«Es geht darum, unsere Wirtschaft langfristig auf eine gesunde Basis zu stellen»

von Nicole Duprat*, Frankreich

Die Natur erobert ihren Raum zurück, und die Ausgangssperre kommt den Tieren zugute. Wir konnten an verschiedenen Orten des Globus feststellen, wie die Pflanzenwelt sich erholt und näher rückt, und waren oft sprachlos.

  • In den Calanques (ortstypische Buchten) von Marseille und an der Küste von Cag-liari in Sardinien schwimmen Delphine.
  • In Venedig, in der Serenissime, ist das Wasser wieder klar, weil die grossen Schiffe des Massentourismus verschwunden sind. Die Bewohner der Stadt der Dogen konnten sich über zahlreiche Fischschwärme freuen.
  • Hirschkühe gingen in einer Stadt in Polen spazieren.
  • In Chile wagt sich ein Puma auf die Strasse.
  • Auf den Gehsteigen von Paris sind watschelnde Stockenten neben Joggern anzutreffen.
  • Durch Lhanduno, im Süden von Wales, spaziert eine Herde wunderschöner Ziegen.
  • Zur grossen Freude der Kinder haben Hirsche, die wohl nicht den Schlitten des Weihnachtsmanns gezogen haben, die Grünanlagen der Wohnviertel umgehend zu ihrem Frühstückstisch gemacht.
  • In Mailand hat sich ein Schwan sogar bis in die Innenstadt gewagt.

Die Ausgangssperre lässt Tiere und Pflanzen wieder zur Ruhe kommen, und die Menschen haben mehr Zeit und nehmen sich die Zeit, die Natur zu beobachten. Die Grossstädter haben den Gesang der Vögel wiederentdeckt. Doch sind die Vögel nicht zahlreicher, man hört sie nur mehr. Vergessen der penetrante Lärm der Hupen! Mit der Ruhe kommen auch Singdrossel und Rotkehlchen wieder in die Strassen zurück und erfreuen uns jeden Morgen mit ihrem Gesang.
Der nachlassende Strassen- und Luftverkehr führt zu weniger Luftverschmutzung. In den Hauptstädten ist die Lärmbelästigung bei manchen Verkehrsadern um 90 % gesunken. Die Tiere erholen sich vom Lärm, den der Mensch sonst macht. Das gleiche gilt für die Pflanzen. Der ungemähte Rasen spriesst, und Hummeln, Bienen und Schmetterlinge können ungestört Nektar sammeln.
Menschen, die nicht das Glück haben, auf dem Land zu leben, stellen fest, wie sehr ihnen die Natur fehlt. An der frischen Luft zu sein ist wieder zu einem Vergnügen geworden, seit der beissende Geruch der verschmutzten Luft verschwunden ist. Auch haben wir nie einen so klaren Himmel gehabt. Die Verschmutzung hat deutlich nachgelassen.
Wenn es eine Lehre gibt, die wir bezüglich der ökologischen Probleme aus dieser Situation (der Ausgangssperre) ziehen können, dann, dass es nur wenige Tage braucht, damit die Natur sich ihr Recht zurückholt – sofern man ihr die Gelegenheit dazu gibt.
Diese Brise Frischluft für Fauna, Flora, für unsere Lungen und das Klima muss uns zu einem vernünftigeren Verhalten führen.
Das bedeutet auch, dass der Traum von einem respektvollen Umgang in einem gemeinsamen Lebensraum nicht auf die simple Gleichung gebracht werden kann, die besagt, dass weniger Menschen ein Plus an Tieren bedeutet. Im Umgang damit muss ein radikaler Neuanfang gemacht werden.
Wichtig ist nach Überwindung dieser Krise, dass wir verstehen, dass es nicht darum geht, die Luftverschmutzung für eine kurze Zeit zu verringern. Nein, es geht darum, unsere Wirtschaft langfristig auf eine gesunde Basis zu stellen.  •

(Übersetzung Zeit-Fragen)


* Nicole Duprat (*1955) hat nach ihrem Universitätsstudium (Recht und internationale Beziehungen) am Institut d‘Etudes Politiques in Aix-en-Provence viele Jahre als Lehrerin gearbeitet. Heute lebt sie in Vallabrègues, einem Korbmacherdorf in der Nähe von Avignon. Sie ist regelmässige Mitarbeiterin bei Horizons et débats, der französischsprachigen Ausgabe von Zeit-Fragen.

Hymne à la Vie

Et les humains demeurèrent chez eux
Ils se mirent à lire, à jardiner, à réfléchir
Dans l’incertitude de demain
Ils comprirent enfin ce que signifie
Apprécier l’instant présent
Peu à peu les publicités vantant
Des produits dont ils n’avaient guère besoin
Leur semblèrent bien vides
Ils commencèrent  à distinguer
L’essentiel de l’accessoire
A relativiser leur condition
Ils prirent conscience de leur besoin des autres
Du sens du mot Humanité
Et à voir combien ils étaient fragiles
Ils n’étaient pas en train
De survivre mais bien de vivre
Ils venaient de recevoir un présent merveilleux
Et précieux : on leur avait donné du temps
Et la Terre les trouva digne d’elle
Et elle commença à respirer

Nicole Duprat

Hymne an das Leben

Und plötzlich blieben die Menschen zu Hause
Begannen zu lesen, pflegten die Gärten, dachten auch nach
Angesichts der Ungewissheit von morgen
Verstanden sie endlich die Kostbarkeiten des
Uns heute geschenkten Moments
Allmählich verblasste auch
Der Glanz der Reklamen anpreisend all das
Was sie nicht brauchten und so fingen sie an
Zu erkennen was wesentlich war und was Beiwerk
Ihre Bedingungen zu hinterfragen
Schärfer trat nun hervor, dass sie den Anderen brauchten
Was es bedeutet, das Wort Menschlichkeit
Auch wie verletzlich sie waren
Es ging nicht mehr einzig darum zu überleben
Sondern vielmehr zu leben
Ein Geschenk war ihnen gegeben worden
Wunderbar kostbar:
Sie hatten Zeit
Und die Erde empfand sie ihrer für würdig
Und atmete auf.

Nicole Duprat

(Übersetzung Peter Küpfer)

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