«Ich bin Bauer, nicht Unternehmer!»

«Ich bin Bauer, nicht Unternehmer!»

Interview mit Benoît Biteau*, geführt für Figarovox von Paul Sugy

Während in Paris die Landwirtschaftsmesse eröffnet wird, tritt Benoît Biteau in den Widerstand. Dieser Landwirt tritt für ein anderes Landwirtschaftsmodell ein, das den Boden, die Erde und die Menschen stärker respektiert … auf die Gefahr hin, dass einige goldene Kälber wie die FNSEA (Fédération nationale des syndicats d’exploitants agricoles =Französischer Bauernverband), die WTO oder die aktuellen Vorgaben der GAP (Gemeinsame Agrarpolitik der EU) zum Schlachthof geführt werden.


Figarovox: Sie stellen sich in Ihrem Buch als «Bauer» und nicht als «Unternehmer» (exploitant) vor. Was meinen Sie mit dieser Unterscheidung?


Benoît Biteau: Was sich in der Tiefe hinter dem lexikalischen Feld des Begriffes «exploitation» [doppelte Bedeutung im Deutschen: sowohl Betrieb als auch Ausbeutung] verbirgt, ist eine verzerrte Beziehung zwischen Mensch und Erde, zwischen Mensch und Tier und zwischen den Menschen. Wir sind die Wächter des Lebens, nicht seine Betreiber. Gerade wegen des Anklangs von Gewalt in diesem Begriff habe ich nach einem Wort gesucht, in dem ich mich besser wiederfinde: Ich bin Bauer, weil ich niemanden ausbeute, sondern im Gegenteil, weil ich mit dem Leben kooperiere. Dies ist meine Definition von Agrarwissenschaft: die Ökosysteme zu beobachten, die Biomasse produzieren, wie zum Beispiel den Wald, um dann deren Logik in der Landwirtschaft zu reproduzieren. In meinem Buch versuche ich alle Teile eines grossen Puzzles zusammenzubringen, um zu zeigen, dass alle Fragen im Zusammenhang mit Landwirtschaft, Ernährung und Klima miteinander verbunden sind.


In dem Buch erzählen Sie, dass Sie der Erbe einer langen bäuerlichen Familientradition sind. Wie hat sich die Landwirtschaft im Laufe Ihrer persönlichen Geschichte Ihrer Wahrnehmung nach entwickelt, und wie hat dieses Erbe Ihre Beziehung zur Erde geprägt?


Von meinen Grosseltern, väterlicherseits wie mütterlicherseits, habe ich starke Werte vermittelt bekommen. Ich habe von ihnen Grundwerte gelernt: eine Art brüderliche Menschlichkeit, auch eine pazifistische Logik, denn meine Familie hat sehr unter dem Krieg gelitten. Diese Werte haben sich in ihrer täglichen Lebensweise, auch in ihrem bäuerlichen Beruf niedergeschlagen. Wenn ich in einem Wort zusammenfassen müsste, was diese Werte beinhalten, so ist es Respekt. Sie haben sich darum bemüht, die Ressourcen, die Tiere, den Boden zu respektieren … und in dem Rucksack, den mir meine Familien­geschichte überlassen hat, finden wir diese Samen der Menschlichkeit und des Respekts. Deshalb konnte ich das vorherrschende Landwirtschaftsmodell nicht übernehmen, das allerdings von meinem eigenen Vater umgesetzt wurde. Denn ich habe während meines Werdegangs und während meines Studiums Dinge entdeckt, von denen mein Vater zweifellos nichts wuss­te, die mich aber zum Nachdenken gebracht haben und durch die ich mich nach und nach von den Denkweisen entfernt habe, auf die er seine Bewirtschaftung ausgerichtet hatte: die schädlichen Auswirkungen, die Pestizide und Düngemittel verursachen, das Übermass an Wasserverbrauch … Es muss auch gesagt werden, dass das alles erst durch aktuelle Studien aufgedeckt worden ist.


Sie bewegen sich also in umgekehrte Richtung. Welche Art von Landwirtschaft praktizieren Sie als Bauer und als Widerstandskämpfer, gegen wen oder gegen was kämpfen Sie?


Ich habe mich für eine Balance entschieden und mich geweigert, in die wissenschaftliche Logik einzutauchen, die besagt, dass alles, was die Wissenschaft erfindet, notwendigerweise gut ist. Ich lehne jedoch nicht alle Fortschritte ab. Ich beobachte die Fortschritte, die die Wissenschaft uns bringt, und messe sie an ihrem Beitrag für das Gemeinwohl und was sie im Hinblick auf die Beschwerlichkeit des Berufes bedeuten. Ich wende einfach den gesunden bäuerlichen Menschenverstand an, das heisst, dass ich langfristig plane nach einem globalen Ansatz. Es geht darum, die territorialen Gleichgewichte, die Ressourcen, das Wasser insbesondere, zu bewahren, denn die Landwirtschaft verschwendet heutzutage viel. Wir brauchen zwar Wasser, aber die Bewässerung der Kulturen darf einfach nicht die verfügbaren Ressourcen übersteigen! Respekt, auch hier wieder … Gesunden bäuerlichen Menschenverstand anzuwenden bedeutet auch, die heimische Artenvielfalt zu erhalten, denn 90 % des Saatguts sind im letzten Jahrhundert verlorengegangen … die berühmten «verbotenen Samen», die Carrefour in einer bemerkenswerten Marketingkampagne verteidigt hatte.
 Die Landwirtschaft muss sich auch um ihre Auswirkungen auf das Klima kümmern: 70 % der Flächen sind von der Landwirtschaft beherrscht, es ist also offensichtlich, dass sie bedeutende Auswirkungen auf das Klima hat und dass es ratsam ist, darüber nachzudenken. Aber auch deswegen, weil die Landwirtschaft die erste ist, die unter den Klimaveränderungen leidet. Stéphane Le Fol schlug einen Ansatz vor, der mir interessant erschienen ist: Auf allen Böden des Planeten die Rate an organischer Substanz des Bodens um nur 4/1000 zu erhöhen, das würde ausreichen, dass die Landwirtschaft drei Viertel der durch menschliche Aktivitäten erzeugten Treibhausgase absorbiert. Diese Überlegung geht in die richtige Richtung und kann die Landwirtschaft zum Retter des Klimas machen.
Schliesslich interessiert sich die Landwirtschaft auch für die Gesundheit. Wenn man das Ziel hat, den Konsumenten zu ernähren, wie kann man ihm dann ernsthaft Produkte auf den Teller legen, die Pestizide enthalten, die für unsere Gesundheit schädlich sind? Um so mehr, als auch hier die Bauern selber zu den ersten Opfern gehören. Mein Buch ist auch für Yannick geschrieben, meinen Freund aus Kindheitstagen, selber auch Bauer. Ich habe ihn acht schmerzvolle Jahre lang begleitet, bevor er uns verlassen hat, hinweggerafft durch eine Krankheit, die durch die chemischen Produkte in unserer Landwirtschaft verursacht wurde.
Dem gesunden bäuerlichen Menschenverstand entspricht eine ganzheitliche Herangehensweise, die sich sowohl mit dem Boden wie auch mit der Erde befasst. Und wenn ich im Widerstand bin, dann deswegen, weil ich tatsächlich beobachte, dass nach dem Krieg ein Landwirtschaftsmodell entwickelt wurde, das dazu beigetragen hat, dass Industrieunternehmen umgesattelt haben auf Nahrungsmittel, ohne die Besonderheit des bäuerlichen Berufes ins Auge zu fassen. Weit entfernt von Respekt und dem gesunden bäuerlichen Menschenverstand.

Im Jahr 2020 soll von der GAP eine tiefgreifende Reform in Gang gebracht werden, gegen die Sie in Ihrem Buch gewaltige Vorwürfe erheben. Was ist Ihrer Meinung nach die Richtung, die diese Reform einschlagen sollte?

Ich sehe zwei Schwerpunkte. Es ist schon notwendig, aus dieser Logik auszusteigen, die die Beihilfen proportional zur Fläche verteilt, die den Landwirten zur Verfügung steht (je mehr Hektar wir haben, desto mehr Subventionen erhalten wir). In einer Zeit, in der sich immer mehr junge Menschen für eine Rückkehr aufs Land interessieren, sollten die Hilfen nicht mehr verteilt werden auf Grund der Fläche, sondern entsprechend der Anzahl an menschlicher Arbeitskraft. Je mehr Arbeitsplätze die Bauern schaffen, desto mehr sollten sie belohnt werden! Haben wir denn nicht gerade heute ein Beschäftigungsproblem? Und es würde auch helfen, aus dieser spekulativen Grund-und-Boden-Logik herauszukommen, die schlecht für die Landwirtschaft ist.
Darüber hinaus ist es notwendig, aus einer Subventionslogik auszusteigen und dagegen eine Logik der Vergütung einzuführen für die Dienstleistungen, die für die Gesellschaft erbracht werden. Zum Beispiel muss ein Landwirt, der die Bewässerung beschränkt, um Wasserressourcen zu erhalten, dafür entschädigt werden. Die Steuerzahler werden sich dort wiederfinden, denn die präventiven Massnahmen in bezug auf die Umwelt sind weit weniger teuer als die heilenden Mass­nahmen. Die Mehrheit der Landwirte hat Interesse an solchen Entwicklungstendenzen.

Sie gebrauchen sehr harte Worte gegenüber der Mehrheitsgewerkschaft der Landwirte, der FNSEA, deren repräsentatives Monopol Sie anprangern. Welche Beanstandungen erheben Sie gegen sie?


In der Tat werfe ich der FNSEA vor, nicht im Dienste der Bauern zu stehen, sondern im Gegenteil der objektive Verbündete derer zu sein, die sich auf unsere Kosten bereichern! Das sind die Nahrungsmittelindustrie oder die chemische Industrie. So kann man die Bauern nicht verteidigen. Wenn sich die FNSEA für die Verteidigung von Glyphosat einsetzt, dann stellt sie sich auf die Seite der Händler und nicht auf die der Produzenten. Ich kann es kaum fassen! Niemand kann die Positionen dieser Gewerkschaft verstehen. Und wenn sie heute noch eine Mehrheit hat, dann deshalb, weil sie an der Spitze eines molochartigen Systems steht, das alle Beteiligten blockiert: die Landwirtschaftskammern, die Banken, das Gesundheitssystem der Bauern (das sich übrigens schwertut damit, die besonderen Krankheiten, die die Landwirte treffen, als Berufskrankheiten anzuerkennen). Der einzige Grund, warum wir weiterhin für die FNSEA stimmen, ist, Zugang zu Grund und Boden zu haben, um Anteile an einer Kooperative zu haben oder um einen Agrarkredit zu erhalten … Dafür ist es nötig, sie zu wählen. Als wir eine Futtermittelkooperation ins Leben gerufen haben, um den durch schlechtes Wetter verursachten Engpass abzumildern, da hatte wieder die FNSEA das Monopol darüber: Wenn wir bei ihr eine Tonne Heu bestellt haben, dann haben wir sie dadurch auch noch finanziert!
Die Landwirtschaft ist ein Thema von wirklich gesellschaftlicher Bedeutung, und es muss eine echte Debatte möglich sein. Das von der FNSEA ausgeübte Gewerkschaftsmonopol ist nicht gut, zumal über die Landwirte hinaus alle Steuerzahler davon betroffen sind.

Was meinen Sie, wenn Sie schreiben, dass wir «die Landwirtschaft aus der WTO herausnehmen» müssen?


Es ist wirklich dringend! Es ist völlig inakzeptabel, dass man frei mit landwirtschaftlichen Rohstoffe spekulieren kann, als ob es Goldbarren wären. Es stellt sich mir die Frage, ob Nahrung, die ein lebenswichtiges Bedürfnis ist, ein Reichtum ist wie jeder andere. Müssen wir wirklich bei ihr die gleiche liberale und merkantile Logik anwenden wie bei allen anderen kommerziellen Werten? Offensichtlich nein, zumindest, wenn wir immer noch an den gesunden bäuerlichen Menschenverstand glauben.

Scheinen Ihnen die Vorschläge von Emmanuel Macron, insbesondere die, die er am Donnerstagabend vor 700 jungen Landwirten vorgebracht hat, in die richtige Richtung zu gehen?


Leider glaube ich, dass Emmanuel Macron, wenn er grosse Investitionsprojekte vorstellt (er sprach von einem Plan von einer Milliarde Euro in Form von garantierten Krediten für die Landwirte), immer noch diejenigen von uns finanzieren wird, die über die meisten Mittel verfügen, mit anderen Worten diejenigen, die es gar nicht nötig haben. Denn wenn es einen Investitionsplan gibt, dann müssen auch subventionierte Landwirte eine Finanzierungskapazität haben. Das werden aber nicht diejenigen sein, die 350 Euro im Monat verdienen und die noch nicht mal einen Euro haben, um die Kantine für ihr Kind bezahlen zu können! Die werden einfach weiter von der Bildfläche verschwinden …

Sie schliessen, indem Sie sagen, dass Sie «für kommende Generationen» schreiben. Zum Schluss: Was möchten Sie einem jungen Bauern sagen, der einen Bauernhof aufbaut oder übernimmt?


Ich möchte ihnen eine Botschaft der Hoffnung vermitteln! Es gibt tatsächlich heute ein neu erwachendes Interesse an landwirtschaftlichen Projekten, und wir müssen jetzt staatliche Massnahmen finden, die es möglich machen, diese ehrgeizigen Projekte zu unterstützen. Darauf gründe ich mein Vertrauen, und so sende ich eine entschieden optimistische Botschaft, indem ich Lösungen vorstelle, Projekte, die funktionieren, und von denen ich hoffe, dass sie bei den Bürgerinnen und Bürgern Begeisterung hervorrufen werden. Es ist im Interesse aller!
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Quelle: © Figarovox vom 23.03.2018

(Übersetzung Zeit-Fragen)


*    Benoît Biteau ist bäuerlicher Agrarwissenschaftler bei «EARL Val de Seudre Identi‘Terre» (einem Bio-Bauernhof mit alten Tierrassen und Forstwirtschaft). Er ist Mitglied des Regionalrats von Nouvelle-Aquitaine in Frankreich. Im Februar hat er sein Buch «Paysan résistant!» (Bauer und Widerstand[skämpfer]) veröffentlicht (Edition Fayard, 2018), ein Buch, in dem er zu den von seiner Familie ererbten bäuerlichen Werten zurückkehrt, um für eine verantwortungsvolle Landwirtschaft einzustehen und um neue Lösungen angesichts der Herausforderungen von morgen in den Bereichen Landwirtschaft, Nahrungsmittel und Klima vorzuschlagen.



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