Wir wollen ein Leben lang das Rätsel Mensch lösen, weil wir Mensch sein wollen

Wilhelmine von Hillerns Roman «Geier-Wally»

von Moritz Nestor

Man muss das 1873 erstmals erschienene Buch im Original lesen, es ist zu gut geschrieben. Leider wurde sein Inhalt in zahlreichen Verfilmungen und noch zahlreicheren Bearbeitungen für die Bühne ideologisch vereinnahmt, verflacht oder verfälscht.

Wilhelmine von Hillern schuf ihren Roman auf der Grundlage der Lebensgeschichte der Tirolerin Anna Stainer-Knittel (1841–1915), einer Porträt- und Blumenmalerin. Wilhelmine von Hillern suchte sie in Innsbruck auf, um sie kennenzulernen, nachdem sie gehört hatte, dass Anna Knittel mit 17 Jahren, an einem Seil hängend, einen Adlerhorst in einer Felswand nahe dem Weiler Madau ausgenommen hatte. Eine eigentliche Männer-arbeit, durch die damals die Schafherden geschützt wurden. Aber nachdem ein Jahr zuvor dabei schier ein Unglück passiert wäre und sich nun kein Mann freiwillig für das Wagnis meldete, zeigte sich die eigenwillige Anna Knittel als Frau dieser Männersache durchaus gewachsen. Damit und in vielem anderen verweigerte sie sich dem traditionellen Frauenbild und gilt manchen als frühes Beispiel weiblicher Emanzipation. Schon früh erhält das künstlerisch begabte Mädchen Privatunterricht, wird von einem Künstler gefördert, studiert eine Zeitlang an der Münchner Kunstakademie und ist später berufstätige Mutter. Seit 1873 bis ins hohe Alter führte sie in Innsbruck eine Zeichen- und Malschule für Damen.

Aufwachsen  in einer harten und lieblosen Erziehung

In dem Roman «Geier-Wally» wächst die hübsche Walburga Strominger nach dem frühen Tod ihrer Mutter als einzige Tochter des reichsten Bauern im Tal auf, einem herrschsüchtigen, harten Mann. Die Magd Luckard ist Wally ein liebevoller Mutterersatz. Wally wird einmal die Hoferbin. Der Vater erzieht sie hart, wie einen Jungen. Keiner der Männer im Tal wagt es, das Nest eines Lämmergeiers in einer Felswand auszuräumen. Wallys Vater verspottet die Männer des Dorfs öffentlich als Feiglinge und seilt seine Tochter zum Geiernest in der Felswand ab. Wally räumt trotz der Angriffe des Muttertiers das Nest aus. Zerkratzt und blutend, mit einem Geierküken wieder oben angelangt, küsst der stolze Vater sie zum ersten Mal in ihrem Leben. Wally zieht das Geierküken auf, daher auch ihr Übername «Geier-Wally».
  Mit 16 verliebt sich Wally bei ihrer Firmung in das fesche Mannsbild Joseph, der einen Bären erlegt hat. Aber Wallys Vater lehnt den «Bären-Joseph», wie er genannt wird, als Schwiegersohn ab. Er hat seine Tochter schon dem finsteren Vinzenz versprochen und zieht daher Wally vorzeitig vom Fest und von Joseph weg nach Hause. Als darob die verliebte Tochter zum ersten Mal in ihrem Leben weint, verprügelt sie der lieblose Vater.

Dank einfühlsamem Blick für Beziehungsabläufe …

Wally verabscheut den Vinzenz. Weil der Vater seine Tochter nicht bezwingen kann, verbannt er sie mit ihrem Geier Hansl auf eine Hochalm als Schaf- und Ziegenhirtin. Als Wally im Herbst zurückkehrt, ist der Vater erkrankt, und der Vinzenz führt schon den Hof. Vor Wallys Rückkehr ist die alte Luckard nach einem Streit vom Hof gejagt worden und voller Gram darüber gestorben. Der Vater verbietet Wally das Wohnhaus. Sie muss als Futtermagd leben und beim Vieh schlafen. Die gedemütigte Tochter verliert schliesslich die Beherrschung, als Vinzenz einen alten Knecht brutal misshandelt, und schlägt diesen mit einem Beil nieder. Da Wally in den Keller gesperrt werden soll, schleudert sie ein brennendes Scheit in den Heustadel, um entfliehen zu können, während alle mit Löschen beschäftigt sind.

… weckt  die Autorin das Verständnis für Wallys inneren Lebensweg

Mit grosser Menschenkenntnis gestaltet Wilhelmine von Hillern Wallys Lebensweg durch schwere Verstrickungen und Schicksalsschläge hindurch. Ihre Geier-Wally ist im besten Sinne des Wortes ein Stück Volksliteratur, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts aufkommt, sie braucht den Vergleich mit Jeremias Gotthelf und Peter Rosegger, um nur einige zu nennen, nicht zu scheuen. Mit einem genauen Blick für Beziehungsabläufe und Konflikte zwischen Vater und Tochter sowie zwischen Joseph und Wally gestaltet die Autorin einen wahren Bildungsroman, in dessen Zentrum die innere Entwicklung eines unverstandenen, hart und lieblos erzogenen Mädchens und dessen Suchen und Ringen um ehrliche Liebe und Anerkennung steht. Es ist das das klassische Thema des Bildungsromans in der Tradition von Goethes «Wilhelm Meister» oder Gotthelfs «Ueli der Knecht»: Wie ein Mensch seinen Lebensweg geht, sich aus Niederungen des Lebens aus eigener Kraft herausarbeitet, wie er aus Irrungen und Konflikten lernt und schliesslich in der bestehenden Gesellschaft Fuss im Leben fassen kann. Für Eingeweihte: Ein wahrer «Anti-Adorno»! Aber das nur nebenbei.
  Es kommt zu tragischen Szenen, Kämpfen um Stolz und Überlegenheit, um Liebe und Trotz. Denn Lieben ist für Wally lange zu sehr mit Unten-sein verbunden – bis Joseph und Wally sich schliesslich doch finden, nicht mehr immer im anderen die Ursache für ihre eigenen Gefühle sehen, sondern einander echt verzeihen und auf dem Hof noch einige glückliche Jahre zusammenleben. «Wally und Joseph sind früh gestorben, die Stürme, die an ihnen gerüttelt, hatten die Wurzeln ihres Lebens gelockert», so schliesst der Roman – ein Werk, wie es heute kaum noch geschrieben wird. Ein Roman einer untergegangenen Welt und doch auch – in seinen packenden Schilderungen menschlicher Schicksale und der Suche nach Liebe in einer oft grausamen Welt – ein zeitloses Werk, das heutigen jungen Leuten eine längst vergangene geschichtliche Epoche einfühlbar zugänglich machen kann.

Intuitive Vorwegnahme individualpsychologischer Erkenntnisse

Wilhelmine von Hillerns Buch merkt man bei jeder Zeile an, wie sehr die Autorin in der Kultur ihrer Heimat und ihrer Epoche verwurzelt ist und wie sehr sie mit den Menschen ihrer Heimat mitlebt, sich in sie eindenken und einfühlen kann, weil sie ihr Volk kennt. In diesen Bildungsroman eingewoben findet sich aber auch ein grossartiges Charakterbild, das mit erstaunlich viel psychologischem Verständnis ausgemalt ist.
  Als Wilhelmine von Hillern 1876 ihren Roman schreibt, ist die Tiefenpsychologie noch nicht geboren. Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, ist gerade einmal sechs Jahre alt und wird erst vor dem Ersten Weltkrieg als einer der drei Pioniere der Tiefenpsychologie den Begriff des «männlichen Protests» prägen.1,2 Sein Schüler Otto Rühle spricht von «Protestmännlichkeit».3 Gemeint ist, dass im Klima der kulturellen Vorherrschaft des Mannes (gleich: oben, Härte, Stärke, wertvoll) über die Frau (gleich: unten, Schwäche, passiv, minderwertig) Jungen wie Mädchen schon in der Kinderstube ein Erziehungsklima erleben, in welchem Weiblichkeit (und damit auch Milde, Güte und Nächstenliebe) als angeblich minderwertig abgewertet und eine übertriebene «Männlichkeit» (und damit Gewalt, Härte, Lieblosigkeit, Herrschsucht und Strenge) als angeblich höherwertig verherrlicht werden.
  Das Mädchen beginnt in diesem Erziehungsklima, schon in den ersten Kinderjahren – ausgerichtet auf diese Fiktion von Männlichkeit gleich höherwertig, gleich Härte und Stärke –, ihre eigene Weiblichkeit als vermeintliche soziale Minderwertigkeit abzulehnen (männlicher Protest) und übernimmt kulturell als höherwertig geltende «männliche» Charaktereigenschaften, um nicht, wie es fühlt, weniger «wert» zu sein als die vom Patriarchat für wertvoller gehaltenen Buben. In diesem Erziehungsklima entwickelt das Mädchen schnell einmal typische männliche Eigenschaften, benimmt sich wild wie ein Junge, um zu zeigen, dass sie als Mädchen auch «gut» ist, und trainiert den grossen seelischen Ehrgeiz, wie ein Mann alle anderen zu übertrumpfen, um als Frau zu gelten. Ist dabei aber davon getrieben, es doppelt so «gut» machen zu müssen wie ein Mann, um mit der als höherwertig geltenden Männerwelt «gleichziehen» zu können.
  Typische Frauenfiguren aus Politik, Kultur und Geschichte erinnern, auch heute noch, an diese Überkompensation von «männlicher» Machtausübung. Mehr als dreissig Jahre vor Adler gestaltet Wilhelmine von Hillern mit ihrer Geier-Wally ein Mädchenschicksal, gezeichnet von den Folgen harter Prügelpädagogik und «männlichem Protest». Verstrickt in einen tragischen Kampf und Protest gegen männliche Überwertigkeit und Härte, die sie gleichzeitig auch bewundert, zappelt sie «im Netz ihrer Fiktion» von der angeblichen Höherwertigkeit des Mannes.
  Liest man die Geier-Wally auch mit einem «individualpsychologischen Auge», wird recht anschaulich deutlich, wie viel Wilhelmine von Hillern mit ihrem anschaulichen Charakterbild der Wally Strominger ahnend vorweggenommen hat, was die historisch spätere Adlersche Individualpsychologie als Tragik der harten Prügelpädagogik beschreibt und darlegt, welche Folgen dies im Gemüt eines Mädchens haben kann, das im Erziehungsklima der kulturellen Höherbewertung des Mannes über die Frau aufwächst.

Wegbereiter psychologischer Menschenkenntnis

Der russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski hat einmal gesagt, man könne ein Leben lang versuchen, das Rätsel Mensch zu lösen, und man verliere dennoch keine Zeit dabei, denn man tue das, weil man Mensch sein wolle. Wilhelmine von Hillern und viele andere Dichter haben mit ihrer intuitiven Menschenkenntnis die wissenschaftlichen Erkenntnisse der tiefenpsychologischen Menschenkenntnis des 20. Jahrhunderts in erstaunlich hohem Mass ahnend vorweggenommen. Sie dürfen daher getrost auch zu den Wegbereitern der modernen Tiefenpsychologie gezählt werden. Es sind ja gerade die lebendigen Schilderungen von Menschen wie die Geier-Wally, die sich in Handlungen verstricken, von denen sie zwar sagen können, was sie getan haben, die aber nicht verstehen, warum sie es getan haben. – Sie verdeutlichen lange vor den wissenschaftlichen Bemühungen der Tiefenpsychologen, was unbewusste Gefühle und Handlungen sind.
  Wir bewundern die Grösse dieser Dichter und ihre mitmenschliche Kraft, die ahnende Tiefe ihres drängenden Nachdenkens und ihrer Seelenschilderungen. Ihr Interesse am und ihr reiches Wissen vom Menschen. Ihre Hochachtung selbst vor dem einfachsten Menschen, welcher längst der gesellschaftlichen Verachtung anheimgefallen und aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestossen ist.
  So klagt Friedrich Schiller zum Beispiel einen «gemeinen Verbrecher» nicht als Ausgeburt einer verderbten Menschennatur an und schürt niedere Rachegefühle, wie dies heute unseren Kindern und Jugendlichen tagtäglich in den Massenmedien in unerträglichem Ausmass – vom immer gleichen monotonen Rachegedanken durchzogen – vorgeführt wird, sondern lässt den armen Teufel als einen von uns verstehbar werden, der die Achtung vor sich – «Verbrecher aus verlorener Ehre» nennt ihn Schiller – und damit auch vor anderen verloren hat. Nicht zuletzt durch die Haltung seiner Mitmenschen – durch unsere Haltung.

Erweiterung des mitmenschlichen Horizontes

Man lernt durch solche Lektüre tiefer zu blicken: hinter die vorurteilsbeladenen Oberflächlichkeiten des Zeit-Urteils. Der Dichter führt uns durch die Eindringlichkeit seiner Schilderungen der seelischen Verstrickungen zu einem Lesen, bei dem man an sich selbst miterlebt, was das wahre Motiv einer verächtlichen Tat ist und: worüber man noch nie nachgedacht hat – und integriert dadurch in seinem eigenen gefühlsmässigen Menschenbild ein Stück mehr Menschenkenntnis und Mitmenschlichkeit: Wäre ich an Stelle dieser Romanfigur gewesen, wäre unter den gleichen Umständen geboren und erzogen worden und aufgewachsen, wäre ich in die gleichen Verstrickungen geraten – ich hätte wahrscheinlich ähnlich oder auch so gehandelt wie dieser Mensch da, den uns der Dichter so eindringlich nahe schildert und den unsere oberflächliche aufgepeitschte Zeit schreierisch gellend verurteilt. Der Leser kann so durch das Lesen der Dichter ein Stück weit dem niederen Wunsch entrinnen, an jenem lockenden Machtstreben teilhaben zu wollen, durch welches kleine Seelen etwas mehr eingebildete Grösse empfinden, wenn sie nach Rache schreien. So wird der Dichter letztlich zum Lehrer der psychologischen Wissenschaft und eines verständigeren inneren Menschenbildes. Daran mitzuwirken ist auch das Verdienst von Wilhelmine von Hillern, der Schöpferin der Geier-Wally.  •



1 Adler, Alfred [1910]. «Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose», in: Adler, Alfred; Furtmüller, Carl (Hg.) [1914]. Heilen und Bilden. Frankfurt/Main 1973, S. 85–93
2 Adler, Alfred [1912, 1919]. Über den nervösen Charakter: Grundzüge einer vergleichenden Individual-Psychologie und Psychotherapie. Göttingen 1997
3 Rühle, Otto [1925]. Die Seele des proletarischen Kindes. Frankfurt/Main 1975, S. 16, 52, 82ff.

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