Leserbriefe

Sind Sie auf eine Notfallsituation vorbereitet?

So lautet der Titel in Zeit-Fragen Nr. 1 vom 14. Januar 2020. Beim Lesen dieses Artikels erinnerte ich mich, wie wir nach dem Zweiten Weltkrieg für den Notfall übten.
Bei der Diplomierung im Lindenhof Bern als Rotkreuzschwester im Jahr 1951 wurden wir gefragt, ob wir im Notfall, sei es Krieg oder Katastrophen, Dienst leisten würden. Ich meldete mich und musste 1958 in Glarus zu einer einwöchigen Übung einrücken mit dem Detachement 41. Wir wurden eingekleidet wie die Männer: Hose, Helm, Rucksack, hohe Schuhe.
Im grossen Schulhaus wurde ein Lazarett eingerichtet. Als Patienten wurden im Militärdienst während des Kriegs verletzte AHV-Bezüger aufgeboten. Im Schulhaus wurden Krankenzimmer, ein Labor und Röntgen aufgebaut. Zwei Ärztezimmer und ein Schlafsaal für die 23 Schwestern waren ebenfalls im Schulhaus. Rucksack und Schuhe waren unter dem Bett und der Waschlappen an einer Stange oben am Bett. Waschen und duschen mussten wir kalt, das war das Schlimmste.
Die «Patienten», welche eine Woche im Bett liegen durften, wurden untersucht, geröntgt und das Blut wurde im Labor getestet. Einige Schwestern betreuten die medizinische Station, andere die chirurgische, so wie sie eben im zivilen Leben ausgebildet waren.
Am Nachmittag wurden die Schwestern unterrichtet, die gleichen Themen wie die Soldaten, auch wie man sich verhält bei einem Atomkrieg.
Heute bin ich fast 95 Jahre alt und habe zum Glück nie einen solchen Notfall erleben müssen!

Lisette Schär, Sirnach

Schweizerische Berufsausbildung auf gefährlichen Abwegen

Der radikale Umbau der KV-Ausbildung mit dem Projekt «Kaufleute 2022» könnte ein schwerer Schlag für die bisher weltweit erfolgreiche Schweizer Berufsausbildung werden, wenn die sogenannte «Kompetenzorientierung» mit dem «selbstgesteuerten Lernen», wie wir sie bereits vom umstrittenen Lehrplan 21 kennen, auch in anderen Berufen «Schule machen» sollte.
Die Reform «Kaufleute 2022» soll KV-Abgänger angeblich fit für die Zukunft machen. Fachkompetenz sei nicht mehr in erster Linie gefragt. Der KV-Lehrling schlüpfe in die Rolle eines «agilen Vermittlers», was immer das sein soll. Deshalb sollen sie anstelle der bisherigen klassischen Fächer diffuse «Handlungskompetenzen» wie «Handeln in agilen Arbeits- und Organisationsformen» oder «Interagieren in einem vernetzten Arbeitsumfeld» erwerben. KV-Lehrer befürchten deswegen einen Abbau von Grundlagenwissen. Die KV-Lehrkräfte können bei der Reform jedoch nicht mitreden. Verschiedene Zürcher KV-Schulen haben ihnen einen Maulkorb verpasst, damit sie sich nicht kritisch zum Projekt «Kaufleute 2022» äussern können.
Hauptfächer wie Finanz- und Rechnungswesen sollen abgewählt werden können. Das bedeutet, dass die Lehrbetriebe ihre Lehrlinge in diesen Fächern selber ausbilden müss­ten. Die Hauptfächer bilden die unerlässlichen Grundkompetenzen im kaufmännischen Beruf, auf die kein Betrieb verzichten kann.
Die kaufmännische Lehre ist mit Abstand die beliebteste Berufslehre der Schweiz. Über 13 000 Jugendliche starteten 2019 eine Ausbildung in einer der 21 KV-Branchen. Jetzt soll ausgerechnet diese erfolgreiche Berufslehre mit der Radikalreform «Kaufleute 2022» total umgebaut werden. Mit düsteren Zukunftsszenarien wie angeblich durch die Digitalisierung gefährdeten 100 000 Bürostellen soll der Boden für diese Radikalreform vorbereitet werden. So etwas wurde schon in den Anfängen der Digitalisierung mit dem sogenannten ‹papierlosen Büro› prophezeit, was dann im Gegenteil zur heutigen gewaltigen Papierflut geführt hat.
Mit dieser A-la-carte-Ausbildung wird das bisher allgemein anerkannte Eidgenössische Fähigkeitszeugnis zu einem wertlosen Stück Papier. Damit sehen nicht nur die Lehrpersonen schwarz für die Zukunft. Unserer Jugend droht mit der Schmalspurausbildung höhere Arbeitslosigkeit und den Firmen eine tiefere Wertschöpfung.

Peter Aebersold, Zürich

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