Ein anderer Blick auf den Balkan

«Im Brand der Welten. Ivo Andrić – ein europäisches Leben»

Buchbesprechung

rt. Mit den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien (1991–1999) rückte das Werk des 1975 verstorbenen Literaturnobelpreisträgers Ivo Andrić nach längerer Zeit wieder in das Interesse der Öffentlichkeit. Viele erhofften sich von seiner Literatur Verständnis für Geschichte und Mentalität des ehemaligen Jugoslawien. Danach wurde es wieder ruhiger um Andrićs Werk. In der jetzt neu erschienenen, detailreichen und gut recherchierten Biographie über Ivo Andrić legt der ehemalige Balkan-Korrespondent der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», Michael Martens, eine Arbeit vor, die, um Sachlichkeit und Ausgewogenheit bemüht, einen tiefen Einblick in das Leben und Werk des Schriftstellers und Diplomaten gibt. Kenntnisreich bezieht Martens den historischen Hintergrund vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die siebziger Jahre, insbesondere im Gebiet des ehemaligen Jugoslawien, ein.
Ivo Andrićs (1892–1975) Herkunft aus Sarajewo – zuerst noch unter osmanischer Herrschaft, dann als Teil der Habsburger k.u.k.-Monarchie –, seine Entwicklung zum bekannten Schriftsteller im SHS-Königreich Jugoslawien der Zwischenkriegszeit und schliesslich seine Popularität im sozialistischen Jugoslawien unter Tito bilden einen vielfältigen Hintergrund. Wie konnte Ivo Andrić –, der als ein junger Mann eng mit dem Attentäter Gavrilo Princip, der durch seine Schüsse auf Kronprinz Franz Ferdinand den Ersten Weltkrieg auslöste, bekannt war und der später als Spitzendiplomat im Dienste des Königreichs Jugoslawien versuchte, Einvernehmen mit dem Dritten Reich herzustellen –, unter Tito weiterhin als Schriftsteller Karriere machen?
Michael Martens fällt keine voreiligen Schlüsse. Schritt für Schritt zeichnet er das Leben dieses welt- und sprachgewandten Schriftstellers nach. Mit Hilfe von Tagebuchaufzeichnungen, Zitaten aus den Werken und Zeitzeugenaussagen ergibt sich das Bild eines Menschen, der mit offenen Augen für seine Gegenwart sowohl im persönlichen Umfeld, in der Politik als auch der zeitgenössischen Literatur versuchte, seine Umwelt genau zu erfassen und seine Eindrücke und Gedanken erzählerisch zu verarbeiten. Er feilte an Worten, Sätzen, Bildern, er recherchierte ausgiebig in Archiven, er beobachtete Menschen und menschliche Konstellationen. Dass er sich in erster Linie als Schriftsteller verstand, macht Martens deutlich. In seiner Funktion als Diplomat in verschiedenen europäischen Ländern, unter anderem beim Völkerbund in Genf und schliesslich in der Reichshauptstadt Berlin, musste er auch Aufgaben wahrnehmen, die ihn in die Abgründe der Politik führten. Trotz seiner Position als führender Diplomat des ehemaligen Königreichs – aber schon damals weltbekannter Schriftsteller – avancierte er nach dem Zweiten Weltkrieg zum Aushängeschild des neuen sozialistischen Jugoslawien.
Andrić hielt an der Idee «Jugoslawien» fest. Ein Staat der Südslawen als ein staatlicher Zusammenschluss, um die gemeinsamen Interessen nach aussen zu vertreten und um nicht eine Spielwiese der Grossmächte zu bleiben. Schon früh äusserte er sich: «Der Sinn unserer nationalen Vereinigung zu einem grossen und mächtigen modernen Nationalstaat liegt auch darin, dass unsere Kräfte dann im Land bleiben, sich entwickeln und ihren Beitrag zur allgemeinen Kultur unter unserem Namen leisten werden, und nicht von fremden Zentren aus.» (Martens, S. 57) In «Die Brücke über die Drina» führt die Figur Toma Galus aus: «Galus beschrieb danach die Vorteile und Schönheiten dieses neuen Nationalstaates, der um Serbien wie Piemont alle Südslawen auf der Grundlage völliger Gleichberechtigung der Stämme, religiöser Toleranz und staatsbürgerlicher Gleichheit versammeln werde.» (S. 115) Martens beschreibt, wie diese Idee jedoch mit der Einrichtung einer Monarchie unter serbischem Primat statt eines föderalen Staatenbundes, so wie er damals diskutiert wurde, von Beginn an zum Scheitern verurteilt war (S. 105ff.). Wer sich damals politisch wie durchsetzen konnte, bleibt eine interessante Frage.
Die Regierungen Jugoslawiens unter der Monarchie der serbischen Karadjordjevićs (1918–1941) führte zu dauernder Unzufriedenheit unter den Kroaten und Slowenen sowie den Muslimen. – Ein geradezu ideales Umfeld für Unruhen und politische Einflussnahmen von innen und aussen.
Die Situation wurde spätestens 1938 mit dem Anschluss Österreichs und der Besetzung Tschechiens durch Hitler-Deutschland äusserst kompliziert. Jugoslawien wurde direkter Nachbar des Deutschen Reichs: Einerseits stand es unter dem Druck Hitlers und Mussolinis, sich den Achsenmächten anzuschliessen – Jugoslawien hatte kriegswichtige Rohstoffe, wollte aber als selbständiger Staat überleben – andererseits dem Versprechen Grossbritanniens, das Königreich gegen die Achsenmächte zu unterstützen. Dazu kamen starke innenpolitische Spannungen.
Durch einen politischen Schachzug geriet die Regierungsmacht in Belgrad im Februar 1939 direkt unter den Einfluss des Kronprinzen Paul, der an England orientiert war. Die aussenpolitische Situation erforderte aber ein Arrangement mit den Achsenmächten, da Grossbritannien selbst zu schwach war, um Jugoslawien tatsächlich militärisch zu unterstützen. Es wurde mit Berlin ein unterschriftsreifer Vertrag ausgehandelt. Ivo Andrić war als erster Botschafter in Berlin direkt daran beteiligt. Der Vertrag gestand Jugoslawien unter verschiedenen Zugeständnissen eine gewisse Eigenständigkeit zu. Doch ein überraschender Putsch serbischer Offiziere am 26. März 1941 – mit britischer Unterstützung – führte dazu, dass Hitler den Vertrag kurz vor der Unterzeichnung als nichtig ansah und das Land gewaltsam besetzen liess. Nun stürzte das Land in einen jahrelangen schrecklichen Besatzungs-, Bürger- und Partisanenkrieg. – War diese Situation durch geostrategisches Kalkül hervorgerufen worden, um die Armeen Hitlers in Jugoslawien und Griechenland militärisch zu binden?
Während der deutsch-italienisch-ungarisch-bulgarischen Okkupation bekämpften sich im Land unter anderem serbische Tschetniks, kroatische Ustascha, die Besatzungsmächte und die kommunistischen Partisanen, dazwischen deutsche Exekutionskommandos. Erzählungen wie die von Manès Sperber («Wie eine Träne im Ozean») oder Augenzeugenberichte beschreiben vielfach das menschliche Leid, das dann in den neunziger Jahren eine grausame Fortsetzung erfuhr – auch dort von aussen beschleunigt, wenn nicht initiiert. Nachdem Ende 1944 die Partisanen Titos mit Hilfe der Roten Armee gesiegt hatten, begann eine grosse «Säuberung», der mehrere hunderttausend Menschen zum Opfer fielen. Heute erst arbeitet man zaghaft – lange nach dem Ende Jugoslawiens – diese dunkle Zeit der vierziger Jahre auf.
1961 wurde Ivo Andrić in Stockholm der Literaturnobelpreis verliehen. Die Preisvergabe fand in einer Zeit statt, als sich die blockfreien Staaten unter Tito, Suharto, Nehru und anderen zu formieren begannen und Jugoslawien im Westen neu wahrgenommen wurde. Nun wurden auch andere grosse Erzähler ausserhalb des gewohnten Kultur- und Sprachkreises wahrgenommen. Andrićs drei grossen Werke, auch als «Bosnien-Triologie» bezeichnet, «Die Brücke über die Drina», «Wesire und Konsuln», «Das Fräulein» – entstanden in den vierziger Jahren –, waren inzwischen in viele Sprachen übersetzt und positiv aufgenommen worden, obwohl sie keine modernen Erzählweisen oder Effekte vorzuweisen hatten. «Andrićs Werk indes ist nicht gealtert. Sein Stil wirkt im Abstand der Jahrzehnte zeitlos.» (S. 460)
Michael Martens gelingt es in seiner Biographie, die Frage, wie der Nobelpreisträger Ivo Andrić sich in diesen bewegten Zeitläufen selbst positionierte, behutsam auszuleuchten, ohne vorschnelle Urteile zu fällen. Er lässt den Menschen Ivo Andrić hinter dem weltberühmten Autor langsam hervortreten. «Andrić war neben vielem anderem auch ein Opportunist. Aber das schreibt sich leicht dahin in der Sicherheit eines seichten Zeitalters. Wäre Andrić nicht so vorsichtig gewesen, wie er war, wüssten wir heute nichts von ihm als Dichter. Ein europäisches Leben im 20. Jahrhundert bedeutete auch, Umwege und Abgründe zu nehmen. Wäre Andrić diese Umwege nicht gegangen, einige der beeindruckendsten Werke der europäischen Literatur wären vielleicht ungeschrieben, auf jeden Fall ungedruckt geblieben.» (S. 461) Das individuelle Leben Andrićs, sein Werk und die europäische Zeitgeschichte wurden von Martens gut lesbar verknüpft. Dabei wird dem Leser eben genau jene Region Europas nahegebracht, die auch heute noch auf viel Unkenntnis stösst.    •

Martens, Michael. Im Brand der Welten. Ivo Andrić. Ein europäisches Leben. Wien 2019. ISBN 978-3-552-05960-3

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