Plädoyer für ein eigenständiges Fach Geschichte

von Dr. phil. René Roca, Gymnasiallehrer für Geschichte in Basel und Leiter des Forschungsinstituts direkte Demokratie

Der Lehrplan 21 (LP 21) ist nun bis auf den Kanton Aargau in der gesamten Volksschule der Deutschschweiz eingeführt. Dazu gehören auf der Oberstufe (Sek I) auch Sammelfächer. Nun gibt es also in den meisten Kantonen unter anderem anstatt Geschichte und Geographie das Sammelfach «Räume, Zeiten, Gesellschaften» (RZG). Schweizer Geschichtsdidaktiker werden dafür zu Recht von ausländischen Kollegen ausgelacht. Das Fach Geschichte verschwindet, obwohl es für die Volksschule das zentrale Fundament für unser direktdemokratisches politisches System legt und eine wichtige integrative Funktion besitzt, gerade auch für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund.
Der Wert des traditionellen, historisch gewachsenen Fächerkanons, dazu gehört auch das eigenständige Fach Geschichte, kann nicht genug betont werden. Er ist eine Frucht unserer Wissenschaftsgeschichte. Resultat ist eine Struktur des Wissens, die an Schulen, aber auch in Bibliotheken und den Universitäten sofort augenfällig wird. Das Wissen ist kein Sammelsurium, das einfach unter einem beliebigen Begriff neu «zusammengestellt» werden kann. Ein interdisziplinäres Arbeiten ist erst möglich, wenn strukturiertes Grundlagenwissen vorhanden ist. Speziell an der Oberstufe der Volksschule, aber auch schon an der Primarschule ist es nötig, dass kontinuierlich historisches Wissen vermittelt wird.
Aktuelle Stoffpläne für das Fach RZG in diversen Kantonen zeigen, dass konkret im Unterricht «Geschichte» nur noch in einzelnen Fragmenten erkennbar ist, deren Gewichtung – ausser ein paar verbindlichen Inhalten – nicht festgelegt, sondern in das Ermessen der einzelnen Lehrpersonen gelegt ist. Verzichtet man so auf den Begriff «Geschichte», so verzichtet man auf die Spezifik historischen Denkens. Wenn primär ein thematischer und damit meist willkürlicher Zugang zu Geschichte gesucht wird, geht das zulasten eines Bewusstseins von Chronologie und Orientierung in der Zeit. Geschichtsbewusstsein und historisches Denken bleiben auf der Strecke. Die letztlich Leidtragenden sind die Schülerinnen und Schüler. Noch ist Zeit, mittels kantonalen Initiativen diesen Unsinn zu stoppen (siehe Kanton Baselland) und das Fach Geschichte wieder als eigenständiges Fach an der Oberstufe zu führen.   •

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