Der «Lockdown» und die «neue Normalität»

von Barbara Schur

Im Zusammenhang mit dem Corona-Virus tauchen Wörter auf, die wir zunehmend in unseren Wortschatz integrieren. Viele davon haben zwar schon existiert, hatten aber für die Durchschnittsbevölkerung keine grosse Bedeutung. Wer hat sich schon mit dem Tragen von Masken beschäftigt ausser dem medizinischen Personal oder Menschen in der Industrie oder vom Bau? Manche dieser Wörter sind deutsch, viele sind englisch. Wer hat vor einem Jahr schon täglich das Wort «Reproduktionszahl» gehört oder «social distancing», «Prävalenz» oder «attack rate»? Welches Wort wird wohl das Wort des Jahres 2020 werden? Vielleicht «Lockdown», oder eher «neue Normalität»?

«Lockdown»

Der «Lockdown» war und ist wohl für uns alle eine einschneidende Erfahrung. Jeder muss in seinem Umfeld damit umgehen lernen und sein Leben anders organisieren. Am härtesten sind natürlich alleinstehende alte Menschen und solche in Heimen betroffen. Für viele wird es trotz unterstützender Massnahmen wirtschaftlich eng bis kritisch.
Übers Ganze betrachtet, war der eigentliche Lockdown nur eine kurze Zeitspanne. Überall hört man Stimmen, die von einer Chance sprechen, aus dieser Krise zu lernen und die Zukunft besser zu gestalten.
Und vielleicht ist es gar nicht so schlecht, im persönlichen wie auch im gesellschaftlichen Leben über die Bücher zu gehen. Beispielsweise sieht man viel mehr Kinder, Jugendliche und Erwachsene draussen spielen. Dass man nicht ständig von Ort zu Ort hetzt und auch einmal auf dem Balkon entspannen kann, könnte ja von jetzt an wieder ins Leben eingebaut werden.

«New normal», «neue Normalität»

Was länger anhalten wird – niemand weiss, wie lang –, ist das, was nach dem Lockdown kommt. Auf jeden Fall wird das nicht die alte Normalität sein. Es scheint, dass wir wirklich auf eine «neue Normalität» zugehen.Der Begriff der «neuen Normalität» («the new normal») in bezug auf das Leben nach der Corona-Krise wird im angloamerkanischen Fernsehen seit ein paar Wochen täglich verwendet. Er erscheint nun auch in den deutschsprachigen Medien immer häufiger. Die Vorstellung, dass man nach der Corona-Krise einfach wieder zur Tagesordnung zurückkehren kann, schwindet.
Der Begriff der «neuen Normalität» ist aber nicht so neu und wurde nicht durch die Corona-Krise geprägt. Er hat eine längere Geschichte und ist aus dem Amerikanischen übernommen worden.
«The new normal» ist ein Begriff aus Business und Wirtschaft, der sich auf die finanziellen Bedingungen nach der Finanzkrise von 2007 bis 2008 und die Nachwirkungen der globalen Rezession von 2008 bis 2012 bezieht. Die Finanzkrise von 2008 habe eine «neue Normalität» hervorgebracht, welche eine fundamentale Restrukturierung der ökonomischen Ordnung beinhaltet. «The new normal» wird oft als Bezeichnung für einen digitalen Kapitalismus, im Zusammenhang mit dem Silicon Valley oder China, verwendet. Zum ersten Mal habe jemand im Jahr 2001 diesen Begriff im Zusammenhang mit den Terronanschlägen aufs World Trade Center verwendet. Der 11. September 2001 (9/11) habe die USA in eine «neue Normalität» gestürzt. Seither gilt der Begriff als «buzzword», als Modewort oder Schlagwort.1 Der Begriff wurde seitdem in einer Vielzahl von anderen Kontexten verwendet, um zu implizieren, dass etwas, was zuvor «nicht normal» war, jetzt zum Alltag gehört.2
So erschien zum Beispiel 2012 eine US-amerikanische Sitcom mit dem Titel «The new normal», worin es um neue Familienmuster und Genderfragen geht.
2010 fragte eine Journalistin, ob «Dicksein die neue Normalität» in den USA sei. In ihrem Artikel geht es darum, dass viele Amerikaner Übergewicht haben. Dadurch würde sich die Wahrnehmung, was schlank oder dick ist, verschieben.3
Dies nur zwei aus unzähligen Beispielen. Gibt man bei Google den Begriff «neue Normalität» als Suchwort ein, so werden 11,5 Millionen Einträge gezählt (Stand 30. Mai 2020). Auch Wikipedia hat sich des Begriffes schon angenommen.
Unabhängig von unserer politischen Einstellung werden wir durch das Coronavirus als ganze Gesellschaft herausgefordert, Politik, Ökonomie und unser Alltagsleben zu überdenken und, wo es nötig ist, zu reorganisieren. Wir können nicht einfach zurück zur Normalität. Ob aber das, was mit «neuer Normalität» bezeichnet wird, auch ein Fortschritt für die Menschheit sein wird oder ob nicht vielmehr ganz spezielle Interessen zum Zuge kommen wollen, ist eine andere wichtige Frage.    •
 


1  Roberts, Alasdair. «Four Crises of American Democracy», Oxford University Press, 2017
2  Wikipedia: New Normal, business
3  Rauh, Sherry. «Is Fat the New Normal?», 2010

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