Alle gemeinsam

Wie Frankreich mit der Corona-Pandemie umzugehen lernt

von Nicole Duprat, Frankreich

«Kultur bedeutet Hilfe von Mensch zu Mensch und von Nation zu Nation.»

Henry Dunant

Wie andere Länder auch sah sich Frankreich plötzlich mit der Covid-19-Pandemie konfrontiert. Die drakonischen Ausgangsbeschränkungen, die Hygieneregeln, die extremen Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit sind von der Bevölkerung insgesamt rasch akzeptiert und umgesetzt worden, wenn auch die Strafen für die wenigen Ausreisser hart ausgefallen sind. Wir können uns jetzt nicht mit Polemik oder den diversen Verschwörungstheorien, wie sie zurzeit im Netz kursieren, aufhalten, sondern müssen uns der Situation stellen.

Formen der Solidarität

Die Generationen, die aktuell im Leben stehen, haben den Krieg mit seinen Entbehrungen nicht kennengelernt, während die Älteren sich noch gut an die Einschränkungen erinnern können. Und doch sind jetzt alle zur Stelle, wenn es darum geht, sich solidarisch zu zeigen, Menschen kostenfrei zu versorgen, ehrenamtlich zu arbeiten, aufmerksam und verständnisvoll zu sein. Die einen entdecken auf Grund der Beschränkungen das Familienleben wieder, die anderen erfreuen sich guter Lektüre oder entdecken alte Rezepte neu, um andere zu bekochen.
Gesten der Aufmerksamkeit gegenüber den Ärmsten und denen, die von der Situation besonders betroffen sind, nehmen zu. Überall stösst man auf Grosszügigkeit, die wie Balsam für die Seele ist, wenn man sich begleitet und sich mit dem anderen angesichts dieser schwierigen Situation verbunden fühlt.
Seit der Ausgangssperre, die seit dem 17. März 2020 besteht, sind im ganzen Land viele Menschen, deren Lebenssituation manchmal bereits vorher schwierig war, in einer noch schlimmeren Lage: alte Menschen, Behinderte sowie Obdachlose. Die Isolierung trifft sie ganz besonders und ganz unmittelbar.
Die Schulen sind geschlossen, doch stehen die Lehrkräfte dort für die Betreuung der Kinder des medizinischen Personals zur Verfügung.

Viele Freiwillige melden sich bei den hilfesuchenden Bauern

Seit Ausbruch der Krise gibt es glücklicherweise immer wieder Solidaritätsbekundungen im nahen Umfeld, wie zum Beispiel den Einkauf für die hilfsbedürftigsten Nachbarn zu übernehmen. Um diese kleinen, aber nicht weniger grossartigen Taten zu unterstützen, hat die Regierung eine Plattform eingerichtet (jeveuxaider.gouv.fr.), auf der man sich als einzelner oder als Vereinigung anmelden kann, um diese Art Hilfe zu leisten.

Ausdruck der Dankbarkeit

Es berührt, wenn man sieht, wie jeden Abend um 20 Uhr, in Grossstädten wie in Dörfern, Menschen sich auf den Balkon oder ans Fenster begeben und entweder die Nationalhymne singen oder Musik machen, um den Ärzten und Pflegern, die sich an der Front dieses Gesundheitskrieges in den ersten Kampfreihen befinden, ihre Dankbarkeit auszudrücken. In Paris bleibt der Eiffelturm den Abend über erleuchtet und zeigt ein grosses MERCI, um das Pflegepersonal und alle anderen Einsatzkräfte zu ehren. Es muss auch hervorgehoben werden, dass viele, die im Gesundheitswesen arbeiten (Professoren, Ärzte, Radiologen, Anästhesisten, Krankenschwestern usw.), ihre sozialen und finanziellen Forderungen wegen der aktuellen Krise in den Krankenhäusern zurückgestellt haben. Statt dessen sind sie vor Ort und pflegen beharrlich und mit Mut die Patienten.
Am 25. März, also an Mariä Verkündigung, haben auf Wunsch der Bischöfe um 19.30 Uhr die Glocken aller Kirchen für zehn Minuten geläutet. Dies sollte der Nation und den trauernden Familien Stütze sein.
China hat nicht vergessen, dass Frankreich ihm während der wachsenden Epidemie mit fünf Millionen Schutzmasken aushalf. Im Gegenzug sind nun in Frankreich Flugzeuge aus China gelandet, die Pakete mit Masken verteilen.

Begrüssenswerte Initiativen

Weil ein Gärtner aus Plergier seinen Laden schliessen musste, sass er dann auf mehreren tausend Blumen, die er nicht verkaufen konnte. Er hat beschlossen, damit die Gräber des Gemeindefriedhofes zu schmücken. Seine Geste kam bei vielen Menschen gut an, und einige Floristen taten es ihm gleich.
Das Notfallpersonal im Krankenhaus Lapeyronie in Montpellier erlebte eine schöne Überraschung: Ein Gastronom in der Stadt musste sein Lokal schliessen und lieferte 60 Pizzen als Unterstützung aus.
Drei Produktionsstätten der Luxusgruppe LVMH, in denen normalerweise Parfums und Kosmetik hergestellt werden (Dior, Guerlain und Gucci), produzieren grosse Mengen Desinfektionsgel, das sie den Krankenhäusern zur Verfügung stellen.
Auf Drängen der Öffentlichen Hand musste die SNCF (französische Bahn) den Fahrdienst ihrer Intercityzüge und TGVs drastisch einschränken. Ein Zug jedoch diente als Krankenstation und brachte die nötige medizinische Ausstattung, das Pflegepersonal und 20 Covid-19-Patienten in die Krankenhäuser von Angers, Le Mans, Nantes und Roche-sur-Yon.
Das Krankenhaus von Saint-Brieux in der Bretagne hat für Pflegepersonal und für alle, die sonst eine Maske benötigen, die Vorlage für eine Stoffmaske geliefert, die man selbst herstellen kann. Alle Schneider und Schneiderinnen, auch die Anfänger, haben ihre Nähmaschinen herausgeholt und angefangen, mit ihren Stoffen zu Hause die Maske, für die man die Anleitung im Internet herunterladen kann, zu nähen. Auch wenn diese Stoffmasken nicht den FFPP2-Masken entsprechen, sind sie doch hilfreich, vorausgesetzt, man wäscht sie täglich bei 60 Grad.

Wiederansiedlung von Unternehmen und nationale Souveränität

Während der Covid-19-Pandemie erleben wir gerade explosionsartig ein Wiedererstarken lokaler Produkte, vor allem im landwirtschaftlichen Bereich. Der gesunde Menschenverstand scheint zurückzukehren! Warum auch sollte man Knoblauch aus Chile kaufen, während die Provence die Gegend schlechthin für den Anbau von Knoblauch ist, der in der regionalen Küche breite Anwendung findet.
Viele Unternehmen mit Niederlassungen auf der ganzen Welt erleben, wie auf Grund der Grenzschliessung ihr Umsatz ins Bodenlose sinkt, und erwägen daher, ihre Produkte vor Ort und innerhalb des jeweiligen Landes zu verteilen! Der gesunde Menschenverstand scheint auch hier zurückzukehren!
Am Rande eines Termins bei einem Hersteller für Masken in einem Vorort von Angers hat Emmanuel Macron bei einer Ansprache auf seine üblichen liberal gefärbten Aussagen verzichtet und sich statt dessen deutlich im Sinne der staatlichen Souveränität ausgedrückt. Um genau zu sein, hat der Staatschef «die vollständige Unabhängigkeit Frankreichs» bei der Herstellung von Masken verlangt. Bis Jahresende soll Frankreich bei der Produktion von Masken, ob es sich um FFPP2-Masken, chirurgische oder Masken der Kategorie 3 oder 4 handelt, unabhängig sein. «Mehr produzieren und dadurch seine Unabhängigkeit wiederherstellen», das waren seine Worte.

Ausgangssperre mit Humor nehmen

In Zeiten des Corona-Virus ist Lachen in Anbetracht der Pandemie eine wahre Herausforderung. Die Franzosen lachen viel und gerne. So gibt es viele Posts zum Thema: «Bleib zu Hause!» Lassen Sie uns einen abgewandelten Eintrag des berühmten Reiseführers Routard zitieren, der folgendes vorschlägt: «Ein neues Reiseziel im Jahr 2020: Ihre Wohnung! Ihr unerlässlicher Reiseführer, um die aussergewöhnlichsten Ecken Ihres Lebensraums zu erkunden!»
Seit Beginn der Ausgangssperre am 17. März werden wir überflutet mit Videos, Zeichnungen und parodistischen Botschaften. Unter Lachanfällen schicken manche via Facebook, Messenger, WhatsApp usw. diese Posts gleich an ihre Liebsten. Weil Humor gut ist, um sich ein bisschen Leichtigkeit zu bewahren und um mit seinen Verwandten, der Familie, den Kollegen und den Freunden in Verbindung zu bleiben, wenn man nichts Neues mehr zu erzählen hat über die langsam immer gleichen Tage.
Und sagt man schliesslich nicht, dass «Humor die höfliche Form der Verzweiflung ist», auch wenn die meisten von uns keinen Angehörigen haben, der durch Covid-19 dahingerafft wurde?
Internetnutzer sind talentiert, und auch Kinder werden nicht verschont: So finden sich ironische Einträge über ihre Erzeuger, die in einer abgeschlossenen Welt jetzt entdecken, wer ihre Kinder wirklich sind: «Im Gedenken an alle Eltern, die sich langsam darüber klar werden, dass das Problem vielleicht nicht immer beim Lehrer liegt.»
Die Dinge mit Humor nehmen ist eine Art Überlebensstrategie in solchen Angst erzeugenden Situationen. Humor ist der Antrieb, durch den wir die Situation weniger dramatisch erleben können.
In Anbetracht dessen, was das Leben mit uns vorhat, haben wir keine Wahl. Wie wir dagegen mit der Situation umgehen, können wir sehr wohl entscheiden. Diese historische Situation auf die konstruktivste Art und Weise anzugehen ist die Haltung, die gepflegt werden muss, damit sich Wohlwollen und Solidarität in unserer einen Welt verbreiten können. Verbindungen schaffen und wiederherstellen ist oberstes Gebot in einer Gesellschaft, die dazu neigt, sich schnell auseinanderdividieren zu lassen. •

 

Papst Franziskus ruft zu weltweitem Waffenstillstand auf

Angesichts der Corona-Pandemie ruft Papst Franziskus zu einem weltweiten Waffenstillstand auf. Bei seinem Angelusgebet am Sonntag [29. März 2020] schloss er sich einem entsprechenden Appell von Uno-Generalsekretär António Guterres an.

Er rufe alle Kämpfenden auf, «kriegerische Handlungen einzustellen», sagte der Papst bei dem Gebet, das wegen der Corona-Krise ohne Teilnehmer von aussen im Vatikan stattfand. Franziskus warb auch für die «Schaffung von humanitären Korridoren und die Öffnung diplomatischer Kanäle». Es gelte, sich jetzt vor allem um die Menschen zu kümmern, die «besonders gefährdet» seien.

«Möge uns unser gemeinsamer Kampf gegen die Pandemie erkennen lassen, wie notwendig es ist, unsere geschwisterlichen Bande als Mitglieder der einen Menschheitsfamilie zu stärken! Und möge er die Verantwortlichen der Nationen und die anderen beteiligten Parteien zu einem erneuerten Einsatz für die Überwindung der Rivalitäten anregen.»

«Konflikte werden nicht durch Kriege gelöst»

Guterres hatte vor wenigen Tagen in New York ein Ende aller Kampfhandlungen gefordert. «Beendet das Übel namens Krieg und bekämpft die Krankheit, die unsere Welt verwüstet», sagte er in einer Video-Botschaft. «Das ist, was unsere Menschheitsfamilie braucht, jetzt mehr denn je.» Der Uno-Generalsekretär bot die Hilfe der Vereinten Nationen an, um Feuerpausen auszuhandeln. Diese seien notwendig für humanitäre Hilfe und für neue diplomatische Initiativen.
Konflikte würden «nicht durch Kriege gelöst», mahnte der Papst. «Gegensätze und Kontraste müssen durch Dialog und die konstruktive Suche nach dem Frieden ausgeräumt werden.»

Quelle: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2020-03/papst-franziskus-corona-virus-appell-angelus-waffenstillstand.html vom 29.3.2020

 

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