«Die Wolga brannte …»

Überlebende aus Stalingrad erinnern sich  … und immer wieder öffnete auch Menschliches ein Fenster zum Leben

von Dr. rer. publ. Werner Wüthrich

1988 war die Zeit der Perestroika – die Zeit der Überwindung des Ost-West-Konflikts –, und es sollten Jahre der schwersten wirtschaftlichen Krise kommen. Die Stadt Köln ging mit Wolgograd eine Städtepartnerschaft ein mit dem Ziel, näher miteinander in Kontakt zu kommen und den menschlichen und kulturellen Austausch zu pflegen. Unmittelbar danach wurde in Köln der Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Köln–Wolgograd gegründet, und es entstand die «Arbeitsgruppe Mir». Der Austausch war rege und wurde noch vertieft, als einige Jahre später in Wolgograd der Köln-Verein gegründet wurde.

1991 nahm die «Arbeitsgruppe Frieden» Kontakt zu ehemaligen Ostarbeiterinnen und Ostarbeitern aus dem früheren Stalingrad auf, die zur Zeit der Schlacht im Herbst 1942 und im Winter 1943 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden waren und die bis dahin auch keine ernstzunehmende Entschädigung erhalten hatten. Im Rahmen dieses Projekts vermittelte der Verein Briefpartnerschaften, leistete humanitäre Hilfe und half in dringenden Notfällen auch direkt. Ein Fonds sammelte Spenden und verfügte bald über erhebliche Geldmittel. 1998 richtete die «Arbeitsgruppe Frieden» eine Umfrage an ihre betagten Freunde in Wolgograd, die als Jugendliche die Schlacht von Stalingrad miterlebt und überlebt hatten oder die damals nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt worden waren. Sie baten sie, ihre Erinnerungen aus dieser Zeit schriftlich festzuhalten. Das Echo und die Berichte waren gewaltig. Bereits 1999 bekamen die Kölner Besuch von ihren Freunden aus Wolgograd, und es fanden im «Theater am Sachsenring» und im neu gegründeten «Lew-Kopelew-Forum» zusammen mit den angereisten Zeitzeugen Lesungen statt. Im Jahr 2002 gab der Verein die vorliegende Dokumentation mit fünfzig eindrücklichen persönlichen Berichten sowohl im russischen Original als auch in deutscher Übersetzung heraus.

Berichte aus dem Krieg: Hunger, Kälte, Tod …

Fünfzig Berichte von Zeitzeugen liegen heute vor, die als Jugendliche die Zeit der Schlacht miterlebt und unter widrigsten Umständen ausgeharrt hatten oder die von deutschen Soldaten als Arbeitsfähige «eingesammelt» und als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschickt worden waren – vor allem junge Frauen. (Die Männer waren in der Armee.) Diese Berichte sollen gehört und gelesen werden. Sie sind ein Mahnmal für Versöhnung und Frieden.
Die Behörden in Stalingrad wurden vom schnellen Vorstoss der 6. Armee im Sommer 1942 überrascht und unterliessen es, die Zivilbevölkerung in der Stadt rechtzeitig zu evakuieren. Dazu kam, dass Stalin die Flucht verboten hatte, weil dies die Moral der Truppen schwächen würde.
Galina Michajlowna (damals 21 Jahre alt): «Der 23. August 1942 war ein Sonntag, es war ein ruhiger und warmer Morgen. Aber mittags wurde der Himmel schwarz von Flugzeugen, und die Bombardierung begann. Es war heiss, viele Häuser waren aus Holz, und entsetzliche Feuer brachen aus. Häuser brannten. […] Häuser stürzten ein, es brannte die Erde, es brannte die Wolga.»
«Und mit Gekreisch bombardierten die Flugzeuge immer weiter, immer weiter. Mein Vater wurde am 19. September getötet, wir begruben ihn im Hof.»
Konstantin Dmitrijewitsch (damals 12 Jahre alt): «Am 23. August 1942 begannen erste massive Bombardierungen der Stadt, in deren Folge die Stadt praktisch zerstört war. Die Versorgung war unterbrochen. […] Das Erdöllager wurde zerstört, auf dem Eisenbahndamm wurden Hunderte von Waggons zerstört. […] Tagelang, manchmal auch nachts, suchte ich in den durch Bombenhagel zerstörten Häuser nach Essbarem. – Weizen, Mehl … Nachts schleppte ich aus einer Quelle Wasser. Im Gemüsegarten neben dem Haus wuchsen verschiedene Gemüse. […] Infolge all dieser Dinge waren wir ständig Zeuge des Todes vieler Einwohner der Stadt. Wir retteten uns vor den Bombenangriffen und dem Beschuss in eine Erdhütte oder im Tunnel unter dem Eisenbahndamm. […] Aber mit jedem Tag wurde es für uns schlimmer. Klawa, meine kleine Schwester, wurde krank, und auch mich verliessen die Kräfte vor Hunger. Manchmal ging ich zur deutschen Küche und sammelte dort Kartoffelschalen auf. Einmal brachte ich einen toten Hund mit, irgendwie haben wir ihn gehäutet und dann gegessen. Aber meistens hungerten wir mehrere Tage. […] Am Morgen wachten wir auf, und unsere Mutter war tot. Irgendwie schleppten wir sie hinaus, legten sie in den Schnee neben die Mauer eines zerstörten Gebäudes, bedeckten sie mit Lumpen und schütteten sie dann mit Schnee zu.»
Konstantin berichtet auch von der verzweifelten Lage der deutschen Soldaten im Januar 1943, als die 6. Armee von der russischen Armee eingeschlossen wurde und keinen Nachschub mehr erhielt: «Die Deutschen, verlaust, verhungert, durchfroren durch die Kälte und den starken Wind, wurden wie wilde Tiere. Alle warmen Sachen, die sie den Bewohnern abnehmen konnten, nahmen sie für sich. Die Deutschen trugen Schultertücher von Frauen, die sie zu Decken zusammengebunden hatten. An den Füssen hatten sie irgendwelche Stiefel aus Stroh.» (S. 304–306)

Verschleppung in die Zwangsarbeit

Als die Schlacht im August 1942 begonnen hatte, waren noch viele Zivilisten in der Stadt. Einem kleinen Teil gelang es, über die Wolga zu fliehen, was gefährlich war. Der Fluss war unter ständigem Beschuss der Wehrmacht, weil die russischen Truppen auf diesem Weg ihren Nachschub erhielten und ihre Verwundeten in Sicherheit brachten. Andere versuchten, die Stadt zu verlassen und bei Verwandten in Nachbarsiedlungen Unterschlupf zu finden. Sie kamen nicht weit. Deutsche Soldaten sammelten die Arbeitsfähigen ein – vor allem Frauen und Jugendliche – und verfrachteten sie als Zwangsarbeiterinnen nach Deutschland. Mütter mit Kindern und alte Leute wurden auf die Kolchosen in der Region verteilt.

Galina Michajlowna: «Sie stopften uns in Güterwaggons – so viele, dass wir auf der langen Reise gar nicht liegen, nur sitzen konnten. Auf freiem Feld hielt der Zug an, so dass wir unsere Notdurft verrichten konnten. In Deutschland kamen wir in ein Verteilungslager. Fabrikbesitzer, Bauern, Haushalte und andere, denen Arbeitskräfte fehlten, konnten uns anfordern. Auf dem Ärmel des linken Arms trugen wir alle die Aufschrift OST – in grossen weissen Buchstaben, und wir wurden von den Zwangsarbeitern aus anderen Ländern getrennt gehalten. Wir wurden für vieles eingesetzt – oft auch ohne Bewachung. Denn wohin sollten wir auch fliehen.»
Die Zwangsarbeiterinnen wurden auch in Rüstungsbetrieben eingesetzt – hier meist mit strenger Bewachung, weil die Frauen wussten, dass die Waffenteile, die sie zusammenbauten, dazu bestimmt waren, ihren Vater, Sohn oder Bräutigam umzubringen. Eine Schraube nur locker anzuziehen oder etwas Ähnliches wäre nur allzu verständlich gewesen.
Einige der Russen schilderten auch das Kriegsende. Die Reise ging bald zurück in die Heimat – ins zerstörte Stalingrad, und es kamen erneut Jahre der Entbehrung. Ähnlich wie zurückkehrende Kriegsgefangene klagten auch manche, dass sie in der Heimat mit Misstrauen empfangen wurden und sogar Nachteile in Kauf nehmen mussten – wohl weil sie nicht bis zum Tod Widerstand geleistet hatten.

Echte menschliche Berichte – anders als die heutige Kriegsberichterstattung

Die Medien, die über die heutigen Kriege berichten, sind meistens wenig realistisch. Sie melden, dass wieder bombardiert worden sei – aus diesem oder jenem Grund, meist wenig überzeugend. Bis zu den betroffenen Menschen stossen die Berichte nicht wirklich vor. Genau das tun aber Bücher wie das vorliegende. Zu nennen ist auch das Stalingrad-Buch von Heinrich Gerlach «Durchbruch bei Stalingrad». Das Manuskript wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vom sowjetischen Geheimdienst beschlagnahmt und erst vor wenigen Jahren in Archiven in Moskau entdeckt. Erwähnt werden muss auch das Buch «Margarethes Wolken», das die Erlebnisse einer jungen Frau aus Ostpreussen schildert, die als jugendliche Zwangsarbeiterin mehrere Jahre in einem Kohlebergwerk in Sibirien arbeiten musste, und heute – als 91jährige – von sich sagt, dass sie ein «glückliches Leben» gehabt habe. Der Halt in ihrer Familie – Margarethes Wolken – und viel Menschliches, das auch sie in der schweren Zeit erleben durfte, haben ihr ein Fenster zum Leben geöffnet. Beide Bücher wurden in Zeit-Fragen besprochen (vgl. Nr. 26 vom 20. November 2018 und Nr. 15 vom 2. Juli). Diese Bücher berühren tief, weil sie ehrlich beschreiben, was Krieg ist und welche Folgen er hat. In ihnen kommt auch immer wieder Menschliches zu Wort. Ich denke, das ist der Weg zum Frieden.

Dazu drei Beispiele aus dem vorliegenden Buch «… und die Wolga brannte»

Die damals 16jährige Raissa Gawrilowna wurde in einer Fabrik dem älteren deutschen Arbeiter Willi als Hilfskraft an einer Fräsmaschine zugewiesen. Er konnte nicht russisch und sie nicht deutsch. So kommunizierten sie mit dem Wörterbuch. Sie solle die Maschine ja nicht anstellen, sagte Willi zu ihr, weil er etwas neu einstellen wollte. Sie verstand es genau umgekehrt: Er wurde ernsthaft verletzt. Sein gellender Schmerzensschrei schreckte die Arbeiter in der ganzen Fabrikhalle auf, und alle liefen zusammen. Raissa: «Ich war sehr erschrocken, zitterte wie Espenlaub, tränenüberströmt stand ich zwischen den herbeigeeilten Deutschen. Er wurde weggebracht, sie sagten irgendwie etwas, schrien durcheinander. Nach einiger Zeit kam Willi mit verbundenen Händen wieder, sagte etwas zu den Leuten, und alle gingen auseinander. Er wischte mir die Tränen ab, sagte ‹gut›, ‹gut›, ich sei nicht schuld. Hätte er das Gegenteil gesagt, es wäre mein Ende gewesen. Auch bei den Deutschen gab es gute, besonnene Menschen.» (S. 77)

Ljudmila Jakowlewna (damals 17 Jahre alt) hat ebenfalls Versöhnliches zu berichten: Sie und ihre Freundin lernten einen Deutschen kennen, der im Ersten Weltkrieg in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen war. Er hatte nicht vergessen, dass er dort freundlich behandelt worden war. «Manchmal gab er jeder von uns ein Stück Brot, und manchmal lud er uns zu sich nach Hause ein, obwohl es für ihn ein Risiko war. Galina und ich schlichen heimlich zu ihm, wobei wir unser OST verdeckten. Seine freundliche Frau bewirtete uns immer, auch wenn sie selber auch nicht gerade üppig lebten. Doch ein Leben lang werden wir dieser Familie gegenüber grosse Dankbarkeit bewahren.» (S. 101)
Wassiljewna (damals 13 Jahre alt): «Nachdem so viele Jahre vergangen sind, muss ich sagen, dass ich keinen Groll gegen das deutsche Volk hege. Dank dem einfachen Volk haben viele von uns überlebt. Die Hitlers, Goebbels und Stalins vergehen, das Volk bleibt bestehen. Die Völker wird es immer geben, und sie werden befreundet sein, egal welcher Nationalität sie sind.» (S. 92)

Neuauflage des Buches «… und die Wolga brannte» im Jahr 2018

2018 jährten sich die Ereignisse von Stalingrad zum 75. Mal. Der Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft gab die Dokumentation von 2002 erneut heraus. Diesmal fanden in Wolgograd Gedenkveranstaltungen und Lesungen statt – zusammen mit Besuchern aus den beiden Partnerstädten Köln und Chemnitz, die Gast in russischen Familien waren.
Solche Veranstaltungen sind wichtig, weil aktuell politisch und militärisch erneut Fronten gegen Russland aufgebaut werden. Das Land wird nicht mehr an die G-8-Konferenzen eingeladen, das Stimmrecht im Europarat wurde ihm entzogen, es gibt Sanktionen, die die wirtschaftlichen und politischen Kontakte einschränken sollen, geplante Gas-Pipelines sollen nicht gebaut werden … Kanzlerin Merkel und die anderen Mitglieder der deutschen Regierung glänzten an den Gedenkveranstaltungen durch Abwesenheit. Auch die Bundeswehr war nicht vertreten. Wer versucht, sich darüber kundig zu machen, wird im Internet bald fündig. Michael Henjes vom Bundesverteidigungsministerium liess sich wie folgt zitieren: «Stalingrad ist ein Mythos, der nicht mehr so präsent ist. In der Bundeswehr ist das heute kein Thema mehr. Da sind die Fäden gekappt.» («Hannoversche Allgemeine Zeitung» vom 1.2.2018) Solche Aussagen sind eigentlich ungeheuerlich. Will Henjes als «Stalingrad-Leugner» in die Geschichte eingehen?
Weshalb besuchen hohe westliche Politiker regelmässig die Soldatenfriedhöfe im Westen und verweigern den Toten in Stalingrad den Respekt? Etwa 140 000 deutsche und noch weit mehr russische Soldaten und Zivilisten wurden damals getötet und liegen meist in Massengräbern. – Im Westen gibt es riesige Gräberfelder vor allem aus dem Ersten Weltkrieg. Heerscharen von Touristen besuchen sie täglich. Weshalb der Unterschied? – Die Soldaten in Stalingrad haben genauso ihre militärische Pflicht erfüllt und konnten nicht wählen, wo und wann sie getötet wurden. Aber sie passen offensichtlich nicht in die Spiele der heute oft scheinheiligen Machtpolitik.    •

Zu beziehen bei: Städtepartnerschaftsverein Köln-Wolgograd c/o Eva Aras, Paffrather Strasse 18, 51069 Köln, Tel. 0049 0221 68 52 57
info(at)wolgograd.de oder www.wolgograd.de.

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