Die Hagia Sophia in Istanbul – byzantinische Kirche, Moschee, Museum …

Zur wechselvollen Geschichte des bedeutenden Sakralbaus

von Dr. phil. Winfried Pogorzelski

Im vergangenen Sommer geriet eines der bedeutendsten Gebäude der Welt in die Schlagzeilen, die Hagia Sophia (griech.: Ἁγία Σοφία: «Heilige Weisheit») in Istanbul. Der Sakralbau wurde in den Jahren 532–537 unter dem byzantinischen Kaiser Justinian I. im europäischen Teil der Stadt als Kuppelbasilika gebaut und der göttlichen Weisheit geweiht. Das Bauwerk setzte in jeder Hinsicht neue Massstäbe und ruft bis heute Staunen und Bewunderung hervor. Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Osmanen wurde die Basilika von vier Minaretten umgeben und als Moschee genutzt, bis sie 1934 unter Kemal Atatürk, dem Begründer der laizistischen Republik Türkei, zu einem Museum umgewandelt wurde. Als solches konnte sie von muslimischen und christlichen Besuchern gleichermassen genutzt werden und war lebendiger Ausdruck des gegenseitigen Respekts von Christentum und Islam. Auf Grund einer Entscheidung des obersten Verwaltungsgerichtes dient sie jetzt wieder als Moschee, was bei vielen gläubigen Türken für Zustimmung, aber auch weitherum – nicht nur bei Christen – für Befremden sorgte.

Kühne Konstruktion ohne Vorbild und ohne Nachahmung

Kaiser Justinian I. (482–565), Herrscher des Byzantinischen Reiches (395–1435), liess die Hagia Sophia als Hauptkirche von Byzanz und als Mittelpunkt der orthodoxen christlichen Kirche im damaligen Konstantinopel errichten; sie diente dem Kaiser als äusseres monumentales Zeichen seines Gottesgnadentums. Die mittlerweile fast 1500 Jahre alte Basilika, Unesco-Weltkulturerbe, verblüfft durch zahlreiche Besonderheiten und Superlative: Die Hauptkuppel aus Ziegelsteinen hat einen Durchmesser von 32 Metern und thront in einer Höhe von 55 Metern über einem Quadrat aus nur vier Bögen und Pfeilern, eine einzigartige Konstruktion; sie stürzte viermal ein, bis man die Krümmung so berechnete, dass das Gewölbe der grossen Last standhielt. Den Sockel des Gewölbes umsäumen 40 Fenster, so dass der Eindruck entsteht, die Kuppel schwebe über dem Kirchenschiff. Die grosszügig dimensionierte Halle von 80 Metern Länge und 70 Metern Breite wurde einst von Kaiser Justinian auf seinem Pferd durchritten. Die Harmonie zwischen der gigantischen Grösse und den ausgewogenen Proportionen des Innenraumes zeichnen die Hagia Sophia als eines der beeindruckendsten Gebäude der Welt aus.

Innenausstattung vom Feinsten: Marmor und Mosaiken

Was die Materialien angeht, wurde nicht gespart: Der 7000 Quadratmeter umfassende Fussboden ist mit weissem Marmara-Marmor bedeckt; die Verkleidung der Wände sowie die mächtigen Säulen des Bauwerks bestehen aus grünem und schwarzem Marmor und aus rotem Porphyr. Auf den byzantinischen Dichter Paulus Silentarius (6. Jhdt.) wirkte der aufwendig gestaltete Innenraum mit seinem Farbenspiel wie ein Abbild der göttlichen Natur.
  Von den ursprünglich zahlreichen byzantinischen Mosaiken sind nur noch wenige erhalten. Im 19. Jahrhundert legten die Tessiner Architekten Gaspare und Giuseppe Fossati im Rahmen der ersten neuzeitlichen Gesamt-renovation alle noch vorhandenen Mosaiken frei und erstellten eine Bestandsaufnahme. Viele Kostbarkeiten mussten vom Verputz befreit werden, unter dem sie verborgen waren, weil in der islamischen Kunst die menschliche Gestalt nicht dargestellt werden darf. Zu den kunstgeschichtlich bedeutsamsten Mosaiken gehört die monumentale Darstellung von Jesus Christus als Weltenherrscher (Pantokrator) aus dem 9. Jahrhundert und das Stiftermosaik aus dem 11. Jahrhundert mit Maria als Gottesmutter und dem Jesuskind, umgeben vom Kirchenstifter Kaiser Justinian mit dem Modell der Hagia Sophia und von Kaiser Konstantin als Stadtgründer mit dem Modell Konstantinopels. Typisch für byzantinische Mosaiken ist der goldschimmernde Hintergrund, hervorgerufen durch Mosaiksteine, die mit Blattgold bedeckt sind.
  Dem Auge des heutigen Besuchers zeigt sich die Hagia Sophia in überwältigendem Glanz. Er ist auf eine sechzehn Jahre dauernde Restauration zwischen 1995 und 2011 zurückzuführen. Sie wurde unter der Schirmherrschaft der Unesco von türkischen Spezialisten durchgeführt und brachte unter anderem ein Engelsgesicht oberhalb einer der vier kolossalen Säulen zum Vorschein.

Einweihung der Moschee Hagia Sophia unter Zustimmung der Bevölkerung

Nach einem Putschversuch im Juli 2016 verhängte die türkische Regierung unter Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan den Ausnahmezustand. Um seine Machtposition zu stärken und von den wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten – zum Beispiel im Verhältnis zur Europäischen Union wegen der Flüchtlingsfrage – abzulenken, wurden Massnahmen erlassen, die über die zweijährige Dauer des Ausnahmezustands hinaus bis auf weiteres die Stellung des Präsidenten stärken und die Demokratie schwächen. Die entsprechenden Verfassungsänderungen wurden von der Mehrheit der Bevölkerung angenommen. Zudem förderte man eine gewisse Reislamisierung vieler Lebensbereiche, so des religiösen Lebens selbst oder auch des Schul- und Hochschullebens. Das Kopftuchverbot in staatlichen Einrichtungen wurde aufgehoben.
  In diese Entwicklung reiht sich die Umwandlung des Museums Hagia Sophia zur Moschee als symbolträchtiger, aber auch als nachvollziehbarer Akt ein: Laizismus bedeutet in der türkischen Republik nicht die völlige Trennung von Kirche und Staat, sondern die Steuerung der Religion durch den Staat: Das oberste Verwaltungsgericht urteilte, dass die Umwandlung der Moschee Hagia Sophia in ein Museum durch Kemal Atatürk rechtswidrig war und folgerichtig die Umwidmung des Bauwerks in eine Moschee rechtens sei.
  Blaugrüner Teppichboden bedeckt nun überall den Boden; die byzantinischen Mosaiken mit Darstellungen der Menschengestalt sind – zumindest während des Gebets – mit weissen Stoffbahnen bedeckt. Zusammen mit Mitgliedern seines Kabinetts nimmt Erdoğan am ersten Freitagsgebet am 24. Juli teil, womit er sicher auch eine unübersehbare Botschaft an die islamgläubigen Wähler sandte, deren Unterstützung zwischenzeitlich zurückgegangen war.
  Nach Jahrzehnten der Entbehrung – von 1934 bis heute – freuen sich die muslimischen Gläubigen (über 95 % der Bevölkerung), endlich wieder im wichtigsten Gotteshaus ihres Landes beten zu dürfen; das kann ihnen niemand verargen. Hunderttausende Gläubige, für die ein Lebenstraum in Erfüllung geht, strömen aus dem ganzen Land herbei, füllen die Moschee, die Strassen und Plätze ringsherum, auf denen sie sich in Festtagskleidung niederlassen, um mitzubeten. Wer kann, verfolgt auf Grossleinwänden, wie in Weiss gekleidete Geistliche Koran-Suren deklamieren. Immer wieder erschallt der Ruf «Allahu akbar» («Gott ist gross»). Eine mitfeiernde junge Türkin bringt euphorisch ihre Hoffnung zum Ausdruck, die christliche Welt respektiere jetzt wohl mehr den islamischen Glauben, wo die Moslems doch längst deren Propheten Jesus achteten.

Auf der anderen Seite: Trauer, Befremden und Messen mit zweierlei Mass

Dass die Hagia Sophia nun wieder Moschee ist, hat weitherum grosses Echo ausgelöst. Aufmerksame Zeitgenossen aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Religion meldeten sich zu Wort. «Traurig und erschüttert» äussert sich Bartholomaios I., der Ökumenische Patriarch der christlich-orthodoxen Weltkirchen. Er übt sein Amt als Oberhaupt der etwa 300 Millionen in der ganzen Welt verstreuten orthodoxen Christen als Ehrenamt aus, hat also keine offiziellen amtlichen Befugnisse. Für ihn steht nach der Umwidmung die Funktion der Hagia Sophia als Begegnungsstätte zwischen Ost und West in Frage.
  Griechenland, wo das orthodoxe Christentum Staatsreligion ist, der über 95 % der Einwohner angehören, spricht von einem historischen Fehler, der eigentlich Konsequenzen nach sich ziehen müsse. Präsidentin Katerina Sakellaropoulou sprach gar von einem «zutiefst provokanten Akt gegen die internationale Gemeinschaft». Die Europäische Union, Russland und die USA hingegen bedauerten lediglich die Entscheidung.
  Der serbisch-amerikanische Ökonom Branka Milanovic betonte, dass Kemal Atatürk das Gotteshaus als Museum deklarierte, um eigentlich den Kampf der Religionen um die Kirche zu beenden. Die Entscheidung des Staatsrates bzw. Erdoğans, den Schritt Atatürks rückgängig zu machen, würden viele seiner Anhänger so interpretieren, dass die Türkei ihren Stolz als Weltmacht wiedererlange.
  Orhan Pamuk, türkischer Literaturnobelpreisträger, unterstrich, Atatürks wohlüberlegte Entscheidung sei ein wichtiges Zeichen gewesen, dass die Türkei ein säkularer Staat und Teil der europäischen Kultur sei. Die bedauerliche Aufhebung dieses Zeichens könne er – zusammen mit Millionen anderer Türken – nicht mittragen.
  Übersehen wird bei solcherlei Sichtweisen allerdings, dass Umwidmungen von Gotteshäusern in der Geschichte gang und gäbe waren, worauf neben anderen Felix Körner, Jesuit, Theologe und Islamwissenschaftler, hinweist: Auch die Christenheit habe sich Gotteshäuser anderer Religionen einverleibt und sie sogar entsprechend umgestaltet. So haben beispielsweise die Katholiken des 15. Jahrhunderts mitten in die grossartige Moschee von Córdoba ein gotisches Kirchenschiff hineingebaut, wohingegen der Eroberer Konstantinopels, Sultan Mehmet II., rücksichtsvoller mit der Hagia Sophia umging: Er liess deren Grundstruktur unverändert, entfernte lediglich den Altar. Zudem – so Körner weiter – stünde es gerade momentan den Christen nicht gut an zu betonen, man habe gerade etwas verloren, was ihnen gehöre: Noch vor wenigen Jahren seien Bitten von Moslems, in der Moschee von Córdoba beten zu dürfen, von der Kirche abgelehnt worden. Forderungen, das muslimische Erbe stärker zu bewahren und das Gebäude auch als interreligiösen Ort zu nutzen, werden bis heute vom Bischof von Córdoba, Juan José Asenjo, abgelehnt.

Für ein Miteinander der Religionen

Der Schweizer Diplomat, Autor und Publizist Paul Widmer weist ebenfalls darauf hin, dass die Umnutzung sakraler Bauten in der Geschichte gängige Praxis der Christen wie auch der Moslems gewesen sei. Wenn andernorts die Umnutzung nicht gelang, sei es hier und da zur paritätischen Nutzung der Gotteshäuser gekommen, wofür es heute noch vereinzelte Beispiele im Kanton Thurgau oder in der Talschaft Toggenburg im Kanton Sankt Gallen gebe. So unrealistisch es bis auf weiteres sei, dieses Modell bei der Hagia Sophia anzuwenden: Eigentlich sei kaum ein anderer Sakralbau besser dazu geeignet: Das Bauwerk sei für beide Religionen gleichermassen von immenser Bedeutung und böte dank seiner kolossalen Grösse Platz für beide Religionsgemeinschaften. Er trete für ein Miteinander ein. So kam denn auch schon der Gedanke auf, das ehemalige Museum und jetzige Gotteshaus interreligiös zu nutzen, etwa für islamisch-christliche Gebetstreffen oder theologische Dialogseminare.
  Einer wirklichen Alternative zu diesen interreligiösen Irritationen und Auseinandersetzungen weist Prinz Hassan ibn Talal aus der Haschemiten-Dynastie von Jordanien den Weg. Der Jordanier studierte an der Oxford Universität Orientalistik und verfasste Schriften über den Islam sowie ein Buch über die Christen in der islamischen Welt. Er rief die Trilaterale Kommission für das islamisch-christlich-jüdische Gespräch ins Leben und setzt sich unermüdlich für den Ausgleich zwischen den Religionen ein – den einzig gangbaren Weg in eine friedliche und menschliche Zukunft.  •

Quellen:

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