«Malen ohne Umschweife»

«Malen ohne Umschweife»

Kunstausstellung Gabriele Münter in München

von Gisela Schlatterbeck-Kersten und Ingo Kersten

Angeregt von einer Ausstellungstragetasche mit einem farbig leuchtenden Frauenportrait kamen wir an einem sonnigkalten Januar-Sonntag nach München zum Lenbachhaus. Die Fahrt vom Bodensee nach München zur grossen Ausstellung der Werke von Gabriele Münter (1877–1962) hat sich mehr als gelohnt. Man entdeckt einen Schatz wunderschöner farbenreicher Bilder mit so schön gewagten Farbkompositionen, die immer wieder von neuem überraschen.

Die Ausstellung hat uns aus verschiedenen, sehr unterschiedlichen Gründen beeindruckt. Gabriele Münter war uns aus der Münchener Studienzeit in den sechziger Jahren durch Besuche im damaligen Lenbachpalais als Teil der Expressionisten bekannt, aber nun muss­ten wir feststellen, dass das nur ein kleiner Ausschnitt aus ihrem Werk war.
Das einst beschaulich intime Lenbachhaus, eine Maler-Villa, ist heute ein grosses modernes Ausstellungshaus geworden, mit einer Dependance in einem aufgelassenen unterirdischen U-Bahnhof, der als Ausstellungshalle mit Zwischeneinbauten sehr grosszügig wirkt. Und diesen Raum füllt das Werk von Gabriele Münter mühelos.
Die Ausstellung ist nicht chronologisch, sondern themenzentriert konzipiert. Das ist neu und folgerichtig für das Werk von Münter, das sich nicht in zeitlich abgeschlossenen Phasen entwickelte. Eher kann man sagen, dass Gabriele Münter unabhängig von ihren häufigen Ortswechseln und Auslandsaufenthalten ihre Arbeitsweise beibehielt, die Motive variierte, in andere Techniken transponierte oder nach Jahren fast identische Fassungen wiederholte.
Die 10 Sektionen, in die sich die Ausstellung gliedert, sind nach Themen geordnet, die Bilder aus unterschiedlichen Schaffenszeiten zeigen. Auch die Techniken sind vielfältig, die sie sich im Laufe ihres Lebens angeeignet hatte.
Sie begann mit 14 Jahren, Portraitskizzen zu zeichnen. Mit 21 ging sie für 2 Jahre nach Amerika (1898–1900), sie fotografierte Menschen, Landschaften, Jahreszeiten und Portraits. Photographien blieben ihr Leben lang Anregung und Grundlage für Bilder.
Zurück in Deutschland besuchte sie 1902 in München einen Holzschnittkurs, und immer wieder entstanden farbige Variationen ihrer Drucke von Portraits oder Landschaften, so zum Beispiel die Serie «Spielzeug» von 1908.
Später in Murnau (Allgäu) lernte sie die dort in kleinen Werkstätten hergestellten Hinterglasmalereien kennen und experimentierte auch mit dieser Technik. Die Motive werden seitenverkehrt in Umrissen aufs Glas gemalt und mit Farben ausgefüllt. Umgedreht leuchten dann die Farben verstärkt durch das Glas. In vielen späteren Bildern erinnern die starken dunklen Umrisse und die  satten Farbflächen an solche Hinterglasmalereien.

Arbeit und Technik

Bereits in Amerika fotografierte und skizzierte sie Verwandte bei der Feldarbeit sowie Eisenbahnkonstruktionen und Lokomotiven. 1911 enstand das Bild «Ruhrgebiet II», das eine industrielle Landschaft zeigt. Besonders aber beschäftigte sie sich mit Bauarbeiten. Als 1935–1937 vor ihrem Haus in Murnau eine Eisenbahnstrecke und die Strasse nach Garmisch-Partenkirchen (Olympiastrasse) gebaut wurden, faszinierte sie die mächtige rauchende Maschine, der Bagger. Sie verbrachte oft halbe Tage dort und unterhielt sich mit den Arbeitern. Dabei entstand unter anderen das Bild «Der Blaue Bagger». Mehrfach war das Ungetüm, der Bagger, Mittelpunkt eines Bildes.
Im Laufe ihres Lebens war sie Zeitzeuge vieler Stil-Umbrüche, die sie anregten, neue Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen.
Als sich in den zwanziger Jahren einige Maler einem fast photographisch-puristischen Malstil zuwendeten, der kühl und sachlich Gegenstände und auch Menschen darstellen sollte, ohne Spuren des Arbeitsprozesses zu zeigen, nahm sie diese Malweise auf. Aber wie! In dem Portrait der schreibenden Frau im Sessel 1929 zeigten sich ihre malerischen Fähigkeiten mit grosser Finesse, zart und doch bestimmt. Zwar sind die Formen und Farbflächen scharf umrissen, aber die zart und stofflich gemalte Pyjamahose und die roten Schuhe sind keineswegs «sachlich».
In der letzten Ausstellungssektion über den Umgang mit der Abstraktion gibt es Beispiele aus zwei Arbeitsphasen. Die erste aus den Jahren 1914/1915 ging von einer Natur-Anregung aus und wurde stufenweise von Bild zu Bild immer abstrahierender. Später, als 70jährige, malte sie nochmals einige gegenstandslose Bilder (es sind Studien mit fest umrissenen sehr farbigen Formen). Sie nennt sie Bagatellen, als wollte sie, dass diese Phase ihrer Malerei nicht so ernst genommen werden sollte.
An einigen Stellen in der Ausstellung wird man plötzlich durch bewegte Bilder – Film­ausschnitte – festgehalten. Das Medium Film, so erfährt man, war für Gabriele Münter Anregung und Entspannung zugleich.
Uns ist nach dem Besuch der Ausstellung klargeworden, dass uns das Werk von Gabriele Münter eigentlich nur bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges und dem Weggang von Wassily Kandinski bekannt war und wir sie als Schülerin und Partnerin von Kandinski und Mitglied der Gruppe Blauer Reiter kannten, so dass wir uns, ähnlich wie G. Knapp in der «Süddeutschen Zeitung», fragten: «Wie konnte einem ein so bedeutender Teil der jüngeren deutschen Kunstgeschichte, ein so vielfältiges malerisches Werk aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis heute fast gänzlich vorenthalten werden?» Diese Frage hat uns beschäftigt. Wir erlebten, dass in den fünfziger Jahren an den Akademien fast ausschliesslich die abstrakte Kunst gefördert wurde mit starken Anregungen aus Paris. Aber ab den Sechzigern galt New York als Hauptort der Kunst-Avantgarde, und in der Folge erlebten wir dann in Europa die Kulturrevolution der 68er, die sogenannten Studentenunruhen, die überall im europäischen Kulturleben die Wertvorstellungen und Traditionen in Frage stellten, auch um sie zu zerstören, was besonders für Deutschland sehr im Interesse mancher Kreise in den USA war. In diesem Kontext war das Lebenswerk der Künstlerin Gabriele Münter nicht mehr im Sinne des Zeittrends.
 Insofern ist es ein grosser Verdienst der Kuratoren, diese Ausstellung erarbeitet zu haben. Ein grosser Teil der 140 Gemälde wurde noch nie oder letztmalig vor Jahrzehnten der Öffentlichkeit gezeigt. Er stammt aus dem Nachlass der Künstlerin und wurde von selten ausgestellten Leihgaben ergänzt.
Wir wünschen dieser Ausstellung ein grosses Echo!    •

Termine der Ausstellung:
Lehnbachhaus, München, noch bis 8. April 2018 (dann in Dänemark), danach im Museum Ludwig in Köln vom 15. September 2018 bis zum 13. Januar 2019

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