«Bücherlesen ist vonnöten …»

von Dr. Eliane Perret, Heilpädagogin und Psychologin

«… soll euch nicht die Dummheit töten.» So beginnt ein Gedicht – auf vielen Internetportalen zu finden –, mit dem Kindern die Bedeutung des Lesens von Büchern vor Augen geführt werden soll. Auch wenn der weitere Fortgang des Gedichtes Geschmack-ssache ist, weist es doch auf die Bedeutung des Lesens für den einzelnen Menschen, für die ganze Gesellschaft hin. – Es ist nun fünfhundert Jahre her, seit mit der Erfindung des Buchdrucks das Lesen und damit die Bildung breiteren Bevölkerungskreisen zugänglich gemacht wurde. Bis dahin wurden Bücher und Dokumente handschriftlich kopiert. In Eu-ropa geschah das meistens in den Skriptorien der Klöster, in denen sich Mönche und Nonnen dieser anspruchsvollen Aufgabe annahmen und kunsthandwerkliche Bijous schufen. Und wie ist es mit Büchern und deren Bedeutung für das Lesen heute?

«Wann lesen Sie uns heute vor?»

Es ist kurz vor dem Mittagessen. Die Schülerinnen und Schüler einer Mittelstufenklasse sitzen ruhig und gespannt in ihren Bänken, während die Lehrerin aus einem Buch vorliest. «Sprichst du Schokolade?», heisst der vielversprechende Titel1. Während die gleichen Kinder sich sonst oft nur schwer konzentrieren können, sind sie jetzt sehr aufmerksam. Die Geschichte einer Freundschaft, die mit einigen Stolpersteinen belastet ist, aber auch den Blick auf das aktuelle Weltgeschehen richtet, zieht sie in ihren Bann. Es werden Verhaltensweisen beschrieben und vorgelebt, mit denen sie sich identifizieren, die sie sich zu eigen machen möchten und an denen sie sich orientieren können. Das Vorlesen führt die Klasse in eine gemeinsame Welt. Es sind nicht nur intellektuelle, sondern auch soziale oder emotionale Erfahrungen, die sie fortan miteinander verbinden. So ist es nachfühlbar, dass sie nur in Ausnahmefällen zulassen wollen, dass die tägliche Vorlesezeit ausfällt.

Vorlesen? Bei grösseren Kindern oder gar Jugendlichen?

Beginnen wir bei den jüngeren. Für viele Eltern und Grosseltern ist es glücklicherweise auch heute noch selbstverständlich, gemeinsam mit ihren Kindern und Enkeln Bilderbücher anzuschauen und Geschichten vorzulesen. Sie beginnen, gemeinsam die Welt zu entdecken und geben ihnen Raum für all ihre Fragen. In kuschliger Umgebung ungeteilte Aufmerksamkeit, Wohlwollen und Geborgenheit zu schenken und zusammen in eine Geschichte einzutauchen, weckt die Neugier und stärkt das Gefühl emotionaler Verbundenheit.
  Aber nicht nur das! Studien zeigen, dass zweijährige Kinder, bei denen das gemeinsame Betrachten von Bilderbüchern und Vorlesen zu den regelmässigen Beschäftigungen gehören, doppelt so viele Wörter sprechen wie gleichaltrige Kinder, die darauf verzichten müssen. Sie lernen viele neue Begriffe; die Gestaltung von Sätzen und verschiedene Formen der Sprache werden verinnerlicht. Sie erweitern ihr Spektrum, sich auszudrücken und mit ihren Mitmenschen zu kommunizieren. Durch das Vorlesen und Betrachten von Büchern verbessern die Kinder ihre Ausdauer, werden kreativer und verbessern ihr Gedächtnis und ihre Konzentrationsfähigkeit.
  Gerade in diesem Alter sind Kinder auch sehr empfänglich für kleine Gedichte und Reime, mit denen sie den Rhythmus der Sprache entdecken. Eine Fundgrube dafür sind die Bücher von Susanne Meier-Stöcklin.2 Beim gemeinsamen Betrachten eines Buches erhält ein Kind viele (Lern-)impulse, wie sie durch keine Fernsehprogramme, Tablet-Spiele und Smartphone-Apps zu überbieten sind. So entwickeln Kinder schon früh eine positive emotionale Beziehung zu Büchern, die meist lebenslang erhalten bleibt. Das ist die beste Grundlage für eine gute Bildung.
  Leider hören viele Eltern auf vorzulesen, wenn ein Kind selber lesen kann. Zwar ist das ebenfalls wichtig und zu unterstützen, aber es ersetzt das Vorlesen keinesfalls. Auch grössere Kinder schätzen es, wenn man sich zusammen ein Buch vornimmt und allenfalls abwechslungsweise daraus vorliest.

Wie «bringe» ich mein Kind zum Lesen?

In Gesprächen mit Eltern ist das Lesen immer wieder Thema. Sie würden sich wünschen, dass ihre Kinder mehr lesen würden. Die digitalen Medien nehmen bei manchen von ihnen (zu) viel Raum ein. Aber trotzdem ist noch viel Luft nach oben, sie zum Lesen zu verlocken. Wir probierten es in unserer Schule mit Kindern aller Altersstufen aus. Angeregt durch eine andere Schule starteten wir bei uns mit dem Projekt 15x15.3 An fünfzehn Tagen je fünfzehn Minuten lesen. Wir wollten jedoch nicht jede Schülerin, jeden Schüler in einem selbst gewählten Buch lesen lassen, sondern kreierten eine eigene Variante und lasen ihnen klassenweise ein Buch vor. Einmal pro Tag spazierte ein Schüler zu einem unerwarteten Zeitpunkt mit dem Triangel durchs Schulhaus und kündigte an, dass jetzt alles beiseite gelegt werden sollte. Die Vorlesezeit begann; es wurde sehr still im Schulhaus.
  Das Echo der Schülerinnen und Schüler war positiv, und in verschiedenen Klassen wurde das Vorlesen von da an in den Stundenplan integriert.

Warum nicht auch in der Familie?

Das (Vor-)Lesen in den Familienalltag einplanen, auch bei grösseren Kindern? Eine Mutter erzählte mir, dass es bei ihnen seit Jahren ein Ritual sei, dass sie sich mit den beiden mittlerweile vorpubertären Söhnen aufs Sofa lümmelt. Einer links, der andere rechts von ihr, um gemeinsam ein Buch zu lesen (und dabei manchmal gemütlich einzuschlafen). Ich staunte, wusste ich doch von ihrem Sohn, dass er den Lesevorgang nicht sehr flüssig beherrschte. Hingegen war mir schon aufgefallen, dass er einen guten Wortschatz hatte und den Sinn von Gelesenem sowohl intellektuell als auch emotional sehr gut erfassen und nachempfinden konnte. Eine Fähigkeit, die er sicherlich in seinen familiären Vorlesestunden erworben hatte. Allein durch alltägliche Gespräche wäre es nicht so leicht möglich gewesen.

Gross und klein

Bei einem anderen Leseprojekt bildeten wir für zwei Wochen tägliche Lesepartnerschaften von älteren und jüngeren Schülern. Es war nicht schwierig, die Grossen dafür zu gewinnen, mit den Kleinen ein Bilderbuch anzuschauen, eine Geschichte vorzulesen oder gemeinsam in einem Buch zu lesen. Wir wählten die Lesepaare sehr bewusst aus. So übernahm eine scheue ältere Schülerin die Aufgabe, mit einem lernschwachen kleinen Mädchen die Buchstaben kennenzulernen. Wir staunten, wie geduldig und zielsicher sie diese Aufgabe übernahm. Ein Schüler, der in seiner Klasse sonst viel Unruhe verbreitete, hatte keine Mühe, seinen kleinen Wirbelwind, der ihn oft provoziert hatte, bei der Stange zu halten. Wenn sie sich im Schulhaus begegneten, war fortan eine freundliche Begrüssung eine Selbstverständlichkeit. Wäre hier nicht auch eine Möglichkeit, das im familiären Umfeld umzusetzen?

Wie sieht dein «Held» aus?

Selbstverständlich haben auch qualitativ hochstehende Filme ihre Berechtigung und beinhalten Möglichkeiten, den Zuschauer anzusprechen und ihn inhaltlich und emotional anzusprechen. (Ich habe im Kino immer ein Päcklein Taschentücher dabei!) Das Vorlesen und Lesen eines Buches erfordert jedoch eine hohe andere Aktivität. Die im Text ausformulierten Gedanken und Gefühle müssen durch den Lesenden in innere Bilder umgesetzt werden. Das schult in ausgeprägtem Masse die Vorstellungskraft und das Einfühlungsvermögen. Die Lesenden sind aufgefordert, einen inneren Film zu drehen. Dabei ist bei ungeübten Lesern oft ein klärendes Gespräch hilfreich, und das Niveau des Lesetextes muss sorgfältig abgestimmt werden. Wo spielt die Geschichte? Was geschieht? Wer kommt vor? Es war eine erheiternde Situation, als ich meine Schülerinnen und Schüler einmal fragte, wie sie sich den «Helden» der Geschichte vorstellen würden. Sämtliche Varianten von Haar-, Augen- und Hautfarben, anderen körperlichen Merkmalen und Kleidungsstücken kamen zusammen – bestimmt durch das Vorstellungsvermögen jedes einzelnen Kindes.
  Ein eindrückliches literarisches Beispiel für die Macht dieser inneren Bilder stammt möglicherweise von Ernest Hemingway. Es wird erzählt, dass er mit einigen seiner schreibenden Freunde eine Wette abgeschlossen hatte. Sie hatten ihm unterstellt, er sei nicht in der Lage, eine Geschichte in sechs Worten zu beschreiben. Er überraschte sie mit dem Satz: For sale: baby shoes, never worn (Zu verkaufen: Babyschuhe, ungetragen). Damit entlockte er – falls die Ankedote tatsächlich von ihm stammt – nicht nur seinen damaligen Freunden eine Geschichte, die vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen und Erlebnisse ausgestaltet war. Oder was geht Ihnen durch den Kopf?

In einen inneren Dialog treten

Zu einer vertieften Lektüre gehört es, sich auf die Perspektive und das Empfinden anderer Menschen einzulassen und in einen inneren Dialog mit ihnen zu treten. Wir fühlen mit und erfahren, was es bedeutet, verzweifelt zu sein oder auch beglückt. Wir betreten fremde Welten und erfahren Dinge, die uns in unserem Leben bisher verschlossen waren, oder wir können uns identifizieren und machen die Erfahrung, mit unseren Erlebnissen und Gefühlen nicht allein zu sein. Das Lesen beinhaltet die Möglichkeit, einen ersten Einblick in fremde Kulturen und Länder zu erhalten, der oft authentischer ist, als es die heutigen Tourismusangebote vermögen. So erfahren die Schülerinnen und Schüler, welche das Buch von Cas Lester vorgelesen bekommen, etwas über die Situation von Flüchtlingen aus Syrien. Mehrnousch Zaeri-Esfahani4 erzählt ihnen, wie sie auf beschwerlichen Wegen von Iran nach Deutschland gekommen ist und eine neue Heimat gefunden hat. Judith Hohnhold hat mit einer vereinfachten Version des weltbekannten Jugendbuches von Karl Bruckner auch für ungeübtere Leser und Leserinnen die Möglichkeit geschaffen, das Schicksal von Sadako Sasaki kennenzulernen, die den ersten Atombombenangriff der Geschichte auf ihre Heimatstadt Hiroshima scheinbar unbeschadet überlebt hat.5 Man begibt sich in die Welt des anderen und kehrt bereichert zurück. Das kann uns helfen, eine Brücke zu unseren Mitmenschen in aller Welt zu bauen – eine Brücke, die auch später im Leben tragen kann.
  Leider ist diese Fähigkeit zur Empathie in den letzten 40 Jahren und speziell seit der Jahrtausendwende sehr zurückgegangen, wie Sherry Turkle, eine renommierte Forscherin am MIT (Massachusetts-Institut für Technologie) in ihren Studien feststellt. Ein Zusammenhang wird darin vermutet, dass viele Menschen ständig online unterwegs seien, was die Begegnung von Angesicht zu Angesicht verhindere und zwischenmenschliche Distanz erzeuge. Beginnt das aber nicht schon damit, dass das Lesen guter Bücher nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Erwachsenen zu wenig Raum einnimmt?

Lesen ist mehr als Lesetechnik …

In der Welt der heutigen Lehrmittel hat der Lesevorgang einen hohen Stellenwert. Der Lehrplan 21 seziert ihn in seine Einzelteile und formuliert entsprechende Kompetenzen. Es geht um bessere Lesetechniken, sinnentnehmendes Lesen usw., mit denen Leseschaltkreise im Gehirn optimiert werden sollen. Wollen wir das Lesen auf das reduzieren? Oder gilt für uns nicht eher, was Olga Meyer, deren Kinder- und Jugendbücher Generationen von Kindern mitgeprägt haben: «Die Welt mit ihrer hochentwickelten Technik, in die das Kind heute gestellt ist, kann wohl sein Interesse erregen, nie aber sein Herz erwärmen, ihm Geborgenheit geben, die es zu seiner inneren Entwicklung braucht.»6 Und dafür müssen wir unseren Kindern die Möglichkeit geben: Lesen zu lieben; ein wertvolles Werkzeug, das sie auf ihrem Weg begleiten wird. So bilden wir Menschen heran, von der unsere und jede andere Gesellschaft nicht genug haben kann. Dazu braucht es mehr als digitale Leseprogramme, bei denen die entsprechenden Kompetenzen abgeprüft werden mit dem hohlen Versprechen, dass so die beruflichen Chancen optimiert würden.

… es ist eine Kulturtechnik

Das hoffe ich, verdeutlicht zu haben. Das Lesen befähigt den Menschen, anspruchsvoll zu kommunizieren und sich zu bilden. Aber nicht nur das; beim Lesen formt der Mensch seine Persönlichkeit. Er bekommt Einblick in die Welt seiner Mitmenschen und lernt, «mit den Augen eines anderen zu sehen, mit den Ohren eines anderen zu hören, mit dem Herzen eines anderen zu fühlen», wie Alfred Adler es formulierte. Das erlaubt es uns, andere Möglichkeiten zu erkennen, wie wir miteinander umgehen können. Was geschieht aber mit Kindern, die nie mit den Gedanken und den Gefühlen konfrontiert sind, die andere Menschen haben? – Über das Schicksal des einzelnen Menschen hinaus müssen wir auch die ganze Menschheitsfamilie einbeziehen. Das Lesen eröffnet die Möglichkeit, grössere Zusammenhänge zu verstehen, die das gesellschaftliche Leben bestimmen. Es legt die Grundlagen zu freiem Denken und Entscheiden. Das ist der Weg zum mündigen Bürger und damit Grundlage jeder Demokratie.  •



1 Lester, Cas. Sprichst du Schokolade? Arsedition. 2018. EAN 9783845829241
2 Siehe dazu die Webseite der Autorin. www.stoecklin-meier.ch
3 vgl. dazu www.condorcet.ch. Pichard, Alain. Leseförderung: Das Projekt 15×15.
4 Zaeri-Esfahani, Mehrnousch. 33 Bogen und ein Teehaus. Peter Hammer-Verlag. 2018. ISBN 978-3-7795-0522-8
5 Hohnhold, Judith. Sadako. Ein Wunsch aus tausend Kranichen. Thienemann-Esslinger Verlag GmbH. ISBN 978-3-8489-2099-0
6 Meyer, Olga. Olga Meyer erzählt aus ihrem Leben. Rascher-Verlag Zürich-Stuttgart

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