschaft bei dieser Interessensabwägung? Warum wird nicht die ENHK zu einer Energie- und Landschaftskommission umfunktioniert, damit der nötige Dialog stattfinden kann?

Welche Bedeutung hat die SAB in diesem Prozess?

Die SAB hat verschiedene Funktionen. Einerseits nehmen wir Einfluss auf die Ausgestaltung der politischen Rahmenbedingungen. So werden wir uns etwa bei der Energiestrategie 2050 für den Ausbau der erneuerbaren Energien in der Schweiz einsetzen. Andererseits berät die SAB aber auch Regionen und Gemeinden in Entwicklungsprozessen. Insbesondere im Rahmen des Gemeindenetzwerks Allianz in den Alpen konnten wir bereits verschiedene Gemeinden in Fragen der Energieeffizienz und des Ausbaus erneuerbarer Energien beraten. Vor kurzem haben wir zudem ein dreijähriges Projekt zum Thema Klimawandel und Tourismus gestartet, bei dem die Energieproduktion ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Mehrere Tourismusgemeinden sind hier aktiv beteiligt.

Welche «kleineren» Energieregionen gibt es in der Schweiz, die ein Konzept für erneuerbare Energie entwickelt haben?

Die Energieregionen sind in der Schweiz ein relativ neues Konzept. Bekannt sind insbesondere die Energieregionen Goms, Toggenburg und Val-de-Ruz. Seitens des Bundes besteht sowohl aus Sicht der Energiepolitik (Bundesamt für Energie) als auch aus Sicht der Regionalpolitik ein grosses Interesse, weitere Energieregionen zu fördern.

Ein Beispiel wäre hier das Energietal Toggenburg? Wie wird hier die Energie gewonnen?

Das Energietal Toggenburg setzt auf alle erneuerbaren Energieträger und will diese ausbauen. Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang, dass ein regionaler Träger die Leader-Funktion übernimnt. Im Falle des Toggenburgs kamen wesentliche Impulse von der Geschäftsstelle der Region Toggenburg. Als überkommunaler Akteur ist diese bestens legitimiert und prädestiniert, eine koordinierende Rolle einzunehmen. In allen Bergregionen der Schweiz sind solche Geschäftsstellen installiert. Das organisatorische Potential ist also vorhanden. Jetzt braucht es in diesen Regionen noch innovative Personen und die Erkenntnis, dass die Energieproduktion ein grosses Potential für die regionale Wirtschaft darstellt. Die Kooperation mit externen Experten kann dabei hilfreich sein. Diese können Privatpersonen oder auch Forschende von Hochschulen sein.

Gibt es noch andere solche Regionen, und wie wird hier die Energie gewonnen?

Interessant ist für mich auch das Beispiel des Goms. Auch hier stand eine initiative Person am Anfang des Prozesses. Für den Durchbruch im Prozess war dabei die Erkenntnis, dass das Goms zwar sehr viel Energie aus Wasserkraft produziert, diese aber zum gröss­ten Teil exportiert und dafür Energie etwa in Form von fossilen Brennstoffen wieder importiert. Nur schon das Aufzeigen dieser Energieflüsse war ein wichtiger Meilenstein, der ein Umdenken in der Region ausgelöst hat. Basierend darauf wurde das Potential für Solaranlagen und weitere Formen der Energieproduktion analysiert und nun schrittweise umgesetzt. Und dass die Zusammenarbeit mit dem Tourismus funktionieren kann, zeigt diese Region auch exemplarisch durch den Erfolg des Alp­mobils, also der Vermietung von Elektromobilen, um die Alpenpässe erkunden zu können.

Herr Egger, vielen Dank für das Gespräch.    •

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