Das Monopol auf die «richtige» Berichterstattung

von Mathieu Bock-Côté, Quebec*

Frankreich
jpv. In Frankreich muss das nationale Bioethik-Gesetz alle sieben Jahre überarbeitet werden. Im September wurde die neueste Version in der Kommission der Nationalversammlung beraten und im Oktober von dieser Kammer verabschiedet. Vom 21. Januar an werden die Kommissionsberatungen im Senat (2. Kammer) während zwei Wochen stattfinden.
In diesem Zusammenhang findet am 19. Januar in Paris eine nationale Demonstration «Manif pour tous» [Demo für alle] statt. Unter anderem geht es dabei um die umstrittene Einführung der nicht medizinisch begründeten künstlichen Befruchtung (d. h. für lesbische Frauen und Alleinstehende) und der Leihmutterschaft in diesem Gesetz.
Die im Artikel erwähnte Kampagne der Organisation Alliance Vita wurde von der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo eigenmächtig verboten.

«Alliance Vita – Solidarisch mit den Verletzlichsten»

Der Verein Alliance Vita wurde 1993 in Frankreich gegründet, als die ersten Gesetze zur Bioethik entstanden. Er verfolgt zwei zentrale Ziele:

  • Hilfe für Menschen in schwierigen Lebenssituationen.
  • Sensibilisierung der Bevölkerung und der Entscheidungsträger für den Schutz des menschlichen Lebens.

Die Telefonberatungen von Alliance Vita, SOS Bébé und SOS Fin de vie bieten die Möglichkeit für einen Austausch in gröss­ter Diskretion. Sie sind für Personen gedacht, die mit Schicksalsschlägen konfrontiert sind, entweder im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft oder mit dem Lebensende, Abhängigkeiten oder Trauer. Weitere Informationen (auf Französisch) befinden sich auf der Homepage alliancevita.org.

Es wäre nichts Ideologisches daran, für Veganismus, Feminismus oder Multikulturalismus in öffentlichen Verkehrsmitteln Werbung zu machen. Man muss es nur als Ausdruck des Fortschritts sehen.
Nun ist es für jedermann klar: Mit Meinungsfreiheit ist nicht die Freiheit gemeint, alles sagen zu können. Es bleibt nur noch die Frage, was «alles» beinhaltet und wer dies bestimmen darf. Der öffentliche Raum schrumpft ständig. Aus dem Ausland betrachtet, kann man sich beispielsweise fragen, welche Legitimität eine Kontrollstelle wie der CSA (Conseil supérieur de l’audiovisuel – Hoher Rat für audiovisuelle Medien) hat, dem es weniger um die journalistische Ethik geht als um die ideologische Einschränkung von Aussagen in der Öffentlichkeit. Mehrere seiner grotesken, an Orwell erinnernden Interventionen würden es verdienen, in einem Sammelband der Dummheit zusammengestellt zu werden.
Diejenigen, die sich hartnäckig weigern, den Zeitgeist zu loben, werden an den Rand gedrängt. Wir haben es gerade wieder erlebt mit der seltsamen Kontroverse um die Organisation Alliance Vita, die in den öffentlichen Verkehrsmitteln von Paris eine Werbekampagne in Auftrag gegeben hat, wo die Bedeutung von Vater und Mutter hervorgehoben wird im Zusammenhang mit der laufenden Diskussion um künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft. Diese Kampagne hat das Pariser Rathaus in Aufruhr gebracht. Die Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat sich sehr klar ausgedrückt: Die auf den Plakaten ge­äusserten Ansichten dürften in der Öffentlichkeit nicht akzeptiert werden. Sie müssten entfernt werden. Der Progressivismus zwingt uns dazu.
Die Erwähnung von Vaterschaft und Mutterschaft durch Alliance Vita wird als krankhafte Provokation dargestellt. Verlangt übrigens die moderne Entwicklung der Sprache nicht bereits, dass «Vater» und «Mutter» durch «Elternteil 1» und «Elternteil 2» ersetzt werden? Werden Männer und Frauen nicht aufgefordert, sich angesichts der fliessenden identitätsstiftenden Veränderungen in einem nur noch symbolisch existierenden rechtlichen Rahmen allmählich aufzulösen? Heute würde man nicht mehr als Mann oder Frau geboren: Bei der Geburt werde einem von einer medizinischen Macht, die noch immer von patriarchalischer Logik geprägt ist, ein Geschlecht zugeordnet. Jeder sei aufgerufen, sich davon zu befreien. Wer die Welt nicht so sieht, sollte schweigen.

Mit anderen Worten, das, was sehr unvollkommen als «Konservatismus» bezeichnet wird, hat kein Recht mehr zu existieren. Er wird auf einige unzulässige Vorurteile reduziert. Wenn es dem «Konservatismus» dennoch gelingt, sich Gehör zu verschaffen, dann nur, weil die Mechanismen zur Regulierung der öffentlichen Sprache versagt haben. Normalerweise sollten solche Aussagen auf Randbereiche beschränkt bleiben und den Normalbürger nicht erreichen, der dann glauben könnte, dass die Sprache sich normalisiert habe. Anthropologische Konstanten sollten nur noch als abgenutzte Überreste einer Welt von gestern erscheinen. Positive Aussagen zur traditionellen Familie gehören heute bereits zum «diskriminierenden» und «hass­erfüllten Diskurs». Die Hüter der Diversity-Revolution meinen es ernst.

Emanzipation

Es ist keine Überraschung: Der Progressivismus duldet nicht, dass man die Welt anders sieht als er. Er ist jedoch schwer beleidigt, wenn man ihm seinen Fanatismus vorwirft. Er hält sich selbst für neutral. Es sei gar nichts Ideologisches dabei, wenn in öffentlichen Verkehrsmitteln für Veganismus, Feminismus oder Multikulturalismus geworben werde. Dies sei einzig ein Ausdruck von Fortschritt. Herbert Marcuse theoretisierte in seiner Zeit, dass Toleranz nicht auf Ideen angewandt werden dürfe, die den die «Emanzipation» unterstützenden Bewegungen zuwiderlaufen. Kürzlich erklärte eine nord­amerikanische Studentenvereinigung, dass die Meinungsfreiheit keinerlei «rassistische, kolonialistische, fremdenfeindliche, transphobische, homophobe, sexistische, frauenfeindliche, antifeministische, sozial diskriminierende oder behindertenfeindliche» Äusserungen rechtfertigen dürfe.
Aber es wäre falsch zu glauben, dass sich die Zensur allein auf die Behörden stützt. In den letzten Wochen des Jahres 2019 sind die anonymen Digitalaktivisten «Sleeping Giants» in der Öffentlichkeit aufgetaucht. Ihr Ziel ist es, allen Medien, die «abweichende» Meinungen zulassen, die Werbeeinnahmen zu entziehen. Sie zielen auf die Ängstlichkeit der Werbefirmen, die immer darauf bedacht sind, keine Wellen zu schlagen und keinen «schlechten Ruf» zu bekommen, falls ein Pressemedium mit «Hass» in Verbindung gebracht wird. Werbende, die in einem solchen Medium Inserate schalten, werden der «phobischen Komplizenschaft» bezichtigt.
Gezielt angegangen wurde kürzlich die Zeitschrift Valeurs actuelles, als sie konkret des «ideologischen Ungehorsams» beschuldigt wurde. Während der letzten massiven Verleumdungskampagne gegen den Journalisten und Kolumnisten Eric Zemmour wollten einige Unternehmen seine Arbeitgeber und Unterstützer dazu drängen, ihn fallen zu lassen – diesmal ohne Erfolg. Diese Methoden müssen nicht nur als wirtschaftliche Einschüchterung bezeichnet werden, sondern auch als intellektueller Terrorismus. Es ist schwierig, dies als etwas anderes zu sehen als den Versuch einer ideologischen Säuberung, die von einer tyrannischen Gesinnung zeugt.
Der Progressivismus träumt davon, das Monopol auf die «richtige» Medienberichterstattung auszuüben und alle im öffentlichen Raum erlaubten gesellschaftlichen Vorstellungen zu kontrollieren. Von der «alten Welt» wird nur gesprochen, um sie zu verfluchen, und man träumt offen davon, die neuen Dissidenten gesellschaftlich zu beseitigen. Es ist uns nicht verboten festzustellen, dass der Progressivismus mit Begeisterung seine totalitäre Versuchung wieder aufleben lässt. – Als ob dies seiner Natur entsprechen würde.    •

Quelle: © Mathieu Bock-Côté/Le Figaro vom 3.1.2020

(Übersetzung Zeit-Fragen)

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