«Und immer wieder Versailles»

Ein Jahrhundert im Brennglas. Alexander Sosnowski im Gespräch mit Willy Wimmer

von Wolfgang van Biezen

«If ever we were to re-educate the German population it would be a good thing to mix freely with them and teach them our standarts of freedom and individual responsibility.» («Wenn wir jemals die deutsche Bevölkerung umzuerziehen hätten, wäre es eine gute Sache, sich frei mit ihr zu verbinden und ihr unsere Vorstellungen von Freiheit und persönlicher Verantwortung beizubringen.»)

Feldmarschall Montgomery, September 19451

Ein russischer und ein deutscher Experte haben sich im vergangenen Jahr getroffen und ein Gespräch zur globalen Grosswetterlage vor und nach «Versailles» geführt. Beide Autoren des im Mai 2019 erschienenen Buches «Und immer wieder Versailles» sind, das darf mit Recht konstatiert werden, dem Frieden auf der Welt verpflichtet.
Gemessen an dem, wie der sogenannte Friedensvertrag von Versailles nach 1919 die europäischen Völker gegeneinander in Stellung brachte, dabei neue militärische Konflikte vorbereitete, wie Mitteleuropa zerstückelt, gleichzeitig drei Kaiserreiche von heute auf morgen abgeschafft, das Osmanische Reich filetiert wurde, Revolutionen den westlichen Teil Eurasiens erschütterten, zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit eine Nation zur einzigen Weltmacht mutierte, also gemessen an der Wucht der Umwälzungen ist es doch erstaunlich, dass bezüglich Versailles aus Historikerkreisen zum Jahrestag nur wenige nennenswerte Impulse für eine öffentliche und breite Diskussion über Ursachen und Wirkungen dieser Verträge zu vernehmen waren.
Ist denn seit den sogenannten Friedensverträgen von 1919 Frieden auf der Welt eingekehrt? Hat ein Umdenken und Handeln in bezug auf Krieg und Frieden stattgefunden? Ist es die Regel geworden, dass bei Uneinigkeiten der Verhandlungstisch aufgesucht wird, um einen möglichen militärischen Konflikt mit all seinem Elend zu vermeiden?
Werden Kriege wirklich geächtet? Ist das Völkerrecht mehr als nur eine Absichtserklärung? Wer gibt einer Nation das Recht, einer andere Nation eine Umerziehung zu verordnen? Ist es erlaubt, willkürlich Grenzziehungen vorzunehmen?
Wieso wird die Natur des Menschen, die auf Frieden und gedeihliches Zusammenleben mit den Mitmenschen ausgerichtet ist, so erbärmlich missachtet?
Warum dürfen wir mit unseren Nachbarn nicht in Frieden leben? Was hat der Aufmarsch des selbsternannten Angriffsbündnisses Nato an der Grenze zur Russischen Föderation mit kollektiver Sicherheit zu tun? Wieso wird China neben Russland in London am 4. Dezember 2019 am Nato-Gipfel für die Nato als «Herausforderung» klassifiziert?
Es gibt tatsächlich Nationen, die sich das Recht nehmen, Krieg als Mittel der Politik zu beanspruchen. Welche Philosophie erlaubt solch ein Denken? Wer entscheidet, in welche Richtung historische Forschung gehen darf und in welche auf gar keinen Fall? Gibt es vom Volk gewählte Präsidenten, die, weil nicht genehm, einfach weggeputscht werden?
Ja, und wer dominiert das weltweite Finanzsystem? Wer sind die Nutzniesser und wer die Geschädigten? Wer will Frieden, wer will Krieg?
Professor Alexander Sosnowski, geboren 1955 in Kiew, ist ausgewiesener Experte für Sicherheitspolitik. Er arbeitet für mehrere deutsche sowie russische Medien. Er führt das Gespräch mit Willy Wimmer, der unseren Lesern als Politiker im Deutschen Bundestag, Buchautor und Verfasser mehrerer grundlegender Artikel zu Geschichte und Gegenwart der deutschen Politik bereits bekannt ist.
Beide Autoren verfügen über äusserst interessante Biographien, und das Gespräch zwischen den beiden, die weiterführenden Gedanken sowie die umfangreichen Antworten nehmen den Leser auf höchstem Niveau bei politisch-historischen Betrachtungen der brennenden Fragen von heute mit. Dieses Buch ist gut zu lesen, setzt aber einiges an Wissen voraus. Es sollte mit Bedacht und Musse gelesen werden. Dann entpuppt es sich als dem Ereignis «Versailles» angemessene Anregung zum Durch- und Weiterdenken. Das Geschichtsverständnis von beiden ist ähnlich: Versailles hat eben eine Vorgeschichte. Am Wiener Kongress sassen nach den verheerenden Napoleonischen Kriegen alle Parteien, auch die besiegten, am Tisch und rangen um eine europäische Friedensordnung. Der russische Zar Alexander I. entwickelte den Plan, zukünftige Konflikte friedlich am Verhandlungstisch zu lösen, bevor es zu einer bewaffneten Auseinandersetzung käme. Diesem durchaus vernünftigen Vorgehen schloss sich der österreichische Kanzler Metternich an. Die Briten, bereits zügig auf dem Weg zur Weltmacht, konnten diesem Vorgehen nichts abgewinnen und erklärten dezidiert, dass es für sie unabdingbar sei, Kriege zu führen, wann und wo es ihnen erforderlich erschien.
Hier wurde eine Weiche gestellt, die bis in die Gegenwart angelsächsische Politik bestimmt. Wie diese aussieht, welche Denkungsart zugrunde gelegt wird, wie zwei Weltkriege aufgegleist wurden und wie alles in die Gegenwart hineinspielt, wird in dem Gespräch zwischen Alexander Sosnowski und Willy Wimmer auf hervorragende und äusserst lehrreiche Art entwickelt. Und zwar mit einem erstaunlichen Wissen. Die beiden Autoren arbeiten, wie man so schön sagt, auf der gleichen Wellenlänge zusammen. Das ist für russisch-deutsche und deutsch-russische Geschichtsbetrachtung eher ungewöhnlich und erfreulich. Ein modernes Geschichtsbild wird bereichert durch neue, bisher unbekannte oder nicht gedachte Zusammenhänge.    •

1    Instructions for British Servicemen in Germany 1944. First published by the Foreign Office, 1943. Preface. Übersetzung und Nachdruck Kiepenheuer und Witsch, Köln 2015

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