«Mir ist so langweilig …»

von Dr. Eliane Perret, Heilpädagogin und Psychologin

Diesen Satz werden die Mütter und Väter in diesen Tagen und Wochen wohl öfter zu hören bekommen. Nun, es werden die wenigsten ihre Kinder einfach vor dem Fernseher parkieren oder sie stundenlang gamen lassen, damit Ruhe einkehrt. Zum Glück! Das Resultat wäre leider, dass die Kinder den Tag mit innerer Leere und schlechter Laune abschliessen und zunehmend ein Suchtverhalten aufbauen. Aber was tun? Das Gejammer eines Kindes, es sei ihm langweilig, muss keine Aufforderung an die Eltern sein, nun subito ein Unterhaltungsprogramm zu organisieren. Langeweile kann kreativ machen und Anlass sein, wieder einmal die Farbstifte und ein Zeichnungspapier zur Hand zu nehmen, aus einem Zeitungspapier einen Hut oder ein Schiff zu falten, mit Papierfliegern einen Wettbewerb zu veranstalten. Ein Papier aus dem Drucker haben fast alle zur Verfügung. Da sind aber anleitende grössere Geschwister oder Erwachsene gefragt. Wer keine entsprechenden Anleitungen und Bastelbücher hat, findet sie zu Hauf auf entsprechenden Internetseiten.

Wie war das doch?

Vielleicht steigt bei der einen oder anderen Mutter oder dem Vater die Erinnerung an verregnete Nachmittage mit den Geschwistern, Eltern oder Grosseltern auf. Es lohnt sich! Da sind die gemeinsam verbrachten Spielnachmittage, wo man das Jassen lernte, zusammen «Tschau Sepp» oder Uno spielte und die Erwachsenen beim Memory-Spielen hoffnungslos in Rückstand kamen bei ihren Kindern, die zielsicher die richtigen Kartenpaare herausfischten. Und passt «Eile mit Weile» nicht gerade in die heutige Situation? Sicher sind in vielen Familien diese Spiele vorhanden, vielleicht etwas weit hinten im Kasten, weil in den letzten Jahren der Computer, Nintendo, die Playstation oder die entsprechenden Apps auf dem Handy deren Platz eingenommen hatten.

Ohne viel Material

Im Haushalt finden sich viele Materialien, mit denen man sich gemeinsam verweilen kann. Das Wörtchen «GEMEINSAM» soll hier gross geschrieben sein. Kennen Sie noch das Zeichnungsspiel, bei dem jeder einen Papierstreifen vor sich hat? Jeder zeichnet nun hinter vorgehaltener Hand zuoberst einen Kopf, faltet dann das Papier um und reicht es dem nächsten weiter, der nun «ahnungslos» Bauch und Arme anfügt, bevor er es wieder umfaltet und weiterreicht. Der letzte schliesst die Zeichnung mit Beinen und Füssen ab. Nun dürfen die Streifen wieder geöffnet werden. Über die so entstandenen lustigen Gestalten freuen sich sicher alle. Es gibt noch viele ähnliche Spiele, für die es nur ein Blatt Papier und einen Bleistift braucht.
In unseren Schullagern spielen wir immer wieder «Alle Vögel fliegen hoch». Der Spielleiter sagt: «Alle Vögel fliegen hoch» und streckt die Hände in die Höhe und «fliegt» mit ihnen. Die anderen tun es ihm nach. Dann ruft er etwa: «Alle Mücken fliegen hoch», alle Schmetterlinge, Papageien usw. Aber kann ein Elefant hochfliegen? Wenn der Spielleiter das ausruft und seine Hände in die Höhe streckt, sollten die anderen auf dem Tisch bleiben. Wer hereinfällt, gibt ein Pfand, das später mit lustigen Aufgaben wieder ausgelöst werden kann. Solche Spiele gibt es noch viele. Vielleicht auch ein Grund, ein entsprechendes Buch1 bei der persönlichen Buchhandlung zu bestellen. Aber auch die Grosseltern wüssten da noch einiges und könnten als Coach fungieren, denn telefonisch kann man ja den Kontakt durchaus halten, und auch die Post funktioniert noch.

Gemeinsames Spielen ist im Trend!

Das gemeinsame oder selbständige Spielen vertreibt nicht nur Langeweile. Die Kinder üben vielerlei dabei: Sie können ihr Gedächtnis trainieren, üben sich im strategischen Denken und müssen lernen, mit ihren Gefühlen umzugehen, sich über Siege fair zu freuen, aber auch eine Niederlage einigermassen gelassen einzustecken. Im Fachjargon spricht man von «exekutiven Funktionen», die dabei trainiert werden: Arbeitsgedächtnis, Inhibition (Impulskontrolle) und kognitive Flexibilität (sich auf neue Situationen einstellen). Mit anderen Worten vertreibt das Spielen nicht nur die Langeweile, sondern das Kind vertieft Fähigkeiten, die es beim Lernen und bei seiner Persönlichkeitsentwicklung braucht. Offenbar mangelt es vielen Kindern daran. Entsprechend bietet zum Beispiel das Kinderspital St. Gallen seit einiger Zeit Spielnachmittage für Erziehende an, in denen sie eine Vielzahl von Kinderspielen kennenlernen, die sie zu Hause, in den Kindertagesstätten oder auch in den Schulen einsetzen können. Also: Gemeinsames Spielen ist im Trend!2

Wo sind die Lego-Klötze?

In manchem Kinderzimmer oder vielleicht schon auf dem Estrich hat es noch eine Schachtel mit den bunten Lego-Klötzen, Matador, Duplo usw. Da kann ein Kind auch alleine verweilen, und es übt sich in Kreativität, räumlicher Vorstellung und Geduld. Bei entsprechendem Echo der anderen wird es sich weiter darin vertiefen. Es braucht also nicht immer Erwachsene, die jetzt dem gelangweilten Kind «helfen». Es lernt viel dabei, wenn es bei etwas verweilen kann. Gerade bei einfachen Bastelarbeiten entwickeln Kinder oft einen ungeahnten Eifer und produzieren Falttiere en masse usw. und werden immer geschickter…
Für grössere gibt es auch Metallbaukästen, mit denen man nicht nur Helikopter, Seilbahnen usw. zusammenbauen kann, sondern die Kinder üben sich auch handwerklich, wenn sie Schraubenzieher nutzen müssen. Wer weiss, vielleicht wird da ein Berufswunsch geboren. Das entsprechende Schweizer Produkt heisst Stokys und wird seit einigen Jahren im Tösstal wieder produziert. Es wurde übrigens während des Zweiten Weltkrieges als Alternative zu Meccano entwickelt, das nicht mehr in die Schweiz geliefert wurde. Das letzte Mal, als die Schweiz unter Notrecht stand!3 

Schneiden, kleben und bauen

Vielleicht erinnern Sie sich noch: In der Vorweihnachtszeit bekamen die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit, Modellbogen zu bestellen. Manch eine oder einer hat so eine Weihnachtslaterne, den Zoo, ein kleines Dorf, ein Bauernhaus, eine Burg oder ein Schloss zusammengebaut – und war mit der Kyburg oder dem Schloss Chillon sehr gefordert. Unsere Schülerinnen und Schüler lernen im Werkunterricht mit diesen Modellbogen zu arbeiten, und die meisten tun es gerne: Die Anleitung verstehen, richtig schneiden, rillen (geht auch mit einer Stricknadel) und nach Plan zusammenkleben. Ja, es gibt sie noch, diese Modellbogen. Auch das eine gute Beschäftigung für langweilige Zeiten4, und das nicht nur für die Kinder.

Zusammen den Haushalt organisieren

Natürlich besteht der aktuelle Alltag für Kinder nicht nur aus Spielen. Die Schulen haben mittlerweile Lernprogramme für die Kinder organisiert. Bei aller Vielfalt und Nutzung digitaler Möglichkeiten: Das Wichtigste ist die Beziehungspflege, die auf keinen Fall vernachlässigt werden darf.
Aber auch der Haushalt muss bewältigt werden. Schliesslich haben alle Hunger, die Wohnung muss geputzt, die Blumen müssen gegossen werden und vieles mehr. Wenn sich alle beteiligen, geht es nicht nur schneller. Es macht auch mehr Spass, gibt das Gefühl, gebraucht zu werden, und man lernt, im Team zusammenzuarbeiten. So kann der Tag gut strukturiert werden: lernen, haushalten, spielen und eine begrenzte Bildschirmzeit. Das ist nicht nur für die Kinder, sondern für die ganze Familie wichtig. Es gibt allen den nötigen Halt.

Das Verhalten ist wichtig

Unser Bundesrat betont die innere Einstellung und unser Verhalten angesichts der gefährlichen Situation, in der wir stehen. Solidarität darf nicht nur ein Schlagwort für den 1. August sein, hat er gesagt. Das ist richtig und jetzt auch im familiären Alltag angesagt! Dazu gehört es, dass alle ihren Platz einnehmen und auch in anspruchsvollen Zeiten kooperieren und voneinander lernen.    •

1  Dürr, Gisela; Stiefenhofer, Martin. Schöne alte Kinderspiele. Ideen für Kinder aller Altersstufen. Verlag Bassermann. ISBN 978-3-8094-2752-0
Stöcklin-Meier, Susanne. Spielen, Bewegen, Selbermachen … und zusammen lachen. Verlag Atlantis. ISBN 978-3-7152-1059-9

2 www.kinderkliniken.insel.ch/de/kinderkliniken/kinderheilkunde/neuropaediatrie/neuro-angebot0/spielliste/
3  Bezugsquelle für Stokys: www.stokys.ch, Telefon: +41 52 233 00 15 (Mo–Fr 08.30–12.00 und 13.30–17.00 Uhr), E-Mail: kontakt@stokys.ch
4  Bezugsquelle für Modellbogen: Stiftung Pädagogischer Verlag der Lehrerinnen und Lehrer Zürich. Online-Shop: www.paedag.ch

 

 

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