«Cancel Culture» befördert den ideologischen Konformismus

Ein Brief für Gerechtigkeit und offene Debatte

ef. Am 7. Juli 2020 wurde in der amerikansichen Monatszeitschrift Harper’s Magazine – zunächst online – «A Letter on Justice and Open Debate» (Ein Brief für Gerechtigkeit und offene Debatte) veröffentlicht, den 150 prominente Autoren, Wissenschaftler und Intellektuelle unterzeichnet haben. Zur breiten Palette der Mitunterzeichner gehören beispielsweise Noam Chomsky, Daniel Kehlmann, Salman Rushdie, Francis Fukuyama, Michael Ignatieff … Sie alle kritisieren die massive Einschränkung der öffentlichen Debatte.
  Der Freie Deutsche Autorenverband (s. Kasten) hat den Brief für den deutschsprachigen Raum übersetzt und veröffentlicht. Auf der Internetseite heisst es dazu: Der Brief «wurde auch in den deutschsprachigen Feuilletons besprochen – allerdings ohne den englischen Wortlaut zu übersetzen. Wir als Freier Deutscher Autorenverband möchten diesem Mangel begegnen und den Wortlaut des Briefes übersetzen. Die Veröffentlichung bedeutet nicht zwingend, dass wir als Verband die angesprochenen Inhalte des Briefes und Ansichten der Unterzeichnenden teilen – aber wir möchten allen die Möglichkeit geben, sich durch Kenntnis des Wortlautes eine eigene Meinung zu bilden».
  Der Ausdruck «Cancel Culture» steht für das vermeintlich neue Phänomen, dass zum Beispiel bestimmte Personen oder deren Äusserungen im Internet von einer anderen Person gelöscht (gecancelt) werden; darunter wird aber auch die Entfernung von Statuen oder Denkmälern oder die Absage von Veranstaltungen verstanden. Dies ist beileibe nicht nur ein amerikanisches Phänomen. Es gibt auch in Europa genügend Beispiele von Personen, die Cancel Culture am eigenen Leib erfahren haben: Hierzu gehören der Schweizer Friedensforscher Daniele Ganser (Veranstaltungsabsagen), die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart (wegen Kritik an der «Me-too-Bewegung»), der Kabarettist und Autor Dieter Nuhr (z. B. wegen seiner Kritik an Greta Thunberg) sowie immer mehr Journalisten der Medien diesseits und jenseits des Atlantiks. Es gibt viele, auch weiter zurückliegende Beispiele, unter anderem renommierte Wissenschaftler, die «kaltgestellt» wurden wie der einstige Liebling der Linken, der Historiker Ernst Nolte (Isolation nach dem Historikerstreit 1986/87), oder der Historiker und Gewaltforscher Jörg Baberowski (seit 2015) – die Liste ist lang. Seit Juli regt sich nun in den USA Widerstand. Grund genug, den Brief im Wortlaut abzudrucken.
  Übrigens: In der Schweiz haben es Milosz Matuschek (Jurist und bis vor kurzem Kolumnist der «Neuen Zürcher Zeitung») und Gunnar Kaiser (Schriftsteller) unternommen, am 1. September 2020 auf der Internetseite «Intellectual Deep Web Europe» einen Appell zu veröffentlichen, der sich gegen «Cancel Culture» richtet. Bislang haben über 17 000 Menschen mitunterzeichnet.


«Diese erdrückende Atmosphäre wird am Ende den wichtigsten Anliegen unserer Zeit schaden. Die Einschränkung der Debatte, egal ob durch eine repressive Regierung oder eine intolerante Gesellschaft, muss notwendigerweise den Machtlosen schaden und allen anderen die demokratische Teilhabe erschweren. Die angemessene Art, falsche Gedanken zu attackieren, besteht darin, sie als solche zu entlarven, in der Argumentation und Überzeugung des anderen, nicht, indem man sie zum Schweigen bringen oder hinwegwünschen will. Wir lehnen die falsche Wahl zwischen Gerechtigkeit und Freiheit ab, da beide nur zusammen existieren können.»


«Unsere kulturellen Institutionen stehen momentan unter Druck. Machtvolle Proteste für soziale und ethnische Gerechtigkeit führen zum längst fälligen Ruf nach einer Polizeireform, neben weitergehenden Forderungen nach mehr Gleichheit und Inklusion in unserer Gesellschaft, nicht zuletzt in den höheren Bildungseinrichtungen, im Journalismus, bei der Verteilung von Geldern aus philanthropischen Stiftungen und bei den Künsten.
  Aber diese notwendigen Überlegungen haben auch eine neue Art moralischer Haltungen und politischer Aktivitäten intensiviert, welche tendenziell unsere Normen der offenen Debatte und Toleranz gegenüber Differenzen schwächen und ideologischen Konformismus befördern. Während wir ersterer Entwicklung applaudieren, erheben wir auch unsere Stimme gegen die letztere. Die Kräfte des Illiberalismus werden überall auf der Welt stärker und haben einen mächtigen Verbündeten in Donald Trump, der eine reale Gefahr für die Demokratie darstellt.
  Aber der Widerstand darf sich nicht zu einer eigenen Version von Dogma oder Zwang verhärten – welche rechtsgerichtete Demagogen schon ausnutzen. Das, was wir unter Inklusion verstehen, kann nur erreicht werden, indem wir uns gegen das intolerante Klima aussprechen, das bereits auf allen Seiten besteht.
  Der freie Austausch von Informationen und Ideen, das Lebenselixier jeder liberalen Gesellschaft, wird täglich mehr eingeschränkt. Während wir dahin gekommen sind, das auf seiten der radikalen Rechten sogar zu erwarten, verbreitet sich der Geist der Zensur nun immer mehr in unserer eigenen Kultur: Intoleranz gegenüber abweichenden Meinungen, Rituale öffentlicher Anprangerung und Ausgrenzung sowie die Tendenz, komplizierte Sachverhalte mit dem Tunnelblick moralischer Gewissheiten zu analysieren, finden mehr und mehr Anhänger.
  Wir stehen weiter zu der Praxis robuster und sogar sarkastischer Gegenrede von allen Seiten. Aber heute ist der Ruf nach sofortigen und schweren Vergeltungsmassnahmen als Reaktion auf angebliche Verfehlungen in Gedanken oder Worten nur zu verbreitet.
  Noch beunruhigender ist, dass die Leiter von Institutionen im Modus panischer Schadensbegrenzung zu hastigen und überzogenen Strafmassnahmen greifen, statt durchdachte, möglicherweise sinnvolle Reformen anzustossen. Herausgeber werden gefeuert für die Veröffentlichung kontroverser Artikel, Bücher werden vom Markt genommen wegen angeblicher Inauthentizität, Journalisten wird es verboten, über bestimmte Themen zu schreiben, Professoren werden Gegenstand von Untersuchungen, wenn sie literarische Werke in ihren Vorlesungen zitieren, ein Forscher wird entlassen, weil er eine vor der Veröffentlichung von Kollegen geprüfte akademische Studie verbreitet hat, und die Vorsitzenden von Organisationen werden gefeuert für Vergehen, die eigentlich als Ungeschicklichkeiten einzuordnen sind.
  Was auch immer die Argumente in jedem einzelnen Fall sein mögen, im Ergebnis verengen sich die Grenzen des ohne Vergeltungsdrohungen Sagbaren mehr und mehr.
  Wir zahlen bereits den Preis dafür, indem Schriftsteller, Künstler und Journalisten in einem Modus der Risikovermeidung nicht mehr vom Konsens abweichen oder sogar unzureichend pointiert argumentieren – aus Angst um ihren Lebensunterhalt.
  Diese erdrückende Atmosphäre wird am Ende den wichtigsten Anliegen unserer Zeit schaden. Die Einschränkung der Debatte, egal ob durch eine repressive Regierung oder eine intolerante Gesellschaft, muss notwendigerweise den Machtlosen schaden und allen anderen die demokratische Teilhabe erschweren. Die angemessene Art, falsche Gedanken zu attackieren, besteht darin, sie als solche zu entlarven, im Argumentieren und Überzeugen des anderen, nicht, indem man ihn zum Schweigen bringen oder hinwegwünschen will. Wir lehnen die falsche Wahl zwischen Gerechtigkeit und Freiheit ab, da beide nur zusammen existieren können.
  Als Schreibende brauchen wir eine Kultur, die uns Raum zum Experimentieren gewährt, in dem wir Risiken eingehen und sogar Fehler machen dürfen. Wir müssen die Möglichkeit abweichender Meinung bei gegenseitiger Anerkennung des guten Willens verteidigen, ohne die Gefahr verheerender beruflicher Konsequenzen. Wenn wir nicht das verteidigen, worauf unsere Arbeit beruht, sollten wir weder von der Öffentlichkeit noch vom Staat erwarten, das für uns zu tun.»    •

Quelle: https://fda.de/jbb


Unterzeichner: Elliot Ackerman, Saladin Ambar, Rutgers University, Martin Amis, Anne Applebaum, Marie Arana, author, Margaret Atwood, John Banville, Mia Bay, historian, Louis Begley, writer, Roger Berkowitz, Bard College, Paul Berman, writer, Sheri Berman, Barnard College, Reginald  Dwayne Betts, poet, Neil Blair, agent, David W. Blight, Yale University, Jennifer Finney Boylan, author, David Bromwich, David Brooks, columnist, Ian Buruma, Bard College, Lea Carpenter, Noam Chomsky, MIT (emeritus), Nicholas A. Christakis, Yale University, Roger Cohen, writer, Ambassador Frances D. Cook, ret., Drucilla Cornell, Founder, uBuntu Project, Kamel Daoud, Meghan Daum, writer, Gerald Early, Washington University-St. Louis, Jeffrey Eugenides, writer, Dexter Filkins, Federico Finchelstein, The New School, Caitlin Flanagan, Richard T. Ford, Stanford Law School, Kmele Foster, David Frum, journalist, Francis Fukuyama, Stanford University, Atul Gawande, Harvard University, Todd Gitlin, Columbia University, Kim Ghattas, Malcolm Gladwell, Michelle Goldberg, columnist, Rebecca Goldstein, writer, Anthony Grafton, Princeton University, David Greenberg, Rutgers University, Linda Greenhouse, Rinne B. Groff, playwright, Sarah Haider, activist, Jonathan Haidt, NYU-Stern, Roya Hakakian, writer, Shadi Hamid, Brookings Institution, Jeet Heer, The Nation, Katie Herzog, podcast host, Susannah Heschel, Dartmouth College, Adam Hochschild, author, Arlie Russell Hochschild, author, Eva Hoffman, writer, Coleman Hughes, writer/Manhattan Institute, Hussein Ibish, Arab Gulf States Institute, Michael Ignatieff, Zaid Jilani, journalist, Bill T. Jones, New York Live Arts, Wendy Kaminer, writer, Matthew Karp, Princeton University, Garry Kasparov, Renew Democracy Initiative, Daniel Kehlmann, writer, Randall Kennedy, Khaled Khalifa, writer, Parag Khanna, author, Laura Kipnis, Northwestern University, Frances Kissling, Center for Health, Ethics, Social Policy, Enrique Krauze, historian, Anthony Kronman, Yale University, Joy Ladin, Yeshiva University, Nicholas Lemann, Columbia University, Mark Lilla, Columbia University, Susie Linfield, New York University, Damon Linker, writer, Dahlia Lithwick, Slate, Steven Lukes, New York University, John R. MacArthur, publisher, writer, Susan Madrak, writer, Phoebe Maltz Bovy, writer, Greil Marcus, Wynton Marsalis, Jazz at Lincoln Center, Kati Marton, author, Debra Mashek, scholar, Deirdre McCloskey, University of Illinois at Chicago, John McWhorter, Columbia University, Uday Mehta, City University of New York, Andrew Moravcsik, Princeton University, Yascha Mounk, Persuasion, Samuel Moyn, Yale University, Meera Nanda, writer and teacher, Cary Nelson, University of Illinois at Urbana-Champaign, Olivia Nuzzi, New York Magazine, Mark Oppenheimer, Yale University, Dael  Orlandersmith, writer/performer, George Packer, Nell Irvin Painter, Princeton University (emerita), Greg Pardlo, Rutgers University – Camden, Orlando Patterson, Harvard University, Steven Pinker, Harvard University, Letty Cottin Pogrebin, Katha Pollitt, writer, Claire Bond Potter, The New School, Taufiq Rahim, Zia Haider Rahman, writer, Jennifer Ratner-Rosenhagen, University of Wisconsin, Jonathan Rauch, Brookings Institution/The Atlantic, Neil Roberts, political theorist, Melvin Rogers, Brown University, Kat Rosenfield, writer, Loretta J. Ross, Smith College, J.K. Rowling, Salman Rushdie, New York University, Karim Sadjadpour, Carnegie Endowment, Daryl Michael Scott, Howard University, Diana Senechal, teacher and writer, Jennifer Senior, columnist, Judith Shulevitz, writer, Jesse Singal, journalist, Anne-Marie Slaughter, Andrew Solomon, writer, Deborah Solomon, critic and biographer, Allison Stanger, Middlebury College, Paul Starr, American Prospect/Princeton University, Wendell Steavenson, writer, Gloria Steinem, writer and activist, Nadine Strossen, New York Law School, Ronald S. Sullivan Jr., Harvard Law School, Kian Tajbakhsh, Columbia University, Zephyr Teachout, Fordham University, Cynthia Tucker, University of South Alabama, Adaner Usmani, Harvard University, Chloe Valdary, Helen Vendler, Harvard University, Judy B. Walzer, Michael Walzer, Eric K. Washington, historian, Caroline Weber, historian, Randi Weingarten, American Federation of Teachers, Bari Weiss, Cornel West, Sean Wilentz, Princeton University, Garry Wills, Thomas Chatterton Williams, writer, Robert F. Worth, journalist and author, Molly Worthen, University of North Carolina at Chapel Hill, Matthew Yglesias, Emily Yoffe, journalist, Cathy Young, journalist, Fareed Zakaria

Freier Deutscher Autorenverband

Der Freie Deutsche Autorenverband (FDA) ist eine Berufsorganisation für deutschsprachige Autoren und Autorenerben gleich welcher Staatsangehörigkeit. Der FDA ist nicht an Weltanschauungs-, Wirtschafts-, Gewerkschafts- und Finanzgruppen, Parteien oder Regierungen gebunden.
  Die Ursprünge reichen weit zurück. 1909 gründet sich der Schutzverband deutscher Schriftsteller (SDS). Seine Aufgabe war es, Rechtsschutz gegen staatliche Eingriffe in das literarische Arbeiten zu geben. Der FDA setzt die Tradition des «Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller» fort. Er steht zudem in der Tradition der «Deutschen Akademie der Künste und Wissenschaften im Exil». Ins Leben gerufen wurde diese Akademie 1936 in New York von Hubertus Prinz zu Löwenstein, der 1973 bei der Gründung zum ersten Präsidenten des FDA gewählt und bis zu seinem Tode 1984 wiedergewählt wurde. Langjährige Vorsitzende des Autorenrates waren Golo Mann und Erwin Wickert. Zu den Gründungs- und Ehrenmitgliedern des FDA gehörten Exilierte und Verfolgte des Dritten Reiches wie Martin Beheim-Schwarzbach, Margarete Buber-Neumann, Cornelia Gerstenmeier, Hans Habe, Gerhard Löwenthal, Hans Sahl, Wolfgang Stresemann, Volkmar Zühlsdorff. Sie beschlossen, frei im eigentlichen Sinn zu sein, schlossen sich weder einer Partei noch einer Gewerkschaft an. Eine Besonderheit war, dass sie sich grenzüberschreitend mit den DDR-Autoren solidarisiert haben und ausgebürgerte Künstler ohne Zögern aufnahmen.
  1973 kam es dann zur Spaltung des FDA, wobei sich ein Teil der Mitglieder der Industriegewerkschaft Druck und Papier (Verdi) anschloss und heute Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS) ist.
  Der FDA gründete sich am 25.2.1973 neu. Er arbeitet heute überparteilich für die geistige Einheit Europas in der kulturellen Vielfalt seiner Regionen und wendet sich gegen jede Art des Extremismus von rechts oder links sowie die Intoleranz gegenüber Religion, Rasse, Herkunft oder Geschlecht (Präambel der Satzung des FDA vom 22. Oktober 2004).

(Zusammengestellt aus der Selbstdarstellung des Verbandes)

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