Über die Verantwortlichkeiten im Ersten Weltkrieg

von Jean-Claude Manifacier, Frankreich

Dieser von der Frage nach den Verantwortlichkeiten im Ersten Weltkrieg ausgehende Artikel greift das Problem der Einflussnahme der vierten Gewalt auf: die Frage nach der Macht der Medien. Umfragen zufolge scheinen fast 70 % der befragten Bürger den Medien nicht mehr zu vertrauen. Es ist offensichtlich, dass Journalisten, grosse Fernsehsender oder Printmedien, die mit den grossen Industriekonzernen der CAC 40 [französischer Leitindex der 40 führenden französischen Aktien-Gesellschaften] oder dem Finanzkapital zusammenarbeiten, Sprachrohre sind, denen die Bürgeranliegen fremd sind.
In den seit 2014 – 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges – in deutscher Übersetzung erschienenen Büchern englischsprachiger Autoren wie Gerry Docherty und Jim MacGregor1,2 oder Carroll Quigley3,4 wird hingegen ausführlich die Organisation einer plutokratischen und globalistischen Elite beschrieben, die in ihrem Wunsch, den Lauf der Welt zu beherrschen, den Ersten Weltkrieg organisiert habe und dabei vor keinerlei Manipulation der öffentlichen Meinung zurückgeschreckt sei. Der Preis für dieses Unterfangen: 16 Millionen Tote, die Zerstörung einer fest verwurzelten europäischen Zivilisation und die Vorrangstellung der USA in Sachen zukünftiger unipolarer Welt. Ein ferner Spiegel – und eine Wurzel für spätere Kriegspläne.
Ende des 19. Jahrhunderts war Grossbritannien die dominierende Macht, sein Kolonialreich erstreckte sich von Kanada bis Neuseeland. Deutschland, das in jener Zeit Grossbritannien in den Bereichen Industrie, Handel und Wissenschaft überholte, wurde als Gefahr gesehen, die es zu beseitigen galt.
Schon 1891 wurde die «Geheime Elite», von der in den oben genannten Büchern die Rede ist, in London von Cecil John Rhodes gegründet. Das Ziel war, die angelsächsische Herrschaft über die Welt zu sichern. Die «Geheime Elite» hatte die Kontrolle und die finanzielle Macht über die Gold- und Diamantenminen in Südafrika (nach dem Burenkrieg). Seine wichtigsten Mitglieder waren neben Rhodes: Reginald Balliol Brett (alias Lord Esher), Alfred Milner, William T. Stead und Lord Nathaniel Rothschild.
Auch die Gründung der Pilgrims Society im Juli 1902 in London und im Januar 1903 in New York sollte der Sicherung der angelsächsischen Weltherrschaft dienen. Und 1909 wurde hierzu von Milner auch der sogenannte «Round Table» ins Leben gerufen.
Was die Vereinigten Staaten betrifft, so waren die Eroberung des Westens, die Entwurzelung der Indianer sowie die Kriege gegen Mexiko und Spanien Charakteristika eines imperialistischen politischen Programms: «The Manifest Destiny». Das Buch «Our Country» [«Unser Land»] des amerikanischen Pastors Josiah Strong, das Ende des 19. Jahrhunderts populär war, drückte wie die «Geheime Elite» in England «die Überzeugung aus, dass das angelsächsische Volk die überlegene Rasse ist, die letzten Endes die Welt beherrschen wird».
Strategisches Ziel der «Geheimen Elite» war es, ein anglo-französisch-russisches Bündnis («Triple Entente») für den zukünftigen Krieg gegen Deutschland zu schaffen. Frankreich sah darin die Möglichkeit, Elsass-Lothringen zurückzugewinnen, und Russ­land, einen Hafen am Bosporus zu erhalten, um den Schiffsverkehr und den Zugang zum Mittelmeer zu kontrollieren. Deutschland und Österreich-Ungarn sollten eingekreist und an den Pranger gestellt werden.

Zerrbilder von Deutschland

Von der unter dem Einfluss der «Geheimen Elite» stehenden englischen Presse wurde der deutsche Kaiser Wilhelm II. als verächtlich, unberechenbar und kriegerisch dargestellt. Romane sprachen von Spionen und von einem Deutschland, das eine Flotte baue, um England zu erobern. Hinter diesen Behauptungen stand die «Geheime Elite». Sie wusste aber, dass die englische Flotte auf Jahrzehnte hin der deutschen deutlich überlegen bleiben würde, ebenso wie die englischen (und französischen) kolonialistischen Aktivitäten. Nach Kriegsende ist kein deutscher Plan für die Invasion Englands oder den massiven Bau von deutschen Schlachtschiffen aufgetaucht. Englands maritimes Rüstungsbudget war zwei- bis dreimal höher als dasjenige Deutschlands. 1907 schrieb Admiral Sir John Fisher von der Imperial Defence Commission [Imperiale Verteidigungskommission] in einem vertraulichen Schreiben an König Edward VII.: «Die britische Flotte ist viermal mächtiger als die deutsche, aber das wollen wir nicht vor der ganzen Welt ausbreiten.»
Die oben genannten Bücher legen dar, dass der deutsche Kaiser diplomatische Lösungen bevorzugte. Dies war der Fall in den Marokko-Krisen von Algeciras (1906) und Agadir (Deutsch-Französischer Vertrag von Fes, 1911), wo die «Geheime Elite» auf eine Gelegenheit zum Krieg hoffte. Ebenso in der Balkankrise vor dem Sommer 1914, wo sich Wilhelm II. aus Angst vor einem Krieg zwischen Russland und Österreich-Ungarn für eine Annäherung an Serbien einsetzte.
Wilhelm II., George V. und Nikolaus II. waren Vetter, Enkel oder Urenkel von Königin Victoria. Der deutsche Kaiser stand seiner Grossmutter sehr nahe, er hielt ihre Hand, als sie im Jahr 1901 auf dem Sterbebett lag. Noch am 30. Juli 1914 schickte er ein Telegramm an Nikolaus II. und erinnerte ihn daran, dass er die Macht habe, vor dem Ersten Weltkrieg zu warnen, wenn er die Mobilisierung der russischen Truppen an der Grenze zu Deutschland und Österreich einstellt. Er schrieb: «Meine Freundschaft zu Ihnen war mir stets heilig.»
Wilhelm II., seit 1888 Kaiser, wurde anlässlich seiner 25jährigen Regierungszeit in einem Artikel der «New York Times» als Friedensstifter gefeiert («New York Times» vom 8. Juni 1913). Der Journalist Andrew Carnegie erklärte: «Die zivilisierte Welt und die Anhänger des Friedens möchten Ihnen zu Ihrem Jubiläum gratulieren». Den Tatbestand, dass er nie einen Krieg begonnen hat, kann man für England oder die Vereinigten Staaten nicht geltend machen.
Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, der der «Geheimen Elite» nahestand, wurde 1916 zwar unter dem Motto «Wilson hält uns vom Kriege fern» wiedergewählt. Aber 1917 gründete er die Creel-Kommission, um die mehrheitlich pazifistisch gesinnten Amerikaner dazu zu bringen, den Kriegs­eintritt zu akzeptieren. Der Werbefachmann und Neffe Sigmund Freuds, Edward Bernays, arbeitete in dieser Kommission sehr aktiv mit. Er ist zum Vater der Public-Relations-Agenturen geworden, die wir heute Kommunikations-Agenturen und Spin-doctors nennen. Sein Buch «Propaganda» zeigt, dass die politische Propaganda des 20. Jahrhunderts nicht in totalitären Regimes geboren wurde, sondern im Herzen der «liberalen amerikanischen Demokratie».
Die US-Presse schrieb nun gegen Deutschland, und ein lobender Artikel über Deutschland wie derjenige in der «New York Times» von 1913 war undenkbar geworden. 1915 kaufte das JP-Morgan-Finanz-Imperium 25 der wichtigsten amerikanischen Tageszeitungen und plazierte seine eigenen Herausgeber mit dem Ziel, die Printmedien zu kontrollieren. Dieser «Vertrag», der auch heute noch relevant ist, zielte darauf ab, alles aus den redaktionellen Leitartikeln zu entfernen, was nicht im Einklang mit den Interessen stand, denen sie dienten. Der Kongressabgeordnete Oscar Calloway prangerte dieses Monopol am 9. Februar 1917 im Repräsentantenhaus an (U.S. Congressional Record vom 9. Februar 1917, S. 2947). Aber die einmal eingeschlagene politische Linie wird von JP Morgan und seinen Kollegen Warburg und Rockefeller weiter strukturiert. Das Resultat ist heute bekannt unter dem Namen Council of Foreign Relations (CFR).

Der Weg in den Krieg …

Am 28. Juni 1914 wurden Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajevo ermordet. Einige britische Zeitungen vertraten die Ansicht, dass die dem Mord folgenden österreichischen Forderungen an das der massiven Unterstützung der Tat verdächtige Serbien begründet waren. Asquith, nach wie vor englischer Premierminister, gab in der Vertraulichkeit eines Briefes an seine platonische Liebe Venetia Stanley zu: «In vielen, wenn nicht den meisten Punkten hat Österreich vollkommen Recht, und Serbien ist völlig im Unrecht […].»7
Später aber wurden das Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien und die deutsche Erklärung, den Verbündeten im Falle eines Krieges zu unterstützen, zu den hauptsächlichen «Argumenten» für die alleinige Kriegsschuld der beiden Bündnispartner.
Bei einem privaten Abendessen am 26. Juli 1914, zu Ehren von Prinz Heinrich, dem jüngsten Bruder des Kaisers, versprach der britische König George V.: «Wir werden versuchen, uns da herauszuhalten, und wir werden neutral bleiben.» Der Kaiser hielt viel von diesem Versprechen. Es war nicht die Äusserung irgendeines Politikers. Er hatte das Wort eines Königs. Genutzt hat es nichts. Wie die «Geheime Elite» es gewollt hatte, so geschah es: Der Erste Weltkrieg begann.

… und der Vertrag von Versailles

Fast fünf Jahre später, nach der militärischen Niederlage, am 28. Juni 1919 in Versailles, wurden die Deutschen nun auch noch gedemütigt. Bei der Unterzeichnung des «Friedensvertrages» wurden verunstaltete Kriegsversehrte auf dem Weg der deutschen Unterzeichner plaziert. Zuvor waren die deutschen Vertreter durch die zerstörten Gebiete geführt worden. Sie mussten sich anhören: «Ihr seid für all das verantwortlich.» Die Deutschen waren von den Friedensverhandlungen ausgeschlossen worden. Das war bis dahin in der Geschichte von Friedensverträgen noch nie geschehen.
England erhielt die gesamte Flotte und mit Frankreich und Belgien zusammen die deutschen afrikanischen Kolonien. Deutschland verlor 13 % seines Territoriums, einschliess­lich des Danziger Korridors, einer Stadt mit 350 000 Einwohnern, von denen mehr als 96 % Deutsche waren! «Das Recht der Völker auf Selbstbestimmung», einer der 14 Punkte der Doktrin des amerikanischen Präsidenten Wilson, galt für die Besiegten offensichtlich nicht.

Schlussbetrachtung

In Frankreich gibt es fast 36 000 Gemeinden. In jeder von ihnen befindet sich ein Denkmal für die Toten des Ersten Weltkriegs, auf dem nach der Liste der Toten oft steht: «Damit Frankreich am Leben bleibt» oder «Damit Frankreich frei bleibt». Aber die deutsche Bedrohung war ein Konstrukt der «Geheimen Elite». Man könnte viele Seiten füllen mit kriegerischen Aussagen englischer oder französischer Politiker, mit Flugblättern mit unverschämter Propaganda oder sogar Lügen.
Es gibt aber auch zahlreiche Bücher1-7, die einen anderen Blick auf die Ereignisse werfen. Vielleicht werden die Europäer eines Tages diese Denkmäler, die Millionen von Toten gewidmet sind, als eine Verurteilung der globalistischen Utopie oder der unipolaren Versuchungen sehen.    •

*    Prof. Dr. Jean-Claude Manifacier (* 1944) ist ein französischer Politiker und Physiker. Bis zu seiner Emeritierung lehrte er an der Universität Montpellier. Er war Mitglied des Regionalrates für Languedoc-Roussillon, und von 1988 bis 1997 war er Mitglied des Nationalen Universitätskomittees. Über 20 Jahre hat er an verschiedenen Forschungsprogrammen in den USA, England, Rumänien, Venezuela, Spanien, Israel, dem Sudan und anderen Ländern teilgenommen. 2018 publizierte er mit anderen Autoren Le coup d’état bolchevique – 100 ans après (Der bolschewistische Staatsstreich – 100 Jahre danach).

(Übersetzung Zeit-Fragen)

1    Docherty, Gerry und MacGregor, Jim. Verborgene Geschichte. Wie eine geheime Elite die Menschheit in den Ersten Weltkrieg stürzte. (Deutsche Ausgabe 2014)
2    MacGregor, Jim und Docherty, Gerry. Der Krieg, der nicht enden durfte. Wie das Anglo-Amerikanische Establishment den Ersten Weltkrieg absichtlich in die Länge zog. (Deutsche Ausgabe 2019)
3    Quigley, Carroll. Das Anglo-Amerikanische Establishment. Die Geschichte einer geheimen Weltregierung. (Deutsche Ausgabe 2016)
4    Quigley, Carroll. Tragödie und Hoffnung. Eine Geschichte der Welt in unserer Zeit. (Vollständige deutsche Ausgabe 2016)
5    Buchanan, Patrick J. Churchill, Hitler and the Unnecessary War. (Three Rivers Press, 2008)
6    Kollerstrom, Nick. How Britain initiated both world wars. (CreateSpace Independent Publishing Platform. No copyright 2017)
7    Asquith, H.H. Letters to Venetia Stanley. Zusammengestellt durch Michael und Eleanor Brock. Oxford University Press 1982

Kriegsgegner und Kriegstreiber in Frankreich und Grossbritannien

Joseph Caillaux

JCM. Die «Geheime Elite» und der russische Botschafter in Frankreich, Alexander Isvolski, subventionierten eine nationale Presse, die seit der Niederlage von 1871 grossmehrheitlich antideutsch und rachsüchtig war. Es gab aber auch einige Persönlichkeiten, die für den Frieden einstanden, wie zum Beispiel der französische Politiker Joseph Caillaux. Seine früheren politischen Freunde überzogen ihn mit Pressekampagnen. Im März 1914 erschoss Henriette Caillaux den Direktor von «Le Figaro» Gaston Calmette, der ihren Mann in seiner Zeitung durch den Dreck zog. Ins Militär eingezogen, äusserte sich Joseph Caillaux 1914 folgendermassen über den Generalstab: «Diejenigen, die dabei sind, wissen nichts und verstehen nichts. Sie wissen nicht, mit welchem Feind wir es zu tun haben, sie verstehen nicht, dass wir – von wem? – in einen schrecklichen Krieg hineingezogen werden … Wie wird das enden? Mein Ziel war, dies zu verhindern.» Nach dem Krieg wurde er wegen «Zusammenarbeit mit dem Feind» zu drei Jahren Haft verurteilt!

Jean Jaurès

Jean Jaurès, ein radikal-sozialistischer und echt pazifistischer Abgeordneter, wurde am 31. Juli 1914 von einem politischen Attentäter ermordet. Jaurès hatte geplant, einen europäischen Generalstreik auszulösen, um die Opposition der Arbeiterklasse gegen den Krieg zu demonstrieren. Der anti-deutsche politische Druck war so gross, dass sich am 4. August 1914 Léon Jouhaux, Generalsekretär der Gewerkschaft CGT und eigentlich Pazifist, vor Jean Jaurès’ Grab von ihm distanzierte. Er beschrieb den Krieg als Verbrechen, aber als unvermeidliches Verbrechen. Genau das lehnte Jaurès ab, der starb, weil er dafür einstand, dass der Krieg verhindert werden könnte.

Winston Churchill

In einem Brief Churchills an seine Frau heisst es: «Mein Liebling, wir nähern uns einer Katastrophe, und dies macht mich glücklich. Es ist schrecklich, so zu sein, nicht wahr? … Für nichts auf der Welt würde ich ausserhalb dieses köstlichen Krieges stehen.» (Brief aus dem Tagebuch von Margot Asquith, Januar 1916; veröffentlicht von der Oxford University Press, Juni 2014)
Margot Asquith schrieb: «Was für ein seltsame Person! Er liebt den Krieg wirklich. Er wäre sehr traurig, wenn man ihm das Ende des Krieges melden würde. Sein Herz hat keinerlei Fantasie.» («Margot Asquith’s Great War Diaries». «The Guardian» vom 8.6.2014)
Als Hauptverantwortlicher für den Ersten Weltkriegs schrieb Churchill ein Vierteljahrhundert später in seinem Buch «Great Contemporaries», (The Reprint Society, London 1941, S. 28): «Die Geschichte muss sich Wilhelm II. gegenüber gütig zeigen und ihn vom Vorwurf freisprechen, Drahtzieher und Organisator [des I. Weltkriegs] zu sein.»

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