75 Jahre nach dem Mai 1945 – mehr Fragen als Antworten

von Karl-Jürgen Müller

Der fünfundsiebzigste Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg hat weltweit Anlass zu einer Vielzahl von Stellungnahmen und Analysen gegeben. Das ist sehr verständlich. Die Themen und Fragen zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs, zu dessen Ursachen, Verlauf und Ende sowie zu dessen Bedeutung für die Nachkriegsgeschichte und für unsere Gegenwart sind ausserordentlich vielfältig und komplex. In der Regel entscheidet der Blickwinkel darüber, was aus der Vielfalt herausgegriffen wird. Auch der folgende Beitrag kann nur auf ein paar wenige Gesichtspunkte eingehen. Gesichtspunkte, die dem Autor heute besonders wichtig erscheinen. Dass es immer ein Segen ist, wenn ein menschenverachtendes politisches System wie das nationalsozialistische ein Ende findet und wenn Kriege beendet werden können, muss dabei nicht gesondert betont werden.

Schaut man bei Wikipedia unter dem Suchwort «Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht» nach, so findet man am Beginn des ausführlichen Beitrags folgenden Eintrag: «Die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht war eine Erklärung der Wehrmacht am Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie enthielt die Zusage, die Kampfhandlungen gegenüber den alliierten Streitkräften zu beenden. Die Kapitulation wurde nach erfolglosen Verhandlungsversuchen der deutschen Seite vom 6. Mai in der Nacht zum 7. Mai 1945 im Obersten Hauptquartier der Alliierten Expeditionsstreitkräfte in Reims unterzeichnet und trat am 8. Mai in Kraft. Sie bedeutete das Ende der militärischen Feindseligkeiten zwischen dem nationalsozialistischen Deutschen Reich und den Alliierten. Einige deutsche Verbände setzten die Kampfhandlungen gegen sowjetische Truppen jedoch fort. Um die Unterzeichnung der Kapitulation auch durch den Oberkommandierenden der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, und die Chefs der deutschen Kriegsmarine und Luftwaffe sicherzustellen, wurde eine Ratifizierung vereinbart. Die aus Flensburg eingeflogene deutsche Delegation unterzeichnete die Kapitulationsurkunde am 8./9. Mai im Hauptquartier der Roten Armee in Berlin-Karlshorst.»
Allein schon diese wenigen Sätze führen zu interessanten Fragen. Nachdem sich Adolf Hitler selbst am 30. April 1945 im «Führerbunker» in Berlin das Leben genommen hatte und die neue Reichsführung von Berlin nach Flensburg ausgewichen war, glaubte die Wehrmachtsführung offensichtlich noch bis zum 6. Mai, mit den Westmächten (USA, Grossbritannien und Frankreich) «verhandeln» und zu einer separaten Vereinbarung kommen zu können.

Was veranlasste Teile der Wehrmachtsführung zu der Annahme,
den Krieg gegen die Sowjetunion fortsetzen zu können?

Die Westmächte sind hierauf nicht eingegangen, so war es auch in den Konferenzen der Kriegsgegner Deutschlands vorher vereinbart worden. Sie forderten die «bedingungslose Kapitulation». Im Anbetracht der offensichtlichen militärischen Niederlage wurde diese dann doch am 7. Mai von Generaloberst Alfred Jodl, dem Chef des Wehrmachtführungsstabes, im Hauptquartier der westlichen Alliierten unterzeichnet – jedoch nicht von allen Kommandierenden der Teilstreitkräfte. Und: «Einige deutsche Verbände setzten die Kampfhandlungen gegen sowjetische Truppen […] fort.» Und: Die Führung der Roten Armee forderte eine Ratifizierung der Kapitulation durch die Kommandierenden aller deutschen Teilstreitkräfte. Nicht mehr Jodl, sondern Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, leitete die deutsche Delegation, die die zweite Kapitulationsurkunde am 8./9. Mai 1945 im Hauptquartier der Roten Armee unterzeichnete.
Wie hängen diese einzelnen Ereignisse zusammen? Was veranlasste Teile der Wehrmacht zu der Annahme, den Krieg mit den Westmächten zwar beenden, den Krieg gegen die Sowjetunion aber fortsetzen zu können? Die Idee stellte sich im Mai 1945 als Phantasiegebilde heraus – insbesondere der kommandierende General der US-Streitkräfte und spätere US-Präsident Dwight D. Eisenhower war strikt dagegen; denn er fühlte sich den Ergebnissen der vorangegangenen Konferenzen der Alliierten gegenüber verpflichtet. Nichtsdestoweniger gab es offensichtlich in führenden Kreisen des nationalsozialistischen Deutschlands am Kriegsende den Irrglauben, im Krieg gegen die «bolschewistische» Sowjetunion eine Unterstützung der Westmächte erhalten zu können.1

Wird Geschichte als Waffe benutzt,
um Konflikte der Gegenwart auszufechten?

Alexander Rahr arbeitete 18 Jahre für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und war bis 2012 Programmleiter des Berthold-Beitz-Zentrums dieser Gesellschaft mit Arbeitsschwerpunkt Russland, Ukraine, Belarus und Zentralasien. Er sass von 2004 bis 2015 im Lenkungsausschuss des Petersburger Dialogs, einer hochrangigen regelmässigen Zusammenkunft von Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aus Deutschland und Russland. Seit 2012 ist er Projektleiter des Deutsch-Russischen Forums. Dort betreut er die Potsdamer Begegnungen und den Arbeitskreis Gemeinsamer Raum Lissabon-Wladiwostok. 2012–2015 war er Berater des Präsidenten der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Er ist Mitglied des russischen Clubs Waldai. Seit 2014 war er stellvertretender Vorsitzender, dann Mitglied des Beirates des Verbandes der Russischen Wirtschaft in Deutschland. Seit 2015 ist er Berater für EU-Angelegenheiten von Gazprom in Brüssel. Er ist Autor zahlreicher Bücher über Russland, darunter eine Biographie über Michail Gorbatschow (1985) und eine über Wladimir Putin (2000). Im Mai 2012 erschien ein Interview mit Alexander Rahr in der russischen Zeitung «Komsomolskaja Prawda». Mehrere seiner Äusserungen lösten in Deutschland scharfe Reaktionen aus. Er hatte zum Beispiel gesagt: «Die Amerikaner haben den Deutschen das Hirn amputiert.» Oder: «Der Westen verhält sich wie die Sowjetunion.»
Mit Blick auf den fünfundsiebzigsten Jahrestag des 8./9. Mai 1945 hat er ein neues Buch herausgegeben: «Der 8. Mai. Die Geschichte eines Tages». In diesem Buch kommen Zeitzeugen zu Wort – deutsche, amerikanische und russische –, die den 8. Mai 1945 persönlich erlebt haben. Sie erzählen von ihren damaligen Erlebnissen.
In einem Interview mit der russischen Internetseite Sputnik vom 8. Mai 2020 wird Alexander Rahr darauf angesprochen, dass Russland eine Instrumentalisierung der Geschichte vorgeworfen wird. Er antwortet darauf: «Der 8. bzw. für Russland 9. Mai ist für ewig Teil des historischen Gedächtnisses der Menschheit. Damals begann eine neue Welt. Heute wird dieser Tag leider instrumentalisiert – auf beiden Seiten. Geschichte wird als Waffe benutzt, um Konflikte der Gegenwart auszufechten. Das ist erschreckend.»

Haben die Amerikaner ein gemeinsames
historisches Narrativ verhindert?

Weiter unten im Interview wird Rahr genauer: «Man hätte 1990 nach dem Fall der Berliner Mauer, als sich Ost und West in den Armen lagen, ein gemeinsames historisches Narrativ entwickeln müssen. Westeuropa und Russland waren auch dazu bereit. Aber leider kamen uns die Amerikaner dazwischen, die aus geopolitischen Gründen anfingen, in Europa Streit zu schüren mit Russland, die Nato Richtung Osten zu erweitern und sich so Europa sicherheitspolitisch zu sichern.»
In der Tat ist der Blick auf den Zweiten Weltkrieg, verstärkt seit der Zuspitzung des Konfliktes zwischen Russland und den USA, zu einem Gegenstand heftiger politischer Auseinandersetzungen geworden. Politik will darüber bestimmen, was in der Geschichte passiert sein soll. Die US-Regierung hat sich positioniert, die EU und hier vor allem die Regierungen einiger mittel- und osteuropäischer EU-Mitglieder auch – und auch Vertreter Russlands haben dies.
Sergej J. Netschajew, Botschafter der Russischen Föderation in der Bundesrepublik Deutschland, hat sich am 8. Mai 2020 in der deutschen Zeitung «junge welt» erneut dazu geäussert: «Wir müssen mit Bedauern feststellen, dass in letzter Zeit zunehmend jene politischen Kräfte ihr Haupt erheben, die Ursachen, Fortgang und Ergebnisse des Krieges einer einschneidenden Revision unterziehen, den entscheidenden Beitrag der Roten Armee und des sowjetischen Volkes zum Sieg über den Nazismus in Zweifel ziehen und die Sowjetunion für die Entfesselung des Konflikts verantwortlich machen wollen. Diese Kräfte setzen sich zum Ziel, die Geschichte umzuschreiben, sie machen weder vor Lügen und Fälschungen noch vor Abriss von Denkmälern und Gedenkstätten für sowjetische Soldaten halt.»
Wer die öffentlichen Reden und Stellungnahmen 75 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht liest, der kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in der Geschichte in der Tat nach Argumenten für die Politik der Gegenwart gesucht wird. Das ist nicht grundsätzlich abzulehnen, zumal dann nicht, wenn die Politik den Menschen dient – und die Wahrheit nicht beugt. Das ist aber nicht immer so.

Ist die US-Bindung Deutschlands wirklich ein guter Weg?

Hier nur zwei Beispiele von vielen: Die «Neue Zürcher Zeitung» veröffentlichte am 8. Mai 2020 ein Interview mit dem deutschen Historiker Heinrich August Winkler. Er vertritt die These, dass die West-, die US-Bindung Deutschlands – von Westdeutschland vor und von Gesamtdeutschland nach 1990 – die wichtigste Lehre des Weltkrieges gewesen sei. Er zitiert auch Jürgen Habermas, der 1986 (sinngemäss) geschrieben hatte, «die Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der Kultur des Westens sei die bedeutendste intellektuelle Errungenschaft seiner Generation». Der «Erfolg der zweiten deutschen Demokratie», so Winkler, habe «eine Menge damit zu tun, dass sich die Demokratie in der Bundesrepublik, anders als in der Weimarer Republik, in vielem bewusst am Beispiel der angelsächsischen Demokratie ausrichtete». Hingegen, so Winkler ebenfalls, habe «in Teilen der ostdeutschen Bevölkerung […] die ältere, deutschnationale Sicht auf die Geschichte unangefochten weiterleben» können. Das Resultat: «Deswegen ist auch die AfD im Osten verhältnismässig stark: Sie appelliert an eine deutschnationale Trotzhaltung.» Für den Umgang mit Russland fordert Winkler «Verantwortungsethik»: Deswegen dürfe «weder in den baltischen Staaten, in Polen, Tschechien und der Slowakei noch irgendwo sonst im östlichen Mitteleuropa der Eindruck aufkommen, wir würden mit Russland Entscheidungen über die Köpfe dieser Länder hinweg treffen.» Winkler übernimmt die Erzählweise der Regierungen dieser Staaten, die von russischer Seite zurückgewiesen wird: «Bevor die Sowjetunion 1941 von Deutschland überfallen wurde, war sie durch den Hitler-Stalin-Pakt von 1939 ein Partner des deutschen Aggressors. Die Erinnerung daran wirkt in unseren Nachbarländern bis heute nach.»
Zur Position von Heinrich August Winkler gäbe es viel zu sagen. Hier nur soviel: Ein Preis der «Westbindung» Deutschlands, die Mitgliedschaft in der Nato, hat dazu geführt, dass Deutschland heute weltweit an kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligt ist und 1999 mit dem Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder an einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg in Europa beteiligt war – nach den Nürnberger Prozessen von 1946 das schwerste aller Kriegsverbrechen. Zbigniew Brzezinski hat in seinem Klassiker aus dem Jahr 1997, in deutscher Sprache 1999 mit dem Titel «Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft» erschienen, in aller Offenheit dargelegt, mit welchen Mitteln die USA ihre Hegemonie und den Vasallenstatus ihrer Verbündeten in Europa aufrechterhalten haben. Deutschland hatte diesen Status zur Staatsräson erklärt.

Ist die EU ein Friedensprojekt?

Das zweite Beispiel ist die Rede des deutschen Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier zum «75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges», die dieser am 8. Mai in Berlin gehalten hat. Der Bundespräsident nannte auch seine Lehren aus dem Krieg. Er griff dabei die verbreitete deutsche Formel nach dem Ende des Krieges «Nie wieder Krieg!» auf, verkürzte diese aber auf die beiden Wörter «Nie wieder!» und sagte dann: «[…] dieses ‹Nie wieder!›, es bedeutet für uns Deutsche vor allem ‹Nie wieder allein!› Und dieser Satz gilt nirgendwo so sehr wie in Europa. Wir müssen Europa zusammenhalten. Wir müssen als Europäer denken, fühlen und handeln. Wenn wir Europa […] nicht zusammenhalten, dann erweisen wir uns des 8. Mai nicht als würdig. Wenn Europa scheitert, scheitert auch das ‹Nie wieder!›!» Kurz danach machte er auch deutlich, wogegen er ist: «Heute müssen wir uns selbst befreien! Befreien von der Versuchung eines neuen Nationalismus.» Der Bundespräsident hat eine blumige Sprache gewählt. Sehr wahrscheinlich meint er mit «Europa» die EU. Was genau er unter «Nationalismus» versteht, bleibt offen. Meint er auch diejenigen, die an der Idee souveräner freiheitlich-demokratischer europäischer National- und Rechtsstaaten festhalten? Hier muss daran erinnert werden, dass das nach 1945 entstandene supranationale Europa von der Montanunion 1952 bis hin zur 1967 gegründeten Europäischen Gemeinschaft EG, aus der sich seit 1993 die Europäische Union EU entwickelte, zwar von einigen mit der Idee des Friedens verbunden wurde, im Kern aber ein Produkt des Kalten Krieges und des Misstrauens gegenüber Deutschland war. Die EU war es, die mit ihrer Osterweiterung (der Nato-Osterweiterung folgend) nach 1990 und dann vor allem mit ihren Assoziierungsabkommen mit osteuropäischen Staaten wie der Ukraine den Konflikt mit Russland mit heraufbeschworen hat. Der Bundespräsident blendet Tatsachen aus, an denen er selbst beteiligt war.

Gibt es Lehren nach dem Mai 1945?

Gibt es denn ernstzunehmende Lehren, die am Mai 1945 anknüpfen können und die auch tatsächlich gezogen wurden? Eindimensional kann die Antwort nicht ausfallen. Besser ist es, von einer Waagschale zu sprechen. In der einen Schale liegen die zahllosen Kriege nach 1945 – die Liste ist sehr lang2, und diese Kriege haben weltweit mindestens 25 Millionen Menschen das Leben gekostet. In dieser Schale liegen die vielen internationalen Krisen und Konflikte, viele von ihnen bis heute ungelöst, liegt das Hegemonialstreben von Grossmächten, liegt eine ungerechte Weltwirtschafts- und Weltfinanzordnung, liegen die heutige Kriegspropaganda, die Feindbilder, die Vorurteile, liegen auch die computerisierten Kriegs«spiele», seelische Verwahrlosung und alltägliche Gewalt.
Aber es gibt auch die andere Schale: die Versuche zur Verrechtlichung der internationalen Beziehungen im Völkerrecht, die wesentlichen inhaltlichen Bestimmungen der Uno-Charta – allen voran der Satz der Präambel: «Wir, die Völker der Vereinten Nationen, fest entschlossen, künftige Geschlechter vor der Geissel des Krieges zu bewahren». In dieser Schale liegen die internationalen Menschenrechtspakte, die Versuche, weltweit eine Kultur des Friedens, der Gleichberechtigung und der Völkerverständigung aufzubauen, die vielen Ansätze für eine Friedenserziehung der jungen Generation. In dieser Schale liegt das Wissen um die menschliche Sozialnatur.
Wohin sich die Waagschale neigt, entscheidet sich jeden Tag aufs neue.

«Ich kenne den Krieg.
Deshalb will ich den Frieden»

Der vielfach attackierte Franz Josef Strauss hat in seinen Erinnerungen geschrieben: «Ich kenne den Krieg. Deshalb will ich den Frieden.»3 Man hätte ihm dies glauben sollen. So, wie vielen anderen Persönlichkeiten aus der Kriegsgeneration, die nach dem Krieg Verantwortung übernommen haben: in Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch in der Politik. Vor allem auch in Deutschland in West und Ost. Viele der nach dem Krieg Geborenen sind ihren Eltern nicht gerecht geworden. Sie haben sich als etwas Besseres gesehen, um dann nach 1990 ohne ausreichende Immunabwehr wieder mitzumachen bei neuen Kriegen. Nicht weniger gilt dies für die Menschen, die sich bis heute schwer damit tun, deutsches Unrecht im Krieg einzugestehen.

Noch immer viele Forschungsfragen

Die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zu den Ursachen, dem Verlauf und den Folgen des Zweiten Weltkrieges füllen ganze Bibliotheken. Trotzdem sind immer noch viele Fragen offen. Es ist zu wünschen, dass alle Archive geöffnet werden, allen Fragen würdig und sachlich nachgegangen werden und die Forschung ein Stück weit entpolitisiert werden kann. Wahrscheinlich wird die Politik entscheiden, ob, wie und wann das möglich ist.
Sicher richtig ist die entscheidende Schlussfolgerung der Überlebenden nach dem Krieg: «Nie wieder Krieg!» Aber dies gilt eigentlich schon vor einem Krieg und hätte eine Leitidee für alle Menschen in der ganzen Menschheitsgeschichte sein müssen. Auch heute sind wir noch weit davon entfernt. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Das Problem des Machtstrebens ist wohl das zentrale Problem. Hierauf kann gar nicht oft genug hingewiesen werden. Aber an der Lösung dieses Problems kann die Menschheit auch arbeiten.     •



1  Interessant sind in diesem Zusammenhang Passagen wie die folgende aus einem am 8. Mai 2020 in der deutschen Zeitschrift Cicero erschienenen Beitrag des Historikers Ulrich Schlie mit dem Titel «Kriegsende am 8. Mai 1945 – Die Geschichte kennt keine Stunde Null»: «Nie waren die Spannungen in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen grösser als in den Monaten April und Mai 1945. Molotow hatte durch seine starre Haltung, mit der er auf der Forderung nach einem sowjetischen Veto und dem Abstimmungsverhalten im Sicherheitsrat beharrte, die seit 25. April tagende Konferenz von San Francisco lahmgelegt. Erst als Truman den einstigen Roosevelt-Vertrauten Harry Hopkins zu Verhandlungen vom 26. Mai bis 6. Juni nach Moskau schickte, gelang es, den toten Punkt in den sowjetisch-amerikanischen Beziehungen zu überwinden.» (https://www.cicero.de/kultur/kriegsende-1945-achter-mai-zweiter-weltkrieg-nationalsozialismus-geschichte-stunde-null)

Einen Überblick über die (allesamt gescheiterten) deutschen Versuche, vor dem Kriegsende 1945 mit den Westmächten zu einer – gegen die Sowjetunion gerichteten – Übereinkunft zu kommen, findet sich in einem Beitrag von Hansjakob Stehle, «Deutsche Friedensfühler bei den Westmächten im Februar/März 1945», in den vom Münchner Institut für Zeitgeschichte herausgegebenen Vierteljahresheften für Zeitgeschichte, Heft 3/1982.

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Kriegen

3  Strauss, Franz Josef. Die Erinnerungen. Siedler Verlag Berlin 1999, S. 42

«Arbeiten wir für den Frieden»

«Die Bitte an die jungen Menschen lautet:
Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder Türken,
gegen Alternative oder Konservative,
gegen Schwarz oder Weiss.
Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.
Lassen Sie auch uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer wieder
beherzigen und ein Beispiel geben.
Ehren wir die Freiheit.
Arbeiten wir für den Frieden.
Halten wir uns an das Recht.
Dienen wir unseren inneren Massstäben der Gerechtigkeit.
Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge.»

So schloss Bundespräsident Richard von Weizsäcker seine Rede am 8. Mai 1985 ab.

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