Wie weiter? – Über den Umgang mit Terroranschlägen: «Es braucht ein Innehalten und Nachdenken»

von Dieter Sprock

Die Mordtat von Hanau hat aufgewühlt. Über die Grenzen hinaus. Trauer, Empörung und Fragen nach dem Warum beherrschen die Nachrichten. Und bevor die Menschen zum Alltag zurückgefunden haben, die nächste schreckliche Tat in Volkmarsen, Hessen. Ein Auto rast in eine Gruppe von Zuschauern eines Fastnachtsumzugs und verletzt mehr als sechzig Menschen, darunter viele Kinder.
Noch nicht vergessen ist der Anschlag auf eine Synagoge in Halle, die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, das Attentat auf den Weihnachtsmarkt in Berlin, der Anschlag auf zwei Moscheen in Neuseeland und die schreckliche Bluttat in Norwegen.

Immer der gleiche Ablauf

Nach erfolgter Tat sichern Spezialeinheiten der Polizei den Tatort. Täter werden erschossen oder erschiessen sich selbst. Sanitäter und Feuerwehrleute bergen Tote und Verwundete, manchmal unter Gefährdung des eigenen Lebens. Es sind aufopfernde Einsätze, aber die nächste Tat können sie nicht verhindern.
Täterprofile werden erstellt und die Motive erforscht. Fassungslosigkeit. Experten kommen zu Wort. Es ist die «Stunde der Trommler» für mehr Polizei, Überwachung und Verbote, für Rufe nach dem starken Mann. Der Rechtsstaat ist bedroht.
Die Täter haben ihr krankes Gemüt oft jahrelang in ihren Foren im Internet mit Hass gegen Ausländer, Juden, Muslime, Christen, Schwule oder andere aufgeladen. Sie haben den finalen Kopfschuss in ihren Ego-Shooter-Spielen trainiert und hinterlassen die Spuren ihrer grausamen Taten im Internet. Sie legen Wert auf Publizität. Sie wollen berühmt werden und schaffen es. Die Präsenz in den Medien spornt sie an. Die Muster gleichen sich.

Das Vertrauen in Politik und Rechtsstaat schwindet

Angst macht sich breit. Das Vertrauen in Politik und Rechtsstaat schwindet. Misstrauen und Intoleranz nehmen zu. Sie werden politisch instrumentalisiert und geschürt. «Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.» Es geht um Stimmenprozente und Macht. Die Bürger sehen ihre Anliegen in der Politik immer weniger noch vertreten.
Man muss nur einmal in eine Sitzung des Deutschen Bundestags hineinschauen: Da hört keiner jemandem zu, der eine andere Meinung vertritt. Damit nicht genug: Um seine Ablehnung deutlich zu machen, erledigt man Büroarbeiten, bedient sein Handy, liest Zeitung oder unterhält sich demonstrativ mit dem Nachbarn, und wem das nicht reicht, der profiliert sich durch laute Zwischenrufe. Wahrlich, eine Schule der Intoleranz. Widerlich!
In diesem Klima der Intoleranz und Feindseligkeit, welche die Gesellschaft inzwischen in unversöhnliche Fraktionen spalten, brüten kranke Gehirne – oft allein, nur mit Gleichgesinnten im Internet vernetzt – ihre Schreckenstaten aus.
Eine gespaltene Gesellschaft ist der Nährboden, auf dem Extremismus gedeiht. In Deutschland werden seit der letzten Bundestagswahl mehr als neun Millionen Wähler, die eine Partei am «linken oder rechten Rand» gewählt haben, ausgegrenzt und geächtet; das sind mehr als die Schweiz Einwohner hat.

Wie weiter?

Die Diffamierung und Ausgrenzung Andersdenkender muss aufhören. Es braucht ein Innehalten und Nachdenken. Terrorakte dürfen nicht länger für politische Zwecke instrumentalisiert werden. Mit der ausladenden Medienberichterstattung wächst die Gefahr, dass paranoide Persönlichkeiten zur Nachahmung angestiftet werden und ihre Vorbilder im Wahn an Grausamkeit noch überbieten wollen. Die Polizei kann zwar einzelne gefährdete Objekte schützen oder einzelne «Gefährder» aus dem Verkehr ziehen, aber gegen die Tat geisteskranker, geltungsversessener Täter, egal welcher Couleur, kann sie keinen Schutz bieten.
Politische Besonnenheit ist gefragt. Es braucht Persönlichkeiten, die den Hass abbauen und die Bürger wieder zusammenführen. Die Anliegen und Sorgen der Menschen – auch in Fragen der Migration – müssen ernstgenommen und die anstehenden Aufgaben ohne parteipolitisches Kalkül in Angriff genommen werden:
Die Erziehung der Kinder sowie Schule und Ausbildung müssen wieder den Platz einnehmen, der ihnen gebührt. Es müssen Fachkräfte ausgebildet werden, die in der Lage und willens sind, einen konstruktiven Beitrag zum Erhalt der Gesellschaft zu leisten. Es braucht genügend sichere Arbeitsplätze und schöne Wohnungen. Wo nötig muss das Gesundheitswesen saniert, die Altersvorsorge gesichert und die Altersarmut beseitigt werden. Jeder Mensch soll ein Leben in Würde führen können.
Notwendig ist ein Klima des Ausgleichs und der Versöhnung. Das Leben wird zwar auch dann kein «Rosengarten» sein. Es ist nun einmal mit Schwierigkeiten und Fehlern behaftet. Aber es lohnt sich, darüber nachzudenken, wie es weitergehen soll, und seine Überlegungen einzubringen.   •

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