Spassgesellschaft zur Zeit der Covid-19-Pandemie?

Da hört der Spass auf!

von Winfried Pogorzelski, Schweiz

Eine Gesellschaft, die in ihrem Lebensstil hauptsächlich auf persönliches Vergnügen ausgerichtet ist und sich nicht für das Allgemeinwohl interessiert, ist eine Spassgesellschaft. War je eine Gesellschaft, die sich dem Hedonismus hingab, von Bestand? Wohl kaum, das zeigte schon der Untergang des Römischen Reiches. Und was taugt eine Spassgesellschaft zur Zeit einer weltweiten Pandemie wie derjenigen von Covid-19? Natürlich rein gar nichts – mehr noch: Sie ist gefährlich. Und trotzdem feiert sie momentan offenbar fröhliche Urständ!

Zwar hat man immerhin – wenn auch zähneknirschend – die diesjährige Street Parade, die Zürcher Variante der sogenannten Loveparade – mit bis zu einer Millionen Teilnehmern weltweit die grösste ihrer Art – wohlweislich abgesagt, zum Kummer der Zwinglistadt, der sie zwar 90 Tonnen Abfall hinterlässt, aber auch einen Umsatz von sage und schreibe 100 Millionen Franken. Aber gefeiert werden muss dennoch wieder, so in weiten Kreisen der Bevölkerung die Devise, so bald und so oft wie möglich und anscheinend auch um jeden Preis, auch um den Preis der Volksgesundheit, die ohnehin momentan höchst gefährdet ist.
   
Das jedenfalls scheint auch die Gesinnung derjenigen Zürcher Partygänger gewesen zu sein, die – kaum durften Clubs und Bars unter gewissen Auflagen wieder geöffnet werden – eben diesen Auflagen trotzten: Sie gaben absichtlich falsche, d. h. erfundene E-Mail-Adressen an; viele hinterliessen überhaupt keine Angaben. Das Desaster stellte sich erst mit zeitlicher Verzögerung heraus, so dass es für Behörden und Club-Betreiber um so schwerer war, angemessen zu reagieren. «So geht es nicht!», liess sich die Gesundheitsdirektorin des Kantons Zürich, Nathalie Rickli, verlauten. Und sie fügte an: «Das Virus ist kein Spass, auch nicht für die Spassgesellschaft.» Sie drohte für den Fall eines neuerlichen Superspreading-Vorfalls, d. h. für den Fall, dass – wie in Zürich geschehen – ein Infizierter innerhalb kurzer Zeit mehrere Menschen ansteckt, mit der Schliessung der Clubs. Auch bei Sportveranstaltungen und bei Fluggästen sei es zu Ansteckungen gekommen. Ihr ernüchterndes Fazit: «Unsere Aufrufe, sorgfältig zu sein, sind nicht befolgt worden.» Wenn es so weitergeht, werden auch Fälle von Ansteckungen bei der seit kurzem wieder erlaubten Prostitution gemeldet werden. Zum Glück mangele es – so heisst es – momentan an den entsprechenden «Arbeiterinnen», die in ihre Heimatländer gereist seien und momentan keine Möglichkeit hätten, zurückzukommen. Und zu alledem beginnen jetzt auch noch allerorten die Sommerferien …
   
Man reibt sich verwundert die Augen: Wie war das doch mit den Abstandsregeln? Mit den Hygiene-Massnahmen wie Händedesinfektion und Mundschutz? Das hatten wir doch alle gerade erst eingeübt, und wir praktizierten es mit der Zuversicht, einen sinnvollen Beitrag zur Erhaltung der Volksgesundheit zu leisten! Ganz offensichtlich sind jetzt aber von Staats wegen Anlässe erlaubt, zu denen die Vorsichtsmassnahmen, die nach wie vor unerlässlich sind, nicht passen, weil sie schlicht und ergreifend nicht eingehalten werden können: Wie soll ein Maskenträger in einer Disco Alkohol konsumieren, tanzen und gleichzeitig noch laut sprechen können?
   
Wenigstens eine Massnahme, auf die viele hierzulande händeringend warteten und die im Ausland zum Teil schon länger gilt, wurde am 1. Juli vom Bundesrat verkündet: Ab dem 6. Juli ist es Pflicht, als Benutzer des öffentlichen Verkehrs eine Gesichtsmaske zu tragen, neuerdings im Kanton Waadt auch in Geschäften. Die Maskenpflicht im gesamten öffentlichen Raum – wie schon länger bei unserem Nachbarn Deutschland praktiziert – fordert inzwischen auch die Vereinigung der Schweizer Kantonsärzte. Seit dem 9. Juli dürfen sich in den Nordwestschweizer Kantonen Basel Stadt, Baselland, Aargau und Solothurn in Clubs und Restaurants nur noch maximal 100 Personen gleichzeitig aufhalten.
   
Und wie war das doch mit der Spassgesellschaft? Sie brachte noch nie ein Gemeinwesen vorwärts, fügte ihm aber auf Dauer Schaden zu, so dass es um seine Existenz bangen musste oder zumindest herbe Rückschläge erlitt. Die derzeitige Variante ist übrigens kein Zufall: Sie wurde bewusst herbeigeführt, getragen von der neoliberalen Verabsolutierung des Genusses, des Konsums zur Freude der Konsumgüter- und Unterhaltungsindustrie. Möglichst viel erleben und geniessen in der begrenzten Lebenszeit ist die Devise der jungen Leute von heute.
   
Das Ende der Spassgesellschaft wurde schon mehrmals verkündet, ganz prominent u. a. von Buchautor und Journalist Peter Scholl-Latour im Anschluss an 9/11. Ich hätte nichts dagegen, wenn wir uns anlässlich der gegenwärtigen Pandemie für immer von ihr verabschieden würden, um uns verstärkt der Förderung des Allgemeinwohls zu widmen, zumal die Zahl der Infizierten bei uns, in unseren Nachbarländern und erst recht weltweit weiter steigt …      •

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