Warum Fernunterricht die Freude am Lernen verdirbt

von Marianne Kutscher, Köln

Unser Enkel Jan ist Erstklässler und lebt seit drei Jahren bei uns. Er ist vom Lesen und Rechnen fasziniert, fasst Dinge schnell auf und lernt gerne. Seine Lehrerin schwärmt von ihrer Klasse in höchsten Tönen, ist sehr engagiert, beliebt und «bodenständig». Die digitalen Medien spielten in ihrem Unterricht bisher kaum eine Rolle. Da ich selbst pensionierte Förderschullehrerin bin, hatte Jan im Fernunterricht optimale Voraussetzungen mit einer professionellen Bezugsperson mit Zeit. In den ersten 2–3 Wochen der Schulschliessung hatten wir viel Freude miteinander, Jan hat seine Aufgaben zügig und gerne bewältigt. Er war an den ausgedruckten Plänen und Arbeitsblättern sehr interessiert. 

Morgens, bei uns zu Hause, spätestens um 9 Uhr, begann die «Schule», wobei Jan grossen Wert darauf legte, dass wir nicht «Schule» spielten und ich nicht seine Lehrerin wäre – denn, so empfinde ich es, seine Schule und seine Lehrerin sind ihm «heilig». Jans Lehrerin sorgte sehr verbindlich und so gut es ging dafür, den Lernstoff aufzubereiten und zu vermitteln, in der Regel über E-Mails. Sie schickte immer wieder Fotos vom Klassentier, dem Zebra Milo, das auch wie die Schüler nicht in der Schule war, sondern bei ihr zu Hause. Milo stellte Rätsel oder Aufgaben und gab postwendend ein Echo, wiederum per E-Mail. Anfangs fand Jan es toll, von Milo zu hören, schnell war aber der Reiz vorbei, und dann nahm er Milos Antworten lediglich zur Kenntnis und fragte auch nicht mehr danach. Leider konnte in den gesamten Wochen nur ein etwa fünfminütiges Treffen mit der Lehrerin zwecks Übergabe der Aufgaben vor unserer Haustür stattfinden. Jan stand sehr «andächtig», aber zurückhaltend an der Tür. Er freute sich über das Wiedersehen, aber er hielt seine Freude zurück, so war mein Eindruck, da er wusste, dass sie nur von kurzer Dauer und wer weiss wann überhaupt wieder möglich sein würde.

Nach den Osterferien begann Jan bei den Aufgaben zu stöhnen: Nicht schon wieder die Seiten zum neuen Buchstaben im Karibu, nicht schon wieder die Arbeitsblätter, ich mache sie heute Nachmittag als «Hausaufgabe»! Die «Hausaufgabe» wurde etwa zweimal ohne Murren erledigt. Danach hatte er auch hierzu keine Lust mehr und schob sie auf den Abend oder auf das Wochenende. In dieser Zeit enthielten die Aufgaben zunehmend mehr Angaben zu Links von You Tube-Filmen von etwa 3 Minuten zum Sachunterricht oder zur Erklärung von Zehnerüber- und unterschreitung. Obwohl die Filme recht anschaulich waren, hatte Jan auch hieran bald nur noch wenig Interesse. Ebenso kam die Aufgabe, wöchentlich mit «Anton» oder «Antolin» zu arbeiten, zwei Lernprogrammen zum Lesen und Rechnen, mit denen man Punkte erwerben kann, aber auch sie hatten schnell ihren anfänglichen Reiz verloren, genauso wie der Lesepass, mit dem man sich mit den von den Eltern quittierten zehnminütigen Leseübungen eine Perle von der Lehrerin am Tag des «Präsenzunterrichts» holen kann.

Auch bei den Leseübungen wurde mir deutlich, was fehlte: der menschliche Kontakt zur Lehrerin und den Mitschülern, das laute deutliche Sprechen, damit die anderen verstehen, das Zuhören der anderen, die Bestätigung oder auch Korrektur und Ermutigung durch die Lehrerin, das Hören, wie die Mitschüler lesen, dass auch sie Fehler machen …! Jan las seine Aufgaben zu Hause nur still, die Oma war eben kein Ersatz für die Klassengemeinschaft! Schliesslich kam eine Mutter auf die Idee, Zoom-Konferenzen der Klasse zu organisieren. Bei der ersten Konferenz klappte es bei uns am Handy nicht mit dem Mikrofon, an meinem schon etwas älteren Laptop gab es noch keine Kamera, Resümee: Jan hat seine Lehrerin gesehen wie im Fernsehen, nicht wie sie «leibt und lebt», sondern wie «konserviert». Alle feinen Sig-nale zwischen Lehrerin und Schülern und unendliche viele Facetten der wortlosen Kommunikation, die im realen Unterricht eine freundliche, herzliche, ermunternde, intensive, dialogische Atmosphäre vermitteln, sind digital nicht möglich. Einige seiner Mitschüler sah Jan in nervösem Bildwechsel, und sie waren teilweise kaum zu verstehen. Jan selbst tritt nicht gern vor die Kamera, infolgedessen kam er in den «Konferenzen» nicht vor. Er fragte nach keiner weiteren Konferenz. Sein Freund Tim, berichtete seine Mutter, wollte mit diesen Treffen am PC gar nichts zu tun haben. Jans «Unlust» beim Arbeiten wurde immer stärker. Es tat mir regelrecht weh, zu erleben, wie er seine Freude am Lernen zunehmend verlor und stimmungsmässig abbaute. Da er korrekt das erledigte, was die Lehrerin forderte, nicht mehr und nicht weniger – was wiederum die starke Ausrichtung der Kinder auf die Lehrerin zeigt –, drang ich auch wenig mit meinen Versuchen zu ihm durch, das Ganze kreativer zu gestalten. Weil die Lehrerin am Präsenztag nicht die Zeit hatte, alle Arbeitsblätter nachzusehen, zog Jan in Erwägung, sie nicht mehr zu bearbeiten. Aber als sein Freund berichtete, dass sie an einem anderen Tag doch kontrolliert hätte, überlegte er es sich anders. Zum ersten Mal hatte er dann unter einem Blatt stehen, dass er mehr auf seine Schrift achten sollte. Auf meine Anregung, ordentlicher zu schreiben, legte er nicht so viel Wert, so ging es jetzt dann auch mit seiner Schrift etwas »bergab». Ich entschloss mich, Jans Freund dienstags und donnerstags zum gemeinsamen Lernen einzuladen. Das war die «Rettung»! Die Eltern waren erleichtert, da sie beide im Home-Office waren und noch ein Schulkind zuhause hatten und Tim die gleichen «Unlusterscheinungen» zeigte wie Jan. Sofort war alles anders, die Erinnerung an das gemeinsame Lernen kam und damit auch die Freude. Beide setzten sich direkt hin und begannen ihre Arbeit, tauschten sich aus über die Inhalte, machten ihre Spässchen, spornten sich gegenseitig an und beeilten sich. Ich konnte mir durch ihr Miteinander lebhaft vorstellen, wie es in der Klasse zu und hergeht. Jan blühte förmlich auf! Die Freundschaft, die in der Schule entstanden und in den letzten Wochen ins Stocken geraten war, wurde wieder lebendig. An den Tagen, wenn Tim nicht kam, kam bei Jan wieder dieselbe Stimmung von Unlust und Abwehr auf. Mir wurde durch diese Zeit einmal mehr 
bewusster, welch immense Bedeutung der Lehrer als erste Bezugsperson nach den Eltern hat und dass dem Lernen ohne wirkliche Beziehung das «Leben» fehlt und Schule durch nichts zu ersetzen ist!   •

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