Familie in der Corona-Krise – persönliche Eindrücke

von Renate Dünki

Wie viele Ältere bin ich Teil einer Risikogruppe, die Abstand hält und viel Zeit zu Hause verbringt. Dabei lebe ich in einem Umfeld, in dem die Corona-Pandemie zwar in aller Munde ist, den Alltag aber nicht völlig lahmlegt. Nachbarn und eine Freundin kaufen mir ein, anderes kann ich telefonisch bestellen.
Weil ich auf dem Land lebe, habe ich es leicht, mir Bewegung in der Natur zu verschaffen und den schönen Frühling zu geniessen. Und weil mir die Nähe zu meiner Familie fehlt, die im benachbarten Ausland lebt, schreibe und telefoniere ich viel und halte aktiv den Kontakt aufrecht. Denn das stelle ich einmal mehr in dieser Zeit fest: Gespräche, Interesse am anderen sind das Lebenselixier, das alle brauchen und das sich auch kreativ herstellen lässt.
Ein Beispiel, das ich kürzlich erleben konnte, ist das Ergebnis einer solchen Idee. Der Idee meiner Schwiegertochter und ihrer jüngsten Tochter, auf dem wieder geöffneten Spielplatz im Sandkasten für mich einen Geburtstags-Sandkuchen zu backen. Der «Backvorgang» wurde wie in einem professionellen Kochbuch genau mit Fotos dokumentiert und am Schluss nicht «En guete», sondern «Viel Glück» in den Sand geschrieben. Die Fotos dieser kleinen Kunst-Aktion wurden mir dann, von einer «Kochanleitung» begleitet, als Päckchen zugesandt – ein gesunder, zuckerfreier, veganer Kuchen zum Geburtstag!
Der beigelegte Brief schilderte allerlei Alltagserlebnisse aus der Zeit des Lockdown – die Kinder wirkten weder gedrückt noch gelangweilt oder durch Isolation beeinträchtigt, obwohl die Schulen erst gestaffelt geöffnet werden, die Sport- und Musik-AGs abgesagt sind.
Natürlich wird das in unserer Gesellschaft nicht ewig so weitergehen. Aber es hat mich als Grossmutter sehr gefreut und berührt zu erleben, mit wieviel Phantasie auch eine solche gefährdete Zeit in gegenseitiger Zuwendung gestaltet werden kann.
In die gleiche Richtung gehen Beobachtungen in meinem Familien- und Freundeskreis:
Gerade in jungen Familien, in denen beide Eltern fast voll arbeiten, waren vor dem Lockdown die noch kleinen Kinder in Einrichtungen versorgt, so dass auch die Frauen ihre Berufe weiter ausüben konnten. Wegen der Pandemie änderte sich manches. In einer Familie zum Beispiel ist der Vater in Kurzarbeit und arbeitet im Home-Office in einer relativ kleinen Stadtwohnung, eine Situation, die Nachtarbeit erfordert und ihn beunruhigt. Dennoch sind sich die Eltern einig, dass ihre beiden Buben seit der Familienzeit einen ruhigeren, aber auch wacheren Eindruck machen. Die Eltern denken sich allerlei Anregungen aus, etwa einfache Experimente zu den Eigenschaften von Luft. Die werden dann verfilmt und wieder anderen Kindern im Freundeskreis zugesandt. Die auf die Familie zentrierte Zeit, mehr Ruhe, tut den Kindern erkennbar gut. Und die Eltern erleben, dass es keine gewaltigen Dinge braucht, um das Zusammenleben zu gestalten – «nur» mehr Zeit füreinander.
Mir scheint die Abkehr von allzu viel äusserer Abwechslung und wohl auch von einem zeitlich allzu genau getakteten Tageslauf, die wieder mehr Zusammensein und ruhige Beziehung innerhalb der Familie erlaubt, das Geheimnis dieses positiven Eindrucks zu sein – das ist meine persönliche Schlussfolgerung. Sie deckt sich mit Ergebnissen der Entwicklungspsychologie zur grossen Bedeutung der Familie. Wenn viele Mütter und Väter dies aus der Zeit der Abgeschlossenheit für sich mitnehmen könnten, wäre es eine der positiven Erkenntnisse dieser Krise.       •

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