Trump hat keine Eile, der saudischen Verteidigung beizustehen

von M. K. Bhadrakumar, Indien

«Der Punkt ist, ein hoher Ölpreis ist keine schlechte Sache für die US-Schieferöl­industrie. Durch das ‹Hydraulic Fracturing› und das Fracking wurde mehr Erdgas für die Produktion in den USA erschlossen, aber die Technologie verursachte zusätzliche Kosten. Das Gewinnen von Schieferöl ist teurer als die konventionelle Ölförderung, und die Kosten der Schieferölproduktion variieren von 40 Dollar bis über 90 Dollar pro Barrel.»

Kaum kommen die geopolitischen Bruchlinien des Drohnenangriffs auf die Werke von Saudi Aramco von Samstag [14. September] zum Vorschein, sind auch schon drei klare Trends erkennbar. Erstens, die saudischen Ermittler beginnen, mit dem Finger auf Iran zu zeigen, was die regionalen Spannungen mit Sicherheit verschärfen wird. Zweitens, die äusserst wichtige Reaktion der USA deutet auf verschiedene, miteinander verbundene Szenarien hin, die alle eng mit den US-Interessen zusammenhängen. Drittens, die extreme Volatilität des weltweiten Ölmarktes und seine wahrscheinlichen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft machen die Situation zu einem internationalen Thema.
Bemerkenswert in der Erklärung des saudischen Aussenministeriums vom Montag ist seine Behauptung, dass die «beim Angriff verwendeten Waffen iranische Waffen waren. Die Ermittlungen laufen noch, um die Quelle des Angriffs zu ermitteln»; dass das Hauptziel dieses Angriffs die globale Energieversorgung sei; dass «dieser Angriff im Einklang mit den früheren Angriffen mit iranischen Waffen auf saudische Aramco-Pumpwerke steht»; dass Riad «UN-Experten und internationale Experten einladen wird, die Situation vor Ort zu beobachten und sich an den Ermittlungen zu beteiligen», und schliess­lich, dass Saudi-Arabien die «Fähigkeit und Entschlossenheit besitzt, sein Land und sein Volk zu verteidigen und energisch auf diese Angriffe zu reagieren».
Das anhaltende Dilemma für Riad besteht darin, die Schuld Irans zu begründen und die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen zu suchen. Die Entschlossenheit, die Uno in die Ermittlungen einzubeziehen, deutet darauf hin, dass die Saudis recht zuversichtlich sind, dass es bald zu einem endgültigen Abschluss kommen wird, der dazu beitragen wird, Iran in der Welt völlig zu isolieren.
Die Erklärung des saudischen Aussenministeriums basiert auf der ersten Erkenntnis der Ermittler, dass «alle operativen Beweise und Indikationen sowie die verwendeten Waffen … iranische Waffen sind». Wichtig ist, dass das Kommando der Gemeinsamen Koalitionstruppen in Riad behauptet hat, dass «der Terroranschlag nicht aus jemenitischem Gebiet gestartet wurde, wie die Huthi-Milizen behaupteten, während diese Milizen nur Werkzeuge sind, um die Agenda der iranischen Revolutionsgarden und ihres Terrorregimes umzusetzen».
Die Stellungnahme unterstellt, dass die saudischen Behörden viel mehr Informationen haben, als sie bereit sind zu veröffentlichen. Sie enthält auch einen ostentativen Bezug auf das iranische Revolutionsgardenkorps.
Am Montag [16. September] rief der US-Verteidigungsminister Mark Esper den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman (MbS) an. In der saudischen Pressemitteilung hiess es, dass Esper «die volle Unterstützung seines Landes für das Königreich bekräftigt» und erklärt habe, dass Washington «derzeit alle möglichen Optionen zur Reaktion auf die Angriffe prüft». Esper lobte die saudische Rolle bei den Bemühungen der USA, «die iranische Gefahr zu bekämpfen, die die Seefahrt bedroht». Aber weder Esper noch MbS beschuldigten Iran.
Vor diesem Hintergrund hat sich Präsident Trump am Montag bei einer Pressekonferenz im Weissen Haus mit dem Thema beschäftigt. (Trump sprach in Anwesenheit des auf Besuch weilenden Kronprinzen von Ba­hrain.) Die Abschrift ist vorhanden. Die wichtigsten Aussagen sind die folgenden:
Erstens, die USA neigen zur Einschätzung, dass Iran für die Angriffe vom Samstag verantwortlich ist. Aber die saudische Untersuchung hat noch keine endgültigen Beweise erbracht. Die USA beabsichtigen nicht, Iran anzugreifen.
Zweitens, Saudi-Arabien ist ein wichtiger Verbündeter, aber die USA können die saudische Verteidigung nicht übernehmen. Sie  können zwar Saudi-Arabien Schutz anbieten, aber Riad wird finanziell dafür aufkommen müssen. US-Spitzenbeamte werden «irgendwann» nach Riad reisen, um Verhandlungen zu führen.
Es ist klar, dass die Saudis «sich stark werden engagieren müssen, wenn wir [die USA] beschliessen, etwas zu unternehmen. Sie werden sehr stark involviert sein, und das beinhaltet auch die Bezahlung. Und das verstehen sie voll und ganz».
Deutlich ausgedrückt: «Die Saudis wollen, dass wir sie schützen, aber ich sage, nun, dafür müssen wir arbeiten. Das war ein Angriff auf Saudi-Arabien, und das war kein Angriff auf uns. Aber wir würden ihnen sicherlich helfen … wir werden mit ihnen etwas ausarbeiten. Aber sie wissen auch, dass ich nicht in einen neuen Konflikt geraten will, aber manchmal muss man es tun.»
Viertens, Trump hat auch ein Auge auf Teheran. Ein Treffen zwischen Trump und dem iranischen Präsidenten Hassan Rouhani in New York während der UN-Generalversammlung ist nicht zu erwarten, aber der Spielraum für Diplomatie ist nicht «erschöpft». Die Iraner wollen einen Deal machen, «aber sie möchten es unter bestimmten Bedingungen tun, und das werden wir nicht tun. Aber ich bin der Meinung, dass es irgendwann klappen wird.»
Abhängig von den tatsächlichen Resultaten der saudischen Ermittler können die USA ihre Haltung gegenüber Iran verstärken, aber es hängt davon ab, was Riad herausfindet. «Es bleibt noch viel Zeit. Da gibt es keine Eile. Wir werden alle noch lange hier sein. Kein Grund zur Eile.»
Das Erstaunliche ist, dass Trump behauptet, er habe es nicht eilig. Bezeichnenderweise schien der iranische Oberste Führer Ali Khamenei, während er am Dienstag in Teheran vor einer Gruppe von Seminarstudenten sprach, die Bemerkungen von Trump vom Vortag zu bestätigen.
In einem relativ versöhnlichen Tonfall sagte Khamenei: «Wenn die USA ihre Worte zurückziehen, Busse tun und zu dem Nuklearabkommen zurückkehren, das sie verletzt haben, dann können sie an Sitzungen anderer Unterzeichner des Abkommens teilnehmen und Gespräche mit Iran führen ... Andernfalls werden keine Gespräche auf irgend­einer Ebene zwischen iranischen und amerikanischen Behördenvertretern geführt, weder in New York noch anderswo.»
Trump brachte auch zum Ausdruck, dass er nicht übermässig beunruhigt sei über den steigenden Ölpreis.
Separat, in einem Tweet am Montag [16. September], sagte Trump: «Weil wir in den letzten Jahren so gut mit Energie umgegangen sind, sind wir ein Nettoenergieexporteur und heute die Nummer eins unter den Energieerzeugern der Welt. Wir brauchen weder Öl noch Gas aus dem Mittleren Osten und haben in Wirklichkeit nur sehr wenige Tanker dort, aber wir werden unseren Verbündeten helfen!»
Der Punkt ist, ein hoher Ölpreis ist keine schlechte Sache für die US-Schieferölindustrie. Durch das «Hydraulic Fracturing» und das Fracking wurde mehr Erdgas für die Produktion in den USA erschlossen, aber die Technologie verursachte zusätzliche Kosten. Das Gewinnen von Schieferöl ist teurer als die konventionelle Ölförderung, und die Kosten der Schieferölproduktion variieren von 40 Dollar bis über 90 Dollar pro Barrel.
Zurzeit kann Saudi-Arabien für weniger als 10 US-Dollar pro Barrel produzieren, während die weltweiten Kosten zwischen 30 und 40 US-Dollar pro Barrel liegen. Die US-Schieferölindustrie wird zum Joker im saudischen Aramco-Kalkül.    •

M. K. Bhadrakumar hat rund drei Jahrzehnte als Karrierediplomat im Dienst des indischen Aussenministeriums gewirkt. Er war unter anderem Botschafter in der früheren Sowjetunion, in Pakistan, Iran und Afghanistan sowie in Südkorea, Sri Lanka, Deutschland und in der Türkei. Seine Texte beschäftigen sich hauptsächlich mit der indischen Aussenpolitik und Ereignissen im Mittleren Osten, in Eurasien, in Zentralasien, Südasien und im Pazifischen Asien. Sein Blog heisst «Indian Punchline».

Quelle: indianpunchline.com vom 19. September

(Übersetzung Zeit-Fragen)

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