«Nur Verstehen führt zur Freiheit»

Daniel Barenboims Lehren aus dem Holocaust

wp. In der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» vom 12. Mai 20201 nimmt Daniel Barenboim die bevorstehende Vereidigung der 35. Regierung Israels am 13. Mai 2020 – und wohl auch den 75. Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkriegs – zum Anlass zu untersuchen, welche Lehren aus dem Holocaust gezogen werden müssen, wenn Freiheit und Frieden hergestellt werden sollen.

Ein wesentlicher Grundsatz des Judentums ist das Streben nach Gerechtigkeit für alle Menschen, so Barenboim. Israel gebe dieses Kapital allerdings mit seinem Verhalten und seiner Politik aus der Hand, und zwar dadurch, dass sich seine Erinnerungskultur nur um das Unrecht drehe, das ihm zugefügt worden sei, und zum zweiten durch die ungerechte Behandlung der Palästinenser. Erinnern sei nur sinnvoll, wenn es mit einem konstruktiven Aspekt verbunden sei, was in diesem Zusammenhang hiesse: Für Israel darf der Holocaust nicht «einziges moralisches Kriterium für seine Existenz» sein, und die Palästinenser können Israel nur akzeptieren, wenn sie «seine Geschichte einschliesslich des Holocausts akzeptieren». Es gehe allerdings nicht nur um Wissen, sondern auch um Verstehen, das – einem Gedanken Spinozas folgend – zur Freiheit führe: Der Holocaust mit all «seinem Grauen» und «seiner Tragödie» gehöre der «Menschheit als Ganzer». Er müsse – und es sei hinzugefügt, wie alle anderen monströsen Verbrechen gegen die Menschlichkeit auch – von den Menschen verstanden werden, damit sie nicht «Sklave einer Erinnerung» bleiben.
   
Zum Schluss nimmt Barenboim noch deutlich zur Politik Israels Stellung: Nicht nur die israelische «Erinnerungsethik» sei falsch, sondern auch die Besatzungs- und Siedlungspolitik im Westjordanland sowie die von der neuen Koalitionsregierung geplante Annexion von Teilen dieses Gebietes. Aber auch die Palästinenser sieht der Autor in der Pflicht: So wie die Israeli die Palästinenser verstehen müssen, müssen die Palästinenser die Israeli verstehen. Und Barenboim wäre nicht Barenboim, wenn er nicht die Musik als Lehrerin beiziehen würde, die vom Dialog, vom Kontrapunkt lebe: «Wenn es nur eine Stimme gibt, dann ist das eine Ideologie, und das könnte in der Musik nie passieren.»      •

 


1  Barenboim, Daniel. «Nur Verstehen führt zur Freiheit» in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.5.2020

 

Unsere Website verwendet Cookies, damit wir die Page fortlaufend verbessern und Ihnen ein optimiertes Besucher-Erlebnis ermöglichen können. Wenn Sie auf dieser Webseite weiterlesen, erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
 

Wenn Sie das Setzen von Cookies z.B. durch Google Analytics unterbinden möchten, können Sie dies mithilfe dieses Browser Add-Ons einrichten.