Gegenseitige Hilfe – auch im Notfall unabdingbar

von Kathrin und Dr. Peter Küpfer P.

Die Corona-Pandemie hat grundlegende positive Kräfte von uns Menschen aktiviert. Angesichts der Notlage häufen sich Beispiele, dass und wie der Mensch dem Menschen hilft.

Solidarität für alle

Zu diesem Aufschwung der mitmenschlichen Solidarität in Zeiten der Bedrohung passt die Massnahme schlecht, einen Teil der Bevölkerung von der uneingeschränkten medizinischen Hilfe im Notfall auszuschliessen. Wie aus Zeitungsmeldungen der letzten Tage zu erfahren war, wurde dies, hervorgerufen wohl durch die extreme Notlage, Praxis in einem von der Krise bis an die Grenze des Möglichen ausgeschöpften regionalen Spital in Frankreich. Dort sollen über 80jährige schwer an Covid-19 erkrankte Patienten seit dem 21. März nicht mehr beatmet werden, sondern palliativ «sterbebegleitet». Die zuständige Ethikkommission, so heisst es in den Berichten, habe dieses Vorgehen gebilligt. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisierte dieses Vorgehen nach dem Alterskriterium scharf. Lebensalter oder Herkunft dürften für die medizinische Hilfe keine Rolle spielen, sagte Vorstand Eugen Brysch.1 

Grundsätzlich haben sich Gesetze und Anordnungen der Regierung eines demokratischen Staates immer an seiner Hauptaufgabe zu messen: seinen Bürgern ein Leben in Freiheit, Sicherheit und Menschenwürde zu garantieren. Allen Bürgern, ohne Ausnahme. So wie die Schule für alle da ist, die öffentlichen Verkehrsmittel und die Grundversorgung mit Wasser und Strom, so ist auch das Gesundheitswesen für alle da. In der Demokratie lebt das Prinzip der Solidarität, auch angesichts von Notlagen, sonst ist es um die wirkliche Demokratie schlecht bestellt. Dazu gehört, dass man jeden einzelnen Fall individuell betrachtet und versucht, ihm menschlich gerecht zu werden. «Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohl der Schwachen» betitelte Erika Vögeli ihren Leitartikel in der Ausgabe von Zeit-Fragen Nr. 6, vom 24. März 2020. Sie erinnerte darin zu Recht an den Geist, der unserer Verfassung zugrunde liegt.

Wenn man das in der Schweiz zum Prinzip machte, gerade alten Menschen die medizinische Versorgung nur bedingt zu garantieren, widerspräche das diesem Geist. Menschen, die heute 80 Jahre alt sind und darüber, haben als Kind noch die entbehrungsreiche Zeit des Zweiten Weltkriegs erlebt, haben nachher den Wohlstand unseres Landes wieder neu geschaffen und in den Jahren der Hochkonjunktur getragen und gefestigt. Die meisten von ihnen mit harter Arbeit und in ihrer Mehrzahl mit einer bescheidenen Lebensführung. Sie haben dabei dem Staat gegeben, was er benötigte, unter anderem mit ihren regelmässig erbrachten Steuern. Sie nun quasi als «Drohnen» unseres Wirtschaftssystems und als «Last» zu sehen und zu behandeln wäre inakzeptabel. Diese Generation muss man nicht lange zur Solidarität ermahnen, sie wurde ihnen durch Erziehung, Schule und Lebensstil als Teil ihrer Persönlichkeit mitgegeben. Deshalb haben gerade unsere älteren Mitbürger ein Anrecht, ihrerseits die Solidarität in Anspruch zu nehmen. Sie haben uns oft zu Recht gemahnt, sorgsamer und bescheidener zu leben. Das afrikanische Sprichwort hat auch bei uns seine Berechtigung: «Wenn ein alter Mensch stirbt, stirbt eine Bibliothek.»

Die Solidarität muss aber überall spielen. Der «Ruck zur Besinnung», den die Schweizer Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga kürzlich von allen Schweizern eindringlich eingefordert hat, muss auch den Geist der Verordnungen prägen, welche die Verantwortlichen erlassen. Solidarität heisst nicht nur, sich Anordnungen zu fügen. Es heisst viel mehr.

Beat Richners Krankenhäuser - ein wertvolles Vorbild

Der letztes Jahr mit allen Ehren begrabene Schweizer Arzt Beat Richner hat durch sein lebenslanges Engagement im fernen Kambodscha gezeigt, was einem einzelnen Menschen möglich ist. Sein Beispiel hat gezündet. Er hat mit einfachen Mitteln, unter Einbezug der Angehörigen, Leben gerettet und die Versorgung auf einem hohen menschlichen und medizinischen Niveau garantiert. Er hat dabei die Schwächsten ins Zentrum seiner Bemühungen gestellt, vom Krieg und seinen katastrophalen gesundheitlichen Nachzeitwirkungen gezeichnete kambodschanische Kinder. Er hat unter anderem versucht, von den namhaften Pharmakonzernen dringend benötigte Medikamente zu einem Rabattpreis zu erhalten, weil er mit seinen Spitälern nicht Gewinne machen, sondern helfen wollte – vergeblich. Dann hat sich Richner an die Solidarität der Schweizer Bevölkerung gewendet und war über all die Jahre damit erfolgreich. Zu seinem Erfolg gehörte auch, dass Beat Richner seine Patienten nicht abgesondert hat. Ihre Familien waren da, haben ganz selbstverständlich mit ihren erkrankten Angehörigen, meistens Kindern, gelebt, für sie gekocht, mit ihnen viel Zeit verbracht, bei der Behandlung wenn möglich mitgeholfen.

Die Bedeutung des Mitgefühls

Wir sind nicht in Kambodscha. Unsere gesundheitliche Bedrohung ist, anders als dort, auch nicht eine Kriegsfolge. Aber das Wissen, dass der kranke Mensch vor allem Anteilnahme und Mitmenschen braucht, nicht nur Fachleute und Apparaturen, gilt auch für uns. Der kranke Mensch ist Mitmensch, er kann in vielen Fällen auch selbst viel mehr zu seiner Gesundheit oder Genesung beitragen, als wir denken. Auch im Falle der gegenwärtigen Bedrohung liegen hier zu wenig genutzte Möglichkeiten.

Menschen denken mit. Bei einem schweren Autounfall beatmet man den Atemlosen. Dies galt auch zu Zeiten der HIV-Infektion als selbstverständlich, und man hat sich entsprechend vorsichtig verhalten. Menschen, die krank sind, brauchen vor allem eines: mitmenschliche Anteilnahme. Letztwillige Verfügungen mit Verzicht auf diese und jene Therapie schaffen keine Zuversicht, sondern die ärztliche Ermutigung, dass das Atmen wieder leichter wird, dass die Krise zu überwinden ist. Die maschinelle Intervention ist ein anonymer Notbehelf, im Spital von grosser Bedeutung. Aber die Genesungsenergie erwächst aus der Verbundenheit, der Zuversicht, dass uns um unseres Menschseins Willen geholfen wird. Ob der Tod eintritt, sollen, dürfen und wollen wir Menschen nicht entscheiden, das ist nicht unsere Aufgabe, Gott sei Dank. Ein Patient bleibt Angehöriger, Freund, Nachbar, Mitarbeiter und Mitbürger. Wenn wir dieses Prinzip vertiefen lernen, sind auch einfachere Hilfsmittel eine Entlastung für alle. Hauptsache: Wir helfen mit! Die Corona-Krise macht dies in vielen Einzelheiten bewusst. Das ist eine Chance für uns alle.  •

1  Bericht aus dem Elsass: Patienten über 80 werden nicht mehr beatmet; in: Tages-Anzeiger, Corona-Ticker-International vom 26.3.2020 (https://www.tagesanzeiger.ch/coronavirus-ticker-international-970691608020)

 

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