«Der Klang der Utopie»

Das West-Eastern Divan Orchestra und die Barenboim-Said Akademie

von Dr. phil. Winfried Pogorzelski

«Obwohl ihre Völker einen gewalttätigen Konflikt austragen, haben diese Musiker den Mut, gemeinsam zu musizieren und der Welt zu beweisen, dass Zusammenarbeit in Harmonie möglich ist.»

Kofi Annan (1938–2018)1

Das «West-Eastern Divan Orchestra» –deutsch «Orchester des West-östlichen Diwans» – ist ein 1999 entstandenes Sinfonieorchester, das vor allem aus jungen Musikern des Nahen Ostens, Nordafrikas und Spaniens – Juden, Christen und Moslems – besteht. Weitere Mitglieder haben ihre Ausbildung bereits abgeschlossen und spielen in renommierten Berufsorchestern wie der Staatskapelle Berlin und den Berliner Philharmonikern. Der Name geht auf Johann Wolfgang von Goethes Gedichtsammlung «West-östlicher Diwan»2 zurück. Das Ensemble wurde vom argentinisch-israelischen Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim, vom palästinensisch-amerikanischen Literaturwissenschaftler Edward W. Said und von dem Kulturmanager Bernd Kauffmann, lange Zeit Leiter der «Klassik Stiftung Weimar», gegründet. Ziel und Zweck des Orchesters ist es, jungen Menschen zwischen 14 und 25 Jahren die Möglichkeit zu bieten, sich an einem Instrument auszubilden, als Orchestermusiker zu wirken und damit auch einen Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten. Vor diesem Hintergrund entstand der Ausdruck «Der Klang der Utopie»3. Das Orchester feiert dieses Jahr sein 20jähriges Jubiläum; die Veröffentlichung von Goethes Gedichtsammlung jährt sich zum zweihundertsten Mal.

Kulturhauptstadt Weimar und die Anfänge

Im Jahre 1999 wird Weimar für das laufende Jahr von der EU zur Kulturhauptstadt Europas ernannt. Zum Erbe der thüringischen Stadt gehören die Weimarer Klassik um Wieland, Herder, Goethe, Schiller und das Wirken der Komponisten Liszt und R. Strauss sowie das Bauhaus und die Nationalversammlung von 1919. In seiner Funktion als Intendant des aus diesem Anlass stattfindenden Weimarer Kunstfestes bittet Bernd Kauffmann Daniel Barenboim, einen Beitrag zu den Feierlichkeiten zu leisten. Zusammen mit seinem Freund Edward W. Said organisiert Barenboim einen Workshop für junge Musiker aus Israel und den umliegenden arabischen Ländern. Ideeller Ausgangspunkt ist dabei die Überzeugung, dass «die Politik der Menschheit dienen sollte und nicht umgekehrt».4 Der zunächst experimentelle Anlass wird zur Geburtsstunde dieses besonderen Orchesters. Die jungen Musiker haben nicht nur die Gelegenheit, von einem der bedeutendsten Pianisten und Dirigenten unserer Zeit geschult zu werden, sondern sie können auch an einer Meisterklasse mit dem amerikanischen Cellisten Yo-Yo Ma teilnehmen.
Während des Aufenthaltes in Weimar besucht die Gruppe die in der unmittelbaren Nachbarschaft liegende Gedenkstätte des Konzentrationslagers Buchenwald, eine schockierende, prägende und zugleich verbindende Erfahrung. Nach einem weiteren Treffen in Weimar errichtet man 2002 in der andalusischen Stadt Pilas bei Sevilla einen festen Sitz. Der Ort ist nicht zufällig gewählt, lebten doch zur Zeit der maurischen Herrschaft zwischen dem 8. und 15. Jahrhundert Muslime, Juden und Christen in Südspanien friedlich und sich gegenseitig bereichernd zusammen.

Ein Weltklasseorchester

Mit der Gründung des Orchesters geht für Barenboim ein Lebenstraum in Erfüllung. Das wichtigste Anliegen von ihm und Edward W. Said ist dabei zunächst, die Menschen – Mitwirkende und immer mehr auch die Öffentlichkeit – davon zu überzeugen, dass es keine militärische Lösung für den Konflikt im Nahen Osten gebe, auch «keine politische – nur eine menschliche».5
Um den Nachwuchs zu fördern, rekrutiert man vor allem im Nahen Osten Jugendliche, die bereit sind, ein Instrument zu erlernen und beim Orchester regelmässig mitzuspielen. Die vierwöchigen Arbeitstreffen finden einmal im Jahr statt: Instrumentalunterricht wird erteilt, ein Konzertprogramm einstudiert und der gegenseitige Austausch gepflegt; Vorträge und Diskussionen begleiten die Anlässe. Anschliessend geht das Orchester über mehrere Kontinente hinweg auf Tournee, und das mit rasch zunehmendem Erfolg.
Bezüglich Können, Repertoire und Mitwirkung namhafter Solisten gehört das Orchester inzwischen zu den besten Klangkörpern der Welt. Regelmässig tritt es rund um den Erdball in den berühmtesten Konzert- und Opernhäusern und bei traditionsreichen Festivals auf. Die Berliner Waldbühne, der Goldene Saal des Wiener Musikvereins, die Mailänder Scala, die Londoner Royal Albert Hall gehören ebenso dazu wie die New Yorker Carnegie Hall und das Teatro Colon in Buenos Aires. Bei traditionsreichen Anlässen wie den Salzburger und den Bayreuther Festspielen und beim Lucerne Festival gehört das Orchester zu den bejubelten Stammgästen. 2002 erhalten Barenboim und Said den Prinzessin-von-Asturien-Preis, das Orchester 2010 den Internationalen Preis des Westfälischen Friedens.

«Musikalische Bildung als humanistische Bildung»6

Von Anfang an aber geht es Barenboim und Said nicht nur um die Organisation und Pflege eines weiteren professionellen Klangkörpers im weltweiten Klassikbetrieb. Zentrales Anliegen der Gründer war mit Hinblick auf die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts und vor allem des Nahen Ostens, für junge Künstler aus miteinander verfeindeten Ländern und Kulturen einen Rahmen zu schaffen, in dem sie einander kennen und verstehen lernen konnten, ganz im Sinne Goethes, der exemplarisch formulierte, was die Identifikation des Menschen mit seinem Mitmenschen bedeutet:

«Wer sich selbst und andre kennt
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.»7

Im Sinne dieser Auffassung wagen Barenboim und Said ihr bisher einmaliges Experiment: Sie versammeln junge Menschen aus miteinander verfeindeten Ländern und Religionen des Nahen Ostens, die mithelfen wollen, «in Ermangelung einer politischen eine menschliche Lösung»8 für die zahlreichen Konflikte zu finden.
Aber nicht nur in dieser Region, auch sonst sind Menschlichkeit und Verständigung für Barenboim die einzig zukunftsfähige Richtschnur für eine friedliche Welt. Beim gemeinsamen Musizieren soll gelernt werden, was der Mensch ohnehin lernen muss, wenn er eine Zukunft haben will: «[…] einander zuzuhören – sowohl als Musiker als auch als Menschen. Denn zu lernen, jemand anderem wirklich zuzuhören, sensibilisiert uns in hohem Masse für uns selbst und für die Welt, in der wir leben».9 Zusammenarbeit, volles Engagement, Feinabstimmung von jedermann sind verlangt, wenn Musizieren gelingen soll. Man schaue nur einmal in die Gesichter von Orchestermusikern, Dirigenten und Solisten, während sie spielen: Jeder ist sichtlich bemüht, sein Bestes zu geben; denn nur so kann Musizieren gelingen.
Dass ihre ideellen Möglichkeiten begrenzt sind, dessen sind sich alle Beteiligten von Beginn an bewusst: «Wir sind Musiker, keine Politiker»10, so Barenboim, und er verlangt, die Bereitschaft zur Verständigung nicht mit einer «Pflicht zur Harmonie»11 zu verwechseln. Im Gegenteil: Die Diskussion konträrer Standpunkte ist geradezu erwünscht, Meinungsunterschiede sollen nicht unter den Teppich gekehrt werden. Die Teilnehmer sollen ihre «Differenzen offen austragen» und versuchen, «die Logik hinter der gegensätzlichen Position zu verstehen».12 An den jährlichen Treffen wird nicht nur die musikalische Ausbildung vorangetrieben, sondern es werden auch Vorträge eingeladener Gäste verschiedener Herkunft gehalten und Diskussionen zu diversen, oft kontroversen Themen veranstaltet.

Hohe Hürden und ihre Überwindung

Doch all das ist leichter gesagt als getan. Für viele der Musiker ist es eine immense Herausforderung, mit Kollegen zusammenzuleben und zusammenzuarbeiten, die aus einem verfeindeten Land stammen. Beredtes Zeugnis davon liefern persönliche Schilderungen vieler Beteiligter,13 die voller Skepsis und mit gemischten Gefühlen dem Orchester beigetreten sind. Zu Beginn empfinden es viele als Zumutung, sich nur schon im gleichen Raum wie Angehörige einer verfeindeten Nation aufzuhalten. Bilden sich zunächst palästinensische, israelische und arabische sowie andere Grüppchen, die einander aus dem Weg gehen oder in Konflikt miteinander geraten, so entwickeln sich mit der Zeit durch gemeinsame Proben, Auftritte und durch einfaches Zusammensein doch Respekt und Toleranz im Umgang miteinander. Während Syrien, Libanon und Iran Israel das Existenzrecht absprechen, Israeli nicht in die Westbank und Palästinenser nur mit ausdrücklicher Genehmigung nach Israel reisen dürfen, entstehen Kontakte, entwickeln sich Freundschaften über die nationalen und religiösen Grenzen hinweg: «Man musizierte den ganzen Tag, man ging nachts aus, man steckte immer zusammen, selbst wenn sich schwerwiegende Dinge ereigneten. Die Schwierigkeiten, persönliche Probleme, der gewalttätige Nahostkonflikt, und dann der Wille, diese Schwierigkeiten und kleineren Konflikte zu überwinden, das schweisst einen eng zusammen.»14
Mit der nach wie vor harten politischen Realität werden die Akteure bei besonderen Anlässen konfrontiert. Das erste Konzert im arabischen Raum findet 2003 in Marokkos Hauptstadt Rabat statt. Zwei Jahre später folgt das legendäre Konzert im israelisch besetzten Westjordanland in Ramallah15, das weltweit Aufmerksamkeit erregt. Barenboim stellt es den Musikern frei teilzunehmen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind immens: Die arabischen Musiker müssen israelische Checkpoints passieren; die Israeli fürchten sich davor, in das Gebiet der Palästinenser zu reisen; aus Sicherheitsgründen dürfen sie den ganzen Tag den Konzertsaal nicht verlassen. Leibwächter und gepanzerte Diplomatenfahrzeuge kommen zum Einsatz. Doch Ende gut, alles gut: «Das Konzert wurde für alle Seiten zu einer einzigartigen und überwältigenden Erfahrung.»16 Ein Konzert (Sinfonie Nr. 9 von Ludwig van Beethoven) in Südkorea in der Nähe der Grenze zu Nordkorea folgt 2011, drei Jahre später gastieren die Musiker in Katars Hauptstadt Doha. Im Dezember 2016 folgt ein Konzert bei den Vereinten Nationen in Genf. Bis jetzt war es dem Orchester nicht vergönnt, in Ägypten und Israel aufzutreten.

Die Barenboim-Said Akademie in Berlin – ein Ort im Dienste der Utopie

Im Jahre 2019, so Barenboim, sei das West-Eastern Divan Orchestra noch immer im Exil, da es weder von den Arabern noch von den Israelis akzeptiert werde. «Weniges hat so grosses utopisches Potential wie das Exil», meint er dennoch optimistisch und zitiert Edward W. Said mit der Überlegung, «dass der Schmerz des Exils das Potential birgt, die eigene Erfahrung der Menschlichkeit zu vertiefen.»17 In ihren Heimatländern bekäme die nächste Generation nie die Gelegenheit, sich «auf diese Weise dem ‹Feind› zu nähern».18 Zunächst geht es für die Palästinenser und die Israeli darum, aus der Sackgasse herauszukommen, in der sie sich seit Jahrzehnten befinden. Die jungen Menschen hätten die ewig dauernden Verhandlungen satt und wünschten sich nichts mehr als eine menschliche statt einer politischen Lösung. Wenn dies dieser Generation noch nicht gelinge, dann vielleicht der nachfolgenden, so hofft auch Mariam C. Said, die Witwe von Said.19
Um dem Orchester eine Ausbildungsstätte zu errichten, in der nicht nur Musizieren erlernt wird, sondern wo die Studenten die Möglichkeit haben, sich eine solide Allgemeinbildung anzueignen, erfüllt sich Daniel Barenboim im Herbst 2016 einen weiteren «Lebenstraum»20: Er gründet in Berlin die Barenboim-Said Akademie, in der die musikalische Ausbildung mit einem «humanistisch und geisteswissenschaftlichen Curriculum» kombiniert wird, «das besonderen Wert auf kritische Reflektion und offenen Austausch legt».21 Damit soll dem Spezialistentum vorgebeugt werden, in dem Said und Barenboim ein Problem der heutigen Zeit sehen, auch bei Berufsmusikern.
Das Projekt wird im ehemaligen Kulissendepot der Berliner Staatsoper Unter den Linden realisiert. Grosszügige Spenden und Beiträge der Daniel Barenboim Stiftung sowie der Bundesrepublik Deutschland ermöglichen die Erbauung der Akademie. Sie umfasst Probe- und Seminarräume, ein Auditorium, eine Bibliothek und als Herzstück einen wunderschönen Kammermusiksaal, der auf elliptisch angeordneten Rängen 700 Besuchern Platz bietet. Der kalifornische Architekt Frank Gehry, Bewunderer des West-Eastern Divan Orchestra, gestaltet ihn als persönlichen Beitrag, indem er auf ein Honorar verzichtet. Der Saal trägt den Namen des französischen Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez (1925–2016), der in Künstlerfreundschaft mit Frank Gehry und Daniel Barenboim verbunden war. Er ist das musikalische Zuhause des neu gegründeten Boulez-Ensembles22 und Aufführungsort eines reichhaltigen Konzertprogramms mit etwa 150 Veranstaltungen pro Jahr.23 «Flexibilität, Offenheit und musikalische Neugier sind die Leitgedanken des Programms im Pierre-Boulez-Saal – ganz im Geist des Namensgebers.»24
Michael Naumann, Politologe, ehemaliger Kulturstaatsminister und Gründungsdirektor der Barenboim-Said Akademie, betont, dass die Akademie weder ein Machtfaktor sein kann noch die zahllosen Konflikte mit musikalischer Harmonie übertönen will. Sie wird aber «im Zusammenleben und im gemeinsamen Spiel ihrer Stipendiaten ein humanistisches Zeichen dafür setzen, dass Frieden und Harmonie möglich sind. Ihre Sprache ist die der Musik, und sie folgt der Überzeugung Edward W. Saids, dass ‹Humanismus die einzige, genauer: die letzte Verteidigungslinie ist, die wir haben, um uns gegen die unmenschlichen Exzesse und Ungerechtigkeiten zu wehren, die unsere Menschheitsgeschichte verunstalten.›»25
Etwa ein Drittel ihrer Ausbildungszeit widmen die Absolventen dem geisteswissenschaftlichen Studium: Sie werden in Philosophie, Geschichte, Sozial- und Literaturwissenschaft unterrichtet, um «ihre eigenen Vorstellungen» von dem zu entwickeln, «was wir wahr, gut und schön nennen – in Gesprächen, die nicht von falscher Toleranz geprägt sind, sondern von der ganz und gar altmodischen Gewissheit, das sich einzig im kontrapunktisch-harmonischen Dialog das entfaltet, was uns alle verbindet: eine Menschlichkeit, die sich in Musik ihr schönstes Zeugnis schafft»26, so die Philosophieprofessorin und Leiterin der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Barenboim-Said Akademie Roni Mann in Anlehnung an Platons Begriffe des Wahren, Guten und Schönen.

Projekte rund um Orchester und Akademie

Unter tatkräftiger Mithilfe von Mariam C. Said, die vor allem den Kontakt zur arabischen Welt pflegt, und Daniel Barenboim, der an den verschiedensten Institutionen unermüdlich Vorträge, Vorlesungen und Meisterkurse abhält, unterhalten Orchester und Akademie und die Daniel Barenboim Stiftung weltweit zahlreiche Projekte, von denen hier nur einige erwähnt werden.
In Ramallah wird das Barenboim-Said Music Center betrieben, das Musik- und Bildungsprojekte für alle Altersstufen in Israel und in der Westbank betreut und koordiniert mit dem Ziel, das Musikleben in der Kultur der dortigen Zivilgesellschaften zu verankern. Konservatorien wurden gegründet, regelmässig werden Konzertreihen veranstaltet. So gründet 2002 der palästinensische Bratschist Ranzi Aburedwan eine Musikschule im Westjordanland, die vor allem in Dörfern und Flüchtlingslagern aktiv ist. 2006 wird das Barenboim-Said Konservatorium für 40 Schüler in Nazareth eröffnet. Im Jahr 2007 ist das Orchester bei den Salzburger Festspielen Orchestra in Residence, und 2009 wird das erste Opernprojekt realisiert: Zum ersten Mal erklingt in der Westbank eine Oper: «The Sultana of Cadiz» von Juan Crisóstomo de Arriaga (1806–1826).
Für zwei- bis sechsjährige Kinder werden in Berlin und in Ramallah Musikkindergärten organisiert. Der Tagesablauf wird von Musik geprägt, den Kindern stehen diverse Musikinstrumente zur Verfügung; es wird viel musiziert, gesungen und getanzt. Diese Einrichtungen haben nicht zum Ziel, begabte Kinder zu virtuosen Instrumentalisten auszubilden, sondern sie Musik als eine Form von Weltverständnis kennenlernen zu lassen: «Wir wollen die Kinder nicht nur zur Musik bringen, sondern durch die Musik zum Leben»27, so Daniel Barenboim. Ein 13jähriges Mädchen aus Ramallah sagt zu ihm, sie sei glücklich, dass «es» da sei. Auf die Frage, warum sie denn so glücklich sei, antwortet sie: «Weil Sie das erste sind […] das erste Ding aus Israel, das weder ein Soldat noch ein Panzer ist.»28
Ein weiteres Tätigkeitsfeld ist die Förderung zeitgenössischer Musik. Das Orchester vergab Kompositionsaufträge an Künstler aus dem Nahen Osten, so zum Beispiel aus Jordanien, Syrien und Israel. Indem die Werke bei renommierten Musikfestspielen zur Uraufführung gelangen, finden sie auch ihr Publikum.29
Ausblick
Das West-Eastern Divan Orchestra ist nicht das einzige Musikprojekt dieser Art. Auch andere kamen auf die Idee, die Musik in den Dienst einer guten, grösseren Sache zu stellen. So auch Elena Bashkirova, Gattin von Daniel Barenboim und Mutter ihrer beiden Söhne. Sie begründete 1998 das International Chamber Music Festival, das jeweils im September in Jerusalem stattfindet. Es soll, so die Gründerin, helfen, die «existenziellen Verwerfungen» des Alltags erträglicher zu machen, von denen es nicht wenige gibt. In der Stadt leben drei Weltreligionen nebeneinander, und das nicht immer konfliktfrei. Bashkirovas Anliegen ist es, mit diesem Festival einen Anlass zu schaffen, «wo politische und religiöse Eifersucht vergessen und internationale Einheit gesät und entwickelt werden können».30
Etwa denselben Ansatz verfolgte der Schweizer Musiker und Dirigent Gunhart Mattes mit seinem «Orchester für den Frieden», das aus ukrainischen und russischen Musikern bestand. Er gründete es unter dem Patronat von Bundesrat und Aussenminister Didier Burkhalter und veranstaltete 2016 eine Reihe von Konzerten, unter anderem in der Tonhalle Zürich. Das Publikum war begeistert von der Idee, angesichts des bewaffneten Konflikts zwischen beiden Ländern (seit 2014) ein Zeichen des Friedens und der Bereitschaft zur Kooperation zu setzen.
Das 1978 gegründete Simón-Bolívar-Jugendorchester in Venezuela ist ein staatliches Orchester und wurde vor allem dadurch weltbekannt, dass es unter der Leitung von Gustavo Dudamel eine ungeahnte Qualität entwickelte. Es spielte bei der Deutschen Grammophon bemerkenswerte CD-Aufnahmen ein und wurde u. a. von Claudio Abbado, Sir Simon Rattle und Zubin Mehta regelmässig geleitet. Hauptanliegen dieses Projekts war zu Beginn in erster Linie, vielen Jugendlichen aus einfachen Verhältnissen eine musikalische Ausbildung zu ermöglichen.
In diesem Zusammenhang ist auch Sir Simon Rattles Projekt zu erwähnen, das er im Jahr 2003 mit den Berliner Philharmonikern durchführte. Unter seiner Leitung und derjenigen des Choreographen und Tanzpädagogen Royston Maldoom studierte das Orchester mit einer 250köpfigen Gruppe sozial randständiger Schüler aus 25 Nationen das höchst anspruchsvolle Ballett «Le sacre du printemps» von Igor Strawinsky ein, eine ausserordentliche Leistung, die niemand zuvor für möglich gehalten hätte. Der Film «Rhythm Is It» legt ein beredtes Zeugnis davon ab.
Ist also mit Musik alles möglich? Fast – ist man versucht zu sagen. Barenboim spricht davon, dass wir in der Lage sind, uns mit ihrer Hilfe ein «alternatives soziales Modell vorzustellen, eine Gesellschaft, in der utopische Vorstellungen und Pragmatismus sich verbinden, in der wir die Möglichkeit haben, uns selbst ungehindert auszudrücken, gleichzeitig aber ein offenes Ohr für die Anliegen und Sorgen der anderen zu behalten».31 Es gehe darum zu verstehen, dass «das Wohlergehen, die Würde und das Glück des einen unvermeidlich an das Wohlergehen, die Würde und das Glück des anderen gekoppelt ist.»32 Wie gesagt: Musik ist der Klang der Utopie.    •

1    Barenboim, Daniel; Naumann, Michael (Hrsg.). Der Klang der Utopie. Leipzig 2018, S. 117
2    Diwan: aus dem Persischen stammende Bezeichnung für eine Gedichtsammlung, von Goethe, Johann Wolfgang. West-östlicher Divan (ersch. 1819), in ders. Sämtliche Werke. Zürich 1977, Bd. 3, S. 284–566
Goethe erweist mit seiner Gedichtsammlung der orientalischen Literatur und Kultur seine Referenz: Er würdigt sie und lässt sich von ihr zu eigenen Gedichten inspirieren. Vgl. hierzu: Rötzer, Hans Gerd. Geschichte der deutschen Literatur. Bamberg (Buchner) 1992, S. 116. Eine lebendige Schilderung der genauen Umstände der Gründung des Orchesters geben D. Barenboim und E. W. Said: Barenboim, Daniel. Klang ist Leben. Die Macht der Musik. München (Pantheon) 2009, S. 67–95; Said, Edward W. Musik ohne Grenzen. München 2015, S. 313–338
3    Barenboim, Daniel; Naumann, Michael (Hrsg.). Der Klang der Utopie, a.a.O.
4    Barenboim, Daniel. Vorwort in Cheah, Elena. Die Kraft der Musik, Das West-Eastern Divan Orchestra. Deutschsprachige Taschenbuchausgabe, München 2015, S. 10
5    ebd. S. 19
6    Barenboim, Daniel; Naumann, Michael (Hrsg.). Der Klang der Utopie. a.a.O., S. 155
7    von Goethe, Johann Wolfgang a.a.O., S. 402
8    Barenboim, Daniel. Vorwort in Cheah, Elena. Die Kraft der Musik, Das West-Eastern Divan Orchestra, a.a.O., S. 9
9    Barenboim, Daniel; Naumann, Michael (Hrsg.). Der Klang der Utopie. a.a.O., S. 18
10    ebd.
11    ebd. S. 44
12    Cheah, Elena. Die Kraft der Musik. Das West-Eastern Divan Orchestra. , a.a.O., S. 10
13    Cheah, Elena. Die Kraft der Musik. Das West-Eastern Divan Orchestra.  a.a.O.
14    Cheah, Elena. Die Kraft der Musik. Das West-Eastern Divan Orchestra.  a.a.O., S. 95
15    Von diesem Konzert gibt es eine im Handel erhältliche Audio-CD und eine Video-DVD.
16    Barenboim, Daniel; Naumann, Michael (Hrsg.). Der Klang der Utopie. a.a.O., S. 54
17    ebd.
18    ebd.
19    Äusserung von Mariam Said im Film: Jenseits der Musik. Die Barenboim-Said-Musikakademie von David Bernet, ican films, FLARE FILM in Koproduktion mit SRF, rbb, in Zusammenarbeit mit arte, unterstützt von der Schweizerischen Eidgenossenschaft (Bundesamt für Kultur), 2019
20    Barenboim, Daniel; Naumann, Michael (Hrsg.). Der Klang der Utopie. a.a.O., S. 19
21    Barenboim, Daniel; Mann, Roni. Musikalische Bildung als humanistische Bildung: ein Manifest. in: Barenboim, Daniel; Naumann, Michael (Hrsg.). Der Klang der Utopie. a.a.O. S. 14
22    Das Ensemble ist «keine klar definierte Formation, sondern eine wachsende, internationale Familie von Musikern, ein ‹ensemble modulable› für die ‹salle modulable›, (d. h. der Pierre-Boulez-Saal kann durch unterschiedliche Anordnung der Sitzplätze dem jeweiligen Anlass angepasst werden, W. P.), das unabhängig von festen Besetzungen zu verwirklichen versucht, was Pierre Boulez vorgelebt hat – sich intensiv mit Musik aller Epochen, Gattungen und Ursprüngen auseinanderzusetzen und dabei immer offen, wandlungsfähig und neugierig zu bleiben.» Das Boulez-Ensemble, Neugier und Dialog, https://boulezsaal.de/de/concerts/boulez-ensemble
23    Für weitere Informationen hier einige Internetadressen: Pierre-Boulez-Saal: https://boulezsaal.de/de/, Barenboim-Said-Akademie https://barenboimsaid.de/home, West-Eastern Divan Orchestra: https://www.west-eastern-divan.org, Daniel Barenboim Stiftung: https://www.daniel-barenboim-stiftung.org/de/ueber-uns
24    Barenboim, Daniel; Naumann, Michael (Hrsg.). Der Klang der Utopie. S. 207
25    ebd., S. 123
26    ebd., S. 162
27    Barenboim, Daniel; Naumann, Michael (Hrsg.). Der Klang der Utopie. a.a.O., S. 106
28    ebd., S. 98
29    vgl. Wikipedia zum Stichwort «West-Eastern Divan Orchestra»: https://de.wikipedia.org/wiki/West-Eastern_Divan_Orchestra
30    Frei, Marco. Hier spielt die Klassik zwischen drei Weltreligionen, In: «Neue Zürcher Zeitung» vom 4.4.2019, S. 42
31    Barenboim, Daniel; Naumann, Michael (Hrsg.). Der Klang der Utopie, a.a.O., S. 75
32    ebd.

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