«Das Mädchen hat mehr Kraft als sechs Knaben zusammen»

Clara Schumann zum 200. Geburtstag

von Dr. phil. Winfried Pogorzelski

Schon als Zwölfjährige muss Clara Wieck vor Energie nur so gesprüht haben: Sonst hätte der 82jährige Johann Wolfgang von Goethe, dem sie 1831 in Weimar auf dem Klavier vorspielte, sie nicht so wie im Titel charakterisiert. Dass er mit seiner Einschätzung1 goldrichtig lag, zeigt Clara Schumanns ausserordentliche Lebensleistung als international anerkannte Pianistin, Komponistin und Professorin für Klavier. Zudem zog sie sieben Kinder gross. Als im Jahre 1856 ihr Gatte Robert Schumann, einer der bedeutendsten Komponisten der Romantik, stirbt, ist die 37jährige für Lebensunterhalt und Wohlergehen der grossen Familie alleine verantwortlich. 1896 stirbt sie mit 76 Jahren als eine herausragende Künstlerpersönlichkeit, die das Musikleben der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nachhaltig geprägt hat.

Die Pianistin: vielversprechende Anfänge

Letztes Jahr jährte sich Clara Wiecks Geburtstag zum 200. Mal: Sie wird 1819 als Tochter von Friedrich Wieck, Klavierlehrer, Musikalienhändler und Gründer einer Klavierfabrik, und seiner Frau in Leipzig geboren. Schon als Fünfjährige erhält sie von ihrem ehrgeizigen Vater, der Grosses mit ihr vorhat, Klavierunterricht. Gehorsam und Disziplin waren hierzu für den väterlichen Lehrer zwar unabdingbare Voraussetzung. Aber das Optimum musikalischer Schulung sah Wieck nicht – wie viele andere – nur in erbarmungslosem Drill, sondern auch in der Ausbildung eines tieferen Verständnisses für Klang und Charakter von Akkorden und Harmonien. Ein Musikschüler soll nicht unablässig üben, sondern aktiv mitarbeiten, um eine gewisse Selbständigkeit zu entwickeln und auf spielerische Art das Fantasieren am Klavier zu erlernen. Um sich ganz dem Erlernen des Klavierspielens zu widmen, wird Clara, die als Vierjährige die Trennung ihrer Eltern verkraften musste, vom siebten Altersjahr an von Hauslehrern unterrichtet, nicht zufällig intensiv in Englisch und Französisch, waren doch Fremdsprachenkenntnisse unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche internationale Karriere, die ihr Vater früh zu planen begann.
Nichts überlässt er denn auch dem Zufall: Er sorgt dafür, dass Clara bereits mit zehn Jahren damit beginnt, sich ein eigenes Repertoire zu erarbeiten, um sich beim Vorantreiben ihrer Karriere präsentieren zu können. Vater und Tochter suchen wichtige Städte des europäischen Musik­lebens wie Dresden, Leipzig, Berlin, London, Wien und Paris wiederholt auf; es gelingt ihnen, Kontakte zu wichtigen Persönlichkeiten des Musiklebens zu knüpfen. Sie treffen Niccolò Paganini, Frédéric Chopin, Felix Mendelssohn Bartholdy und viele andere Persönlichkeiten des Musiklebens.

 

«Clara Schumann hat sich bleibende Verdienste erworben, als Repräsentantin romantischer Klaviermusik in ihrer Tätigkeit als Komponistin, Pianistin und Pädagogin sowie als Herausgeberin der Musik und der Lebensdokumente ihres Mannes. Ihr erfülltes, oft aber auch von Schicksalsschlägen geprägtes Leben hat sie auf bewundernswerte Art und Weise gemeistert und uns eine Musik geschenkt, die uns mit ihrer jugendlichen Frische und ihrem Wohlklang im Innersten zu berühren vermag.»

Europaweit bewunderte Klaviervirtuosin

Im Alter von elf Jahren gibt Clara Wieck ihr erstes Konzert im Leipziger Gewandhaus. Sie spielt Werke zeitgenössischer Komponisten und eigene Stücke – der Auftakt ihrer Karriere, die sie 60 Jahre später in Frankfurt a. M. beenden sollte. Zunächst vom Vater begleitet, beginnt sie das unstete Leben einer Pianistin, die einen Grossteil ihres Lebens mit aufwendigen Konzertreisen verbringt, vor allem aus reiner Passion, aber auch, um ihren Lebensunterhalt und denjenigen ihrer sieben Kinder zu bestreiten.
Unter den damals herrschenden Bedingungen ringt ihr dieses strapaziöse Leben alles ab: Weite Entfernungen kreuz und quer durch Europa müssen mit der Kutsche bewältigt werden; die Unterkünfte lassen oft ebenso zu wünschen übrig wie die Instrumente, auf denen sie spielen muss. Und die Konkurrenz schläft auch nicht: Von der Kritik so bezeichnete «Treibhaus-» und «Miniaturvirtuosen» suchen die Konzertsäle heim; nicht selten ist das Publikum unbedarft, ignorant, unbarmherzig. Für die Zukunft wichtige Kontakte wollen geknüpft und gepflegt sein, die Öffentlichkeitsarbeit vor Ort und die Durchführung der Konzerte muss selbst organisiert werden. Mit achtzehn Jahren erregt Clara Wieck bereits international Aufsehen; sie löst sich mehr und mehr von ihrem Vater, wird ihre eigene Managerin.
Bereits 1830 lernt sie im Hause ihres Vaters dessen Schüler Robert Schumann kennen. Um 1835 kommen sich die beiden näher, sie verlieben sich und heiraten schliesslich gegen den Willen von Vater Wieck. Aus der Ehe gehen sieben Kinder hervor. Nach dem frühen Tode ihres Mannes (im Jahre 1856), mit dem sie auch eine innige künstlerische Beziehung verband, ist die 37jährige ganz auf sich gestellt.
Der Lohn ihres unermüdlichen Einsatzes ist ihr Erfolg: Ihr Repertoire ist umfassend, ihre Konzert-Programme sind wegweisend – Mozart, Beethoven, Schubert, Liszt, Chopin, Brahms, Felix Mendelssohn Bartholdy, Werke ihres Mannes sowie eigene gehören dazu. Mit ihrer einnehmenden äusseren Erscheinung, ihrer Ausstrahlung und ihrer Spielweise setzt sie Massstäbe. Temperamentvoll, konturiert und werkgetreu ist ihr musikalischer Vortrag; das kannte man bisher nur von männlichen Interpreten. Im Alter von 72  Jahren und nach rund 1000 Konzerten in vielen Städten Europas gibt sie im Jahre 1891 in Frankfurt a. M. ihr letztes Konzert.

Die Komponistin

Als Clara Wieck 14 Jahre alt ist, werden ihre allerersten Werke veröffentlicht: einige Polonaisen und Capricen. Am Ende ihres Lebens hinterlässt sie ein umfangreiches Werk verschiedenster Gattungen und Besetzungen. An erster Stelle stehen Werke für Klavier wie Impromptus, Scherzi, Sonaten, Romanzen, Walzer, Präludien und andere. Kammermusikalisch tritt sie mit Duetten, Trios und Quartetten hervor. Werke für Klavier und Orchester – darunter ihr einziges Klavierkonzert – runden die Vielfalt ab.
Obwohl herausragende Komponistin des 19. Jahrhunderts, hat sie sich nicht als eine der ganz Grossen der Musikgeschichte durchsetzen können; dazu war die männliche Konkurrenz in diesem Jahrhundert zu stark besetzt, schrieb sie nicht Werke aller bedeutsamen Gattungen. Dennoch verdienen Vielfalt und Umfang ihres Werkes grössten Respekt, zumal es von einer intensiven Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Musik zeugt – wie nicht nur die Kadenzen zu Klavierkonzerten von Beethoven und Mozart zeigen – und der knappen Zeit abgerungen ist, die der Pianistin, Klavierlehrerin und mehrfachen Mutter zur Verfügung stand.
Herausgehoben gehört das Klavierkonzert in a-Moll op. 7, das sie mit 14 Jahren zu komponieren beginnt und mit 16 vollendet. Die Orchesterbegleitung für den letzten Satz stammt aus der Feder von Robert Schumann. Unverkennbar handelt es sich um das Werk einer ambitionierten jungen Frau; der Schwierigkeitsgrad des Soloparts zeugt von der stupenden Virtuosität ihres Klavierspiels. Die Erstaufführung durch die Komponistin selbst findet unter der Leitung von Felix Mendelssohn Bartholdy im Jahre 1835 im Leipziger Gewandhaus statt. Als vollgültiges Werk zu nennen ist auch das 1846 komponierte Trio für Klavier, Violine und Cello in g-Moll op. 17, ihr umfangreichstes Werk und ihr einziges Kammermusikwerk, das die Kritiker staunend zurücklässt, weil sie sich nicht vorstellen können, dass es aus der Feder einer Frau stammt. Clara und Robert inspirieren sich gegenseitig beim Komponieren, nehmen regen Anteil an der Arbeit des anderen. So greift sie seine Kompositionen in ihren Werken auf, widmet ihm ihre Romanzen; Robert unterstützt seine Frau beim Komponieren. Nach seinem Tod (1856) verstummt Clara als Komponistin.

Die Pädagogin

Clara Schumann ist die erste Frau, die eine Professur an einer Musikhochschule bekleidet: Sie bildet von 1878 bis 1892 am Hoch’schen Konservatorium (heute die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main HfMDK)  Pianisten aus. Sie unterrichtet im Einzel- und im Gruppenunterricht, gilt als anspruchsvoll, streng, unnachgiebig, wird aber von vielen auch als freundlich und zurückhaltend geschildert. Die werkgetreue Interpretation, die sich ganz den Absichten des Komponisten unterzuordnen hat, ist das Ziel ihrer Arbeit als Pädagogin. Ihre Wirkung reicht bis nach England und in die USA, wo ihre erfolgreichen Schüler ihr Können an die nächste Generation weitergeben. Als etablierte Komponistin und Pianistin ist sie privilegiert: Sie bekommt frei für ihre Konzerttätigkeit, kann auch zu Hause Schüler empfangen. Daneben widmet sie sich zunehmend mit grosser Sorgfalt dem Erhalt des Vermächtnisses ihres Mannes: Sie fungiert als Herausgeberin seiner Werke und Manuskripte.
Gegen Ende ihres Lebens fürchtete Clara Schumann, bald vergessen zu werden, obwohl sie neben vielen Auszeichnungen zum 70. Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. auch noch die Grosse Medaille für Kunst erhalten hatte. In Fachlexika und einschlägigen Musikgeschichten fand man ihren Namen lange Zeit nicht, obwohl sie sich für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts – und darüber hinaus – bleibende Verdienste erworben hat, als Repräsentantin romantischer Klaviermusik in ihrer Tätigkeit als Komponistin, Pianistin und Pädagogin sowie als Herausgeberin der Musik und der Lebensdokumente ihres Mannes. Ihr erfülltes, oft aber auch von Schicksalsschlägen geprägtes Leben hat sie auf bewundernswerte Art und Weise gemeistert und uns eine Musik geschenkt, die uns mit ihrer jugendlichen Frische und ihrem Wohlklang im Innersten zu berühren vermag. Johannes Brahms, dem sie zeitlebens Muse und Ratgeberin war und der sie 43 Jahre lang als liebevoller Freund begleitete und unterstützte, hat das Seine dazu beigetragen.    •

1    Steegmann, Monica. Clara Schumann, Reinbek bei Hamburg 2019 (rororo Monographie), S. 21

Weitere verwendete Quellen:
Klassen, Janina. Clara Schumann, Musik und Öffentlichkeit, Weimar, Wien, 2009; ISBN 978-3-499-50424-2
Marschner, Rosemarie. Das Mädchen am Klavier, München 2017; ISBN 978-5-423-24944-7

«Kontext», Radiosendung, SRF 2 Kultur, 12. September 2019
«Passage», Radiosendung, SRF 2 Kultur, 13. September 2019

Booklet der CD: Clara Schumann, Klavierkonzert a-Moll, op. 7, Ludwig van Beethoven, Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur, Ragna Schirmer, Klavier, Ariane Matiakh, Dirigentin, Staatskapelle Halle, Berlin Classics, 2017
Booklet der CD: Clara Schumanns Klavier, CD, Clara Schumann (1819–1896): aus Soirées musicales, op. 6; Souvenir de Vienne; Sonate für Klavier in g-Moll; Trois Romances, op. 11; Quatre pièces fugitives, op. 15; aus Drei Romanzen, op. 21, Eugenie Russo, Hammerflügel, paladino music, KHM CD-Edition, Musik – gespielt auf Originalinstrumenten der Sammlung des Kunsthistorischen Museums Wien, 2013

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