Dorf und Kleinstadt – alltägliche Erlebnisse in einer aussergewöhnlichen Situation

von Anke W.*

zf.  Anke W. wohnt in einem Dorf in Südwestdeutschland. Ganz in der Nähe befindet sich eine Kleinstadt. Ihre Schilderungen zeigen – zumeist positive – alltägliche Erlebnisse in der aussergewöhnlichen Situation der Corona-Pandemie –, aber auch ganz persönliche Schlussfolgerungen.

 

Die Dorfgemeinschaft rückt zusammen

Im Dorf rücken alle näher zusammen. In unserer Strasse habe ich alle über achtzigjährigen sowie durch chronische Erkrankungen besonders gefährdete Nachbarn gefragt, ob ich Besorgungen für sie machen kann. Es stellte sich heraus, dass jeder bereits durch die erwachsenen Kinder oder andere Verwandte versorgt wird. Dennoch freuten sich alle über die Anfrage. In einer Familie, in der mehrere chronisch krank sind, erklärte man sich gleich bereit, auch mir zu helfen, wenn ich krank würde.
Mit einer über achtzigjährigen Dame aus unserer Strasse gab es vor einigen Jahren eine kleine Meinungsverschiedenheit. Seitdem war das zuvor herzliche Verhältnis zwischen uns etwas abgekühlt. Als ich vor einer Woche fragte, ob ich ihr mit Besorgungen oder sonst irgendwie behilflich sein könne, bedankte sich die Dame, sie benötigte aber erstmal keine Hilfe. Als ich vor einer Einkaufsfahrt abermals bei ihr nachfragte, ob ich ihr etwas aus der Stadt mitbringen könne, kamen wir ins Plaudern. Sie erzählte von ihrer Tochter und ihrem Sohn, die regelmässig kämen. Sie erkundigte sich ebenso nach meinem Befinden. Sie machte sich auch Gedanken, wie es anderen geht, die keine erwachsenen Kinder haben, welche sie besuchen. Zum Schluss versprach sie mir, mich auf jeden Fall anzurufen, wenn ihr etwas fehle. Da sie aber die meiste Zeit alleine im Haus ist und die von ihr bisher regelmässig besuchten kirchlichen Veranstaltungen nicht mehr stattfinden, werde ich sie ab jetzt wieder öfter zum Plaudern anrufen und wieder länger – in empfohlenem Abstand – an ihrem Gartenzaun stehenbleiben, wenn sie im Garten ist. Warum habe ich mich nicht schon früher intensiver um das Wiederaufleben unserer nachbarschaftlichen Beziehungen bemüht?
Gestern überlegte ich mir, dass es vielleicht an anderer Stelle im Dorf noch Menschen gibt, die Hilfe benötigen, und wer davon wissen könnte. Bevor ich aktiv wurde, war heute ein Informationsbrief in unserem Briefkasten, der an alle Haushalte des Dorfes ging. Unser Ortschaftsrat hatte getagt und einen Einkaufsservice ins Leben gerufen. Alle, die Hilfe benötigen, und Jüngere, die Unterstützung anbieten können, sollten sich bei den genannten Kontaktadressen melden. Obwohl mein Mann und ich nicht mehr zu den jüngeren Bewohnern des Dorfes gehören, rief ich bei einer der Kontaktadressen an, um meine Freude über diese Aktivität zu äussern und um anzubieten, im Rahmen von eigenen Einkäufen für andere Besorgungen zu machen. Dies wurde froh entgegengenommen. Gleichzeitig wurde mir versprochen, dass ich auch Hilfe erhielte, wenn ich sie benötigen würde. Dazu muss man sagen, dass mein Mann und ich vor zwanzig Jahren aus Köln in unser Dorf gezogen sind. Wir sind zwar schon lange in die schöne Dorfgemeinschaft eingebunden, haben miteinander Feste gefeiert, waren auch vor der Corona-Krise Nachbarn behilflich und haben Hilfe erhalten. Aber in die gegenseitige Hilfe so vollumfassend einbezogen zu sein, berührt mich zusätzlich tief.
Nun sind mein Mann und ich auch in der Kontaktgruppe des Einkaufsservices. Wir erhielten ein sorgfältig ausgearbeitetes Schreiben, in dem genau dargelegt wurde, was die Unterstützenden beachten müssen, um andere und sich nicht zu gefährden, wie man den Zahlungsverkehr für die Einkäufe organisieren kann und wie mit ärztlichen Rezepten für Apothekengänge umzugehen ist. Wir erfuhren auch, dass in den umliegenden Dörfern ebensolche Initiativen aufgebaut werden.
Solche dörflichen Gemeinschaften sind übersichtlich, und es ist möglich, keinen zu vergessen. Ich bin mir aber sicher, dass dies auch im städtischen Raum machbar ist, wenn vielleicht auch unter erschwerten Bedingungen. Aber auch dort ist Nachbarschaftshilfe möglich, die keinen auslässt.

Gegenseitige Rücksichtnahme in der Kleinstadt

Freitag, den 20. März 2020, kurz vor Mittag, muss ich in die nahegelegene, rund 10 000 Einwohner zählende Kleinstadt. Ich benötige eine Bescheinigung vom Arzt und muss deshalb dorthin. Nur vereinzelt sind Passanten auf der Hauptstrasse unterwegs. Die Sonne scheint, es ist warm, aber das Eiscafé hat geschlossen. Die Bäckereien, Metzgereien und Apotheken haben geöffnet.
Die wenigen Menschen bewegen sich sehr rücksichtsvoll auf dem Gehsteig, alle achten auf die anderen Passanten, halten mindestens anderthalb Meter Abstand. Wer sich entgegenkommt, macht einen ausreichend grossen Bogen umeinander. Wo es nicht geht, dreht man den Kopf etwas zur Seite, sobald man auf gleicher Höhe ist. Ist der Abstand gross genug, so beantworten fast alle Menschen mein Lächeln, mein «Hallo» oder «Grüss Gott» ebenfalls mit einem lieben Lächeln. Fast jeder scheint froh über eine nette menschliche Begegnung zu sein. Mir tut das Antwortlächeln gut, es wärmt ebenso wohlig wie die Sonne. Nur ein einzelner, etwa 12jähriger Junge, achtet nicht gezielt auf den Abstand zu anderen. Er wirkt aber keinesfalls rücksichtlos, sondern scheint einfach in seine eigenen Gedanken versunken zu sein.
Beim Blick durch die Schaufenster in die Läden sehe ich, dass die Menschen nicht zu nahe an die Verkaufstheken kommen. Ihre Ware nehmen sie mit ausgestreckten Armen entgegen. In der kurzen Warteschlange halten sie Abstand voneinander. Einer steht in der Metzgerei in der Eingangstür, um den Abstand zu wahren. Als ein Kunde aus dem Geschäft herausmöchte, tritt er zur Seite und achtet damit abermals auf ausreichenden Abstand. Die Menschen machen auf mich einen besorgten, aber dennoch freundlichen Eindruck.
In der Arztpraxis wird man schon vor dem Betreten der Praxis an der Eingangstür auf die geltenden Sicherheitsvorkehrungen hingewiesen. Hier ist immer viel zu tun. Dennoch sind alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auch heute sehr zuvorkommend und gehen freundlich auf die Patienten ein. Ich erhalte sofort die bereits telefonisch besprochene Bescheinigung. Mit den Worten «Bleiben Sie gesund» verabschieden wir uns.
Nun fahre ich noch in die sogenannte «Unterstadt», in der mehrere grosse Supermärkte und Drogeriemärkte angesiedelt sind. Hier sind die Parkplätze voller Autos. Dennoch wirkt es in den Läden nicht so voll wie noch vor einer Woche. Inzwischen haben wohl viele Menschen Vorräte angelegt und vermeiden häufige Fahrten in die Stadt.
Das hübsche Modegeschäft, in dem meine Nichte arbeitet, hat schon seit zwei Wochen so gut wie keine Kundschaft mehr. Ab morgen hat es dann ganz geschlossen. Dafür sei der benachbarte Supermarkt in den letzten Wochen überlaufen gewesen.
In der Obst- und Gemüseabteilung des Supermarktes treffe ich eine Bekannte. Wir wechseln ein paar Worte in gebührendem Abstand. Sie sagt schliesslich, dass sie hoffe, Hefe zu bekommen. Der stets aufmerksame Leiter der Obst- und Gemüseabteilung bekommt das mit und lacht auf: «Der Witz war gut!» Wir sind uns einig, dass alles mit Humor besser geht. Und backen wird meine Bekannte mit Backpulver. Das ist im Moment zu bekommen.
Die Regale sind gut gefüllt. Auch Toilettenpapier und Mehl sind in diesem Geschäft wieder zu haben, stehen allerdings nicht in den gewohnten Mengen und in der üblichen Sortenvielfalt zur Verfügung. Am Mehlregal seufzt eine Verkäuferin. Ich spreche sie – im Abstand von mehr als zwei Metern – an. Sie sagt, es falle ihr gerade schwer durchzuhalten. Sie müsse mit hohem Tempo arbeiten, um die Regale aufzufüllen (das war deutlich zu sehen). Ich bedanke mich bei ihr für ihren Einsatz und dass sie «die Stellung hält». Sie gehöre zu den derzeitigen Helden. Daraufhin berichtet sie, es gäbe Kunden, die sich beklagen, weil nicht alles sofort zu bekommen sei, und die schimpften, dass man doch schneller arbeiten und nachräumen müsse. Die Verkäuferin sagt, sie bekämen täglich Ware, aber eben nicht unbedingt genau das Gewünschte. Ich sage ihr noch, dass die Leistungen der Verkäuferinnen in den Supermärkten in Zeitungen und im Internet gelobt werden. Sie entgegnet, dass sie keine Zeit hat, darin zu lesen, sich deshalb sehr über meine Rückmeldung freue. Und dann dreht sie sich rasch um zu ihrer Arbeit und schafft weiter.
In den Gängen des Supermarktes und auch an der Kasse nehmen die meisten Menschen, die ich sehe, Rücksicht. Kaum jemand geht in einen der Gänge, ohne zuvor zu schauen, ob jemand von rechts oder links kommt. Gegebenenfalls wartet man und lässt sich freundlich im Abstand vorbei. Im Gang stehen nie fremde Personen im selben Regalbereich. Es wird gewartet, bis der Vorgänger weitergeht.
An den Kassen stehen die Kunden in luftigen Schlangen. Nicht alle denken an etwas mehr Abstand. Es sind viele Kassen geöffnet, damit die Kunden schnell hindurchkommen.
Beim Kundendienst, im Eingangsbereich des Supermarktes, stehen mehrere Personen an. Die meisten halten den empfohlenen Abstand ein. Zwei Jugendliche oder junge Erwachsenen halten sich nicht daran. Sie werden von einem älteren Herrn um mehr Abstand gebeten. Daraufhin meinen die beiden jungen Männer in ziemlich überheblichem Ton, dass das Quatsch sei, die Grippe sei doch harmlos. Der ältere Herr fordert deutlicher die Rücksichtnahme ein. Nun gehen die jungen Männer doch auf Abstand, bevor sich noch weitere Personen einmischen müssen.
Die beiden jungen Männer dürfen gerne privat ihre Ansicht haben. Wenn aber um Rücksicht gebeten wird, weil Menschen in Sorge sind, können sie das nicht übergehen.
Schliesslich schaue ich noch in zwei Discounter rein, um mir ein Bild von der Stimmung zu machen. Auch hier beobachte ich nur rücksichtsvolle Menschen. An den Regalen für Mehl und Toilettenpapier sind Schilder angebracht, auf denen darum gebeten wird, nur in haushaltsüblichen Mengen zu kaufen und Rücksicht auf andere Kunden zu nehmen. In einem der Discounter steht gerade kein Mehl mehr im Regal. In einem anderen Discounter hat ein Herr sicher zwanzig Kilo Mehl eingekauft. Ob das wohl alles er und/oder seine Frau verbacken oder ob er sich schon an einer der Initiativen beteiligt, wo Bürger für Mitbürger einkaufen? Letzteres wäre schliesslich auch möglich.
An der Kassiererin gehe ich rasch vorüber und packe auf Abstand meine gekauften Waren ein. Die Kassiererin erzählt mir, dass manche Menschen sehr rücksichtslos an der Kasse seien, sich zum Beispiel um Milchpackungen streiten würden und von ihr verlangten, dass sie eingreife. Das sei sehr anstrengend.
Ich habe heute nur eine einzige Situation bemerkt, wo jemand unfreundlich einem anderen gegenüber reagiert hat. Ansonsten habe ich alle Menschen von ihrer positiven Seite her erlebt. Die Verkäuferinnen und Verkäufer arbeiten jedoch derzeit am Tag bis zu zwölf Stunden und bekommen mehr mit. Sie sind so ausgebildet, dass sie auf Kundenwünsche eingehen. Zufriedene Kunden gehören für sie deshalb zum Alltag. Im Moment ist in den Supermärkten aber noch kein Alltag. Das Verkaufspersonal schafft unter Hochdruck, kann aber derzeit trotzdem nicht sofort alles zur Verfügung stellen, was die Kunden wünschen. Wenn dann ein Kunde seiner Unzufriedenheit gegenüber der Verkäuferin Luft macht, erhöht das den Druck auf das Verkaufspersonal erheblich. Das ist nicht recht und bringt auch gar nichts. Damit die wenigen unzufriedenen Kunden nicht so ein Übergewicht bekommen, sollten wir zufriedenen Kunden die «Dienstleistung» nicht so selbstverständlich wie bisher entgegennehmen, sondern unsere Dankbarkeit häufiger zum Ausdruck bringen. 

* Der Name ist der Redaktion bekannt.

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