Fit für die Schule? Fit fürs Leben?

von Dr. Eliane Perret, Heilpädagogin und Psychologin

Heute ist es sehr verbreitet, Kinder früh zu fördern. Sie besuchen Sprachkurse, lernen bereits ein Musikinstrument oder spielen Tennis. Ihr Wochenplan ist durchgetaktet. Man möchte die Chancen für den Schulerfolg optimal gestalten. Oft steht dahinter die Angst, das Kind könne sonst den Anforderungen und dem Vergleich mit den Gleichaltrigen nicht genügen. Die heutige Forschung verweist jedoch eindeutig darauf, dass gefühlsmässige Ausgeglichenheit und die Fähigkeit, im sozialen Miteinander einen konstruktiven Beitrag zu leisten, ebenso wichtig sind für den späteren Schulerfolg wie frühes Lesen und Rechnen. Diese Kompetenzen bei einem Kind zu fördern ist oft anspruchsvoll, wie das folgende Beispiel zeigen soll.

«Ich will aber diesen Dino!»

Vor kurzem suchte ich im Verkaufsladen eines Tiergartens nach einem schönen Puzzle. In meiner Nähe weilte eine Mutter mit ihrem Sohn. Nach den Ferien würde Noah, so hiess er, mit der ersten Klasse beginnen. Das war dem Gespräch der beiden zu entnehmen.
   Die Mutter wollte mit ihm ein Andenken an den schönen, gemeinsamen Tag aussuchen. Die Auswahl war gross. Sie verwies ihn auf die schönen Tierbücher und Spiele. Er aber hatte anderes im Sinn und steuerte zu den Plastikdinos, die es in allen Grössen gab. Und es kam, wie man es schon vermuten kann.
   Bald hörte man Noahs entschiedene Stimme: «Ich will aber diesen Dinosaurier.» Die Mutter reagierte gelassen und sagte zu ihm: «Schau, du hast schon viele solche Dinos gekauft. Dann hast du einen halben Tag damit gespielt, und seither liegen sie herum. Du kannst wählen. Wir kaufen ein Spiel oder ein Buch. Dann können wir zusammen spielen und das Buch anschauen.»
   Der Junge liess sich nicht überzeugen, seine Stimme wurde gepresst und sehr entschlossen: «Ich will aber diesen Dino!»

Sprachlich gewandt

Nun, das ist eine alltägliche Situation. Ich konnte der Mutter gut nachfühlen, dass es sie einiges kostete, bei ihrer Meinung zu bleiben. Ihr Sohn legte eine eindrückliche Beharrlichkeit an den Tag. Bald würde er in die Schule gehen. Einigen Bemerkungen konnte ich entnehmen, dass er schon lesen und seinen Namen schreiben konnte und viele Zahlen kannte. Ich fragte mich trotzdem, ob Noah gut vorbereitet war für seinen baldigen Schuleintritt.
   Eine wichtige Fähigkeit, die es in der Schule braucht, hatte sich Noah schon erworben: Er war sprachlich versiert, konnte seine Wünsche äussern und hatte einen differenzierten Wortschatz, der sich nicht in «super», «mega» und «cool» erschöpfte.
   Doch wie nutzte er die Sprache als «Brücke zu seinen Mitmenschen»? Offensichtlich war er den regen Austausch gewohnt. Er argumentierte mit seiner Mutter wie ein Weltmeister, um einen weiteren Dino zu erhalten. Er hatte schon im frühen Kindesalter gelernt, wie man mit Sprache Beziehungen gestalten und den eigenen Vorstellungen Gewicht verleihen kann. In der Schule würde es ihm helfen, dem Unterricht bei genauem Zuhören inhaltlich zu folgen. Er hatte die sprachlichen Voraussetzungen, um die Regeln des Zusammenlebens zu verstehen und damit zu einer guten Lernstimmung beizutragen.

Auf etwas verzichten können

Ich fragte mich jedoch, ob Noah auch in der Lage war, auf sein Gegenüber einzugehen, sich in dessen Situation einzufühlen und allenfalls eigene Wünsche zurückzustellen. Seine Mutter hatte vermutlich mit ihrem Sohn die Erfahrung gemacht, dass sein Interesse nach einer anfänglichen, kurzen Begeisterung schnell erlahmte. Er konnte auch stur bei einer Idee verharren. Der Mutter schien es deshalb wichtig zu sein, dass ihr Sohn lernte, sich flexibler auf neue Herausforderungen einzustellen. Ihn dafür zu gewinnen, war jedoch anspruchsvoll. Noah wurde zusehends aufgeregter und blieb hartnäckig bei seinem Wunsch, einen Dino zu kaufen. Die Mutter war weiterhin ruhig und gelassen. Sie ging davon aus, dass ihr Nein Noah nicht schaden würde und sie ihren Sohn nicht zufriedenstellen musste. Ihre Lebenserfahrung gab ihr dazu den nötigen Weitblick. Sie wusste oder ahnte, dass solche Erfahrungen es ihrem Kind später erleichtern würden, auf etwas zu verzichten und Enttäuschungen zu überwinden. Das würde auch zum Schulalltag von Noah gehören.

Nicht nur viel wissen und schlau sein

Noah hatte in verschiedener Hinsicht gute Chancen, ein guter Schüler zu werden. Aber er würde nicht immer das machen können, was ihm gerade Spass machte und leichtfiel. Zum Schulerfolg gehört ausserdem, mit Enttäuschungen, Erfolg  und Misserfolg umgehen zu können und zu akzeptieren, einmal der Stärkere und ein anderes Mal der Schwächere zu sein. Das gehört auch zum Aufbau und der Pflege von echten Freundschaften. Beim Zusammensein mit den anderen Kindern wird es bestimmt zu Meinungsverschiedenheiten und Konflikten kommen – auch Kinder haben ein Recht darauf. Es werden Missverständnisse entstehen, und Noah wird sich damit auseinandersetzen müssen, wie er begangenes Unrecht in Ordnung bringen kann. Kleine Kinder sehen oft nur ihren eigenen Weg, fühlen sich im Recht und werden rasch verzweifelt, ohnmächtig und wütend und können nachhaltig beleidigt sein. Aus dieser kleinkindlichen Phase war Noah schon herausgewachsen, aber es fiel ihm sichtlich schwer, sich von einer einmal gefassten Vorstellung zu trennen.

Standfest bleiben

Nach wie vor weilte er bei den Urtieren. Seine Mutter hatte sich mittlerweile in Richtung Kasse begeben. Noah packte entschlossen seinen Dino und stapfte hinter der Mutter her. Ob sie es weiterhin schaffen würde, sich seiner Hartnäckigkeit entgegenzustellen? Sie verwies ihn noch einmal auf die grosse Auswahl an Puzzles und Spielen, aus denen er eines aussuchen konnte. Dann wandte sie sich zum Kassier. Sie hatte sich ein Buch ausgesucht. Noah legte seinen Dino daneben. Die Mutter informierte den Kassierer, dass sie nur das Buch bezahlen werde. Nun realisierte Noah offensichtlich, dass «nichts zu machen» war. Er legte den Dino hin und war beleidigt. Die Mutter gab ihm noch eine kurze Bedenkzeit, dann zahlte sie und wandte sich dem Ausgang zu. Noah hinterher.
   Ein paar Minuten später traf ich Mutter und Sohn nochmals. Sie waren auf dem Weg zum Parkplatz. Die Mutter erzählte ihm ganz unbefangen, was ihr am heutigen Tag besonders gut gefallen hatte. Noah hatte immer noch seine beleidigte Miene aufgesetzt. Aber ein kleines, verstecktes Lächeln konnte er sich nicht verkneifen, als sie von den lustigen Affen erzählte.

Ein Schrittchen weiter

Noah hatte heute viel gelernt und erlebt. Nicht nur Spannendes über Tiere. Die Mutter hatte ihm ein Hindernis in den Weg gelegt und damit einen wichtigen Lernschritt ermöglicht. Er musste auf seinen Dino verzichten und eine Enttäuschung hinnehmen. Das hatte ihm etwas abgefordert (nicht nur ihm!). Noah hatte es geschafft, den Konflikt mit der Mutter ohne Wutanfall auszuhalten. Die Mutter hatte ihm durch ihre Ruhe und innere Sicherheit den nötigen Rückhalt dazu gegeben. Das hat ihn stärker gemacht und ihm in seiner sozial-emotionalen Entwicklung ein Schrittchen ermöglicht, und er war dem Schul- und Lebenserfolg ein kleines Stück näher gerückt.      •
 


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