Online-Videos und E-Mails erzeugen Tonnen von CO2

Die übermässige Digitalisierung braucht beträchliche Mengen an Energie

von Yohan Blavignat, Journalist

Täglich ersetzen Online-Videos immer mehr die DVDs, Überweisungen ersetzen Schecks, oder Briefe werden als E-Mail verschickt. Obwohl unsichtbar, ist der Einfluss der Dematerialisierung auf unserem Planeten beträchtlich. «Le Figaro» entschlüsselt die verrückten Zahlen der «digitalen Verschmutzung» und schlägt einige Möglichkeiten vor, sie zu begrenzen.

Sie ist jetzt überall. Jeden Tag nutzen sie Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt, ohne es zu merken. Die Dematerialisierung ist in unseren Handys, Magnetkarten aller Art, Computern, Uhren und manchmal sogar in unserer Kleidung. Dieses Konzept ist auch zu einem Verkaufsargument geworden, da es die Umwelt schone. Dieser Standpunkt wurde von Valérie Pécresse, dem Präsidenten der Region Île-de-France, bei der Einführung der Magnetkarte Navigo Easy Anfang Juni mit Stolz vertreten, da sie die Papierfahrkarten der Pariser Metro ersetzt, die auf Grund der von ihnen verursachten Umweltverschmutzung als «aus einem anderen Jahrhundert stammend» gelten. Jedes Jahr werden 500 Millionen Billetts zu Boden geworfen. Aber ist die Wahl der Dematerialisierung – und damit der ständige Ausbau der digitalen Technologie – wirklich die Lösung für die Umweltkrise, die den Planeten erschüttert?
Im kollektiven Denken ist Dematerialisierung ein ziemlich einfaches Konzept. Es besteht darin, alle Dokumente in Papierform in eine digitale Version zu überführen. Gemäss dem «Lexikon der Nachhaltigkeit» bedeutet Dematerialisierung, «die durch menschliches Handeln verursachten Stoffströme drastisch zu reduzieren». Dazu gibt es in der Theorie nichts Einfacheres: Wir scannen Papierkram, laden Filme oder Musik herunter, wir halten unsere Metrokarte in einen elektronischen Terminal usw. Und wir müssen uns den Speichergeräten anvertrauen, um diese digitalisierten Daten zu sichern. Ziel ist es also, den Verbrauch von Papier oder Kunststoff zu begrenzen. Von nun an werden Briefe nicht mehr – oder nur noch sehr selten – auf dem Postweg verschickt. Wir bevorzugen E-Mails. Wir stellen kaum noch Schecks aus, wir nutzen die elektronische Banküberweisung. Wir kaufen keine DVDs oder CDs mehr, wir laden sie herunter oder schauen sie uns im Streaming an. Und so haben sich unsere Konsummuster in den letzten Jahren in rasantem Tempo entwickelt, um sich auf die Digitalisierung zu konzentrieren.

Besorgniserregende Zahlen

Während die Dematerialisierung die allmähliche Eliminierung von Papier verspricht, verbraucht die übermässige Digitalisierung eine beträchtliche Menge an Energie. Laut dem im Oktober 2018 veröffentlichten und von der Denkfabrik The Shift Project verfassten Bericht «Für eine digitalisierte Gesellschaft» führt das ultraschnelle Wachstum der digitalen Technologie zu einer «alarmierenden» Bilanz und stellt ein Risiko für das Klima und die natürlichen Ressourcen dar. Die Autoren stellen fest, dass «das Risiko eines Szenarios, in dem immer umfangreichere Investitionen in die digitale Technologie zu einer Nettozunahme des ökologischen Fuss­abdrucks der digitalisierten Sektoren führen würden, sehr real ist». «Der digitale Wandel, wie er derzeit umgesetzt wird, ist mehr am Klimawandel beteiligt, als er dazu beiträgt, ihn zu verhindern», warnen Experten. Diese Schlussfolgerungen stehen im Einklang mit den Empfehlungen des im März 2018 von IDDRI, Fing, WWF und GreenIT.fr veröffentlichten Weissbuchs «Digitalisierung und Umwelt».
Die Explosion der digitalen Technologie und all ihrer Anwendungen im Alltag bedroht unseren Planeten auf lange Sicht. Obwohl fossile Brennstoffe 80 % des weltweiten Energieverbrauchs ausmachen, sinkt ihr Anteil zugunsten der Digitalisierung. So steigt der Energieverbrauch der digitalen Technologie weltweit um fast 9 % pro Jahr, warnen die Experten. Schlimmer noch, der Anteil der digitalen Technologie an den Treibhausgas-Emissionen ist seit 2013 um fast die Hälfte gestiegen, von 2,5 auf 4 % der gesamten globalen Emissionen, was mehr ist als die des zivilen Luftverkehrs. Dieser Anteil könnte sich bis 2025 verdoppeln, so dass er den aktuellen Emissionsanteil aller Personenwagen erreicht. Und die technologische Entwicklung verstärkt dieses Phänomen nur noch. Die Produktion des iPhone 6, das das Speichern von noch mehr Daten ermöglicht als seine Vorgänger, verursacht fast viermal mehr Treib­hausgase als das iPhone 3GS, zumal die Zahl der Smartphones von 1,7 Milliarden im Jahr 2013 auf 5,8 Milliarden im Jahr 2020 steigen soll. Das entspricht einem Wachstum von 11 % pro Jahr.
Eine weitere tägliche Tätigkeit hat erhebliche negative Auswirkungen auf die Umwelt. Auch wenn es auf den ersten Blick harmlos erscheint, ist der Versand von E-Mails sehr energieintensiv. Nach einem Bericht der Radicati-Group werden täglich rund 225 Milliarden E-Mails verschickt. Die französische Agentur für Umwelt- und Energiemanagement (www.ademe.fr) schätzt, dass jeder französische Lohnbezüger durchschnittlich 58 berufliche E-Mails pro Tag erhält und 33 versendet.
Der Versand dieser 33 E-Mails, begleitet von einer Million Anhängen an zwei Empfänger, verursacht nach Angaben der Agentur jährliche Emissionen in Höhe von 180 kg CO2 oder bis zu 1000 Kilometer mit dem Auto. Nach dieser Berechnung würden die E-Mails eines Unternehmens mit 100 Mitarbeitern jährlich 18 Tonnen Treibhausgase ausstossen, was 18 Hin- und Rückflügen Paris–New York entspricht. Laut Ademe stammen diese Emissionen aus dem «Stromverbrauch Ihres Computers», vor allem aber aus dem «Stromverbrauch der IT-Installationen und Geräte in den Rechenzentren (wie zum Beispiel Klimaanlagen)». Mehr als 4000 dieser Daten-Speicherzentren sind weltweit gelistet, davon 141 in Frankreich, gemäss der Webseite Data Center Map. Weltweit verbrauchen sie allein fast 30 Milliarden Watt pro Jahr, was 4 % des weltweiten Energieverbrauchs entspricht.

Online-Video als Schwarzes Schaf

Eine der grössten Umweltgefahren ist das Betrachten von Online-Videos (auch «Streaming» genannt). Eine unsichtbare und unbeschreibliche Verschmutzung, die jedes Jahr 300 Millionen Tonnen CO2 erzeuge, so viel Treibhausgas wie ganz Spanien oder fast 1 % der weltweiten Emissionen, gemäss einer im Bericht des The Shift Project vom 11. Juli 2019 publizierten Warnung. In Rechenzentren gespeichert, wird das Video über Netzwerke (Kabel, Glasfaser, Modems, Mobilfunkantennen usw.) an unsere Computerterminals, Smartphones, angeschlossene Fernseher usw. gesendet: Alle diese Prozesse benötigen Strom, dessen Herstellung Ressourcen verbraucht und dabei meist CO2 ausstösst. Wer glaubte, dass der Wechsel von DVD und VHS zu Online-Videos, die im Datenstrom und in der digitalen «Cloud» verlorengehen, positive Auswirkungen auf die Umwelt haben werde, muss sich eines Besseren belehren lassen.
Eine weitere beunruhigende Tatsache ist, dass zehn Stunden eines hochauflösenden Films mehr Daten beinhalten als die Gesamtheit der englischsprachigen Wikipedia-Artikel (mehr als zwei Millionen). Im Einzelnen machen pornographische Videos 27 % des gesamten weltweiten Online-Video-Verkehrs aus. Im Jahr 2018 erzeugten sie allein mehr als 80 Millionen Tonnen CO2, was den Emissionen des gesamten Wohnungsbaus in Frankreich entspricht. Die Treibhausgas-Emissionen von Video-on-Demand-Diensten (Netflix, Amazon Prime …) entsprechen denjenigen eines Landes wie Chile.
Unser digitaler Konsum ist langfristig «unhaltbar», so Hugues Ferreboeuf, Projektleiter der Arbeitsgruppe «Lean ICT» für The Shift Project, der sich für die Einführung von «digitaler Nüchternheit» einsetzt, um die Auswirkungen der globalen Erwärmung zu reduzieren. «Dieser Bericht zeigt, dass die meisten Videos, die 80 % des Internetverkehrs ausmachen, zu Unterhaltungs- oder Werbezwecken konsumiert werden. Diese Feststellung sollte uns angesichts der Klimakrise davon überzeugen, dass die Infragestellung unseres digitalen Verhaltens nicht nur wünschenswert, sondern auch möglich ist», betont er gegenüber «Le Figaro».

Wie kann man die digitale Welt «begrünen»?

Um den CO2-Fussabdruck der Dematerialisierung zu verringern, sind radikale Veränderungen in unserem Lebensstil erforderlich. Hugues Ferreboeuf von der Denkfabrik The Shift Project fordert eine «digitale Nüchternheit», die darauf abzielt, «das digitale System widerstandsfähig zu machen». Dazu plädiert er für eine weniger regelmässige Erneuerung der Geräte: «Wir können sehr wohl unsere Smartphones nur alle 3 Jahre wechseln, statt jedes Jahr», aber auch weniger Videos ansehen oder sorgfältiger auswählen. «Als Einzelperson sollte man beim Online-Video-Konsum digital nüchtern bleiben. Es geht darum, die kleinstmögliche Auflösung zu verwenden, den Verbrauch zu reduzieren oder besser auszuwählen, was man sich ansieht», erklärt er.
Aus institutioneller Sicht könnten die Telekom-Betreiber «einen digitalen CO2-Zähler in ihren Boxen integrieren», fährt er fort, «um in Echtzeit den CO2-Fussabdruck jedes Nutzers zu berechnen». «Früher hatten wir einen zeitlich begrenzten Internetzugang in unseren Pauschalen. Aber heute ist dieser unbegrenzt auf Grund des scharfen Wettbewerbs zwischen den Betreibern. Aber das ist menschlich: Je mehr man im Internet surfen und Videos ansehen kann, desto mehr wird dies genutzt.» Von den Behörden fordert Hugues Ferreboeuf Sensibilisierungskampagnen, wie dies auch zum Tabakkonsum geschieht. «Meiner Meinung nach muss die Art und Weise der Nutzung des Internets von Grund auf überdacht und die ökologischen Auswirkungen dabei vollständig einbezogen werden.»
Denn jede Reduktion dieser negativen Auswirkungen der digitalen Technologie auf die Umwelt braucht den politischen Willen. Die Digitalisierung entwickelt sich ständig weiter, und die vernetzten Objekte werden immer zahlreicher. «Wenn morgen eine Million autonome Fahrzeuge weltweit im Umlauf sind, wird sich das Volumen des Datenverkehrs im Internet verdoppeln. Das ist beachtlich», betont Hugues Ferreboeuf, und er fragt sich: «Inwieweit kann und soll man Komfort und Freizeit über die Zukunft der Menschheit stellen?» In Zukunft muss sich jedermann dessen bewusst werden.    •

Quelle: © Yohan Blavignat/Le Figaro vom 13.7.2019

(Übersetzung Zeit-Fragen)

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