Der Westen muss Russland mit grösserem Respekt behandeln

Eindrücke vom Treffen des Waldai-Klubs

von Alexander Rahr*

Den Waldai-Klub gibt es seit siebzehn Jahren. Dort treffen sich internationale und russische Politologen, um über die Weltlage zu diskutieren. Wladimir Putin hat allen diesen Treffen beigewohnt und den interessierten Teilnehmern stets Rede und Antwort gestanden. Über die Ergebnisse der Waldai-Klub-Treffen wird normalerweise intensiv berichtet, nur die deutschen Medien schweigen sie tot – sie verhindern, dass der Waldai-Klub in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Und das, obwohl auch zahlreiche renommierte deutsche Experten sich an der Arbeit des Klubs beteiligen.
  In diesem Jahr fand das Treffen des Waldai-Klubs unter strengen Hygienemass-nahmen am 21. und 22. Oktober in Moskau statt. Der Autor konnte als einziger ausländischer Teilnehmer mit einer Sondergenehmigung von Berlin nach Russ-land kommen. Drei Tage lang wurde intensiv diskutiert, Themen waren Klima- und Umweltschutz, die globale Wirtschaftskrise, Fragen der künftigen Weltordnung, Aspekte der asiatischen Sicherheitsarchitektur und die Industrialisierung 4.0; hochinteressant waren die Vorträge zweier führender russischer Virologen zu den angewandten Impfstoffen in Russland. Es war schon verwunderlich anzuhören, wie westliche Politik und Medien sich anstrengen, den Erfolg der Impfkampagne in Russland bloss-zustellen. Russland selbst möchte die Vaccine weltweit verkaufen, wird aber als unliebsamer Konkurrent verunglimpft.
  Premierminister Michail Mischustin sprach am zweiten Konferenztag über die Digitalisierung. Russland werde bald nicht mehr als reiner Rohstoffexporteur in Erscheinung treten, sondern seine Wirtschaft mit Hilfe der neuen Informationstechnologien modernisieren. Erfolge seien schon mit blossem Auge sichtbar. Mischustin versicherte dem Westen, dass Russland nach wirtschaftlicher Kooperation strebe.
  Am Ende der Waldai-Veranstaltung diskutierte Putin drei Stunden lang mit den Gästen. Seine wesentlichen Aussagen waren:

  1. Russland ist Teil Europas, aber nicht Teil des Westens. Russland verwahrt sich gegen westliche Versuche, Russland von aussen zu verändern.
  2. Russland sei nicht abgeneigt, mit China ein Militärbündnis einzugehen. Moskau habe auch nichts gegen eine weitere atomare Aufrüstung Chinas. Abrüsten sollte der Westen.
  3. Im Fall des vergifteten Alexej Nawalny habe sich Berlin unfreundlich gegenüber Moskau verhalten. Russland sei zu Ermittlungen bereit, fordere aber Einsicht in die Giftproben, die bei Nawalny genommen wurden.
  4. Auf dem Öl- und Gasmarkt sei es nicht zum Preissturz gekommen, der russische Energieexport funktioniere gut. Ausserdem sei Russland heute der weltgrösste Getreideexporteur. Westliche Sanktionen machten dem Land nichts mehr aus.
  5. Putin erinnerte an seine Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007, auf der er den Westen vor einer Nato-Erweiterung warnte. Seine Minister hätten seine Aussagen damals als zu konfrontativ erachtet.

Putin widersprach westlichen Analysen, er wolle einen Keil in die transatlantischen Beziehungen treiben, kritisierte aber Europas Hörigkeit gegenüber den USA, vor allem im Falle Nord Stream 2. Deutschland, so Putin, sei kein Anwalt russischer Interessen im Westen. Gerade Russland habe sich 1990 mehr als der Westen für eine deutsche Wiedervereinigung stark gemacht. Deutschland hätte deshalb das Volksbegehren der Krim-Bevölkerung für einen Beitritt zu Russland positiv beurteilen sollen.
  Der Autor konnte zahlreiche Gespräche in Moskau führen. Fest steht für ihn, dass eine Rückkehr zur Normalität in den bilateralen Beziehungen heute nicht möglich ist. Der Westen und Russland haben sich durch die vielen Konflikte entzweit. Russland will sich auch nach dem Ende der Corona-Pandemie dem Westen gegenüber nicht wirklich öffnen. Zunächst muss der Westen Russland mit grösserem Respekt behandeln. Die meisten Politologen in Russland schlossen eine weitere dramatische Verschlechterung der Beziehungen zum Westen nicht aus. Westliche Demokratie habe im heutigen Russland wenig Chancen, die Alternative zu Putin liege eher im Nationalismus.
  Der Autor war überrascht, wie sehr das temporäre Abreissen der Kontakte und Verbindungen in der Corona-Krise den bilateralen Beziehungen geschadet hat. Sie können nicht von heute auf morgen repariert werden. Den Hauptschuldigen für den Bruch der Beziehungen sehen diejenigen, die sich äusserten, in den USA. Diese würden die Deutschen, die eigentlich keinen Streit mit Moskau vom Zaun brechen wollten, an der kurzen Leine führen.   •


Quelle: http://www.russlandkontrovers.com/putin-im-valdai-klub vom 26.10.2020. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

Alexander Rahr ist ein deutscher Unternehmensberater, Osteuropahistoriker, Politologe und Publizist. Von 1977 bis 1985 war er Mitarbeiter des Forschungsprojekts «Sowjetelite» des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien (BIOst). Er arbeitete von 1982 bis 1994 als Analytiker für Radio Liberty und die Denkfabrik Rand Corporation. Achtzehn Jahre lang arbeitete er für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und war bis zu seinem Wechsel in die Wirtschaft im Mai 2012 Programmleiter des Berthold-Beitz-Zentrums der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik mit Arbeitsschwerpunkt Russland, Ukraine, Belarus und Zentralasien. Rahr sass von 2004 bis 2015 im Lenkungsausschuss des Petersburger Dialogs. Seit 2012 ist er Projektleiter des Deutsch-Russischen Forums. Dort betreut er die Potsdamer Begegnungen und den Arbeitskreis Gemeinsamer Raum Lissabon-Wladiwostok. 2012–2015 war er Senior Advisor der Wintershall Holding GmbH und Berater des Präsidenten der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer AHK. Er ist Mitglied des russischen Waldai-Klubs. Seit 2014 war er Stellvertretender Vorsitzender, dann Mitglied des Beirates, des Verbandes der Russischen Wirtschaft in Deutschland. Seit 2015 ist er Berater für EU-Angelegenheiten von Gazprom in Brüssel.

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