«Eine seltsame Geschichte»

von Renate Dünki

Nun kommen die Abende, an denen es früh dunkel wird. Man hält sich gerne in der warmen Wohnung auf, und noch schöner ist es, wenn man sich zum gemeinsamen Spielen zusammenfindet. Es braucht nicht viel: Ein Blatt Papier und ein Bleistift genügen, Material, das jeder sowieso zu Hause hat. «Eine seltsame Geschichte» ist eines meiner Lieblingsspiele, das von Erwachsenen und Kindern gemeinsam gespielt wird. Warum es nicht einmal ausprobieren, gerade in Corona-Zeiten, wo man die Abende am besten im kleinen Kreis zu Hause verbringt?

Schreiben – umfalten – weiterreichen

Vier oder fünf Mitspieler um einen Tisch herum: ausgestattet mit jeweils einem Blatt Papier, einem Bleistift und mindestens einer halben Stunde Zeit. Weil diese Zeit so schnell vergeht, kann auch eine Stunde daraus werden. Die erste Aufgabe besteht für jeden darin, sich vor Spielbeginn die Grundzüge einer Geschichte auszudenken, die er aufschreiben will. Diese Geschichte soll aus mindestens zehn Sätzen bestehen, besser mehr. Jeder beginnt nun mit ein bis zwei Sätzen oben auf seinem leeren Blatt. Die Zeit zum Schreiben, etwa drei Minuten, richtet sich nach dem langsamsten Mitspieler. Er soll sich mit einem Satz beteiligen können. Dann faltet jeder die geschriebenen Sätze so nach hinten weg, dass nur ein paar Wörter der letzten Zeile sichtbar bleiben. Jeder gibt sein Blatt an den linken Nachbarn weiter und erhält dafür das Blatt seines rechten Nachbarn. Dort schreibt er seine Geschichte so weiter, dass die vorgefundenen Wörter des Nachbarn irgendwie mit hineinpassen. Die Blätter werden solange beschrieben und weitergereicht, bis alle finden, man könne zu einem Ende kommen.

Von Igeln, Ungeheuern und Badefreuden

Die Aufgabe ist nicht leicht, die Köpfe rauchen. Jeder schreibt eifrig, sieht auch einmal zu den anderen hinüber, lacht vor sich hin oder stöhnt ein wenig. Sind alle fertig? Ja. Nun wird das Geschriebene umgefaltet und dem Nächsten weitergereicht. Ich als Grossmutter habe es nicht einfach. Die Kinder wollen immer Geschichten mit Riesen und Ungeheuern zum Besten geben, die ich nicht besonders gut leiden kann. Ich versuche mich deshalb an einer friedlichen Igelgeschichte aus meinem Garten. Der Vater hält an der Idee eines Badesonntags am Meer fest. Dahin will er mit seinem grossen alten Auto fahren und Abenteuer erleben. Diese verschiedenen Vorstellungen werden natürlich den anderen nicht verraten, sonst wäre es ja langweilig. Wie passen aber diese grundverschiedenen Geschichten zusammen? Jeder verteidigt in jeder Runde seine Version, so gut er nur kann.

Und immer wieder neu gefordert!

Jedes Satzende des Vorgängers muss ja aufgenommen, in den nächsten eigenen Satz eingepasst und in die Gesamtvorstellung integriert werden. Das ändert immer auch die eigene Geschichte. Ganz aufgeben will sie aber keiner. Das ist ganz schön herausfordernd. Ein Blick zu den Kindern – ein lustiger Blick zurück, ein Spiel im Spiel. Sie wissen schon, dass ich mir jetzt den Kopf zerbrechen muss. Spannend ist immer das sichtbare Satzende für mich, das mir hoffentlich kein Monster beschert. Doch ich hoffe vergeblich. Da steht: «… brüllte der grüne Riese.» Was soll nur mein Igel dazu finden? Sicher erschrickt er. Also schreibe ich: «Schnell rollte sich der kleine Igel ein und zeigte seine Stacheln.»
  Die Blätter gehen zwei- oder dreimal im Kreis herum, je nachdem, wie gross die Ausdauer im Schreiben ist. Nun können sie aufgefaltet und die Geschichten vorgelesen werden. Die Neugierde, die ganze Geschichte zu hören und die eigenen Sätze wiederzuerkennen, ist gross. Alle staunen über das Geschick der anderen, den Erzählfaden aufzugreifen und wieder auf die eigene Geschichte umzulenken. Sie freuen sich an den eigenen Ideen und an den Ideen der anderen. Gewinner oder Verlierer gibt es nicht. Und eine Altersgrenze auch nicht. Solche Spiele liebe ich natürlich. Ja, die Geschichten sind wirklich absonderlich. Und einfach ist dieses Spiel nicht. Es braucht Planung, aber auch sprachliche und innere Beweglichkeit.

Deine Idee – meine Idee

Jeder verfolgt seinen Erzählplan. Er hat eine Vorstellung von seiner Geschichte und ihren Personen, die er verteidigen will. Ob das wohl später auch brauchbar ist für Diskussionen, in denen das Gegenüber eine Wendung aufgreift und sie entweder widerlegt oder über sie zu eigenen Argumenten überleitet? Hauptsache, der Gesprächsfaden wird nicht aufgegeben! Ein solches Schreibspiel kann also vielleicht eine Vorstufe des lustigen und listigen Argumentierens sein. Die Geschicklichkeit, mit einem unerwarteten Gedanken umzugehen, ist dabei entscheidend.

Wie sagt man das schon wieder?

Dieses Spiel am Familientisch setzt noch mehr voraus: einen Wortschatz, der einen Gedanken aufgreifen oder ihm entgegnen kann – eingeleitet mit Wörtern wie aber, jedoch, leider, plötzlich; Spass an seltsamen Geschichten und dem Spielen damit; die Annahme, dass die eigenen Ideen auch zählen, trotz des Zusammenspiels mit Älteren, Geübteren. Das gibt nicht nur sprachliche Beweglichkeit. Eine solche flexible Erzähl- (und später Schreib-)Fähigkeit – stets auf eine Hörer- oder Leserrunde bezogen – entsteht natürlich nicht in zwei oder drei Jahren Schulzeit.

Im sprachlichen Austausch gefühlsmässig verbunden

Das beginnt in der Familie schon früh: im ersten Lebensjahr, in den ersten Lebensmonaten des Säuglings. Wer einmal beobachtet hat, wie Eltern und Kind sich liebevoll miteinander «austauschen», indem sie einen Dialog aus Blicken, Sich-Anlachen, Tönen und ersten Sprechlauten entwickeln, weiss, wovon die Rede ist. Grundlage eines ersten «Gesprächs» ist die Achtsamkeit der Eltern, die dem Kind Raum für eigene Aktivität lassen, es freudig entgegennehmen und anregen, aber nicht bedrängen. Aus solchen herzlichen Situationen in der Familie entsteht Bindung – Fundament der Entwicklung und auch der Sprache. Auch grössere Kinder lieben solche spielerisch-herzlichen Situationen, zum Beispiel einen Schreibanlass, wie er zu Beginn beschrieben wurde. Solche Spiele beleben oder entwickeln eine wichtige Stufe der Erzähl- und Schreibfähigkeit.
  Statt mit Fortsetzungsgeschichten kann man dieses Spiel auch mit Fortsetzungsbildern machen: Nun heisst es zeichnen, umfalten, weiterreichen. Man beginnt mit einem Kopf mit Hals, faltet das Blatt um und reicht es dem Nachbarn. Dann zeichnet man auf dem nächsten Blatt die Schultern und Arme, setzt fort mit dem Körper und endet mit den Beinen und schliesslich den Füssen. Lustige Mischwesen aus einem Räuberkopf mit Hut, den Schultern eines Krokodils usw. entstehen. Dieses Spiel ist viel einfacher und kürzer. Gute Laune in einer Runde ist für beides die Voraussetzung, und auch das gemeinsame Lachen über das lustige Ergebnis. Das geht übrigens auch sehr gut mit Maske.  •

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