«Fête des Vignerons» und die Wahlen im kommenden Herbst

von Ursula Felber

Diesen Sommer war für einmal Vevey die «Hauptstadt» der Schweiz. Tausend Extrazüge brachten die Menschen aus allen Teilen des Landes an den Lac Léman. Während dreier Wochen war diese Stadt mit ihrem einmaligen Freilichttheater der Mittelpunkt der Schweiz.
Fast jeden Tag besuchte ein anderer Kanton oder eine Kantonsgruppe mit einer grösseren oder kleineren Delegation die Winzerstadt. Schon am Bahnhof wurden die Gäste jeweils mit Musik empfangen und zum Festgelände geleitet. Jeder Kanton präsentierte seine Eigenheiten, seine Spezialitäten, mit einem Umzug, einer Ansprache eines Regierungsmitgliedes, mit Musik, Tänzen und Juchzen usw. Der Stolz auf den eigenen Kanton war bei allen Beteiligten offensichtlich. Deutlich spürte man die Freude und oft auch ein Staunen der Besucher über das Dargebotene: die «Fête des Vignerons», das grosse Fest des Weinbaus im Verlauf der Jahreszeiten. Es war das 12. Winzerfest seit 1797.

Über 5500 freiwillige Schauspieler spielten mit viel Engagement und Herzblut ihre Rollen, so dass das ganze spectacle eine grossartige Ausstrahlung hatte. Weitere über 3000 Freiwillige engagierten sich rund um das Fest, verteilten Programme, Prospekte, erklärten das Fest, zeigten den Weg zur Arena usw.
Eigentlich wollten wir zwei Tage in Vevey verbringen, geblieben sind wir schlussendlich acht. Von morgens bis abends war so vieles zu sehen, zu hören, zu erfahren, die fröhliche Stimmung in der ganzen Stadt liess uns dort verweilen. Überall waren die Mitwirkenden in ihren wundervollen, massgeschneiderten Kostümen anzutreffen. Gerne erzählten sie über ihre Rolle, ihre Motivation, da mitzuwirken, über ihr Outfit usw. So konnte man wieder seine Französischkenntnisse einsetzen. Aber auch viele Romands bemühten sich, ihre Deutschkenntnisse zu praktizieren. Die Schauspieler steckten an mit ihrer Begeisterung fürs Fest und freuten sich über den Besuch. Auch bedankten sie sich, dass so viele Menschen aus allen Teilen der Schweiz und aus dem Ausland den Weg nach Vevey gefunden hatten. Wer waren die Schauspieler? Viele Eltern mit ihren Kindern spielten mit, Frauen, Männer, Ältere, Jüngere, verschiedene Nationen, gesunde oder behinderte Menschen, alle mit fröhlichen, zufriedenen Gesichtern. Jahrelang dauerte die Planung, über ein Jahr wurde geübt, geprobt. So viel Enthusiasmus auf freiwilliger Basis, alle bei guter Laune. Ist das nicht bemerkenswert?

Seit 200 Jahren sind auch die Freiburger Bauern mit ihren Kühen und ihrem Lied «Lyoba – Ranz des Vaches» fester Bestandteil der Fête des Vignerons. Jeweils zum Martinstag am 11. November tragen die Bauern aus dem Freiburgerland ihre Produkte, vornehmlich Käse, auf den Markt ins waadtländische Vevey, wo der Wein aus dem Lavaux verkauft wird. Die Freundschaft und die Verbundenheit der beiden Kantone untereinander ist deutlich spürbar.
An der «Fête des Vignerons» habe ich viele Beobachtungen und Erlebnisse gemacht, die wegweisend sein könnten für das Zusammenleben in unserem Land. Das ganze Fest verlief friedlich, nicht einmal erlebte ich eine aggressive Stimmung oder hatte ich ein mulmiges Gefühl. Dass so etwas möglich ist über eine so lange Zeit und mit so vielen unterschiedlichen Menschen auf so engem Raum, zeugt von guter Planung und Organisation und dem Willen aller, dass es gelingt.

Im Herbst stehen bei uns die Parlamentswahlen an. Eine sehr wichtige Angelegenheit für unser Land und seine Zukunft. Ich wünsche mir da ein Stück von dieser Stimmung aus Vevey zu erleben – nämlich vom Engagement, gemeinsam weiterzukommen. Statt unsachlicher Diskussionen, Unterstellungen, falscher Informationen, wie wir dies in den letzten Jahren immer wieder erlebt haben, wäre es wichtig für uns alle, offen zu sein, nicht besser sein zu wollen, nicht die Konfrontation zu suchen. Es geht darum, den gemeinsamen Nenner zu suchen und sich auf die wertvollen Traditionen unserer Vorfahren zu besinnen.
Im Vordergrund sollten die Freude und der Wunsch stehen, sich gemeinsam für unser Land einzusetzen, so dass wir weiterhin in Freiheit, Unabhängigkeit und Frieden zusammenleben können. Achtung und Respekt vor dem anderen und seiner Meinung, das brauchen wir, und das soll der Massstab sein, ob jemand nach Bern gewählt wird oder nicht.    •

«Fête des Vignerons»

uf. Die «Fête des Vignerons» (deutsch: Winzerfest) ist ein Schweizer Weinfest, das seit 1797 alle 20–25 Jahre in Vevey im Kanton Waadt stattfindet. Als erste lebendige Tradition der Schweiz wurde das Fest im Dezember 2016 in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Das nahegelegene Weinbaugebiet Lavaux zählt seit 2007 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Vom 18. Juli bis 11. August 2019 fand das 12. Fest 20 Jahren nach dem vorhergehenden  statt. In 21 Aufführungen wurde vor jeweils rund 20 000 Zuschauern der Lebenszyklus des Weines im Verlauf der Jahreszeiten in Form von Bildern und Dialogen dargestellt. Im Zentrum stehen die Geschichte der Weinbauern und ihr handwerkliches Können, die menschlichen Beziehungen und die Weinberge des Lavaux, oberhalb des Lac Léman.

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