Leserbrief

Was man von Fridtjof Nansen für die Hilfe gegen Covid-19 lernen kann

«In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften der Welt sollte Mitgefühl eine ausreichende Motivation sein, um eine multilaterale Vorgehensweise zu unterstützen.» So schreibt Joseph E. Stiglitz in Zeit-Fragen Nr. 8 vom 21. April 2020. «Die Staats- und Regierungschefs der Welt müssen gemeinsam gegen Covid-19 vorgehen.» Er fordert dazu auf, die Entwicklungs- und Schwellenländer, die von der Covid-19-Pandemie wegen der weltweiten wirtschaftlichen Verflechtungen stärker betroffen sind und sein werden als die westliche Welt, wirtschaftlich zu unterstützen. Ich finde es wohltuend, dass Josef E. Stiglitz über den Tellerrand hinausblickt und das Elend der Pandemie nicht nur aus der Innensicht seines Landes betrachtet. Von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen der Krise ist jedes Individuum und jeder Staat betroffen.
Immer wieder haben nach Katastrophen mutige Menschen ihre Stimme erhoben, um den Menschen in ihrem Elend – Hunger, Vertreibung, Verlust der Nächsten – beizustehen. Nach dem Ersten Weltkrieg war der Friedensnobelpreisträger Fridtjof Nansen ein Vorbild an Menschlichkeit und hat sich für die Menschen engagiert. Im Auftrag des Völkerbundes hat er etwa eine halbe Million Gefangene aus der Sowjetunion in ihre Heimatländer zurückgeführt. Für die Hungerhilfe an Sowjetrussland haben ihm zwar die Staaten des Völkerbunds die finanzielle Unterstützung verweigert. Mit vielen privaten Spenden ist es ihm und anderen trotzdem gelungen, viele Menschen vor dem Hungertod zu retten. Beeindruckend ist, dass Fridtjof Nansen nicht nur die schnelle Hilfe im Auge hatte, sondern immer auch das Leben der Menschen auf die Dauer absichern wollte. Also: Nicht nur Gefangene befreien, sondern auch das eigenständige Leben nachher sichern. Nicht nur den Hungertod abwenden, sondern auch die Verbesserung der Lebensbedingungen für später in die Wege leiten.
Fridtjof Nansen half Menschen verschiedener Religionen und Nationalitäten. Einer seiner Leitsätze war: «Die Nächstenliebe ist die einzig wahre Realpolitik.»
Im Zeit-Fragen-Artikel von Joseph E. Stiglitz erhält man eine Ahnung dieses Mitfühlens, der Nächstenliebe, für die ganze Welt. Die Staaten stellen oft das wirtschaftliche Handeln für das eigene Land in den Mittelpunkt. Doch schon vor Corona gab es den wirtschaftlich starken, dominierenden Westen und die verschuldeten, ausgebeuteten Entwicklungs- und Schwellenländer. Vor Corona gab es aber auch schon Versuche, Menschlichkeit vor, nicht neben die Wirtschaft zu setzen. Joseph E. Stiglitz erwähnt einen leider fehlgeschlagenen Versuch zur Umschuldung von Staatsschulden der Uno-Generalversammlung im Jahr 2015, weil es an «der notwendigen Zustimmung der wichtigsten Gläubigerländer» fehlte.
Mitgefühl, nicht nur während der Pandemie, sondern auch bei der weiteren Entwicklung zu einer humanen Welt, ist von Nöten. «Du, deine Familie, deine Klasse, deine Nation sind nur winzige Teile eines grösseren Ganzen. Die Welt vergisst es nur allzu oft», sagte Fridtjof Nansen vor Studenten.
Wege zur Solidarität, die heute viele Mitmenschen beschreiten, wurden in den letzten Nummern von Zeit-Fragen vorgestellt. Der unaufgeregte Ton ist dabei angenehm.

Margret Kleine-Pauli, Zürich

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