Hiroshima und Nagasaki

Zum 75. Jahrestag des atomaren Horrors

von Manuel García Fonseca, Spanien

Vor einigen Monaten kam ein in Hiroshima lebendes japanisches Ehepaar zu uns nach Hause. Es begleitet ehrenamtlich Besucher in das Museum und zum Stadtzentrum, wo sich eine der grössten Greueltaten des 20. Jahrhunderts abgespielt hat. Es war ein Erlebnis, einige Tage mit Überlebenden aus Hiroshima zu verbringen, die das Grauen zeigen und die physische, aber vor allem die moralische Regeneration der Bewohner von Hiroshima unterstützen. Sie vergessen nicht, sie informieren, und sie tun dies mit einer Gelassenheit und einer moralischen Grösse, die ansteckend ist. Der Frieden soll es unmöglich machen, dass sich das Grauen wiederholt.
    Jedes Jahr am Jahrestag wird der Geschehnisse in Hiroshima und Nagasaki gedacht, und es werden emotionale Veranstaltungen organisiert, um der Opfer zu gedenken – als ob alles ein Unfall der Geschichte gewesen wäre. Dabei wird vergessen, dass es sich um eine vorsätzliche Handlung handelte, die in vollem Wissen um den Schaden, den sie anrichten würde, und unter absoluter Missachtung des menschlichen Leids begangen wurde. Die Vereinigten Staaten haben diesen ungeheuren Terrorakt gerechtfertigt, indem sie den Japanern die Schuld zugewiesen und die Tat als notwendiges Übel für eine bessere Zukunft dargestellt haben. Allerdings waren weder die Menschen, die sich in ihren Häusern befanden, schuldig, noch wurde eine bessere Welt erreicht; im Gegenteil, Millionen von Menschen hat es schrecklichen Schmerz und unnötiges Leid gebracht, und manche von ihnen leiden noch immer unter den Folgen und sterben an den Spätfolgen der Verstrahlung.
    Wenn ich die üblichen Kommentare in den Medien lese und höre, finde ich sie so voreingenommen und wenig einleuchtend, dass ich mich verpflichtet fühle, andere, absolut anderslautende Auffassungen zu vertreten.
    Ich hatte das Glück, den amerikanischen Historiker Gabriel Jackson bei einem Besuch in Gijón zu treffen und zu hören, wie er eines seiner interessantesten und am besten belegten Bücher kommentierte: «Zivilisation und Barbarei im Europa des 20. Jahrhunderts». Ich fand seine Überlegungen zu diesem schrecklichen Ereignis sehr wichtig. Sie brachten mich dazu, eine ganz andere Sichtweise einzunehmen als die heute vorherrschende, die von den US-Regierungen vertreten wurde und wird.
    Als erstes ist auffallend, dass die Medien über den Jahrestag von Hiroshima sprechen, aber kaum erwähnen, dass drei Tage später die zweite Atombombe auf die Zivilbevölkerung von Nagasaki abgeworfen wurde, ohne der japanischen Regierung auch nur die geringste Chance zu geben, ihre Position angesichts einer so beispiellosen grauenhaften Handlungsweise zu überdenken.
    Für Jackson waren die barbarischsten Taten des Jahrhunderts die von Nationalsozialismus und Stalinismus verübten sowie die beiden Atombomben, die auf Städte abgeworfen wurden. Die grausame Atomwaffe wurde absichtlich gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt, um die grösstmögliche Wirkung zu erzielen, d. h. die grösstmögliche Zahl ziviler Todesopfer (heute sind es bereits mehr als zwei Millionen Menschen), um möglichst weitreichenden Schrecken zu erzeugen. Jackson nimmt eine detaillierte kritische Analyse der verschiedenen offiziellen Rechtfertigungen für diesen Völkermord vor und zeigt alternative Möglichkeiten eines abschreckenden nuklearen Einsatzes auf, den man ohne zivile Opfer hätte durchführen können. Die Forderung nach der bedingungslosen Kapitulation, die den Amerikanern als Rechtfertigung für den Einsatz der Atombombe diente, hinderte die Vereinigten Staaten nicht daran, schlussendlich doch die Hauptbedingung zu akzeptieren, auf der die Japaner bestanden hatten: dass der Kaiser nicht zur Abdankung gezwungen und dass er nicht als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden sollte. Wäre diese Bedingung vorher akzeptiert worden, hätte die japanische Regierung auch ohne den Atombombenabwurf kapituliert.
    Dem amerikanischen Volk die Schuld für eine solche Entscheidung zu geben, wäre jedoch unfair und falsch. Die amerikanische Demokratie wird, wie Eisenhower selbst warnte, vom militärisch-industriellen Komplex dominiert. Ich zitiere die beeindruckenden Gedanken, mit denen Jackson seine Analyse beendet:
   «Für mich als Amerikaner, der damals als Militärkartograph diente, schien es ein ‹Kriegsverbrechen› zu sein, und in dem (mehr als) halben Jahrhundert seither habe ich nie eine überzeugende Erklärung dafür gelesen, warum ein Test nicht in einem unbewohnten oder dünn besiedelten Gebiet durchgeführt werden konnte, um Menschenleben, und nicht nur die von amerikanischen Soldaten, zu retten. Unter den besonderen Umständen des August 1945 zeigte der Einsatz der Atombombe, dass ein aus psychologischer Sicht ganz normaler, in demokratischen Wahlen gewählter Regierungschef in der Lage war, die Waffe genau so einzusetzen, wie es der Nazi-Diktator auch getan hätte. Niemand, der sich mit den moralischen Unterschieden im Verhalten verschiedener Regierungssysteme beschäftigt, kommt um den Gedanken herum, dass die Vereinigten Staaten mit dem Abwurf der Atombomben den Unterschied zwischen Faschismus und Demokratie verringert haben.»
    Eine zweite Beobachtung zu den zentralen Auffassungen, die in offiziellen und herrschenden Leitmedien verbreitet werden, ist die der Gefährdung der Menschheit durch den möglichen Einsatz von Atomwaffen durch andere Länder, insbesondere solche der Dritten Welt. Es ist die Rede von der atomaren Gefahr, die davon ausgeht, dass Russland, Pakistan, Indien oder vor allem Nordkorea oder Iran im Besitz der Atomwaffe sind. Das Land, das unabhängig von internationalen Vereinbarungen am meisten mit dem Einsatz der Atomwaffe droht, nämlich Israel, wird nicht oft genannt. Und es wird nichts gesagt über die Ansichten und Neigung hoher politischer und militärischer Funktionäre in den Vereinigten Staaten, die Kernwaffe sogar als Abschreckungsmittel einzusetzen. Und vor allem wird diejenige Regierung, die bewusst und vorsätzlich die Entscheidung getroffen hat, den entsetzlichen Völkermord zu begehen, weder rechtlich noch moralisch zur Verantwortung gezogen.
    Es reicht nicht aus, der Opfer zu gedenken; man kann auch den Henkern nicht vergeben, solange sie weiterhin das nicht zu Rechtfertigende rechtfertigen, solange sie die Opfer nicht um Vergebung bitten und das Schreckliche und Unnötige ihrer Taten anerkennen. Für die Zukunft von Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Frieden. •

(Übersetzung aus dem Spanischen Zeit-Fragen)

Auch in Wolgograd ertönt die Friedensglocke

Jedes Jahr am 6. August findet im Wolgograder Panoramamuseum «Schlacht von Stalingrad» eine Feier zum Gedenken an die Zivilisten der Partnerstadt Hiroshima statt, die bei den Atombombenabwürfen von 1945 ums Leben kamen. Heute, zum 75. Jahrestag eines der schrecklichsten Tage in der Geschichte der Menschheit, ertönte in der Heldenstadt erneut die Friedensglocke, die Wolgograd von der Stadt Hiroshima überreicht wurde. An der Veranstaltung nahmen der Vorsitzende der Wolgograder Stadtduma Vladlen Kolesnikov und der Vorsitzende der Wolgograder Regionalabteilung der Russischen Friedensstiftung, Ehrenbürger von Wolgograd und Hiroshima Yuri Starovatykh teil.

Nachdem die Glocke um 8:15 Uhr dreimal geschlagen worden war – zu der Zeit, als am 6. August 1945 die Bombe auf die japanische Stadt Hiroshima abgeworfen wurde –, ehrten die Teilnehmer der Zeremonie die Erinnerung an die Opfer des Atombombenangriffs mit einer Schweigeminute. Danach wurden frische Blumen am Fusse der Glocke niedergelegt.
    «Vor 75 Jahren hat die Atombombe auf Hiroshima eine ganze Stadt ausgelöscht – mit Wohngebieten, Familien, alten Menschen und Kindern. Auch Stalingrad erlebte während des Zweiten Weltkriegs den vollen Schrecken des Krieges: Unsere Stadt wurde zum Schauplatz der schwersten Schlacht in der Geschichte der Menschheit und wurde bis auf die Grundmauern zerstört. Ein tragisches Schicksal verband Wolgograd und Hiroshima und wurde im Jahr 1972 zur Grundlage für die Unterzeichnung des Abkommens über Freundschaft und Zusammenarbeit. Seitdem wurde diese Freundschaft nicht unterbrochen, und eine der zentralen Strassen von Wolgograd ist nach Hiroshima benannt», sagte der Vorsitzende der Wolgograder Stadtduma Vladlen Kolesnikov.
    Er betonte, dass Wolgograd und Hiroshima heute durch die Arbeit zum Wohle der Welt vereint sind. Wolgograd hat das Vizepräsidium der grössten internationalen Organisation «Mayors for Peace» mit Sitz in Hiroshima inne. Eines der wichtigsten gemeinsamen Projekte von Städten im Bereich der öffentlichen Diplomatie ist die Internationale Jugendkonferenz für eine friedliche Zukunft.1 «Gemeinsam mit unseren Partnern aus Hiroshima und weiteren Städten sprechen wir uns gegen den Krieg aus und werden das immer tun. Wir werden alles Mögliche tun, damit neue Generationen niemals Tragödien wie die von Hiroshima und Stalingrad erleben müssen. Deshalb ertönt heute in Wolgograd wieder der Friedens-alarm», sagte Yuri Starowatykh.
    In diesem Jahr werden die Gedenkveranstaltungen am 6. August weltweit auf Grund der Corona-Pandemie eingeschränkt sein. Daher konnten keine Vertreter aus Hiroshima an der Gedenkfeier in Wolgograd teilnehmen. Eine Videobotschaft wird statt dessen in die japanische Partnerstadt geschickt.
    Am 6. und 9. August 1945 wurden zwei Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki abgeworfen. Bei der Explosion und der anschliessenden radioaktiven Kontamination des Gebiets kamen etwa 300 000 Menschen ums Leben. Dies war der erste und letzte Einsatz von Atomwaffen in der Geschichte. Zehn Jahre später, am 6. August 1955, fand in Hiroshima die erste Weltkonferenz zum Verbot von Atomwaffen statt; die Stadt selbst ist zu einem ewigen Symbol für den Kampf gegen Massenvernichtungswaffen geworden. Der Hiroshima-Tag wird von der internationalen Gemeinschaft als Welttag für das Verbot von Atomwaffen gefeiert. Die Welt soll sich an die menschliche Tragödie erinnern und die Bemühungen der Weltgemeinschaften vereinen, überhaupt Kriege zu verhindern.    •


1  In diesem Jahr kamen Jugendliche aus sieben Städten weltweit in einem Video-Flashmob zusammen; alle hatten einen Origami-Kranich aus Papier gefaltet als Zeichen der Verbundenheit; nach der japanischen Kultur tragen die Flügel der Kraniche die Seelen ins Paradies. (Anmerkung Zeit-Fragen)

Quelle: www.volgsovet.ru/d1d0/Activity/PressRelease/i18126 vom 6.8.2020

(Übersetzung Stadt Wolgograd/Zeit-Fragen)

Atombombenopfer (Gedicht der Mutter)

6. August 1945, 8 Uhr 15.

Wir waren zu viert,
der vierjährige Masahiro,
die zweijährige Sadako,
Grossmutter und ich.

Der Fliegeralarm war um 7 Uhr 30
zurückgenommen worden,
erleichtert hatten wir uns zum Frühstück
niedergelassen.

Ein blendender Blitz.
Die Druckwelle erschütterte das Haus,
die Wände stürzten krachend ein,
enorme Staubwolken im Zimmer,
wir konnten nichts mehr sehen.
Ich rief nach meinen Kindern.
Masahiro krabbelte vom Esstischchen zu mir her.
Sein Kopf blutübergossen.
Wo ist Sadako?
Sadako war nicht zu sehen.
Verzweifelt suchte ich sie, folgte ihrer brüllenden Stimme.
Sadako war einfach weggeblasen,
auf die Kohlenschachtel geschleudert worden.
Sie schluchzte krampfhaft, aber war ohne eine Schramme.
In der linken Hand der Grossmutter steckte ein Essstäbchen.
Ah, wir sind alle am Leben!*
Lass uns fliehen! Schnell, Grossmutter! Wir liefen aus dem Haus.

Draussen, die ganze Stadt brannte,
ich nahm die beiden Kinder an der Hand,
den Sack auf die Schulter,
und ich rannte mit Grossmutter wie verrückt
auf den eingeebneten Dächern
Richtung Ota-Fluss.

Wir liefen und liefen,
wichen den Leuten aus,
Leute, die tot unter den eingestürzten Häusern lagen,
wir mieden die Blicke der Leute,
Leute, die verbrannt, mit herabhängender Haut herumirrten.

Die ganze Stadt auf der Flucht,
ein Feuermeer,
voll mit Leichen und Gestank.
Fluchen wollte ich, dass ich noch am Leben war.

Grossmutter sagte, sie habe im Haus etwas vergessen.
Die beiden Kinder an den Händen,
ch konnte sie nicht abhalten.
Sie ging zurück. Die Flammen, immer höher.
Das war das letzte Mal, dass ich Grossmutter sah.

Wir drei liefen weiter,
aneinander geklammert, wie wahnsinnig.

Bei der Sanjo-Brücke begegneten wir einem Bekannten,
er liess uns auf sein Boot.
Gleich füllten sich beide Ufer mit Hilfe suchenden Leuten
und mit Leichen.
Er konnte das Boot nicht mehr von der Stelle bewegen.

Und hatten nichts anderes zu tun als warten,
is das Feuer sich legte.
Während wir das lecke Boot leerschöpften,
gegen zehn Uhr prasselte schwarzer Regen herab.

Am nächsten Tag holten wir die weissen Knochen der Grossmutter eingeäschert.

Grossmutter starb im Teich vor dem Haus,
wo sie Schutz von den Flammen gesucht hatte.

Im Tempel in Kabermachi
Gab man uns den Nachlass meines Vetters.
Zwölf Leben haben wir durch die Atombombe verloren.

(S. 22–26)

* Sadako starb 1955 an der Atombombenkrankheit – Leukämie.

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