Zeit-Fragen Nr. 19/20 - Sonderbeilage "Kongo"

Den Schlägen standgehalten - Die Autobiographie des kongolesischen Historikers Stanislas Bucyalimwe Mararo ist ein Vermächtnis

von Peter Küpfer

Ein Leben in Afrika ist von unserer westlichen Konsumwelt sehr weit entfernt. Die wenigsten «Westler» kennen es aus eigener Erfahrung oder dann doch eher von Hotels mit westlichem Lifestyle aus den oft fast militärisch abgeriegelten Resorts oder gesicherten und klimatisierten Büros in den kommerziellen Zentren wie Nairobi oder Südafrika. Um so aufwühlender ist der Eindruck, wenn man Menschen aus Afrika kennenlernt, welche in ihrem Land verwurzelt sind, ihren Kontinent und seine Leidensgeschichte kennen und erst noch ein Empfinden dafür haben, wie es ihren Mitmenschen hier heute geht.
    
Dies alles ist der Fall beim kongolesischen Historiker, Philosophen und Politologen Stanislas Bucyalimwe Mararo. Er legt nun seine umfangreiche Autobiographie vor; vorläufig ist sie nur auf Französisch erhältlich.1 Ihr Titel ist bezeichnend für die Persönlichkeit des Autors, die auch seine wissenschaftlichen Werke kennzeichnet: «Face aux coups de l’adversité. Une autobiographie». Das heisst auf Deutsch etwa: «Den Schlägen standhalten». Unter dem Portrait des Autors, der gefasst, unerschrocken und ernst in die Kamera blickt, steht der Wahlspruch, welcher im Hundertjährigen Krieg besonders tapfere bretonische Herrscherhäuser zu ihrer Devise machten: «Potius mori quam foedari» (Lieber sterben als sich beugen). Gemeint ist, sich der Gewalt beugen. Oder dem Unrecht.

Unbeugsam der Wahrheit verpflichtet

Der Gewalt und dem Unrecht gegenüber gebeugt hat sich Stanislas Bucyalimwe Mararo tatsächlich nie, wie sein Werk und seine Autobiographie zeigen. Die Autobiographie legt nicht nur eindrücklich Zeugnis ab über ein Leben, das bedingungslos der Wahrheit gewidmet war und ist, sondern bezeugt in seinem Lebenslauf  die entscheidenden historischen Etappen des Kongo (Demokratische Republik Kongo, vormals Zaïre). Es beginnt mit der lange Jahre drückenden Kolonisierung (Belgisch-Kongo) und der «Unabhängigkeit» der Republik Kongo (sie existierte nur wenige Sommermonate nach dem 30. Juni 1960) über die beiden Kongo-Kriege der 90er Jahre bis zu ihren noch anhaltenden katastrophalen Folgen.
    Der bisher einzige durch wirklich demokratische Wahlen installierte Präsident des unabhängigen Kongo, Patrice Lumumba, wurde zweieinhalb Monate nach seiner Amtsübernahme auf Geheiss amerikanischer, britischer und belgischer Geheimdienste von einem Einsatzkommando verschleppt und umgebracht, mitten in einem «Sezessionskrieg» (schon damals ein Etikettenschwindel zur Durchsetzung eines Regime change), der jahrelang wütete – bis der neue Herrscher von westlichen Gnaden, Mobutu Sese Seko, der Mann der westlichen Geheimdienste und Paten-Länder USA, Grossbritannien und Belgien, seine langjährige Diktatur etablierte und das Riesenland in «Zaïre» umbenannte.
    Die Mobutu-Diktatur funktionierte die ganzen langen Jahre des Kalten Krieges durch, wie von den Autoren der verdeckten Agenda geplant. Der Deal war so einfach wie brutal: Mobutu konnte mit «seinem Volk» nach Gutdünken verfahren, was er mit eiserner Hand tat. Das unter der Bedingung, dass Mobutu dem Westen ungehindert Zugang zu den für ihn lebenswichtigen Bodenschätzen des Kongo verschaffte (unter anderem Kupfer, Kobalt, Coltan, Uran, Gold und Diamanten), und zwar zu den von den Bezügern diktierten Tarifen. Und dass er garantierte, dass der kommunistische Ostblock wirtschaftlich, politisch und militärisch keinerlei Zugang hatte zu dem geostrategisch wichtigen Riesenland in Zentralafrika. Der Preis dafür war, dass die Garantie der Menschenrechte und die Demokratie, welche die erste Generation afrikanischer Führer nach der Entkolonisierung anstrebte, auf die Warteliste kamen.

Der Kongo als afrikanischer Joker im Spiel der Mächte

Mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks, dem Kränkeln des alternden Diktators Mobutu und der Ungewissheit, was mit dem Rohstofflager und geopolitisch zentralen Riesenland Kongo nun geschehen sollte, war für die westlichen Mächte, allen voran die USA, die Ausgangslage völlig neu. Unter der Clinton-Administration wurden die Vorbereitungen dafür getroffen, dass beim weltgeschichtlichen Paradigmawechsel (Ende des Kalten Krieges) die Interessen des Westens im süd-saharischen Afrika nicht aufs Spiel gesetzt würden, sondern jetzt erst recht zu ihren Gunsten gesichert wurden. Wie Stanislas Bucyalimwe Mararo in seiner Autobiographie, gestützt auf die Zeugnisse mutiger Zeitgenossen,2 immer wieder betont, wurde mit der neuerlichen, geheimdienstlich eingefädelten amerikanischen «Afrika-Politik» der Boden gelegt für das, was nach Mobutus Entmachtung 1997 wie ein Orkan über das Land hinwegfegte. Es hat sich davon bis heute nicht erholt.
    Dieser Plan sah vor (er figurierte in amerikanischen Geheimarchiven unter der Bezeichnung GHAI, Greater Horn of Africa Initiative), die strategisch wichtigen Regierungen um das Horn von Afrika, Dschibuti, Somalia, Eritrea auf der südwestlichen Achse zu stärken und den bereits für die Interessen der USA gewonnenen Machthaber von Uganda, Yoweri Museveni, dafür zu benützen. Mit dem traditionell auf westliche Beziehungen ausgerichteten Kenia und einem fest in die Nato-Perspektive integrierten Kongo wäre damit das Hinterland des afrikanischen Horns im Sinne amerikanischer geopolitischer Interessen gesichert. Da auch der Diktator Ugandas, Museveni, Musterschüler neuer afrikanischer Führer von Amerikas Gnaden, sein Einparteienregime nur auf die Macht seiner (von den USA finanzierten) Gewehre abstützte, brauchte es dazu nicht viel Überredungskunst. Er hatte schon früh öffentlich von einem neuen Grossstaat im zentralen Afrika geträumt, der Uganda, den Ostkongo, Ruanda und Teile Tansanias und Kenias umfassen sollte, ein Reich, das ethnisch von der traditionellen Führungselite der Hima (Uganda) und Tutsi (Ruanda) geführt würde, gestützt von den westlichen Grossmächten.
    Neu war die Situation ab 1994, als ein weiterer damals noch junger Schützling der USA, der ruandische Guerilla-Spezialist Paul Kagame, Abkömmling einer der einflussreichsten traditionellen Tutsi-Elitefamilien des «alten» Ruanda (auch er wie viele andere hohe Militärs überall auf der Welt in der amerikanischen Militärschule von Fort Leavenworth für die Erfordernisse des modernen Guerillakriegs trainiert), die Tutsi-Vorherrschaft in Ruanda zurückeroberte. Uganda, dahinter die USA, hatten Kagame im Visier, um mit ihm nach dessen Rückeroberung der Macht in Ruanda auch den militärisch gesicherten Sprung nach Kinshasa zu realisieren, den unzuverlässig gewordenen Mobutu fallenzulassen und damit den Kongo für weitere viele Jahre amerikahörig zu behalten.
    Die dazu nötige militärisch aktive Guerilla-Formation, die Ruandische Patriotische Front (RPF), war von Tutsi-Emigranten der ruandischen Elite schon früh auf ugandischem Boden aufgebaut und trainiert worden. Sie wartete nur noch auf «grünes Licht», um loszuschlagen und sich mit militärischen Mitteln die (durch den Wechsel der ehemaligen Monarchie in eine Republik) verlorene Vorherrschaft in Ruanda wieder zu sichern. Diesem Wunsch konnten die Global players der frühen neunziger Jahre entsprechen. In einem blutigen sogenannten Bürgerkrieg (das war ein weiterer Etikettenschwindel) eroberte die RPF mit amerikanischen Waffen, Söldnern und von der ugandischen Armee zur Verfügung gestellten erfahrenen Kämpfern aus Musevenis eigenem Dschungelkrieg die verlorene Vormachtstellung 1994 in Ruanda zurück.
    Stanislas Bucyalimwe Mararo verweist auf inzwischen zahlreiche Darstellungen, die, gestützt auf Zeitzeugen, berichten, dass der Vormarsch der ruandischen Tutsi unter Kagame, 1990–1994, von systematischen genozidähnlichen «Säuberungsaktionen» in den zurückeroberten Gebieten begleitet war.3 Sie richteten sich zuerst gegen führende Personen, mehr und mehr aber auch gegen die Gesamtheit der ethnischen Mehrheitsgruppierung in Ruanda, die Hutu-Bevölkerung.
    Ngbanda (siehe Anmerkung 2) und andere Autoren weisen darauf hin, dass der Genozid der ruandischen Hutu an den Tutsi von 1994 hier seine Hauptursache hat: Die Hutu-Milizen bildeten sich deshalb heraus, weil die ruandische Hutu-Mehrheit Angst vor der Ausmerzungsstrategie der RPF in den «befreiten Gebieten» hatte. Auf die Greuel im Zusammenhang mit der endgültigen Machtübernahme der RPF und den damit verbundenen ruandischen Genoziden (beider Lager: der Hutu an den Tutsi und der Tutsi an den Hutu) nach der Ermordung des amtierenden ruandischen Ausgleichspräsidenten Habyrimana ist in dieser Zeitung schon mehrmals hingewiesen worden. Sie sollen hier nicht noch einmal aufgerollt werden.4
    Schon zwei Jahre später (1996) wurde der nächste Schritt des amerikanischen GHAI-Plans realisiert, auch hier wieder unter vollständiger Täuschung der Weltöffentlichkeit. Unter dem Vorwand, es handle sich um eine Rebellion ostkongolesischer Tutsi gegen die kongolesische Zentralregierung Mobutus in Kinshasa, hielt eine mit modernsten Waffen und Kriegstechnologie ausgerüstete Armada Kurs auf Kinshasa, das sie in einem Blitzkrieg und ohne wesentlichen Widerstand der kongolesischen Nationalarmee ein Jahr später einnahmen. Mobutu floh und erlag im Exil kurze Zeit später seiner schweren Erkrankung.
    Die Verheerungen dieser Armada und die damit einhergehenden schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, zusammen mit den verbrecherischen Angriffen der AFDL (Alliance des Forces Démocratiques pour la Libération) unter Laurent Désiré Kabila (einem Strohmann der Ruander) auf die Flüchtlingslager der ruandischen Hutu in Nord- und Südkivu, sind ein Schandmal der jüngeren Menschheitsgeschichte. Sie erfolgten mit Wissen und mit Billigung, aber auch viel Vertuschungsenergie der verantwortlichen Regierungen, allen voran der USA.5 Entsprechende Nachforschungen der Uno wurden vom Kabila-Regime verboten. Das Internationale Strafgericht für Ruanda (TIPR) in Arusha ermittelte ausschliesslich gegen Kriegsverbrecher auf der Seite der Hutu; Angehörige der Tutsi blieben auf Intervention von Ruanda und den USA unbehelligt.
    Nur zwei Jahre nach dem Blitzkrieg verlor Laurent Désiré Kabila die Unterstützung seiner ruandisch-amerikanischen «Waffengefährten» und wurde von einem eigenen Sicherheitsmann ermordet. Seither ist die Regierung des Kongo ganz in der Hand ihrer von Ruanda gesteuerten Strohmänner, die den dahinterstehenden westlichen Grossmächten das garantieren, was sie seit jeher im Kongo wollten: ungehinderten Zugang zu seinen begehrten Rohstoffen sowie eine schwache Regierung, die tut, was man von ihr verlangt.
    Im rohstoffreichen Ostkongo ging der Krieg noch bis ins 21. Jahrhundert weiter, unter unsäglichen Greueltaten, verübt an der wehrlosen Zivilbevölkerung. Die von Bucyalimwe Mararo selbst initiierte Zeitzeugen-Organisaton «Groupe Jérémy» und andere mutige Zeitgenossen haben das verbrecherische Geschehen seit seinem Beginn dokumentiert und der Uno zur Verfügung gestellt, ohne offizielle Reaktion. Bis heute ist das Leben der Zivilbevölkerung generell ungesichert mit der Folgeerscheinung weitgehender Entvölkerung weiter Teile des Ostkongo. Dieser Zustand unterstützte (und unterstützt immer noch) das Treiben der Warlords, welche allesamt den Schwarzhandel mit kongolesischem Raubgut betrieben.
    Dies alles wurde trotz getreulich die Wahrheit berichtenden Uno-Rapporten (sie lagerten ruhig in ihren Schubladen) gut vertuscht durch die von den Geheimdiensten belieferten gutgläubigen oder botmässigen Medien, welche gebetsmühlenartig die ruandische Version verbreiteten: Sie (die ruandischen Tutsi, nun wieder an der Macht) seien das (einzige) Opfer des ruandischen Genozids gewesen und nur durch ihren militärischen Sieg hätten sie dem Morden Einhalt geboten. Heute existiert eine ganze Bibliothek von Untersuchungen mutiger Autoren, welche das Lügengespinst als das entlarven, was es ist.6
    Nur ganz hartnäckige Forscher erkämpften sich in diesem gewollten Gewirr ein realistisches Bild davon, was tatsächlich im Kongo vorging. Zu ihnen gehört der kongolesische Historiker Stanislas Bucyalimwe Mararo.

Lieber sterben als sich dem Unrecht beugen

Stanislas Bucyalimwe Mararo wurde 1948 in einem kleinen Dorf (Muramba) im hügeligen Savannen-Hinterland von Goma (Masisi) als Sohn eines Bauern geboren, damals in einer idyllischen Natur gelegen. Der Autor schildert bewegt, wie er inmitten der rund hundert Kühe und anderer Haustiere seiner Familie aufgewachsen ist, ohne Zäune und Einfriedungen, hin und wieder «gestört» von einer Elefantenherde aus dem Busch. Seine Elterngeneration hatte die Weideflächen in harter Arbeit dem Urwald durch Rodung abgetrotzt.
    Heute sind viele Dörfer seiner Heimat eine Anhäufung abgebrannter verlassener Ruinen, in der Umgebung gähnen aufgerissene Krater mit verseuchten Abwässern: mit Hast aufgebaggerte Coltanminen, die im Tagbau abgebaut werden (oft von Kindern), «beschützt» von wechselnden Milizen unidentifizierbarer Herkunft, alle vom gleichen Ziel getrieben, möglichst viel von dem begehrten Stoff auf dem Schwarzmarkt zu verhökern, den Zwischenhändlern zur nächsten Sammelstelle zu bringen – Destination meistens Kigali. Obwohl Ruanda über keine eigenen Coltanminen verfügt, ist das weltweit seltene Metall, ohne das kein Handy funktioniert, zu einem Hauptexportprodukt des früheren mausarmen Zwergstaates Ruanda aufgestiegen. Dieser Wechsel zeigt eindrücklich, was dem Kongo zugestossen ist. Dazwischen liegen die Ereignisse, die hier nur kursorisch genannt werden konnten.

Vom Bauernjungen zum Hochschullehrer

Der Bauernjunge hatte Glück. Sein Vater, der nie eine Schule besuchen konnte, wollte, dass sein wacher Sohn eine bessere Ausgangslage für sein Leben habe, und fand einen Weg. Nur mit einer guten Schulbildung, insbesondere dem Beherrschen der französischen Sprache (der Sprache ihrer Kolonisatoren), könne sich der Sohn ein besseres Leben erkämpfen, als ihm selbst beschieden war, prägte er seinem Sohn ein. Damals wurden die Bauern regelmässig zur Fronarbeit auf den Farmen der belgischen Besitzer abgeordnet, danach zum Strassenbau der Regierung Mobutu.
    Der für die Familie einzig gangbare Weg war der damals herkömmliche: Schulen hatte damals die Kirche, insbesondere die katholische, sonst gab es auf dem Lande keine. Der aufgeweckte Schüler durchlief die Grundschule mit Bestleistungen (bei einem Schulweg von je drei Stunden flotten Fussmarsches, hin und zurück) und gelangte dann ans Petit-Séminaire in Rugari, später Buhimba (Internatsschule der Diözese Goma), etwa 100 Kilometer von seinem Wohnort entfernt, eine Distanz, welche er und seine Mitschüler der Sekundarstufe, 14jährige Knaben, zu Beginn der grossen Ferien und zum Semesterwiederbeginn zu Fuss bewältigten, Koffer auf dem Kopf und eingehüllt in weisse Laken.
    Nach wiederum höchst erfolgreichem Abschluss dieser Phase ermöglichte ihm dann seine Familie die Fortsetzung der Studien (ab 1968) im Grand Séminaire in Muresha/Bukavu (am anderen Ende des Kivu-Sees). Die zunächst vorgesehene Ausbildung zum Priester wurde zugunsten des Geschichtsstudiums in Kin-shasa abgebrochen, dann in Lubumbashi fortgesetzt. Dazwischen kam ein erzwungener harter Militärdienst in Mobutus nationaler Armee, Strafe für die Teilnahme an einer grossen Demonstration für mehr Menschenrechte. Nach dem Studienabschluss wirkte Stanislas Bucyalimwe Mararo während 17 Jahren als Geschichts- und Philosophieprofessor am renommierten Institut Supérieur Pédagogique Bukavu.

Ruandische Exil-Tutsi an den Schalthebeln beider Kivu

Schon früh fiel dem jungen Gelehrten auf, dass alle entscheidenden Stellen von Angehörigen der ostkongolesischen Tutsi-Ethnie eingenommen waren und die traditionell ansässigen Angehörigen der Hutu-Mehrheit, zu denen er sich zählt, vielerlei Arten der Zurücksetzung ausgesetzt waren. Es kündigte sich schon damals, in den achtziger Jahren, das an, was nachher zur aktuellen kongolesischen Krise führte.7
    Unter diesen Bedingungen war es für ihn schwierig, sich neben der Unterrichts-tätigkeit weiter akademisch zu profilieren, was sein grosser Wunsch war. Nicht von ungefähr wurden die Gebäude des Pädagogischen Instituts nach dem Angriff auf Bukavu, in den Tagen nach dem 29. Oktober 1996, von der vorrückenden AFDL unter Kabila zum Hauptquartier des östlichen Feldzugs gemacht. Der langjährige Rektor der Anstalt, der die Tutsi-Günstlingspolitik garantierte, verhielt sich in der Zeit vor und nach dem Überfall als vollendeter Quisling. Das verhalf ihm nach der Besetzung dazu, Gouverneur des Süd-Kivu unter den Besatzungstruppen zu werden. Es sind diese «Karrieren», die bei Bucyalimwe Mararo eine grosse Abneigung und berechtigte Entrüstung hervorriefen und seine eigene Unbeugsamkeit stärkten. Im Nachwort zu seiner Autobiographie ermahnt er denn auch gerade die jüngere Generation, dieser Unterwürfigkeit vor der Gewalt zu entsagen und mitzuhelfen, einen wirklich demokratischen und vom Geist echter Landesliebe getragenen Neuaufbau zu wagen. Korruption und Liebedienerei vor der Macht sind, so betont er an mancher Stelle, dazu nicht geeignet. Da er die Anfälligkeit der ostkongolesischen Elite für ruandisch inspirierte «Dienstleistungen» schon früh erkannte und in seinen frühen Publikationen beim Namen nannte, wurde er von der damaligen Lobby mit Misstrauen behandelt und in seiner wissenschaftlichen Karriere behindert.
    Stanislas Bucyalimwe Mararo, inzwischen verheiratet und Vater, nahm deshalb das Angebot an, an einem Post-Graduate-Aufenthalt an einer amerikanischen Universität (Indiana University Bloomington, 1985–1990) zu promovieren und, nach Rückkehr nach Bukavu und Wiederaufnahme seiner Lehrtätigkeit, an einem Doktorandenseminar in den USA teilzunehmen (Yale University 1994–1995). Dazu verholfen hatte ihm die langjährige Freundschaft zu einem amerikanischen Akademiker-Ehepaar (David und Catherine Newbury aus Chapell Hill in North Carolina), denen der Autor bei einer Feldstudie im Kivu beratend zur Seite gestanden hatte. Diese Freundschaft hat sehr lange bestanden und besteht weiter. Sie wurde auch auf der abenteuerlichen Flucht Bucyalimwe Mararos nach der Besetzung Bukavus durch die AFDL-Armada und ihres Terrors gegen die Bevölkerung noch einmal zum rettenden Umstand (siehe weiter unten). Zunächst aber kehrte der Historiker ans Institut Supérieur Pédagogique in Bukavu zurück und nahm seine Lehr- und Forschertätigkeit wieder auf. Inzwischen waren viele seiner Forschungsvorhaben zentriert auf den Versuch der ruandischen Tutsi im Ostkongo, das Land für die geplante ruandische Annexion vorzubereiten, ein Projekt, das eine jahrelange Geschichte hatte.
    Die Ereignisse überstürzten sich, als dieses Projekt, die Annexion des Ostkongo und der Sturz Mobutus, den Plänen der USA und ihren Verbündeten entsprechend, von der neuen ruandischen Regierung unter Kagame nun mit militärischen Mitteln verfolgt wurde. Auch hier liegt ein breit angelegter medial inszenierter Täuschungsvorgang vor. In westlichen Medien, in Lexika und in der botmässigen Literatur ist immer die Rede von einer Rebellion der Tutsi-Minderheit (den sogenannten Banyamulenge – ursprünglich in den Ostkongo exilierte ruandische Viehzüchter) gegen die sie angeblich bedrohende ostkongolesische Bevölkerung und die Mobutu-Regierung, die dagegen nichts oder zu wenig unternehme. Gegen sie zog nun die AFDL, in Wirklichkeit eine hochgerüstete Interventionsarmee, ausgerüstet und mitfinanziert von den USA, um die Dinge im Kongo in ihrem Sinne zu richten. Die westlichen Medien und Nato-konforme Regierungen, darunter vor allem die Bundesrepublik Deutschland, nahmen diese Version begierig auf und halten sie bis zum heutigen Tag aufrecht, ein medien-politischer Skandal, zu dem noch lange nicht das letzte Wort gesprochen ist.

Flucht und Exil

Die Flucht von Stanislas Bucyalimwe Mararo zog sich über mehr als ein Jahr hin und erfolgte einen Tag nach der praktisch widerstandslosen Übergabe der Stadt an die Besatzer. Diese übten vom ersten Tag an brutalen Terror gegen die Stadtbevölkerung aus, der sich zunächst auf Führungspersönlichkeiten des patriotischen, anti-ruandischen Widerstands konzentrierte. Einer davon war Mgr. Christoph Munzihirwa, Erzbischof von Bukavu, der noch am Sonntag zuvor in der Predigt darauf aufmerksam gemacht hatte, Menschen mit der Waffe in der Hand zu bedrohen, sei nicht christlich gehandelt. Das kostete ihn sein Leben. Er wurde bereits am ersten Tag des Erscheinens der ADFL-Formationen in Bukavu auf einer Dienstfahrt aus dem Auto gezerrt und auf offener Strasse durch Revolverschüsse niedergestreckt.
    Durch Gewährsleute erfuhr Bucyalimwe Mararo, dass auch sein Name ganz oben auf der Exekutionsliste der RPF figurierte. Daneben waren an verschiedenen Checkpoints die Erschiessungskommandos der ruandisch-ugandisch-burundischen Erobererarmee AFDL in Aktion, die alle Hutus als potentielle Angehörige der extremistischen Organisation Interahamwe betrachteten und auf der Stelle standrechtlich erschossen. Das alles liess nicht viel Raum zum Erörtern. Auf Anraten der Familie und der Freunde entschloss er sich nach erfolglosen Fluchtversuchen in der hügeligen Umgebung Bukavus zum Untertauchen mitten in der Stadt, eine Situation, wie sie deutsche jüdische Familien nach 1933 in deutschen Städten erlebten, wo eine unvorsichtige Bewegung den Transport in ein Konzentrationslager und damit den sicheren Tod bedeutete. Nach Monaten des Untertauchens bei verlässlichen Freunden wurde ihm hinterbracht, dass der ruandische Geheimdienst auf Grund von Angaben von Verrätern auf seiner Spur sei: Er sei ab sofort in höchstem Masse bei Leib und Leben bedroht und müsse das Land verlassen.

Lebensrettende Freundschaften

Viel Zeit blieb nicht. Die nötigsten Papiere zusammengerafft, etwas Kleingeld, das Wichtigste: eine gefälschte Identitätskarte, und dann los. Der Transport in einem Kleinwagen scheiterte, es musste der Bus in Richtung sambische Grenze und Tanganjikasee genommen werden, an zahlreichen Checkpoints vorbei, wo AFDL-Soldaten, ihre Maschinenpistolen schussbereit, darüber wachten, dass kein Hutu die Grenze ins Ausland passieren konnte. Mit Geschick, auch viel Glück passierte der Autor zahlreiche Kontrollpunkte, an jedem vor die ultimative Frage nach Sein oder Nichtsein gestellt. Schliesslich konnte das Schiff bis zum Südende des Tanganjikasees (Kigoma, Tansania) bestiegen werden.
    Durch Vermittlung von Freunden war es ihm möglich, einen von seinen bereits genannten amerikanischen Helfern sichergestellten Betrag zu beziehen, was ihm den Flug von Kigoma nach Kenia ermöglichte. Aus Sicherheitsgründen wählte der Autor den Flug nach Mwanza. Nach vielstündiger Busfahrt, die ganze Nacht hindurch, unterbrochen durch mehrmalige höchst riskante Personalkontrollen, langte Stanislas Bucyalimwe Mararo schliesslich am 23. März 1997 in Nairobi an. Wie schon vorher, waren es vor allem lebenslange, tiefe Freundschaften, die die weitere Flucht gelingen liessen. In Nairobi konnte er auf einen langjährigen Freund zurückgreifen, der, auch auf Grund dramatischer Lebensumstände, in Nairobi «steckengeblieben» war. Aufgenommen in seine Familie, konnte der Flüchtling während sechs Monaten weitere Wege erkunden, die gangbar wären. Da war vor allem die Option seiner amerikanischen Freunde, die ihm rieten, ein Visum für die Vereinigten Staaten zu besorgen, sie würden die offizielle Einladung bezeugen sowie die Garantie übernehmen, für seine Bedürfnisse zu sorgen – Garantien, ohne die kein Visum in die USA möglich war.
    Die Schwierigkeiten lagen aber nicht dort, sondern bei den kongolesischen Behörden, die das Visum in die USA zuerst verzögerten, dann ablehnten. Da sich durch diese Verzögerungen der Aufenthalt des Flüchtlings in der kenianischen Hauptstadt ausdehnte, versuchte er, sich durch Arbeit etwas Geld zu beschaffen. Er bewarb sich als Gastdozent bei der Katholischen Universität Ost-Afrika in Nairobi, eine Bewerbung, die angenommen wurde, weil der Rektor den ernsthaften, patriotisch orientierten Historiker und aufgeschlossenen Christen aus seiner Bukavu-Zeit kannte und schätzte.
    Plötzliche Veränderungen seiner Sicherheitssituation in Nairobi (dort war der ruandische Geheimdienst in der Zwischenzeit sehr aktiv geworden) zwangen Bucyalimwe Mararo jedoch zur überstürzten Abreise. Es kam ihm dabei wieder ein Umstand seines politischen Engagements schon in der Bukavu-Zeit zugute. Als Präsident der Zivilgesellschaft des Nord-Kivu (eine höchst verlässliche Widerstandszelle gegen die ostkongolesischen Annexionsgelüste Ruandas) hatte er mit Unterstützung von Gleichgesinnten in Europa die Städte-Partnerschaft zwischen Bukavu und Palermo (Sizilien) gegründet und mit gegenseitigen Projekten belebt. Die Partnerschaftsinstitution (Coopération internationale Sud-Sud) wurde von Antonio Rocca präsidiert, einer Persönlichkeit, mit der Stanislas Bucialimwe Mararo ebenfalls eine persönliche Freundschaft verband. Rocca überzeugte den damaligen Stadtpräsidenten von Palermo, sich für die Gewährung eines Einreisevisums von Stanislas Bucyalimwe Mararo nach Palermo einzusetzen, ein Gesuch, dem das Auswärtige Amt der italienischen Regierung schliesslich zustimmte. So gelangte der Autor nach Palermo, wo er im Kreise der Familie Rocca freundschaftlich aufgenommen wurde. Da jedoch das italienische Visum nur einen Monat galt und Ende Oktober 1997 ablief, waren weitere Sondierungen unerlässlich.
    Auch von Italien aus versuchte Bucyalimwe Mararo vergeblich, ein Visum in die USA zu erhalten. So blieb nur noch Belgien. Als ehemaliger Kolonialstaat des Kongo befand es sich zumindest moralisch in der Mitverantwortung für das, was dort geschah und geschieht. Auch hier zogen sich die Verhandlungen hin. Da kam ihm ein unerwarteter «Zufall» zu Hilfe, erst noch durch Zwänge, die aus der Mitgliedschaft Italiens in der EU erwuchsen: Am 26. Oktober 1997 trat Belgien den europäischen Schengen-Verträgen bei. Somit war ein Visum, das ein Mitglied der Staatengemeinschaft einem Individuum gewährte, auch gültig für alle anderen EU-Staaten.
    Mit vereinten Kräften wurde ein Flugticket Palermo-Rom organisiert sowie eine Zugfahrkarte von Rom nach Brüssel via Mailand. In den frühen Morgenstunden des 30. Oktober 1997, einen Tag vor Ablauf seines italienischen Visums, nach einer nächtlichen Zugfahrt von Mailand nach Brüssel, endete die Odyssee von Stanislas Bucyalimwe Mararo am Zentralbahnhof von Brüssel nach ziemlich genau zwölf Monaten der Ungewissheit. Fast täglich hatten er und seine Famile sich am Morgen die Frage stellen müssen, ob er den Abend noch erleben würde.

«Ich arbeite, um nicht verrückt zu werden»

Nach dem in unserer Zeit üblichen Aufnahmeverfahren wurde Stanislas Bucyalimwe Mararo offiziell als politischer Flüchtling in Belgien aufgenommen und erhielt entsprechende Papiere. Bald gelang es ihm auch, sich mit seiner Familie in Antwerpen zu vereinen. Gestützt auf seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen erhielt er eine Stelle als «unabhängiger Forscher» am Studienzentrum der Region der Grossen afrikanischen Seen an der Universität Antwerpen (Lehrstuhl Prof. Filip Reyntjens), wo er vor allem mit der Betreuung der Schriftenreihe «Annuaires des Grands Lacs Africains» betraut war, für die er manchen wichtigen Forschungsbeitrag verfasste. Diese Stelle behielt der Autor bis 1998.
    Daneben wirkte er unermüdlich für seine zahlreichen Einzeldarstellungen und Monographien, die ganz dem gewidmet waren, was ihn sein ganzes Leben lang umtrieb: der wissenschaftlichen Welt die ungeschminkte Wahrheit darüber vor Augen zu führen, was seinem Volk in den vergangenen Jahrzehnten angetan worden war, vorwiegend aus Macht- und Profitinteressen.
    Die Greuel des zweiten kongolesischen Krieges (1997–98) mit ihren bis nach 2007 andauernden Schrecken konnte er nur aus der Ferne, aber weiter in enger Verbindung mit Gewährsleuten aus seiner Heimat verfolgen und darstellen. Das Schicksal des Ostkongo, insbesondere des Nord-Kivu, wurde ihm dabei zum Modell dessen, was auch anderen Völkern angetan wurde und wird. Dabei appellierte er eindringlich an das, was die Seele jedes Staates ausmacht: eine Bevölkerung, die um ihre Geschichte weiss, die dazu eine produktive, nach vorn gerichtete Haltung einnimmt, die sich selbst als das Zentrum des Staates sieht (und nicht umgekehrt den Staat als Zentrum ihres eigenen Lebens) und deshalb ihr Schicksal selbst mitbestimmt. Voraussetzung dafür ist für ihn, er hat es immer proklamiert und er hat es gelebt: dass der Bürger sich der Gewalt nicht unterwirft.
    Stanislas Bucyalimwe Mararo hat in der kurzen Zeit, in der er seine Kräfte ganz auf seine eigenen Forschungen konzentrieren konnte, fieberhaft gearbeitet und der wissenschaftlichen Welt mehrere umfassende, seriös erarbeitete Forschungsresultate geliefert. Auf die Frage, wie er es denn schaffe, so viel und so viel Fundamentales hervorzubringen, gab er dem Schreibenden einmal zur Antwort: «Ich arbeite von morgens bis abends, um nicht verrückt zu werden.» Verrückt werden könnte man in der Tat angesichts des Ausmasses der Untaten, die seinem Volk angetan wurden und immer noch werden, und der Gleichgültigkeit, mit der sie von vielen Regierungen, Institutionen und Medien zur Kenntnis genommen oder auch geleugnet werden. Es wird einige Zeit brauchen, bis die faktenreichen Analysen von Stanislas Bucyalimwe Mararo, von hohem wissenschaftlichem und mitmenschlichem Ethos getragen, Eingang ins allgemeine Wissen finden. Wir, die wir den Weg dieses einzigartigen Menschen gekreuzt haben, sind damit gefordert. Wir sollten mithelfen, sie zu verbreiten. Und ihn zum Vorbild nehmen: als Wissenschafter und als Mensch.    •


1  Bucyalimwe Mararo, Stanislas. Face aux coups de l’adversité. Une autobiographie, Bruxelles (Editions Scribe) 2019, ISBN 978-2-930765-57-0
2  Einer davon ist Honoré Ngbanda Nzambo, langjähriger Minister, Chef der kongolesischen Nachrichtendienste und Vertrauter von Mobutu in den letzten Regierungsjahren. In unten angegebenen Buch legt der Patriot und heutige prominente Kritiker der Diktatur und des neuen kongolesischen Regimes (unter den beiden Kabila, Laurent Désiré Kabila und Joseph Kabila) seinen Bericht über die Umstände und Hintergründe des amerikanischen Verrats an Mobutu, die Machtübernahme und deren ruandisch-ugandische Hintermänner mit viel Detailwissen und Dokumenten der Öffentlichkeit vor. Vgl. dazu: Ngbanda Nzambo, Honoré. Crimes organisés en Afrique centrale. Révélations sur les réseaux rwandais et occidentaux, Paris (Editions Duboiris) 2004
3 vgl. dazu Péan, Pierre. Carnages. Les guerres secrètes des grandes puissances en Afrique, S. 103ff. Péan stützt sich dabei auf den bis heute «schubladisierten» offiziellen Uno-Bericht des Uno-Sonderberichterstatters Gersony vom 10. Oktober 1994, wörtlich reproduziert im Annex des genannten Buches.
4 vgl. dazu unter anderen Küpfer, Peter. Ende der Vertuschungen? In Zeit-Fragen Nr. 9, 5. Mai 2020
5 vgl. dazu unter anderen Onana, Charles. Ces tueurs tutsi. Au coeur de la tragédie congolaise, Paris (Duboiris) 2009, Taschenbuchausgabe (Französisch) ISBN: 978-2-91687-208-7
6 vgl. dazu unter anderen Rever, Judi. In Praise of Blood. The Crimes of the Rwandan Patriotic Front, 2020 (Random House/Penguin), Englisch, ISBN 978-0-345812-10-0
7 Nach 1959, als die ehemalige ruandische Monarchie zur Republik wurde und die Privilegien der von der Monarchie gestützten Tutsi-Elite dahinschwanden, mehrten sich im Ostkongo die Flüchtlinge aus dem Nachbarland. Die ruandischen Einwanderer wurden von der kongolesischen Bevölkerung anfangs gut und gastfreundlich aufgenommen. Erst später wich die Toleranz wachsendem Unmut, da die Einwanderer sich nicht mehr wie Gäste verhielten, sondern im Gastland immer mehr Raum forderten und auch nahmen. Der Autor hat in späteren Jahren diese langsame, aber planmässig vorangetriebene Vorbereitung der zivilen Inbesitznahme des Ostkongo, in minutiösen Studien, basierend auf seiner Dissertation, nachgewiesen, zum Beispiel im zweibändigen Werk «Manoeuvring for Ethnic Hegemony. A Thorny Issue in the North Kivu Peace Process (Democratic Republic of Congo), Brüssel (Editions Scribe) 2014, zwei Bände (Englisch), ISBN 978-2-930765-03-7 (Bd. 1) und ISBN 978-2-930765-04-4 (Bd. 2)

Zeittafel

1960: Belgisch-Kongo wird unabhängig und nennt sich Demokratische Republik Kongo mit Patrice Lumumba als Ministerpräsident.

19.1.1961: Patrice Lumumba wird ermordet. Bis 1965 Kongo-Wirren. Dann Militärputsch von Oberst Mobutu. Er benennt das Land um in «Zaïre».

1.10.1990: Die RPF (Ruandische Patriotische Front, Tutsi-Guerillaarmee) greift von Uganda aus Ruanda unter Präsident Juvénal Habyarimana (Hutu) an.

6.4.1994: Abschuss des ruandischen Präsidentenflugzeuges mit Präsident Juvénal Habyarimana und dem burundischen Präsidenten Ntaryamira sowie hohen Militärs und einer französischen Besatzung an Bord durch eine Boden-Luft-Rakete.

Oktober/November 1996: Beginn des Angriffkrieges der AFDL (Alliance des Forces Démocratiques pour la Libération) auf den Kongo mit massiver Beschiessung der ruandischen Flüchtlingslager (mehrheitlich Hutu). Von den Hunderttausenden von Fliehenden findet eine grosse Zahl den Tod durch Verfolgung der AFDL-Truppen oder Verhungern im unwegsamen Dschungel.

19.5.1997: Laurent Désiré Kabila, der Mann Ruandas und der USA, ernennt sich zum Präsidenten des Landes, das sich nun wieder Demokratische Republik Kongo nennt.

August 1998: Kabila fällt in Ungnade seiner ruandischen und ugandischen Hintermänner. Sie bauen eine selbstgeschaffene neue, angeblich innnerkongolesische «Rebellion» auf (wie schon 1996) und eröffnen den zweiten Kongo-Krieg. Auf ihrer Seite greifen weitere Staaten ein, unter anderem Angola, Simbabwe und Namibia. Durch Intervention der Uno kommt es zu einem Waffenstillstand an einer Front von mehreren tausend Kilometern tief im Innern des Landes. Im Ostkongo setzt sich das grosse Leiden der Zivilbevölkerung fort durch den Terror und die illegale Ausbeutung der Bodenschätze durch sogenannte «Befreiungsbewegungen», darunter der RCD (Rassemblement Congolais pour la Démocratie, mit einem ruandischen und ugandischen Flügel) und der MLC (Mouvement pour la Libération du Congo). Diese «Befreiungs»bewegungen, die nach dem Waffenstillstand von Lusaka in andere Formationen mit immer wieder wechselnden Namen übergehen, terrorisieren die ostkongolesische Bevölkerung, ungestört von der Monuc (der Uno-Einsatzkräfte, die sie eigentlich schützen sollten) bis 2017 und teilweise darüber hinaus, wie Menschenrechtsorganisationen immer wieder bezeugen.

16. Januar 2001: Laurent Désiré Kabila wird von einem eigenen Sicherheitsmann erschossen, die Hintergründe der Tat sind bis heute ungeklärt.
    Nach Laurent Désiré Kabilas Ermordung taucht «sein Sohn» Josef Kabila (seine Herkunft ist umstritten, er gehört aber zum inneren Kreis der ruandischen Militärjunta und hat den Feldzug von 1996 mitgemacht und mitverantwortet) aus der ruandischen Versenkung auf und wird zu dessen Nachfolger ad interim. Es dauert acht Jahre, bis Joseph Kabila die Präsidentschaft durch Wahlen zu legitimieren sucht, die allerdings von vielen Beobachtern als gefälscht bezeichnet werden. Inzwischen ist er bis 2018 mit dürftiger Legitimation an der Macht geblieben und dann durch den langjährigen Vorsitzenden der Sozialistischen Partei, Felix Tshisekedi, in ebenfalls umstrittenen Wahlen, ersetzt worden, ein Mann, dem kritische Stimmen nachsagt, er habe sich vom Kabila-Regime «kaufen» lassen.

(zusammengestellt von Peter Küpfer)

Manouvering for Ethnic Hegemony. A Thorny Issue in The North Kivu Peace Process (DR Congo)

RD-Congo. L´entre-deux-lacs, Kivu et Edouard. Histoire, économie et culture (1885-2017)

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