Corona – Ethik, Vernunft … und Psychologie

von Karl-Jürgen Müller

Es gibt nicht nur den vor allem mit wirtschaftlichen Argumenten vorgetragenen Druck, die wegen der Corona-Pandemie erlassenen Ausnahmeregelungen so schnell wie möglich zu lockern. Auch die Frage, wie es nach dem Ende der Pandemie mit Gesellschaft, Wirtschaft und Politik weitergehen soll, beschäftigt schon jetzt zahlreiche Analysten und Kommentatoren. Und dies, obwohl die Pandemie sehr wahrscheinlich noch keineswegs ihren Höhepunkt erreicht hat und das ganze Ausmass der Folgen auch noch gar nicht absehbar ist. Hier soll es nicht darum gehen, diese Analysen und Kommentare wiederzugeben, geschweige denn, sie zu beurteilen, sondern es geht um ein paar grundsätzliche Anmerkungen.

Niemand will einen lang anhaltenden Ausnahmezustand

1. Dass die Frage gestellt wird, wie lange die Ausnahmeregelungen noch gelten sollen und wie es nach dem Ende der Pandemie weitergehen soll, ist sehr verständlich. Es wäre ein fundamentaler Bruch mit den Grundlagen eines freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaates und ist auch den Menschen sonst nicht zuzumuten, sich auf einen dauerhaften Ausnahmezustand einzustellen. Aus Kriegssituationen in Geschichte und Gegenwart wissen wir: Je länger eine solche Ausnahmesituation andauert, je grösser sind die negativen Folgen. Der Mensch ist nicht geschaffen für den permanenten Ausnahmezustand. Er braucht die Hoffnung, dass sich ein solcher Zustand, sofern er denn für einen gewissen Zeitraum notwendig erscheint, so schnell wie möglich überwinden lässt. Alles andere hat fatale Folgen. Ein Blick auf Europa im Dreissigjährigen Krieg oder heute auf Länder im Nahen Osten oder auf Afghanistan legt davon beredt Zeugnis ab.
Nun bedeutet die Corona-Pandemie zwar keinen Krieg. Die meisten Menschen, die nun fast den ganzen Tag zu Hause verweilen, in ihrer Bewegungsfreiheit und in ihrem Gemeinschaftsleben eingeschränkt sind und sogar auf ihre berufliche Tätigkeit verzichten müssen, müssen nicht befürchten, dass Bomben auf ihre Dächer fallen oder sie beim Einkauf oder Spaziergang von einer Kugel oder Granate getroffen werden. In Ländern wie der Schweiz, Österreich oder Deutschland muss auch niemand befürchten, wegen der Pandemie Hunger oder Durst erleiden zu müssen. Aber die vielen Einschränkungen der persönlichen Freiheit sind doch für viele Menschen ein grosser Einschnitt in ihre bisherige Lebensweise.

Was und wer entscheidet über unsere Zukunft?

2. Es ist offen, wer nach dem Ende der jetzigen Ausnahmeregelungen und dann auch nach dem Ende der Pandemie darüber entscheiden wird, wie wir unser Zusammenleben in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik künftig gestalten werden. Einiges sollte sich ändern – und viele wollen auch, dass sich nachher einiges ändert. Die Corona-Pandemie ist nämlich nicht nur Schicksal, sondern auch das Resultat menschlicher Irrtümer und Versäumnisse – von uns allen. Aber die Vorstellungen darüber, was sich ändern soll, – das kann man nach den vorliegenden Analysen und Kommentaren jetzt schon sagen – gehen weit auseinander. Das hängt mit den unterschiedlichen Menschenbildern, Weltanschauungen und Lebensstilen zusammen – aber auch mit verschiedenen politischen Agenden.
1945, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, hat es für das in vielerlei Hinsicht zerstörte Deutschland sehr viele ganz wertvolle Überlegungen gegeben, wie das Land künftig gestaltet werden soll. Im Rahmen der von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in Darmstadt herausgegebenen Quellen zum politischen Denken der Deutschen im 19. und 20. Jahrhundert erschien 1990 und dann erneut 2010 der Quellenband «Nachkriegsdeutschland 1945–1949». Die Lektüre des Bandes lohnt sich auch heute wieder, 75 Jahre nach Kriegsende. Manches von dem, was da zu lesen ist, wurde tatsächlich umgesetzt. Anderes spielte später kaum noch eine Rolle. Oder wer weiss denn heute noch, wer Eberhard Welty war?1 Er war Dominikanerpater und Sozialethiker, gehörte der «Walbergerber Bewegung» an – schon einmal gehört? – und strebte einen christlichen Sozialismus auf der Grundlage christlichen Naturrechtsdenkens an. Welty plädierte nach dem Krieg für eine «Staatsgemeinschaft», die «demokratisch ausgerichtet war und die Grundrechte des einzelnen als dem Ebenbild Gottes innerhalb der sichtbaren Schöpfungsordnung sicherte». «Grundlage des gesellschaftlichen Lebens», so heisst es weiter, sollte «das Gemeinwohl des Volkes» sein, «das bestimmt wurde durch Gerechtigkeit und Eintracht. […] Es zu regeln wurde als Aufgabe und Pflicht des Staates angesehen. Im wirtschaftlichen Bereich bedeutete dies die Zustimmung der christlichen Sozialisten zum Sondereigentum des einzelnen, das aber nicht in beliebiger Menge angesammelt und allein zu persönlichen Zwecken genutzt werden dürfe, sondern vorrangig der Deckung der persönlichen Lebensbedürfnisse zu dienen habe.»
Ja, manches von dem hat im 1949 verabschiedeten westdeutschen Grundgesetz Eingang gefunden, so in der Gemeinwohlverpflichtung des Eigentums in Artikel 14. Aber es war eben nicht nur oder sogar nur zu einem geringen Anteil die Qualität der Ideen, die über deren Verwirklichung entschieden hat. Die realen Machtverhältnisse spielten oft eine grössere Rolle, und die Durchsetzungskraft lag damals (wie heute) nicht immer auf seiten von Ethik und Vernunft. Schon lange vor dem Ende des Krieges hatten die Siegermächte ihre Pläne für die Zukunft Deutschlands (und der Welt) gemacht und ihre Pflöcke gesetzt. So war der Rahmen vorgegeben; um so mehr, als sich die Siegermächte, die in vielen Punkten sehr unterschiedliche Vorstellungen hatten, mit Beginn des Kalten Krieges nicht mehr einigen wollten, sondern ihr jeweiliges Programm in ihrem Einflussbereich in reiner Form durchzusetzen versuchten.

Ausnahmezustand muss nicht zur Diktatur führen

3. Der derzeitige Ausnahmezustand mit einem starken Gewicht exekutiver Staatsgewalt darf niemanden dazu verführen, in «starker Führung» den künftigen Lösungsweg für alle Probleme in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu suchen. Die Lösung von Problemen bleibt immer eine Gemeinschaftsaufgabe. Dies gilt nicht nur bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie – auch die Vertreter der nun im Vordergrund stehenden Staatsgewalt haben dies erfreulicherweise immer wieder zurecht betont –, sondern auch bei allen künftigen öffentlichen Aufgaben. Das unterscheidet die gegenwärtige Situation auch grundlegend von der von mancher Seite befürchteten oder herbeigeredeten Diktatur: Die Verantwortlichen wissen heute sehr genau, dass Zwang und Gewalt in eine Sackgasse führen würden. Vorrang müssen gerade auch jetzt Ethik und Vernunft haben.
Schon vor mehr als 90 Jahren, im Jahr 1928, hat der Wiener Individualpsychologe Alfred Adler den grundsätzlichen Irrtum des Machtweges charakterisiert:

«Das Ergebnis individual- und massenpsychologischer Forschung lautet demnach: Das Streben nach persönlicher Macht ist ein verhängnisvolles Blendwerk und vergiftet das Zusammenleben der Menschen. Wer die menschliche Gemeinschaft will, muss dem Streben nach Gewalt über andere entsagen. Gewaltsame Durchsetzung leuchtet vielen als ein selbstverständlicher Gedanke ein. Wir wollen zugeben: Es scheint [Hervorhebung bei Alfred Adler] der einfachste Weg, alles, was gut ist und Glück verheissend oder auch nur, was im Sinne einer unaufhaltsamen Entwicklung liegt, mit den Mitteln der Macht zu erschaffen. Wo im Leben der Menschen oder der Menschheitsgeschichte ist ein solches Vorhaben schon gelungen? So weit wir sehen, überall weckt die Anwendung selbst sanfter Gewalt den Gegenwillen, selbst dort, wo sichtlich das Wohl des Niedergezwungenen bezweckt wird.»2

Dass bislang die überwältigende Mehrheit der Bürger den Massnahmen ihrer Staaten aus Einsicht heraus zustimmt (siehe Kasten), ist ein wertvolles gemeinschaftliches Kapital. Es gilt, sorgsam damit umzugehen.

Hoffnung auf einen grösseren Raum für Ethik und Vernunft

4. Die Reaktionen der Verantwortlichen in den Medien, in Wirtschaft und Politik zeigen eine Vielzahl von Stellungnahmen, die doch deutlich von dem abweichen, was man von den Zeiten zuvor her erwartet hätte. Wer hätte zum Beispiel noch vor Wochen gedacht, dass die deutsche Kanzlerin Angela Merkel so angemessen und sogar ansprechend zu den Pandemie-Gefahren Stellung nimmt? Vielleicht gibt es wirklich guten Grund für die Hoffnung, dass Ethik und Vernunft einen grösseren Raum finden, auch auf seiten der gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch Verantwortlichen. Vor allem aber mache sich niemand etwas vor: Es ist ein Irrtum zu glauben, dass diese in unseren Augen «Mächtigen» so viel anders sind als wir. Dass nur diese Gruppe von Menschen die vergangenen Jahre alles falsch gemacht hat und dass, wenn es nach uns gegangen wäre, alles viel besser aussehen würde, ist sehr unwahrscheinlich. Besser werden wird es nur, wenn jeder Mensch als gleichwertiger Dialogpartner akzeptiert wird, und das geht in alle Richtungen. Bürger auf dem hohen Ross und ein Kropf gegen alle «Mächtigen» helfen genauso wenig weiter wie Politiker, die von vornherein alles besser wissen.

Die Opfer der Welt-Macht-Politik nicht vergessen

5. Viele wissen, dass es Staaten und Menschen gibt, denen es in der gegenwärtigen Pandemie-Situation viel schlechter geht als uns. Darunter gibt es auch solche, deren Situation nicht nur auf eigene Irrtümer und Versäumnisse zurückzuführen ist, sondern die auch Opfer einer Welt-Macht-Politik sind. Die Sanktionen und Kriege gegen diese Länder waren schon immer eine Plage und verschärfen die aktuelle Situation enorm. Mit Sicherheit ist diese Art von Politik auch nicht zukunftsfähig. Sie muss korrigiert werden.
Und könnte die Corona-Pandemie, die alle Länder der Welt betrifft, nicht auch ein Anlass dafür sein, bisherige Feindbilder abzubauen und zu erkennen, dass die Weltgemeinschaft in einem Boot sitzt? Uno-Generalsekretär António Guterres hat am 31. März 2020 mit eindrucksvollen Worten in einer internationalen Videokonferenz zur Pandemie Stellung genommen. Die Weltgemeinschaft stehe vor der grössten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, so Guterres. Diese Krise werde einen Wirtschaftseinbruch mit sich bringen, der «in der jüngsten Geschichte wahrscheinlich keine Parallele hat». Bei den wirtschaftlichen Folgen forderte er mehr Hilfe der reichen für die armen Länder der Welt. Die Erholung von der Krise müsse auch zu einer gerechteren Wirtschaft führen.
Da mag man überall mitgehen. Aber Fragen kommen auf, wenn er bei der Bekämpfung der Pandemie eine umfassende «Führung der Weltgesundheitsorganisation (WHO)» fordert. Wie sinnvoll ist es, jetzt erneut nach «global governance» zu rufen? Gleichberechtigte Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe in der Völkergemeinschaft und im Rahmen des Völkerrechts sind geboten. Die Probleme selbst werden am besten vor Ort gelöst. Dazu gehört eine von ihren Bürgern legitimierte staatliche Gewalt innerhalb eines grundsätzlich souveränen Rechts- und Verfassungsstaates. Das zeigt sich gerade auch jetzt wieder. Und das gilt auch für die Zukunft.

Die Probleme am besten vor Ort lösen

6. Auch die Aufgabenstellungen bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie sind von Land zu Land sehr unterschiedlich und verlangen jeweils passende Lösungen – bei denen viele Länder selbstverständlich auch Unterstützung benötigen. Die «Neue Zürcher Zeitung» berichtete am 27. März 2020 über die aktuelle Situation in Südosteuropa und in Brasilien.3 Die Probleme, die sich dort stellen, sind andere als die in der Schweiz, in Österreich oder in Deutschland. Während es zum Beispiel in unseren Ländern in der Regel von jedem von uns selbst abhängt, ob die gebotenen Hygiene- und Abstandsempfehlungen eingehalten werden, ist dies in den Armenvierteln von Rio de Janeiro gar nicht möglich. Hier hat auch die staatliche Gewalt kaum Zugang, statt dessen bestimmen kriminelle Banden über den Tagesablauf. Oder in den Staaten des europäischen Balkans: Hier sind in den letzten Jahren Tausende Ärzte und Pflegekräfte in die reicheren Staaten Europas abgewandert und abgeworben worden, so dass sie heute bitter fehlen.

* * *

Einigen Kommentaren der vergangenen Tage merkt man eine gewisse Ungeduld an. Sie dokumentieren, dass manch einer nun ganz schnell den Ausnahmezustand beenden und auch jetzt schon wissen möchte, wie es «nachher» weitergeht. Das hat oft gut nachvollziehbare Gründe – für die Wirtschaft, für den Arbeitsmarkt, für die Familien mit schulpflichtigen Kindern, für Alleinstehende, für die im Gesundheitswesen unermüdlich Tätigen und für viele mehr ist die derzeitige Situation in der Tat hoch anspruchsvoll. Solange es aber noch keine überzeugende Perspektive für ein wirkliches Ende der Pandemie gibt, braucht es nicht nur Zukunftspläne, sondern auch viele kreative, mitmenschliche Ideen und Taten, damit so viele Menschen wie möglich die gegenwärtige Situation gut überstehen und bewältigen können – in jeder Hinsicht. Gut ist, dass es genau hierfür so viele Beispiele gibt. •

1  vgl. Bucher, Peter (Hrsg.). Nachkriegsdeutschland 1945–1949. Band X der Quellen zum politischen Denken der Deutschen im 19. und 20. Jahrhundert, Darmstadt 2010, S. 3 mit Hinweisen auf die Literatur von Eberhard Welty
2  Adler, Alfred. Psychologie der Macht (1928). In: Adler, Alfred. Persönlichkeitstheorie, Psychopathologie, Psychotherapie (herausgegeben von Gisela Eife), Göttingen 2010, S. 333
3  «Rios Gangs verhängen Ausgangssperre» und «Gefährlicher Ärztemangel in Südosteuropa». In: Neue Zürcher Zeitung vom 27.3.2020, S. 3 und S. 5

 

Bevölkerung hat Vertrauen in die Massnahmen des deutschen Staates

km. Das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap hat am 30. und 31. März 2020 in einer repräsentativen Telefonumfrage rund 1000 Wahlberechtigte in Deutschland nach ihrer Meinung gefragt. Tagesschau.de hat über die Ergebnisse der Umfrage am 2. April 2020 ausführlich berichtet1. Im folgenden werden Auszüge daraus wiedergegeben.

«Eine grosse Mehrheit von 93 % der Deutschen befürwortet weiterhin, dass man sich aktuell nur noch in der eigenen häuslichen Gemeinschaft oder mit einer weiteren Person treffen darf.

Vier Fünftel (79 %) sorgen sich kaum darum, dass Güter des täglichen Bedarfs knapp werden. Bei den Erwerbstätigen ergibt sich auf die Frage, ob sie sich Sorgen um den Verlust ihres Arbeitsplatzes machen, ein eindeutiges Bild: Drei Viertel geben an, dass ihre Sorge diesbezüglich weniger gross (29 %) bzw. klein (46 %) ist.

Das Vertrauen der Bürger in die Gesundheitseinrichtungen und Ärzte in Deutschland ist überwiegend hoch. 77 % haben sehr grosses (22 %) bzw. grosses Vertrauen (55 %), dass diese die Corona-Epidemie bewältigen können. Bei 61 % der Befragten ist die Sorge, dass nicht jeder Erkrankte in Deutschland angemessen medizinisch versorgt wird, weniger gross (48 %) oder klein (13 %).

Zwei Drittel der Deutschen (65 %) finden es richtig, dass die deutsche Politik in der Corona-Krise vorrangig national denkt und handelt. Ebenso viele (64 %) sind auch der Meinung, dass wohlhabende Staaten wie Deutschland gerade jetzt zusätzliches Geld ausgeben sollten, um Menschen in ärmeren Regionen der Welt zu unterstützen.»

https://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend-2167.html

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