«Freiheit des Vaterlandes war meine erste Liebe»

Ignaz Paul Vital Troxler (1780–1866) als geistiger und politischer Erneuerer der Schweiz

von Dr. phil. René Roca, Forschungsinstitut direkte Demokratie

Der Ignaz P. V. Troxler-Verein (www.ipvtroxler.ch) bemüht sich intensiv um das Erbe dieses grossen Schweizer Denkers. Eine Frucht dieses Bemühens war ein erster Band mit ausgewählten Aufsätzen und Vorträgen aus dem Troxler-Gedenkjahr 2016 mit dem programmatischen Titel «Erbe als Auftrag». Nun liegt der zweite Band vor mit dem Titel «Mythos, Gemeinschaft, Staat. Ignaz Paul Vital Troxler, geistiger und politischer Erneuerer der Schweiz.»* Andreas Dollfus legt als verantwortlicher Herausgeber eine Anthologie mit sorgfältig ausgewählten Texten von Troxler vor, die eine Neuausgabe einer 2005 erstmals erschienenen und seit kurzem vergriffenen Schrift ist. Er leitet die Textsammlung ein und versieht die Troxler-Texte und -Reden immer wieder mit einem profunden Kommentar. So erhält der Leser einen guten Über- und Einblick in das äusserst vielfältige geistige und politische Wirken Troxlers.

Die Sammlung setzt mit einem autobiographischen Fragment Troxlers ein, das er im Jahre 1830 verfasste. Troxler selbst stammte aus einfachen Verhältnissen, wuchs in Beromünster (Kanton Luzern) auf und verlor früh den Vater. Schon mit neun Jahren besuchte er die Lateinschule im Chorherrenstift Beromünster, dann die Gymnasien in Solothurn und Luzern. Speziell war seine Beziehung zu einem Oheim im Kloster St. Urban, Pater Gregor, der den jungen Troxler nebst der Vermittlung eines soliden christlichen Fundamentes in die Literatur und die Philosophie einführte: «[…] und so ward dies Kloster für mich die erste Akademie.» In Solothurn kam er in Kontakt mit der französischen Emigrantenwelt, «und dies lenkte zumeist meine Aufmerksamkeit auf das grosse Ereignis der französischen Revolution und ihre Folgen für mein Vaterland. Ich fing an, das Allgemeine zu fühlen und selbst zu denken, ich las deutsche und französische Tagesblätter, meine Freiheitsliebe erwachte […].» Das Thema der «Freiheit» war fortan für Troxler zentral und seine philosophischen, politischen und pädagogischen Gedanken kreisten immer wieder um diese wichtige Grundvoraussetzung eines würdigen menschlichen Lebens.

Neutralitätsgarantie für die freie Schweiz

In einem weiteren Text befasst sich Troxler mit der Neutralität der Schweiz. Er selbst reiste 1815 nach Wien und nahm als Privatmann am dortigen Kongress teil, um auf die Verhandlungen, bei denen es um die Neugestaltung der politischen Verhältnisse in Europa und der Schweiz ging, einzuwirken. Er betonte dabei die Bedeutung einer Neutralitätsgarantie für die Schweiz und dass diese die Freiheit der Schweiz bestätigen werde. Troxler weiter: «Ein von aussen unabhängiges und innerlich selbständiges Volk ist im besten Sinne neutral.»
   
Weitere Texte, die Eingang in die Sammlung fanden, befassen sich mit der für den Aufbau und den Erhalt einer Demokratie fundamentalen Pressefreiheit sowie mit der Frage, worauf «das Wohl unseres Vaterlandes» beruhen soll, also mit den politischen und ethischen Grundvoraussetzungen eines demokratischen Staates, beispielsweise mit dem Text über die «Einheit im Geiste als wahre Naturkraft eines Volkes».

Die neue Bundesverfassung 1848 – «naturrechtlich und geschichtsmässig» fundiert

Troxler philosophierte nicht nur über die ethischen Grundlagen in Politik und Gesellschaft, sondern griff auch konkret in politische Debatten ein. Seit Beginn der Regeneration 1830 diskutierte man in der Schweiz über eine neue Staatsform, und auch Troxler beteiligte sich daran. Die Schweiz war damals ein Staatenbund und besass als verfassungsmässige Grundlage lediglich einen Bundesvertrag. Dies genügte den damaligen Anforderungen in politischer und vor allem auch in wirtschaftlicher Hinsicht (beginnende Industrialisierung) nicht mehr. Dem Text «Die eine und wahre Eidgenossenschaft» fügte Troxler 1832 gleich noch einen Verfassungsentwurf bei, der die Schweiz als Bundesstaat vorsah: «Alle wahre Eidgenossenschaft ist ein Bundesstaat, und das war die ursprüngliche und blieb bis zu Zeit ihrer Auflösung. Sie war als Bundesstaat gebaut auf die Stellvertretung der Gesamtheit der Bürger als der Besonderheit der Orte.» Besonders hervorzuheben ist hier, dass Troxler immer wieder die Anfänge der schweizerischen Eidgenossenschaft würdigte und betonte, dass wir uns an dieses Erbe erinnern müssten. Für ihn war nur so eine neue Bundesverfassung «naturrechtlich und geschichtsmässig» fundiert.
   
Entscheidend für die heute immer noch gültige Gestalt des Bundesstaates war dann Troxlers Schrift «Die Verfassung der Vereinigten Staaten Nordamerikas als Musterbild der schweizerischen Bundesreform», die ebenfalls Eingang in die Anthologie fand. Er publizierte diesen Text in einem epochalen historischen Moment, nämlich 1848, als eine Tagsatzungskommission nach dem Sonderbundskrieg über die neue schweizerische Verfassung diskutierte. Troxler gab der Kommission den entscheidenden Impuls zur Einführung eines Zweikammersystems (National- und Ständerat). Troxler wollte aber das System der USA nicht einfach kopieren, zumal er die geistige Urquelle dieses Modells in der Eidgenossenschaft sah: «Der Keim dieser Föderalrepublik […] ist in unsern Bergen gesät und von Europa aus jenseits des Meeres mittels Pensylvanien in den grossen Weltteil übertragen, dort zur Frucht am Riesenbaume gereift. Es kommt uns also von dort nichts Neues […]!» Troxler sah das Modell des Bundesstaates auch als wichtiges Versöhnungswerk an, damit das Schweizer Volk nach dem Sonderbundskrieg wieder zusammenwachsen könne als «ebenbürtige und gleichberechtigte Brüder».

Ein Troxler für die heutige Schweiz

Die Texte, ein Fundus sondergleichen, zeigen einen Troxler, der in vielerlei Hinsicht als geistiger und politischer Erneuerer der Schweiz gelten kann. Das Nachwort des Bandes stammt vom Juristen sowie langjährigen Chefredaktoren und Verleger der «Schaffhauser Nachrichten» Max U. Rapold und trägt den Titel «Not-wendig: ein Troxler für die heutige Schweiz». Damit stellte Rapold 2005, zum Zeitpunkt der Erstausgabe der Textsammlung, einen bedenkenswerten Gegenwartsbezug her. Darin heisst es: «Es sind sein [d. h. Troxlers, d. V.] spirituelles Fundament, sein Mut zur Gegenläufigkeit im Meinungsstreit, sein Widerstand gegen fade Kompromisse beim Suchen nach tragfähigen politischen Lösungen und seine tiefe Achtung vor dem ewig gültigen Gründungsimpuls der Eidgenossenschaft, die das aktuelle Ringen um die Zukunft unseres Landes zu inspirieren vermögen.» Dieser Satz hat nichts an Aktualität eingebüsst, und man wünscht sich dessen Realisierung nicht nur weiterhin für die Schweiz, sondern für jeden demokratisch begründeten Staat.        •
 



*  Dollfus, Andreas (Hrsg.). Mythos, Gemeinschaft, Staat. Ignaz Paul Vital Troxler, geistiger und politischer Erneuerer der Schweiz, Beer-Verlag Zürich, 170 Seiten, CHF 28.–

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