Wo Gottfried Keller geprägt wurde

Ein Bauerndorf hat einen grossen Dichter inspiriert

von Heini Hofmann

Wer Gottfried Keller sagt, denkt an Zürich, wo der grosse Dichter und Denker gelebt und gewirkt hat. Hier wurde sein Gedenkjahr (2019) intensiv zelebriert. Doch es gibt noch einen zweiten Hotspot: Glattfelden, das schmucke Bauerndorf «im äussersten Winkel des Landes ... in einem grünen Wiesentale» unweit des Rheins, wo der «Grüne Heinrich» seine Wurzeln hat.

Daher war auch Glattfelden in Feierstimmung zum 200. Geburtstag eines der Grossen der deutschsprachigen Literatur. Mitten im Dorfkern mit seinen alten Riegelbauten, in einem vorbildlich restaurierten Haus bei der Kirche aus dem Jahr 1526, ist seit 1985 das Gottfried-Keller-Zentrum beheimatet. Eine Gottfried-Keller-Strasse, ein Grünheinrich-Weg und -Dorfbrunnen sowie eine Judithsäule halten die Erinnerung wach, und vom Gemeindehaus grüsst ein grosses Wandbild des Dichters.

Weg des Dichters – Dichterweg

In solch historischem Ambiente fühlt sich der Besucher dem Gefeierten doppelt nahe. Die permanente Ausstellung im Zentrum mit Leihgaben der Zentralbibliothek Zürich zeigt die Bedeutung Glattfeldens (wo seine Eltern aufwuchsen) für des Dichters Lebensweg, und die Sonderausstellung «Vom Leben zum Werk» würdigt, zusammen mit einem Videofilm, sein Schaffen. In der Zentrumsbibliothek (samt Lesestube) liegen alle Werkausgaben samt Forschungsliteratur auf. Der ehrwürdige Grünheinrich-Saal dient für Events, und das charmante Kafi Judith ist benannt nach einer platonischen Liebe des jungen Gottfried Keller.
Auf einem landschaftlich reizvollen Dichterweg ab Station Glattfelden via Paradiesgärtli kann man zudem die Streifzüge des «Grünen Heinrich» nacherleben und dabei viel Wissenswertes erfahren: Höhepunkt der Jubiläumsaktivitäten war eine viertägige Würdigungsfeier mit Dorffest und Freilichtaufführung «Kleider machen Leute» des Theaters Kanton Zürich, mit Premiere in Glattfelden und anschliessender Tournee.

Jahrgänger von Alfred Escher

Gottfried Keller (19. Juli 1819 – 15. Juli 1890) ist einer der bedeutendsten Erzähler und Dichter des 19. Jahrhunderts. Aufgewachsen ist er, als Bürger von Glattfelden, am Rindermarkt in der Zürcher Altstadt, wo, nur einen Katzensprung entfernt, im Neuberg am Hirschengraben sein Jahrgänger, der später ebenfalls berühmte Zürcher Alfred Escher seine Jugendjahre verbrachte.
Zu Kellers Ahnen mütterlicherseits zählen Söldnerführer, Helden der Burgunderkriege, Berner Patrizier sowie Waadtländer und Neuenburger Geschlechter. Auch die Keller-Vorfahren in Glattfelden gehörten zu den Einflussreichen des Dorfs, in deren Ahnengalerie sich Rittergeschlechter finden. Eine Urahnin war die Nichte Rudolf Bruns, des ersten Bürgermeisters von Zürich. Der älteste Genealogie-Nachweis deutet sogar auf Kaiser Karl den Grossen hin.
Sein Vater Hans Rudolf Keller, Drechslermeister und ein Mann hoher humanitärer Ideale, starb, als Klein-Gottfried erst fünf Jahre alt war. Seine Mutter, Elisabeth, hiess ledig Scheuchzer. Sie war Arzttochter, Enkelin eines Schneiders und Urenkelin eines Goldschmieds, war charakterstark und hat sechs Kinder geboren, vier davon begraben und zwei allein erzogen. Gottfrieds drei Jahre jüngere Schwester Regula war Schneiderin mit handwerklichem Geschick. Sie opferte sich selbstlos für die vaterlose Familie auf. So kamen sie über die Runden.

Der ruhende Pol Glattfelden

Viele Exponate der Glattfeldener Gedenkstätte wie Schriften, Bilder und Gebrauchsgegenstände erinnern an diese Zeiten, so etwa Taufhäubchen und Säuglingsflasche der Kellerkinder, Vaters ererbte Sockuhr aus Wien, die von ihm dort als Drechsler-Prüfungsarbeit angefertigten Schachfiguren aus Elfenbein, Silberlöffel aus Mutters Brautausstattung oder Schwester Regulas Kaschmirschal. Im Zentrum steht natürlich Gottfried Kellers Bezug zu Glattfelden. Hier, in seinem Heimatdorf, fand er in den Wirrnissen seiner Jugendzeit und den dunklen Jahren innerer Reifung durch die «Flucht zu Mutter Natur» Kraft und Ruhe.
Im heute nicht mehr existierenden Scheuchzerhaus, einer ehemaligen Seiden­zwirnerei unterhalb der Kirche am Mühlbach, wohnte er jeweilen bei der Familie des einzigen Bruders seiner Mutter. Dieser väterliche Onkel und Vormund, Johann Heinrich Scheuchzer, war Landarzt und nebenbei Bauer und passionierter Jäger. Er war es auch, der den Drang seines Schützlings, Künstler zu werden, unterstützte. Den Weg von Zürich nach Glattfelden legte der junge Gottfried mehrmals auf Schusters Rappen zurück und verbrachte hier viele glückliche Wochen und Monate, die ihn nachhaltig prägten.
Dies schlug sich später nieder in Kellers grösstem Wurf, dem autobiographischen Entwicklungsroman «Der grüne Heinrich», in welchem er meisterhaft seine eigene Jugend beschrieb und sich dabei sein Suchen und Irren von der Seele schrieb. Diese glücklichen Momente in seinem Heimatdorf in schwierigen Lebensphasen bilden die reizvollsten Kapitel im «Grünen Heinrich», und sie tauchen auch im Novellenzyklus «Die Leute von Seldwyla» auf.

Die Stationen seines Lebens

Wegen eines Bagatellvergehens wird der fünfzehnjährige Gottfried Keller aus der Mittelschule gewiesen. Er wendet sich der Landschaftsmalerei zu und reist 1840 in die Künstlermetropole München. Doch nach zwei Jahren gibt er auf und kehrt zur Mutter zurück. Ab seinem vierundzwanzigsten Lebensjahr verspürt er sich zum Dichter berufen. Es folgen Studienjahre in Heidelberg und Berlin als Stipendiat der Zürcher Regierung, u. a. dank seines Freundes Konrad Escher. Hier gelingt ihm der Durchbruch mit dem Jahrhundertwerk, dem vierbändigen Roman «Der grüne Heinrich» und den ersten Novellen zu «Die Leute von Seldwyla».
1855 kehrt er nach Zürich zurück. Sein Auskommen sucht er als zeitkritischer Publizist, pflegt Austausch mit Künstlern und Geistesgrössen und macht sich politisch bemerkbar. Die unerwartete Wahl zum Staatsschreiber des Kantons Zürich 1861 beendet seine materiellen Sorgen. 1876 tritt er, siebenundfünfzigjährig, vom Amt zurück, um sich wieder ganz als Schriftsteller zu betätigen.
Keller bleibt unverheiratet, wird aber von Mutter und Schwester umsorgt, solange diese leben.
Doch er verehrt verschiedene bemerkenswerte Frauen, so die selbstbewusste Rheinländerin Betty Tendering, die Bernerin Louise Scheidegger (seine Verlobte, welche sich tragischerweise 1866 das Leben nimmt) und die geistvolle Wienerin Marie Frisch-Exner.
Über all das informiert das Gottfried-Keller-Zentrum in Glattfelden, zudem über seine zahlreichen Ehrungen (Dr. h. c. Uni Zürich, Bürgerrecht Stadt Zürich, bundesrätliche Urkunde, Gottfried-Keller-Strassen in zig Städten) sowie die vielen Porträtgemälde und Denkmäler bekannter Künstler. 1890 stirbt Gottfried Keller einundsiebzigjährig auf der Höhe seines Ruhms in Zürich. Dass sich nun auch Glattfelden seiner erinnerte, würde ihn bestimmt freuen.

Dort ein Star, hier ein Kumpel

Während das urbane Zürich für sein berühmtes Aushängeschild zu dessen 200. Geburtstag mit der grossen Kelle anrührt, tut dies das Bauerndorf Glattfelden bescheiden, aber herzlich. Dort wird er als Star zelebriert, hier als Kumpel gefeiert, als «einer von uns». Denn hätte damals der junge Gottfried in seiner jugendlichen Zerrissenheit nicht immer wieder aus der Stadt hinaus in die Glattfeldener Natur entfliehen und hier beim verständnisvollen Oheim und Ersatzvater, bei Verwandten und Dorfleuten, die ihn so nahmen, wie er war, auftanken und dadurch seinen Weg und seine Bestimmung finden können, hätte Zürich heute vielleicht keine VIP-Feier ...
Glattfelden hatte magische Anziehungskraft auf den jungen Gottfried: Es liegt im untersten Teil des Glatttals, bevor die Glatt in den Rhein mündet, und war damals geprägt von Landwirtschaft und Textilindustrie. In einer Talmulde gelegen, von Bergflanken abgeschirmt und abseits grosser Heerstrassen, blieb das beschauliche Bauerndorf ein Ruhe verströmender Kraftort – das richtige Umfeld für einen suchenden jungen Menschen. Hier entstanden wohl auch Denkweisen wie «Achte jedes Menschen Vaterland, aber das deinige liebe!» («Fähnlein der sieben Aufrechten»).

Ein Dichter mit Maleraugen

Diese vom «Grünen Heinrich» in vollen Zügen genossene Naturidylle zieht sich, auch wenn er Glattfelden nie namentlich erwähnt, durch Kellers dichterische Werke, wobei er allerdings – bei der Beschreibung von Landschaftsdetails oder Dorfcharakteren – Wirklichkeit und Phantasie ineinander verwob. Und notabene: Der Umweg über die Landschaftsmalerei zur Dichtung war keine verlorene Zeit, wie er selber meinte, im Gegenteil: Keller wurde dadurch zu einem sehr speziellen, mit Maleraugen formulierenden Dichter.
Geprägt fürs Leben, das steht fest, wurde Gottfried Keller eindeutig in Glattfelden. Jedoch der kleine Wermutstropfen in dieser «geographischen Liebesbeziehung»: Während Keller seit 1878 Ehrenbürger von Zürich war, verzichtete er – kurz vor seinem Tod – auf das Bürgerrecht von Glattfelden. Warum, weiss niemand. Es ist bloss eine Vermutung, dass dies geschehen sein könnte, weil ihn der Wahlkreis Bülach 1866 nach einer Amtsdauer nicht mehr in den Kantonsrat bestellte. Dies tut jedoch heute der Freude über den berühmt gewordenen «Kumpel» keinen Abbruch.    •

Warum «grüner» Heinrich?

hh. Weshalb eigentlich nannte Keller seinen jungen Helden den «grünen» Heinrich? Weil dieser noch unreif, grün hinter den Ohren war? Oder weil er die Natur liebte? Der Dichter gibt die – banale – Antwort gleich selber, und sie hängt zusammen mit der durch den frühen Tod des Vaters in Armut gestürzten Familie: «Die Kleidung, welche ich damals erhielt, war grün, da meine Mutter aus den Uniformstücken des Vaters eine Tracht für mich schneidern liess.»

Glattfelden und Gottfried Keller

Gottfried-Keller-Zentrum: Gottfried-Keller-Str. 8, 8192 Glattfelden, Tel. 044 867 22 32, www.gkz.ch;
Führungen auf Anfrage jederzeit. – Gottfried-Keller-Dichterweg: ganzjährig, Führungen auf Wunsch.

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