75 Jahre Stalingrad

Ausstellung in der evangelischen Kartäuserkirche Köln

von Reinhild Felten und Christian Fischer

«75 Jahre Stalingrad» – zu diesem Thema wurde am 28. Juni eine Ausstellung in der Kartäuserkirche in Köln eröffnet, im Anschluss an die Deutsch-Russische Städtepartnerkonferenz vom 25. bis 28. Juni in Aachen und Düren.

Die Ausstellung dokumentiert auf etwa 15 Tafeln mit Fotos, Karten und erläuternden Texten die Schlacht von Stalingrad und ordnet sie historisch ein. Die Fotos zeigen Bilder der Zerstörung, Soldaten im Einsatz – und in der Gefangenschaft. Sie zeigen Offiziere beim Unterzeichnen von Dokumenten, sie zeigen einige Dokumente und Karten über den Verlauf der militärischen Handlungen. Die Texte erläutern diese Ereignisse – bis dahin, dass sich der deutsche General Paulus in und nach der Gefangenschaft für ein friedliches Zusammenleben im Sinne der sowjetischen Seite eingesetzt hat.

Die Ausstellung wurde 2018 bereits in verschiedenen Städten Europas gezeigt (Paris, Rom, Izmir, Berlin, Moskau). Die Stadt Wolgograd hat die Ausstellung ins Leben gerufen, die Kölner Ausstellung wurde vom Städtepartnerschaftsverein Köln-Wolgograd initiiert. Mathias Bonhoeffer, Pfarrer der Kartäuserkirche, hat gerne seine Kirche geöffnet, um auch der Kölner Öffentlichkeit die Ausstellung zu zeigen.

Eva Aras, Vorsitzende des Städtepartnerschaftsvereins Köln-Wolgograd, und Pfarrer Bonhoeffer begrüssten bei der Ausstellungseröffnung am 28. Juni etwa 100 Gäste, darunter einige aus Wolgograd (ehemals Stalingrad). So zum Beispiel Andrej Kosolapov, Vorsitzender des Wolgograder Stadtparlaments, und Jurij Starovatych, ehemaliger Wolgograder Oberbürgermeister. Starovatych hat zusammen mit dem ehemaligen Kölner Oberbürgermeister Burger vor 31 Jahren die Städtepartnerschaft Köln-Wolgograd ins Leben gerufen. Anwesend waren auch die Kölner Bürgermeisterin Frau Scho-Antwerpes, der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters, der stellvertretende Vorsitzende des Stadtrats von Coventry, Abdul Kahn, und der ehemalige Vorsitzende des Städtepartnerschaftsvereins Köln-Wolgograd, Werner Völker.

Frau Scho-Antwerpes erinnerte daran, dass die Stalingrad-Schlacht Sinnbild und Mahnmal für Furchtbares ist, das nicht mehr passieren darf. Die Städtepartnerschaften mit Leben zu füllen, sei eine Aufgabe, die dazu beiträgt und die der Städtepartnerschaftsverein Köln-Wolgograd wahrnehme.

Andrej Kosolapov aus Wolgograd sprach seinen tiefen Dank an alle aus, die das Zeigen dieser Ausstellung in Köln ermöglicht haben. Das sei eine notwendige Erinnerung an die Bedrohungen, die vom Nationalsozialismus ausgehen, was auch heute noch oder wieder aktuell sei. Dabei seien doch die Deutschen die ersten Opfer des Nationalsozialismus gewesen. In der Folge des Zweiten Weltkrieges hätten Menschen aber auch Positives entwickelt, zum Beispiel die Gründung der Uno und viele zivilgesellschaftliche Initiativen wie die Bewegung der Städtepartnerschaften. Er wünscht sich eine Verbreitung der Ausstellung in Bibliotheken, an Schulen und an anderen Orten.

Die Ansprachen wurden musikalisch begleitet vom Musiktrio «Siresa», drei Kölner Musikstudenten, die Stücke von Max Bruch und Ludwig van Beethoven spielten.

Frau Dr. Ekaterina Makhotina, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Bonn, hielt einen interessanten Vortrag darüber, wie unterschiedlich Stalingrad von den Russen und den Deutschen wahrgenommen wurde und zum Teil noch wird. In Russland ist dies der Beginn des Sieges der Roten Armee über Nazideutschland, und es wurde vor allem das Heldentum der Soldaten gefeiert. Aus der Literatur nennt sie Romane von Nekrasov und Grossmann, wobei letzterer unter Stalin noch verboten war, weil er nicht nur das Heldentum, sondern auch die schrecklichen Seiten des Krieges dargestellt und auch mit der Hoffnung auf eine Erneuerung des Sowjetstaates verbunden hat. Erst zur Gorbatschow-Zeit wurde sein Buch in Russland veröffentlicht. In Deutschland wurde unter den Nazis die Niederlage ebenfalls in einen Heldenkult umgedeutet: Der deutsche Soldat kämpft bis zuletzt. Nach dem Krieg wurden die deutschen Soldaten als sinnlose Opfer der Nazidiktatur dargestellt, die breite Blutspur, die sie in Russland hinterlassen haben, aber fast völlig ausgeblendet. Mit der von Jan-Philipp Reemtsma organisierten Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht begann nach 1989 eine andere, aber auch weiter umstrittene Wahrnehmung. Inzwischen bemühen sich beide Seiten, Deutschland und Russland, um eine gemeinsame Sicht mit dem gemeinsamen Willen: Nie wieder Krieg!

Nach einer weiteren musikalischen Einlage gab es eine Podiumsdiskussion und Gelegenheit für die Teilnehmer, sich am Gespräch zu beteiligen.

Der russische Initiator der Städtepartnerschaft, Juri Starovatych, berichtete von einem persönlichen Erlebnis: Als Kind sei er mitten in der Schlacht mit seiner Mutter auf einer Fähre über die Wolga geflohen. Er konnte nicht begreifen, warum sie angegriffen wurden, und stellte seiner Mutter die Frage: «Warum wollen die uns töten?» Bis heute sei diese Frage unbeantwortet.

Jürgen Roters, ehemaliger Kölner Oberbürgermeister, engagiert sich selbst im Deutsch-Russischen Forum und hat mehrmals Russland besucht. Er war immer wieder überrascht und bewegt, mit welcher Freundschaft und Herzlichkeit die Russen ihm und den Deutschen begegnen, trotz allem, was die Russen von der Deutschen Wehrmacht erleiden mussten.

Andrej Kosolapov erinnerte beim Podiumsgespräch erneut an die Gefahr des Neofaschismus, der in verschiedenen Ländern Europas zurzeit wieder erstarke.

Aus dem Publikum meldeten sich mehrere Bürger zu Wort. Ein ehemaliger ARD-Korrespondent zeigte sich beeindruckt davon, wie auch die deutschen Kriegsgräber in Russland gepflegt werden.

Mehrere engagierte Stellungnahmen erinnerten daran, dass Russland vom Westen inzwischen wieder als Feind gesehen und bedroht werde, obwohl nach dem Ende des Kalten Krieges eine andere Entwicklung möglich und richtig gewesen wäre. Der grossen Opfer, die das russische Volk für den Sieg über Nazideutschland gebracht hat, werde hier leider kaum gedacht. Statt dessen werde wieder aufgerüstet, und eine Friedensbewegung sei so leise wie schon lange nicht mehr, obwohl sie allen Grund hätte, laut zu werden. Diese deutlichen Stimmen aus dem Publikum liessen sich auch nicht davon beeindrucken, als jemand kurz versuchte, die heutigen Militäreinsätze als Friedenseinsätze umzudeuten. Die Anwesenden zeigten sich in ihren Stellungnahmen und Reaktionen einig in der Ablehnung der heutigen militärischen Aktivitäten des Westens, die sie vor allem auch als Einkreisung Russlands verstehen.

Im Anschluss gab es Gelegenheit, die Ausstellung zu besichtigen und im Kirchhof bei herrlichem Sonnenschein, bei Brezeln und Getränken, weiter ins Gespräch miteinander zu kommen. •

«Mehrere engagierte Stellungnahmen erinnerten daran, dass Russland vom Westen inzwischen wieder als Feind gesehen und bedroht werde, obwohl nach dem Ende des Kalten Krieges eine andere Entwicklung möglich und richtig gewesen wäre.»

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